Von Karin Hinterleitner am 08. April 2003 um 20:38

Judith Siegmund
SOZIALE GERäUSCHE - SZUMY SPO?ECZNO?CI - SOCIALNA ŠUMENJA

Herausgegeben vom Forum Stadtpark Graz, Graz 2003

Stipendienprogramm Airportin Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern:
Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder)
Kulturhaus SMOK S?ubice (S?ubicki Miejski O?rodek Kultury)
Gefördert durch die Europäische Komission, Politikentwicklung im kulturellen
Bereich, im Rahmenprogramm "Kultur 2000"

Das dreisprachig – auf Deutsch, Polnisch und Slowenisch - veröffentlichte
Buch von Judith Siegmund „SOZIALE GERäUSCHE“ zeigt Material, angesammelt
im Laufe ihrer zwei Kunstprojekte in zwei verschiedenen Grenzregionen:
1999-2000 auf Einladung des Museums Junge Kunst Frankfurt (Oder) weilte
Judith Siegmund im deutsch-polnischen Grenzraum Frankfurt (Oder) / S?ubice.
2001 wiederholte sie ihre Erfahrungen im österreichischen Graz und in der
slowenischen Steiermark, diesmal mit der Unterstützung vom Forum Stadtpark,
das auch der Herausgeber des Buches ist.

Die Quelle beider Kunstprojekte bildeten Aussagen der Anwohner beider
Regionen. Zum Teil waren es handschriftlich geschriebene, anonym ausgefüllte
Fragebögen und zum Teil gesprochene und dann aufgeschriebene Interviews. Im
künstlerischen Prozess wurden sie (in Frankfurt / Oder auch als ein
Ausstellungskonzept - eine Vernetzung des Kunstraums mit dem Stadtraum)
ergänzt, erweitert und verarbeitet durch andere Medien: Videos,
Textcollagen, Schriftinstallationen, Transparente, Fotos.

Mit der Publikation geht zwar etwas von der Vieldimensionalität des Projekts
verloren, das künstlerische Spektrum des Projekts erweitert sich aber
zugleich um ein weiteres Ausdrucksmittel – das in den drei Sprachen
gedruckte Wort. In der Dreisprachigkeit steckt die Idee der Vergleichbarkeit
und erst damit ist das holistisches Konzept der von Siegmund durchgeführten
künstlerischen Aktion lesbar: die Menschen aus den zwei sehr weit
voneinander gelegenen Regionen in ihrer eigenen Sprache und ihrer eigenen
Mundsprache (oral history) sprechen zu lassen.

Das Buch ist also viel mehr als die bloße Dokumentation des Projekts. Es ist
aber auch weder eine wissenschaftliche noch eine politische Publikation,
weder ein reiner Kunstkatalog noch eine unkommentierte Materialsammlung.
Aber was ist es dann? Ich möchte es als ein Kunstwerk (im Gegensatz zu einem
Kunstkatalog) beschreiben, nämlich eins, das die Prozesshaftigkeit der
Projekte an den Grenzen nicht nur dokumentiert, sondern wieder aufnimmt und
weiterspinnt – schreibt Autorin in ihrem Vorwort.

Auf den ersten Blick kann die Auswahl der beiden Grenzräume als
Vergleichsgebiete zweier Kunstexperimente ziemlich willkürlich erscheinen.
Es ist aber nicht so. Die Regionen an der Mur und an der Oder haben, trotz
ihrer erheblichen geografischen Entfernung, viel gemeinsam. Sie sind Teile
der wichtigsten europäischen Sprachgrenze, i.e. germanisch-slawischen und in
diesem Sinne auch Teile der historischen politischen Grenze zwischen dem
Westen und dem Osten. Zehn Jahre nach der Wende – und das war gerade der
Zeitpunkt in dem Siegmund ihre Kunstprojekte ausführte, lagen die
Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten weniger in der Politik als
vielmehr in der Wirtschaft. Der Osten ist ärmer, der Westen reicher. Darüber
hinaus sind sowohl Polen als auch Slowenien die EU-Beitrittskandidaten und –
mit grosser Wahrscheinlichkeit – ab 2004 Mitglieder des vereinten Europa.

Die Arbeitsweise der Künstlerin – schreibt in ihrem Vorwort Dr. Brigitte
Franzen von der Grazer Universität - ist inspiriert von
dokumentarisch-aufklärerischen künstlerischen Arbeitsmethoden, wie sie durch
Group Material oder Martha Rosler seit Mitte der 80er Jahre bekannt wurden.
Die ästhetik des Informativen hat ihre Wurzeln in der Konzeptkunst der
späten 60er und frühen 70er Jahre des 20. Jahrhunderts. Seit den letzten
beiden documenta-Ausstellungen 1997 und 2002 ist diese neue Art der
Informationskunst als längst international verbreitete Arbeitsweise auch
einem breiteren Publikum bekannt geworden. Der Versuch "Kunst mit einer
Politik" zu verbinden oder zu betreiben (...) steht hinter diesen
institutionen- und kunstmarktkritischen Ansätzen. Die Grenzen zwischen
kulturanthropologischer, literarischer, dokumentarischer und künstlerischer
Herangehensweise verwischen dabei.

Judith Siegmund hatte in der Zusammenarbeit mit den Anwohnern beider
Regionen biografische und gesellschaftliche Befindlichkeiten in einem
einmaligen historischen Moment aufgespürt. Was sie primär interessierte, war
die alltägliche Angst vor dem Fremden und der Alltagsrassismus; was sie als
Ergebnis präsentiert, ist eine tiefgehende, manchmal monoton wirkende Serie
der Momentaufnahmen eines gewöhnlichen Lebens in einer nicht gewöhnlichen
politischen und wirtschaftlichen Situation. Und gerade in der Einstimmigkeit
der meisten Aussagen liegt der besondere ausserkünstlerische Wert dieses
Projekts.



Ewa Maria Slaska, Berlin



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Das Buch ist erhältlich beim Forum Stadtpark Graz
Preis: EURO 29,90
Gewicht: 1,5kg

Kontakt:
FORUM STADTPARK
Stadtpark 1
A - 8010 Graz

Telefon: 0043. 316. 827734
Telefax: 0043. 316. 827734-21
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