Von Ulrich Wegenast am 12. November 2005 um 13:36

Zombie-Medien-Wochenende im Theater im Depot
Landhausstr. 133/1, Stuttgart-Ost

Anarchistische Gummizelle (AGZ)
12. November

16-20 Uhr C 64. Performance mit der Anarchistischen Gummizelle
20 Uhr Super8-Filme von der Anarchistischen Gummizelle
offenes Ende mit der AGZ

„Der C64 ist ein alter Computer, den fast keiner mehr haben will (im
Gegensatz zur AGZ, die fast alle haben wollen). Früher, da war dieses
elektronische Präzisionswerkzeug zwar ganz jung, aber wir (die
AGZ-Mitglieder) waren trotzdem schon viel älter. Eigenartigerweise sieht der
C64 heute aber viel älter aus, als wir es je sein werden, obwohl wir doch
synchron gereift sein sollten. Sind wir (die AGZ-Mitglieder) nicht die
wahren Zombies? Und so haben wir Menschen uns an Gebrechen herangewagt, die
fast keiner haben will, und die die Verfallserscheinungen digitaler Systeme
in einem vergleichsweise milden Licht erscheinen lassen: Hirnschäden,
Dauerkurzschlüsse vonNervenbahnen, Viren, Würmer usw. In einem umgebauten
Straßenbahndepot werden wir nun vor internationalem Publikum den Versuch
wagen, sowohl unsere Beschwerden als auch die des C64 wenigstens zu lindern,
wenn nicht sogar mehr. Fachpfleger und Wellnesskapazitäten werden sich dem
C64 zuwenden und versuchen, seine CPU wachzuküssen, und sie werden sich der
zusammen weit über 200 Jahre alten AGZ-Mitglieder annehmen und alle
segensreichen Wirkungen jahrtausendealter Heilkunst auf ihre alte Knochen
lenken. Der aufmerksame Beobachter wird erkennen, dass ein
übertragungsprozess stattfindet: blockierende Energien hier werden zu
pulsierenden Nullen und Einsen dort und umgekehrt. Dabei wird das von uns
gewünschte und vom Staatstheater realisierte, im Foyer aufgebaute antike
Amphitheater mit einem auf dessen Bühne aufgestellten Operationstisch für
den C64 und auf den Rängen befindlichen Anwendungen wie z.B. Dampfbad,
Rotlichtbezirk, einsatzbereiten Masseuren mit feuchtwarmen Handtüchern und
marmornen Tischen mit Bergen von Weintraubendolden dafür Sorge tragen, dass
das um diese symbolhafte Stätte versammelte Publikum in die Lage versetzt
wird, zu verstehen. Bei früheren, ähnlichen Auftritten der AGZ kam es
gelegentlich zu Spontanheilungen und versetzten Bergen.“ (AGZ)

AGZ – eine Einschätzung
Die Anarchistische Gummizelle gehörten zu den interessantesten Film- und
Künstlergruppen der 80er Jahre. Nachdem sie Mitte der 90er Jahre ihre Arbeit
unterbrochen haben, sind sie in den letzten Jahren wieder aktiv geworden.
Gemeinsam mit „FIFS – Die Menschen“ entwickelte die AGZ die Performance
„Emotionsdiktat oder: Die Entdeckung der Zweisamkeit“ für den Filmwinter
2005 und erhielten hierfür den „Milla und Partner-Preis für Medien im Raum“.
Die Kurzfilmtage Oberhausen widmeten der AGZ im Mai 2005 eine große
Retrospektive.
Die Arbeiten der AGZ sind subversiv und minimalistisch. Sie versuchen mit
einfachen Mitteln, Medien und Gesten die Zuschauer aus der Reserve zu locken
und in die Vorführungen einzubinden. Die AGZ hegen einen ausgesprochenen
Anti-Professionalismus und irritieren den Kino-gewohnten Zuschauer durch
ihre direkten, witzig-ironischen Performances und den Einsatz billiger
Projektionstechnik bis heute. Die Anarchistische Gummizelle ist „Expanded
Cinema“ im besten Sinne.

AGZ – eine Chronologie
Die Anarchistische Gummizelle war eine Künstlergruppe, die 1980 von dem
Maler Bertram Jesdinsky († 1992), Thorsten Ebeling und Uli Sappok im
Dunstkreis der Düsseldorfer Kunstakademie gegründet wurde. Später stießen
Otto Müller, Heinz Haussmann, Stefan Ettlinger und andere hinzu. Bald
entstanden die ersten Super 8-Filme, für die sie unterschiedliche Preise auf
Festivals einheimsten. Vorführungen der AGZ waren aber von Anfang an eher
Happenings und Performances als konventionelles Kino. Und wenn es Kino war –
dann aktionistisches. So stürmten sie die 28. Kurzfilmtage Oberhausen und
überhängten das Plakat der Veranstalter mit dem Spruch „28. Rheumatage
Oberhausen“. Häufig wurden zu den Vorführungen Speisen serviert z.B.
Fischstäbchen. In kürzester Zeit liefen ihre kleinen Super 8-Werke auf
Veranstaltungen in Paris, Brüssel, Wien. Zunehmend entwickelte die AGZ
eigenständige Performances wie die „Hägarperformance“ für den 3. Osnabrücker
Experimental-Workshop. Ihre Mischung aus Humor, Aktionismus und
Anachronismus erfreute sich großer Beliebtheit und Filme wie „Pilgerstrom
“ oder „Sonntagsspaziergang“ gewannen diverse Preise. Die ersten
Audioarbeiten entstanden 1984, u.a. „Aumann, Stadtoberinsp.“ Erste
Musikperformances fanden unter dem Bandnamen „Dasn Wossm“ (gemeinsam mit
Thomas Struth und Martin Honert) u.a. im Karlsruher Kunstverein statt und
gemeinsam mit der Gruppe „Der Plan“ in Frankfurt. Auftritte in Tokio
folgten. Ihr Filmprojekt „One Shown – ein fragmentarisches Soziomusical
“ erhielt eine Filmförderung der Stadt Düsseldorf. Auf Einladung von Heiner
Goebbels entwickelten die AGZ 1985 für das Jazzfestival Moers das Konzept
für das Projekt „Compilation“. In diesem Zusammenhang führte Bertram
Jesdinsky erstmals seine „Führerscheinentzugsperformance“ auf. 1987
produziert die AGZ den Spielfilm „An Molen solls nicht liegen“, der u.a. in
Antwerpen, Budapest, Florenz, Paris aufgeführt wurde. Allerdings zeigte die
Produktion, daß sich die AGZ nicht als Filmunternehmen verstanden und das
Projekt stieß an die Grenzen der Realisierbarkeit und überforderte die
AGZ-Mitglieder. Ab 1990 schlummerten die Aktivitäten der AGZ allmählich ein,
wobei einzelne Personen wie Ulrich Sappok (Arzt + Filmemacher) weiterhin
kleine Filme produzierte (z.B. „Tag ein – Tag aus“ von 1991). Mitte der 90er
Jahre kamen die AGZ anläßlich der großen Retrospektive des inzwischen
verstorbenen Bertram Jesdinsky im Kunstmuseum Düsseldorft noch einmal
zusammen. Ab 2002 nahmen die Aktivitäten wieder zu. 2005 gewannen die AGZ
gemeinsam mit FIFS – Die Menschen den „Milla und Partner-Preis für Medien im
Raum“ beim Stuttgarter Filmwinter, und die Kurzfilmtage Oberhausen widmete
der AGZ eine große Retrospektive.

Eine Veranstaltung des Schauspiel Stuttgart und Wand 5 e.V.


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