Von Betacity am 26. Juni 2003 um 15:38

inter.kultur.politik.
Kulturpolitik in der multiethnischen Gesellschaft


Pressemitteilung
Interkultureller Dialog beginnt mit Bildung
Kulturpolitische Gesellschaft fordert mehr öffentliches Engagement
Schulen und öffentliche Einrichtungen der kulturellen Bildung wie
Musikschulen, Jugendkunstschulen und Soziokulturelle Zentren sollten sich
verstärkt um den interkulturellen Dialog bemühen. Dies forderte der
Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, Dr. Oliver Scheytt, anlässlich
des zweiten Kulturpolitischen Bundeskongresses in Berlin. „Die
Ausdruckskraft der Künste kann zum Verständnis fremder Kulturen beitragen.
Deshalb sollten wir schon früh damit beginnen, dieses Potenzial in den
Einrichtungen der kulturellen Bildung zu nutzen“, sagte Scheytt, der
gleichzeitig Essener Bildungs- und Kulturdezernent ist.
In einer Grundsatzerklärung zur interkulturellen Verantwortung der
Kulturpolitik bemängelt die Kulturpolitische Gesellschaft, dass die
öffentlichen und privaten Kultureinrichtungen ihre Möglichkeiten, zur
kulturellen Integration beizutragen, bei weitem noch nicht ausgeschöpft
hätten. Migration sollte als kultureller Prozess erkannt und thematisiert
werden. Kunst und Kultur von Migranten müssten einen festen Platz in
städtischen Theatern, Bibliotheken und Museen erhalten. öffentliche
Kulturförderung und Veranstaltungsprogramme sollten widerspiegeln, dass
Deutschland ein Einwanderungsland sei.
An die Adresse von Bund, Ländern und Kommunen richtet die Kulturpolitische
Gesellschaft den Appell, trotz der gegenwärtigen Finanzkrise Anreize dafür
zu schaffen, die vorhandenen Ansätze interkultureller Kulturarbeit zu
stärken. Scheytt sieht darin eine nationale Aufgabe, der sich alle
kulturpolitisch verantwortlichen Akteure zu stellen hätten. Die neue
Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Kultur in Deutschland“ solle
sich daher mit dieser Thematik befassen.
Der zweite Kulturpolitische Bundeskongress „inter.kultur.politik. –
Kulturpolitik in der multiethnischen Gesellschaft“ findet am 26./27. Juni im
Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. Veranstalter sind die
Kulturpolitische Gesellschaft und die Bundeszentrale für politische Bildung.




Der Wortlaut der Erklärung folgt anbei



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Die Zukunft der Kulturpolitik ist interkulturell
Erklärung der Kulturpolitischen Gesellschaft und der Bundeszentrale für
politische Bildung zum zweiten Kulturpolitischen
Bundeskongress »inter.kultur.politik. - Kulturpolitik in der multiethnischen
Gesellschaft« am 26./27. Juni 2003 in Berlin


I.
Gegenwärtig leben in Deutschland über sieben Millionen Menschen
nicht-deutscher Herkunft. In zwanzig Jahren werden es voraussichtlich
doppelt so viele sein. Die Stadt Frankfurt am Main hat schon heute einen
Zuwandereranteil von ca. dreißig Prozent; bis zum Jahr 2010 wird dieser
Anteil in vielen Großstädten auf vierzig Prozent anwachsen. Deutschland ist
de facto ein Einwanderungsland und wird auf Grund der demografischen
Entwicklung voraussichtlich auch weiterhin auf Zuwanderung angewiesen sein.
Damit steht die bundesdeutsche Gesellschaft vor einer Integrationsaufgabe,
die auch kulturell zu bewältigen ist. Faktisch wird Integrationspolitik
jedoch vor allem als arbeits- und sozialpolitische Steuerung von Zuwanderung
begriffen. Kulturpolitische Konzepte werden selten entwickelt.
Migration ist eine globale Tatsache. Leider wird sie vorwiegend als Problem
gesehen, das die Gesellschaft von außen betrifft oder bedroht, ohne die
darin angelegten Chancen und Potenziale zur Kenntnis zu nehmen. Wir wissen
aus Erfahrungen, dass Zuwanderung historisch trotz der damit verbundenen
sozialen und kulturellen Herausforderungen vielfach ein Fundament
wirtschaftlicher Dynamik und kultureller Vitalität war. Bereits heute leben
in Deutschland viele gut ausgebildete Neu-Deutsche insbesondere der zweiten
und dritten Generation mit interkultureller und kosmopolitischer Kompetenz,
die motiviert und aufstiegsorientiert ihre Chancen suchen.
Die multiethnische Gesellschaft ist Realität. Vor allem in großstädtischen
Wohnquartieren sind ethnisch geprägte Communities entstanden. Diese Tatsache
ist nicht neu, neu ist allerdings ihre Quantität und ihre Beständigkeit.
Diese sog. »ethnischen Kolonien« sind sozial-kulturelle Rückzugsgebiete, in
denen Menschen Zuflucht suchen, die in ihrer Identität verunsichert oder
entwurzelt sind. Auf der Suche nach neuen Identitäten entsteht dort eine
neue Realität für urbane Kultur, die sich in neuen, meist subkulturellen
Institutionen ausprägt. Das hier versammelte soziale und kulturelle Kapital
gilt es positiv zu nutzen. Es kommt darauf an, Bedingungen zu schaffen, die
in den ethnisch geprägten Wohnvierteln jungen Menschen die Chance gibt,
eigene Brücken zur Integration in die „Mehrheitsgesellschaft“ zu bauen.
Kulturpolitik kann hier zu einem Ansatz eines neuen Verständnisses von
Integration werden.
II.
Die Dynamik der durch Migration und kulturelle Globalisierung ausgelösten
kulturellen Entwicklung findet bislang nur wenig Resonanz in der
Kulturpolitik. öffentliche und private Kultureinrichtungen leisten zwar auch
heute schon einen wichtigen Beitrag zur Kommunikation und Verständigung
zwischen den Menschen, die einen unterschiedlichen kulturellen Hintergrund
haben. Sie haben jedoch ihre Möglichkeiten, zur kulturellen Integration
beizutragen und Migration als kulturellen Prozess zu thematisieren, bei
weitem noch nicht ausgeschöpft. ZuwanderInnen sind nach wie vor die Ausnahme
in städtischen Theatern, Konzerthäusern, Bibliotheken und Museen, und ihre
Kulturen spiegeln sich zu wenig in den öffentlichen geförderten
Kulturprogrammen.
Die positiven Ansätze einer interkulturellen Kulturarbeit in Stadtteilen,
Kirchengemeinden oder Jugendzentren werden nicht ausreichend zur Kenntnis
genommen und kaum systematisch gefördert. Etats für interkulturelle Arbeit
fehlen in den öffentlichen Haushalten der Kommunen, der Länder und des
Bundes fast völlig. Zu bedauern ist auch der Mangel an Standards und
Qualitätskriterien, die die Förderpolitik produktiver und effizienter machen
könnten. Es geht nicht nur um mehr Geld, sondern auch um mehr Qualität und
Nachhaltigkeit. Die aus den europäischen Traditionen des 18. und 19.
Jahrhunderts erwachsenen Kultureinrichtungen, allen voran die großen Staats-
und Stadttheater, die Kunstmuseen und ihre historischen, naturkundlichen und
auf Technikgeschichte ausgerichteten Verwandten sind häufig noch orientiert
an einem Begriff des nationalen kulturellen Erbes, der für die neuen
„hybriden“ Kulturen in der multiethnischen Gesellschaft verschlossen ist und
deshalb als alleinige Zukunftskonzeption immer weniger trägt.
Die Position der interkulturellen Kulturarbeit ist nicht nur schwach in den
öffentlichen Haushalten, sondern auch in den verbandlichen Strukturen des
kulturpolitischen Netzwerkes. In den Geschäftsstellen der Kulturverbände
gibt es kaum Akteure mit Migrationshintergrund und auch die Vorstände dieser
Vereinigungen kommen offenbar ohne Menschen aus, deren Biographie von einem
anderen Kulturkreis geprägt ist. ähnliches gilt für Gremien von
Fördereinrichtungen, für wissenschaftliche Institute und im Grunde für die
gesamte Infrastruktur der kulturpolitischen Meinungsbildung und
Interessenpolitik. Auch im Feuilleton der großen Tageszeitungen wird über
interkulturelle Kulturarbeit lediglich im Zusammenhang mit Festival- und
Musikevents berichtet. Die Folge ist, dass ein öffentliches Interesse an der
Förderung von interkulturellen Projekten und Konzepten nicht ausgebildet
worden ist.
III.
Kultur in und für Deutschland, in und für Europa braucht das
korrespondierende Interesse für kulturelle plurale Prozesse im Inneren und
im Austausch mit anderen Kulturen. Es geht darum, in Deutschland, also in
der Mitte Europas, Kultur als offenes System zu organisieren und zu
gestalten. Liberale, (welt-)offene kommunale Kulturpraxis sah immer schon
die Aufgabe, neben der historisch gewachsenen Kultur der Sesshaftigkeit auch
die Kultur der Mobilität zur Geltung zu bringen. Dieses Selbstverständnis
gilt es zu befördern, um die neue interkulturelle Pluralität entfalten und
gestalten zu können.
Mit dem Kongress »inter.kultur.politik.« wollen wir einen Anstoß geben, um
neue ›Weltsichten‹ und zeitgerechte Interpretationen der aktuellen globalen
und lokalen Prozesse zu kommunizieren. Die Realität einer kulturell und
religiös pluralen Gesellschaft und das Veränderungspotential der kulturellen
Globalisierung müssen stärker wahrgenommen werden und den Ausgangspunkt
bilden für eine konzeptionelle Neuorientierung der innerstaatlichen und
auswärtigen Kulturpolitik. Es gilt, auf die kulturellen Potenziale
aufmerksam zu machen, die durch Migration entstehen, statt diese immer nur
unter dem Gesichtspunkt ihrer möglicherweise problematischen sozialen Folgen
zu diskutieren.
Wir brauchen eine interkulturell qualifizierte Kulturpolitik, die die
kulturellen Bedürfnisse und Interessen der MigrantInnen ernst nimmt und die
in der Zuwanderung angelegten kulturellen Chancen und Potentiale aufgreift,
damit das vielgestaltige kulturelle Leben in Deutschland neue Impulse
erhält. Kommunen und Länder sind aufgefordert, sich trotz der gegenwärtigen
Finanzkrise und Strukturprobleme dieser Herausforderung über punktuelle
Experimentier- und Förderprogramme hinaus nachhaltig zu stellen. Aber auch
der Bund sollte ein Zeichen setzen und Anreize dafür schaffen, dass die
vorhandenen Ansätze interkultureller Arbeit gestärkt werden. Diese Aufgabe
anzunehmen, ist nicht nur eine Frage gesellschaftspolitischer Verantwortung
der öffentlichen Kulturpolitik, sondern liegt auch in ihrem Eigeninteresse.
Die Zukunft der Kulturpolitik ist interkulturell!

Bonn, Berlin, 26.06.2003


Kulturpolitische Gesellschaft e.V. • Weberstr. 59a • 53113 Bonn
Fon 0228/20167-0 • Fax 0228/20167-33 • E-Mail:
http://www.kupoge.de


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