Von Judith Siegmund am 16. Juli 2003 um 15:22

Judith Siegmund

Künstlerinnen als Kunstvermittlerinnen produzieren
Kunst beim Kunstvermitteln

Zum Taschenbuch "Kunstcoop©" - erschienen 2002 in der Neuen Gesellschaft für
Bildende Kunst Berlin


Acht Künstlerinnen, die sich im Jahr 2000 innerhalb der NGBK Berlin zur
Gruppe Kunstcoop© zusammenschlossen, vermittelten im Rahmen von
Ausstellungen die ausgestellte Kunst: Sie führten "interaktive,
partizipatorische Projekte durch, die sich teilweise mit dem Gezeigten
konkret, manchmal aber auch mit dem Assoziationsraum um das in der
Ausstellung behandelte Thema auseinandersetzten". (Aus dem Vorwort von
Leonie Baumann.)
Da es sich um Künstlerinnen handelt (also nicht um PädagogInnen, wie
traditionell üblich), verfolgten sie dabei andere Ziele, setzten andere
Methoden ein und bezeichneten ihre Kunstvermittlung nicht zuletzt als
künstlerisches Arbeiten.

Obwohl sie anfangs von den verschiedenen Arbeitsgruppen der NGBK, welche die
Ausstellungsreihen konzipieren, präsentieren und betreuen, sehr begrüßt
wurden, spitzten sich Auseinandersetzungen über Verfahren und Legitimität
der Kunstcoop-Gruppe so weit zu, daß einige der Ausstellenden die
Zusammenarbeit mit den Vermittlerinnen verweigerten.

Seit September 2002 gibt es nun ein Taschenbuch "Kunstcoop©", das die
Arbeitsweise der Gruppe darstellt und in dem eine Diskussion über deren
künstlerische Vermittlungsarbeit, aber auch über Einwände anderer
KünstlerInnen und KuratorInnen recht genau nachzulesen sind. Dem kleinen
Bändchen muß man zugute halten, daß die Kunstcooperinnen in ihm nicht an
Selbstkritik sparen, also - und das kommt ganz klar zum Ausdruck - an einer
konstruktiven Weiterführung der Diskussionen in der und um die Vermittlung
von Kunst interessiert sind. Am besten läßt es sich als ein "Arbeitsbuch"
beschreiben, anhand dessen man bereits gesammelte Argumente Revue passieren
lassen und mit dem man weiterarbeiten kann, indem man die gesammelten
Statements gegeneinandersetzt und selbst überlegt.

Carmen Mörsch greift als Initiatorin der Kunstcoop©-Gruppe fast allen
möglichen kritischen Argumenten der LeserInnen vor, indem sie die Liste der
Einwände gleich selbst präsentiert:

1. Die Künstlerinnen der Gruppe Kunstcoop© verhalten sich zu den von ihnen
vermittelten Ausstellungen parasitär. Sie hängen sich per Vermittlung an das
Kunstgeschehen an. Es sind sozusagen "B-Künstlerinnen".
2. Da die einzelnen Mitglieder von Kunstcoop© mit verschiedenen Ansätzen
arbeiten, ist die Gruppe unberrechenbar. Die AGs (Arbeitsgemeinschaften der
NGBK) können die Vermittlungsarbeit nicht von einer klaren Produktpalette
abfragen, wie es sich bei einer Dienstleistung gehörte.
3. Die Kunstvermittlung muß zur Kunst in einem dienenden Verhältnis und
nicht gleichberechtigt neben ihr stehen. Bei den Herangehensweisen von
Kunstcoop© ist diese klare Trennung nicht mehr gewährleistet.
4. Kunstcoop© konkurriert innerhalb der Projekte mit den AGs. Es wird nach
außen nicht immer klar, daß die Ausstellungsprojekte nicht von Kunstcoop©
sind.
5. Die Projekte von Kunstcoop© simplifizieren die komplexen Inhalte der zu
vermittelnden Projekte. Sie basieren auf einem zu niedrigen theoretischen
Niveau.
6. Die kuratorischen Konzepte verfälschen die Kunst schon genug. Die Kunst
muß vor einer zusätzlichen Verzerrung durch die Kunstvermittlung geschützt
werden.
7. Die Projekte der Kunstcoop© sind in ihrem Vorgehen zu nah an der Kunst,
die vermittelt werden soll.
8. Die Arbeit von Kunstcoop© ist zu didaktisch und deshalb nicht
künstlerisch genug.
9. Das durch Kunstcoop© in die Ausstellung gebrachte Publikum kommt nicht
freiwillig, aus einem eigenen Interesse für die Kunst.
10. Die Projekte von Kunstcoop verfehlen die kuratorischen Anliegen der AGs
und bringen von diesen nicht intendierte Themen in den Ausstellungskontext.

Man kann ohne Zweifel über jeden einzelnen Punkt eine Diskussion auf einer
generellen Ebene führen. Ohne zu behaupten, daß alle Punkte zuträfen, möchte
ich mir die Nummer 7 aus der Reihe herausgreifen:
Wenn Kunstvermittlung zur Kunst erklärt wird, ist sie, strenggenommen, keine
Vermittlung mehr. Denn, ob sie es wollen oder nicht, bringen die
Vermittlerinnen ihre Autorenschaft mit ins Spiel - das, was in der
traditionellen Kunstvermittlung als Option nicht existiert. Maria Linares
"macht, wie sie sagt, ohnehin vermittlerische Kunstprojekte" (33) - auch
diese sind dann eben Kunst. Lediglich Nanna Lüth zieht eine "feine Linie
zwischen Kunst und Kunstvermittlung" (33) und spricht von "Rückwirkungen der
Kunstvermittlung auf ihre eigene künstlerische Arbeit".

Das K ü n s t l e r is c h e der Vermittlung zieht den langen
Rattenschwanz der Auseinandersetzungen nach sich. Arbeiten Künstler eher mit
traditionellen Medien, werden sie solch eine Vermittlung ihrer Arbeiten
nicht als Störung, sondern eher als Bereicherung begreifen. Sind die
vermittelten Kunstprojekte aber selbst partizipatorisch, prozeßhaft und auf
die Veranstaltung spontaner Kommunikation gerichtet, verschwimmen die
Grenzen zwischen Kunst und Vermittlung ganz. Ginge es dann auch noch um die
Verteilung immer zu knapper finanzieller Ressourcen, könnten sich
Rivalitäten schnell bilden - nämlich dann, wenn das Budget für die
Kunstvermittlung schon geplant wäre - die (restlichen) Künstlerinnen aber um
Präsentations- und Realisierungsmöglichkeiten untereinander konkurrieren
müßten. (In der NGBK war dies nicht der Fall, Kunstcoop© bewarb sich genauso
wie die anderen AusstellungsmacherInnen mit einem Konzept und wurde erst
nach demokratischer Abstimmung finanziert.)
Um Unstimmigkeiten zu vermeiden, wäre deshalb mein Vorschlag: Laßt doch die
VermittlerInnen als KünstlerInnen an Ausstellungen und Projekten
teilnehmen - womit sie allerdings aus der Vermittlung verschwinden würden...
Also ist das dann doch keine Lösung?

Kunstcoop©
eine Publikation zu 2 Jahren Kunstvermittlung der Gruppe Kunstcoop© in der
NGBK Berlin.
Herausg. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, 2002
152 S., 14 x 18 cm, 2 / 2 farbig, Abb., dt. / engl.
Buchhandelspreis:14 Euro, in der NGBK 10 Euro, für Mitglieder 5 Euro
ISBN 3 - 926796-74-x
Vertrieb: Vice Versa, Berlin
Kunstcoop©-Website: http://www.kunstcoop.de


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