Von Zeljko Bozicevic am 10. Juli 2004 um 22:44

Die Vlado Kristl-Filmabende im Dein Klub haben eine traurige Aktualität
bekommen, er ist am Mittwoch in München im Alter von 81 gestorben.

In Zagreb ist ein Buch über und ein Buch von ihm schon seit ein paar Monate
in Vorbereitung, kroatische Fernsehen produziert eine umfangreiche Sendung
über ihm, viele Galerien und Museen versuchen (vergebens) seit ein paar
Jahren eine Ausstellung von ihm zu organisieren auch Oberwelt e.V. wollte
ihm nächstes Jahres einladen. Plötzlich wollte jeder etwas von Vlado Kristl,
als ob man ahnte, dass Menschen seines Schlages eine absolute Seltenheit
geworden sind.
Zeljko Bozicevic

Zum Tod des Filmkünstlers Vlado Kristl
(Peter W. Jansen, NZZ)
Nur ein Nachruf, der auch das Gegenteil eines Nachrufs wäre, könnte ihm
gerecht werden. Wer wie er vom Zuschauer verlangte, sich seinen Film mit dem
Rücken zur Leinwand anzusehen, hat Geringeres nicht verdient. Vlado Kristl
war niemals wirklich zu fassen. Weder als Schafhirte und Rebell in
Jugoslawien noch als Filmemacher in der Bundesrepublik Deutschland, weder
als Taxifahrer in Lateinamerika noch als Maler-Poet in München. Dass er
irgendwann Professor wurde (an der Hamburgischen Kunstakademie), muss ihm
wie Hohn erschienen sein. Ohne ihn wäre das Oberhausen der sechziger Jahre
kaum die westdeutsche Hauptstadt des wilden Denkens gewesen. Er verblüffte
mit Haken und ösen, dieser Querdenker und Traumtänzer in einem. Und er
machte Proselyten. Man muss sich nur ansehen, wer in seinen Filmen mit von
der Partie war, und man findet von Schamoni über Wondratschek bis zu Straub
viele Namen, die am Anfang des «Jungen Deutschen Films» standen, als es den
noch gar nicht gab.

1923 in Zagreb geboren, war er in Wien zur Schule und in seiner Geburtsstadt
auf die Kunstakademie gegangen. Bei seinen ersten kurzen Trickfilmen hatte
er einen Kontrolleur an seiner Seite dulden müssen; sein Kurzspielfilm «Der
General» («Resni clovek») wurde von der Zensur beschlagnahmt. Da hatten die
Westdeutschen Kurzfilmtage schon einen Zeichentrickfilm von ihm nach
Oberhausen holen können, der die Sensation des Programms war. Und - auch -
ein Selbstporträt: «Don Quijote» («Don Kihot»). Denn mit eingelegter Lanze
gegen ganze Areale von Windmühlen, so muss man sich Vlado Kristl vorstellen.
Gegen die Windmacher des kommerziellen Kinos, gegen die Lügenbarone und ihre
faulen Tricks, mit denen sie das Publikum an der Wahrheit der Bilder
vorbeiführen.

Seine Filme waren Prototypen des «anderen Kinos», der Kurzspielfilm
«Madeleine-Madeleine» (1963) und dann die langen Spielfilme «Der Damm»
(1964) und «Der Brief» (1966). Das waren verstörende Filme der gestörten
Dramaturgie, der zerhackten Handlungsabläufe, der wahnwitzigen Montagen,
Filme, die jeden Sinn entstellten. «Vlado K. haut das Kino kaputt», schrieb
ein von Kristl faszinierter Kritiker - und dass er ihn nur K. nannte, obwohl
dieser K. nicht aus Prag kam, brachte Kristl, der am 7. Juli im Alter von 81
Jahren in München gestorben ist, auf den Punkt. Denn auch dieser K. war
einer, der unter dem Gesetz litt, den Gesetzen der Politik ebenso wie der
Kunst, der bürgerlichen Vernunft ebenso wie der Syntax. Seine Filme
verstauben in den Archiven. Man sollte sie wieder hervorholen, und man wird
sehen, wie jung sie geblieben sind.


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