Von Hint Leit (Karin HinterLeitner) am 16. April 2003 um 16:48

Dieser TELEPOLIS Artikel wurde Ihnen
von Karin Hinterleitner <> gesandt.

----------------------------------------------------------------------
Emmanziaption auf dem Online-Prüfstand. Diese Geschichte empfehle ich
allen, die mehr über den Unterschied zwischen Print- und Online-Medien
erfahren wollen. Nicht nur von Frau zu Frau ;-).

----------------------------------------------------------------------
EMMA-Leserinnen proben den interaktiven Aufstand

Rosaria Schlichte 16.04.2003

Wie eine journalistische Institution über das Internet stolpern kann

Am Anfang war der Jubel groß. Begeisterte Leserinnen gratulierten der
Redaktion zum Schritt in die mediale Zukunft. Kampfgefährtinnen sparten
nicht an guten Wünschen. Und dank der Gestaltungshilfe einer Berliner
Medienagentur sah emma.de [1] moderner aus als das am Kiosk verkaufte
Mutterblatt, seit einem Vierteljahrhundert die Hauszeitschrift der
deutschen Frauenbewegung.

Die neue Heimstatt der feministischen Publizistik ging halb als
Appetithappen für die Druckausgabe, halb als Fanforum für die
prominente Herausgeberin ins Netz: Mit einem Klick lässt sich zwischen
aliceschwarzer.de [2] und "emma.de" wechseln, und die Gestaltung
erlaubt keinen Zweifel daran, dass die eine Institution ohne die andere
nicht denkbar ist: Auch dem Besucher des Zeitschriftenportals lächelt
Alice Schwarzer in versonnener Souveränität entgegen.

Dass die Klientel das keineswegs unsympathisch fand, bewies ein
überbordendes Gästebuch. Es füllte sich binnen Tagen mit dem
Querschnitt der populären Feminismusdiskussion nebst Liebesbeweisen und
war nach wenigen Wochen derart mit Applauskundgebungen und hitzigen
Zwischenrufen überlastet, dass die Redaktion mit einem Leserforum
Abhilfe suchte. Das unmoderierte Plenum schlug die Brücke von den
provokationsreichen Emma-Debatten zu Kreisen jenseits der
Stammleserschaft.

Die Idee war überaus erfolgreich, denn an diskussionsfreudigen
Leserinnen war kein Mangel. "Emma"-Konsumentinnen aller Altersklassen -
der Schreibstil lässt auf einen hohen Prozentsatz junger
Teilnehmerinnen schließen - schienen auf den Kontakt zu der Kölner
Institution nur gewartet zu haben und äußerten sich nicht nur zu
Leitartikeln, sondern mischten weitläufige Diskussionen über Alice
Schwarzers publizistische Positionen mit verlustreichen Gefechten über
Sinn und Ziel feministischer Politik. Der Schwerpunkt, in dem sich alle
Fragen vereinigten war die weibliche Sexualität.

Dieser Leserinblattbindungserfolg zeigte freilich ein weniger
harmonisches Gesicht, seit die vernetzte Redaktion nach Computerthemen
suchte und einen freien Mitarbeiter zu innerfamiliärer Spionage
aufrufen ließ. Ehefrauen und Mütter sollten die Festplatten ihrer
Männer und Söhne ausforschen und erhielten von "Emma" technische
Ratschläge für die Fahndung nach verborgener Pornografie ( Emma und
Alice Schwarzer sind online [3]). Nicht nur entrüstete Männer
protestierten - zunächst noch im Gästebuch - über den intimen
Konspirationsauftrag, auch Leserinnen begannen zu grübeln: Wenn das
Private politisch war, wie die Frauenbewegung erfolgreich lehrte,
durften die Gattinnen dann zur Schleierfahndung auf den Festplatten
ihrer Liebsten schreiten?

Der größte Protest kam jedoch nicht von den observierten Männern,
sondern von desavouierten Informatikerinnen, die mit größter Empörung
darauf bestanden, mehr über Computer zu wissen als der (männliche)
Ausspähungsberater ihnen zugetraut hatte, der seinen Text wie ein
Lehrbuch für informationstechnische Dummchen entwarf. "Emma" hatte
plötzlich ein Problem. "Emma.de" wurde zum Ort der Abrechnung mit einer
tagelang schweigenden Redaktion, die am Ende eine halbherzige
Rechtfertigung veröffentlichte, in der zu allem übel entschuldigend auf
das Geschlecht des Autors verwiesen wurde. Immerhin war er doch selber
ein Mann, hieß es nun, und die Spionage-Idee habe er sich ganz
höchstpersönlich ausgedacht.

Seitdem sehen die Leserinnen ihre "Emma" in der Defensive. Die nächste
hitzige Debatte ließ nicht auf sich warten. Bekennende
Sadomasochistinnen verteidigten ihr feministisches Bewusstsein gegen
überholte Ansichten der "Emma"-Herausgeberin. Alice Schwarzer hatte
einmal in längst archivierten Artikeln masochistische Spiele und
anderes sexuelles Privattheater als überidentifikation masochistischer
Frauen mit einer männlichen Gewaltgesellschaft verdammt. Leserinnen aus
der Lack- und Leder-Szene setzten sich im neuen Online-Forum zur Wehr.
überraschende Erfahrungsberichte mischten sich mit ausgefeilter
Gender-Theorie. Man verlangte flugs eine neue S/M-Debatte, und eine
S/M-lerin bat geradezu treuherzig um ein Lebenszeichen der geschätzten
Redaktion: "@Emma-Redaktion: Wie seht ihr uns? Gebt bitte mal ein
Lebenszeichen!"

Die meisten deutschen Zeitschriftenverlage würden eine solche
Leserschaft mit betrieblichen Freudenfesten feiern, nicht so die
Feministinnen aus Köln. Dass die Kundschaft auf der heiligen
Anti-Pornografie-Debatte herumtrampelte und die Ankettung
bondagesüchtiger Frauen verteidigte, ging der Redaktion zu weit. Sie
berief sich auf Bewährtes und stellte einen einschlägigen Archivtext
ins Netz. In ihm hatte die Psychoanalytikerin Margarete
Mitscherlich-Nielsen das Wesen der masochistische Frau ergründet, und
das klang hinreichend nach abgründiger Psychopathologie - allerdings
war das 1977 gewesen, und die Leserinnen schäumten über einen so
ausgeprägten Hang zu dogmatischer Kontinuität. Zugleich verschwanden
über Nacht und von unbekannter Hand Links zu sadomasochistischen
Selbstfindungs-Publikationen. Gewiss hatte EMMA in den
Forumsbedingungen "Links und Werbung" verboten, aber ging es nicht
doch, so der allgemeine Verdacht, um die redaktionelle Abschottung
gegen äußere Kritik?

Seit 1995 residiert EMMA in einem mustergültig sanierten Wehrturm aus
dem 13. Jahrhundert. Als habe dies das redaktionelle Denken geprägt,
meldet sich erst nach langem Schweigen die Redaktion selbst zu Wort. In
kurzen Meldungen fügte man 143teiligen Leserforum-Threads die bewährten
Standpunkte wie Glaubenssätze an. Pornografie habe "nichts mit Begehren
zu tun, sondern mit Ausübung von Macht", heißt es lakonisch als Antwort
auf langwierige Diskussionen über Undergroundsexualität und das Recht
auf das persönliche sexuelle Bild. "Pornografie ist die Sexualisierung
von Männermacht über Frauen und Kinder", weiß EMMA es besser als die
szeneerfahrenen Leserinnen, und beruft sich dann auf die Herausgeberin
als letzte Instanz: "Zur genaueren Definition von Pornografie siehe
auch die Texte von Alice Schwarzer auf http://www.aliceschwarzer.de."

Nicht ohne Unterhaltungswert zeigt sich hier, wie eine journalistische
Institution über das Internet stolpern kann. Ernüchterte Leserinnen
zweifeln in ihren Beiträgen plötzlich an der Kompetenz ihrer
verstummten Redaktion. Wütende Masochistinnen zeigen Offensivkampfkraft
in lautstarken Forderungen nach feministischer Integration. über ihnen
aber thront die Herausgeberin wie ein liberaler Geist, nach neuestem
Standard sympathisch online-vermarktet, doch gänzlich hilflos gegenüber
der Reaktionsgeschwindigkeit einer dialogsüchtigen neuen
Leserinnengeneration.

Die angefeindete Redaktion verteidigt sich schließlich, sie lese das
Forum mit größter Aufmerksamkeit, sei aber wegen chronischer
Arbeitsüberlastung zur Passivität verdammt. Man wolle "nicht eine
zweite Emma" in Leserdebatten schreiben und sei "gut ausgelastet" mit
dem zweimonatlich erscheinenden Heft. Die Kundschaft indes überzeugt
das nicht. Sie hatte sich die etablierte politische Verbündete aus Köln
heim aufs Disputierpodium gewünscht, während die große Schwester "Emma"
auf klare Verhältnisse pochte: Hier das Heft, dort der Kiosk, keine
Online-Demokratie.

So kann das Internet nicht nur Leserbindung schaffen - es kann auch als
Indikator von Konservativismus wirken, in den das defensive
feministische Zentralorgan im Laufe der Jahre längst verfallen ist.

Links

[1] http://www.emma.de
[2] http://www.aliceschwarzer.de
[3] http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/on/13734/1.html

Telepolis Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/deutsch/inhalt/on/14615/1.html

----------------------------------------------------------------------
Copyright © 1996-2003. All Rights Reserved. Alle Rechte vorbehalten
Heise Zeitschriften Verlag, Hannover


LF.net Netzwerksysteme GmbH :: Internet Service Provider in Stuttgart

Mailingliste/Blog / Archiv