Von Karin Hinterleitner am 12. Juli 2003 um 20:51

Hallo Betas,

manche Männschen stolpern in diesen Monaten über ihren Schwanz und andere
über ihr loses Mundwerk. Dankbar sind in Reformstagnationssommermonaten
dafür die Medien. Auch Stuttgart hat nun einen verbalen Ausrutscher als
Klatsch-Vorlage. Die Stuttgarter Zeitung berichtet über den Wirbel um die
vermeidliche off-the-record-äusserung von Galeriechef Schmidt im am
Donnerstag gezeigten Dokufilm zur Geschichte des Kleinen Schlossplatz (*1).

Die drei Regieleute (Studies der MerzAka *2) schnippelten die aufgezeichnete
Bemerkung von Schmidt aber nicht heraus (O-Ton Schmidt: "Mit einer infamen
Technik zusammengeschnitten" ). Warum eigentlich?

Klar die Regie hat einiges zu kritisieren am Galerie-Neubau und der Politik
rund um den Kleinen Schlossplatz. Sie gibt gar nicht erst vor, so etwas wie
einer Dokumentationsfilm-Objetivität zu folgen. Aber warum entfernten sie
den entzündeten Verbal-Appendix nicht prophylaktisch? Wir wissen doch, was
solche äußerungen in veröffentlichter Form für Schaden anrichten können -
besonders in meinungsscheuen Stuttgart! Die armen Männschen, die sich in
Stuttgart täglich ihre Meinung bilden müssen, könnten ja dadurch total
manipuliert werden, wenn JournalistInnen nicht mehr zwischen öffentlicher
Rede und Privatsprache unterscheiden!!!! Wo kämen wir dahin, wenn alle
Autoren von Off-The-Recors-Highly-Confidential-äußerungen auch noch aus dem
Zusammenhang gerissen zitiert als Kanonenfutter verheizt werden?
Wahrscheinlich dahin, wohin sich Hascher und Jehle bereits begeben haben: in
den begründete Rückzug ins Private: Im Film wurde informiert, daß das
Interview mit den beiden Architekten auf ihren Wunsch zurückgezogen wurde,
da sie befürchten, missverstanden zu werden. Jedenfalls rochen die beiden
bereits den Braten, was durchaus für ihre interkulturelle Kompetenz spricht.

Wie gut, dass ich mich nicht mehr in der Sicherheit, der illusorischen
Objektivität des klassischen Dokumentarfilms wiegen kann. Nur noch
graduell - der Unterschied zwischen einem Werbefilm zum Investoren
anlocken - sagen wir mal Stuttgart 21 - und einem Dokufilm über den Kleinen
Schlossplatz. Ist aber wohl eine verwandte Diskussion wie in den frühen
Neunzigern zu den Benetton-Fotoplakaten. Deshalb lieber was zum Film an
sich:

Selten habe ich so einen liebevoll, spannend und engagiert gemachten
Nonfiction-Film mit toller Archiv-Arbeit (aus dem SWR-Archiv, den lokalen
Tageszeitungen, Fotos usw.) gesehen. Städtebauliche Zusammenhänge werden in
klasse 3D-Animationen visualisiert. Viele unterschiedlichste Meinungen und
Zeitzeugen wurden befragt. Die drei schaffen es, vielschichtige
Zusammenhänge der Meinungsbildung rund um städtebauliche Fragen Stuttgarts
zwischen Mitte sechziger und heute aufzumalen. Eine besonders spannende
Aufbereitung der Rezeptionsgeschichte des Kleinen Schlossplatz, dem
Leberfleck der ehemals fussgängerfeindlichen Stadtplanung in Stuttgart. Und
deshalb noch mal wegen der Ethik: Wirklich vorgeführt wird keiner der
Interviewten. Sie können eher stolz sein, Protagonisten einer gelungenen
Doku-Show zu sein! Kritik werden die Herren doch vertragen. Wer würde sich
mehr darüber freuen, wenn die im Film geäußerten Befürchtungen nicht
einträfen, als die ehemaligen Szenegäner des Kleinen Schlossplatz.

Keine Ahnung, ob und wo der Film noch mal gezeigt wird. Auskunft darüber
können sicher die drei Macher geben:

Chi-Hun Whang, Cem Kaya und Guido Negenborn

mailto:


Links:

1* Zeitungsartikel STGT-ZTG´
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/459549

2* Film-Site:
http://www.diekalteplatte.de


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