Von Karin Hinterleitner am 20. September 2005 um 19:27

Pressemitteilung, 20. September 2005

Wand 5 zu Gast im Depot
6. Oktober 2005 ­ Juni 2006
Theater im Depot, Landhausstr. 188/1, Stuttgart-Ost

Zombie-Medien-Wochenende, Ongoing Festival, Filmwinter-Preview

In einer erstmaligen Zusammenarbeit präsentiert Wand 5, Veranstalter des Stuttgarter Filmwinter und des media-space, am 11. und 12.
November ein Zombie-Medien-Wochenende, das Ongoing Festival und die Filmwinter-Preview (14. November) im Theater im Depot.
Das Zombie-Medien-Wochenende beschäftigt sich mit totgeglaubten Medien, z.B. Super 8 oder dem Commodore-Computer C64, die Teil des
kulturellen Bewußtseins ganzer Generationen wurden. Zu sehen ist die Film-Kompilation BerlinSuper 80 mit den Vertretern der
deutschen Underground-Avantgarde der frühen 80er Jahren (Einstürzende Neubauten, Notorische Reflexe, Malaria...). Zu Gast sind u.a.
Frieder Butzmann und Wolfgang Müller (Die tödliche Doris). Am 12. November gastiert die Künstler-Performance-Filmemacher-Gruppe "Die
Anarchistische Gummizelle", die in Düsseldorf in den 80er Jahren ihr Unwesen trieb und mit ihren Aktionen nicht nur deutschlandweit
für Aufsehen sorgte. Der wilde Mix aus Super 8-Filmen, Musik- und Kunstaktionen war eine Keimzelle für Entwicklungen in Sachen
Trash, den Künstler wie Christoph Schlingensief und Helge Schneider auf anderer Ebene wieder aufgriffen. Immer noch legendär: Uli
Sappoks (AGZ) Zeemanns Clubmagazin. Im Rahmen einer Performance wird sich die AGZ dem mittlerweile zum Kultobjekt avancierten
Computer C64 widmen.
Außerdem präsentiert Wand 5 das Ongoing-Festival, bei dem vor jeder Theateraufführung ein Kurzfilm gezeigt wird. So ist zwar der
Kurzfilm aus den Kinos verschwunden, aber als Vorfilm im Theaterprogramm wieder aufgetaucht. Bei den Kurzfilmen handelt es sich
teils um topaktuelle Einreichungen zum 19. Stuttgarter Filmwinter 2006, teils um Perlen aus dem Wand 5-Archiv. Die Filme sind nicht
länger als zehn Minuten und orientieren sich thematisch am Theaterprogramm.
Bereits gute Tradition ist das Filmwinter-Preview-Screening, das bislang an unterschiedlichen Orten in Stuttgart stattrfand und
schlaglichtartig das Programm zum kommenden Stuttgarter Filmwinter vorstellt. Dieses Mal lädt Wand 5 am 14. November zur Preview ins
Theater im Depot.

Ausführliche Infos zu den drei Projekten im Theater im Depot finden Sie anbei. Sehr gerne stellen wir Fotos, Ansichtsvideos und
weitere Informationen zur Verfügung. Sorry for Cross-Posting!

Kontakt Pressearbeit:
Wand 5 e.V., Ulrich Wegenast, Friedrichstr. 23 A, 70174 Stuttgart
Telefon: 0711-99 33 98-18, Fax: 0711-99 33 98-10,



Zombie-Medien-Wochenende (11.-12. November)
Was sind Zombie-Medien? Zombie-Medien sind Medien, die tot gesagt sind und aus den Rastern der Verwertungsmechanismen der
Medienindustrie gefallen sind.
Dazu gehören Super 8-Film, frühe Video- und Computerspiele sowie alte Videoformate wie Betamax oder Video 2000. Wieso aber sich mit
Dead Media auseinandersetzen? Zombie-Medien sind Träger kultureller Informationen, die vom Verschwinden bedroht sind, da sie sich
nicht auf den gängigen (digitalen) Geräten abspielen lassen. Zombie-Medien sind weit mehr als Medien. Sie beschwören vergangene
Zeiten herauf, sind ein Ort des Widerstands und lösen nostalgische Gefühle aus. Kein Wunder, daß sich viele Künstler und Filmemacher
z.B. Andy Warhol, Craig Baldwin, immer wieder mit scheinbar verlorenen Medien und Informationen auseinandergesetzt und sie wieder
zum Leben erweckt haben. Nach wie vor gibt es eine sehr große Super 8-Gemeinde und die sog. Emulatoren für alte Computerspiele wie
Frogger oder Pong sind heißbegehrt.
Das Zombie-Medien-Wochende thematisiert die Sehnsucht nach diesen verschollenen Medien, die uns oft in unserer Kindheit und Jugend
umgeben haben.
Zombie-Medien sind Teil der Low Tech- und Trash-Bewegung, der Melancholie und Technologie verbindet.

Berlin Super 80 ­ Music & Film Underground West Berlin 1978-1984
11. November

22 Uhr Filmprogramm
Zu Gast: Frieder Butzmann und Wolfgang Müller (Die tödliche Doris)

Im Anschluß (ca. 24 Uhr): Party mit DJ Thomas Pargmann und lokalen Plattenauflegern (Pauki...)

Ein Multimedia-Rückblick auf West-Berlins revolutionäre Subkultur zwischen 1978 und 1984. Erstmalig werden die Werke der Super
8-Film-Avantgarde dieser Zeit dokumentiert und um die Musik und Kunst der Anarchisten, Aktivisten, Punks und "Genialen Dilletanten"
der Mauerstadt ergänzt. Zwischen Kippenbergers SO 36 und dem Centre Pompidou. Authentisch, intensiv, radikal.
Zu sehen u.a. Super 8-Filme von Christoph Doering, Wolkenstein & Markgraf, Notorische Reflexe, Jörg Buttgereit, Die tödliche Doris,
Butzmann & Kiesel, Manfred Jelinski, Klaus Beyer.

Im Anschluß an das Filmprogramm legt DJ Thomas Pargmann Musik aus dieser untergegangenen Zeit zu Old School-Visuals (u.a. "Tapete"
von Die tödliche Doris) auf. Zu hören sind Perlen des Undergrounds, des Punks und der Avantgarde der 80er Jahre mit Songs von
Malaria, Christiane F., Sprung aus den Wolken, Einstürzende Neubauten, Valie Export & Monsti Wiener, Frieder Butzmann, DIN A
Testbild.

Anarchistische Gummizelle (AGZ)
12. November

16-20 Uhr C 64. Performance mit der Anarchistischen Gummizelle
20 Uhr Super8-Filme von der Anarchistischen Gummizelle
offenes Ende mit der AGZ

"Der C64 ist ein alter Computer, den fast keiner mehr haben will (im Gegensatz zur AGZ, die fast alle haben wollen). Früher, da war
dieses elektronische Präzisionswerkzeug zwar ganz jung, aber wir (die
AGZ-Mitglieder) waren trotzdem schon viel älter. Eigenartigerweise sieht der C64 heute aber viel älter aus, als wir es je sein
werden, obwohl wir doch synchron gereift sein sollten. Sind wir (die AGZ-Mitglieder) nicht die wahren Zombies? Und so haben wir
Menschen uns an Gebrechen herangewagt, die fast keiner haben will, und die die Verfallserscheinungen digitaler Systeme in einem
vergleichsweise milden Licht erscheinen lassen: Hirnschäden, Dauerkurzschlüsse von Nervenbahnen, Viren, Würmer usw. In einem
umgebauten Straßenbahndepot werden wir nun vor internationalem Publikum den Versuch wagen, sowohl unsere Beschwerden als auch die
des C64 wenigstens zu lindern, wenn nicht sogar mehr. Fachpfleger und Wellnesskapazitäten werden sich dem C64 zuwenden und
versuchen, seine CPU wachzuküssen, und sie werden sich der zusammen weit über 200 Jahre alten AGZ-Mitglieder annehmen und alle
segensreichen Wirkungen jahrtausendealter Heilkunst auf ihre alte Knochen lenken. Der aufmerksame Beobachter wird erkennen, dass ein
übertragungsprozess stattfindet: blockierende Energien hier werden zu pulsierenden Nullen und Einsen dort und umgekehrt. Dabei wird
das von uns gewünschte und vom Staatstheater realisierte, im Foyer aufgebaute antike Amphitheater mit einem auf dessen Bühne
aufgestellten Operationstisch für den C64 und auf den Rängen befindlichen Anwendungen wie z.B. Dampfbad, Rotlichtbezirk,
einsatzbereiten Masseuren mit feuchtwarmen Handtüchern und marmornen Tischen mit Bergen von Weintraubendolden dafür Sorge tragen,
dass das um diese symbolhafte Stätte versammelte Publikum in die Lage versetzt wird, zu verstehen.
Bei früheren, ähnlichen Auftritten der AGZ kam es gelegentlich zu Spontanheilungen und versetzten Bergen." (AGZ)

AGZ ­ eine Einschätzung
Die Anarchistische Gummizelle gehörten zu den interessantesten Film- und Künstlergruppen der 80er Jahre. Nachdem sie Mitte der 90er
Jahre ihre Arbeit unterbrochen haben, sind sie in den letzten Jahren wieder aktiv geworden. Gemeinsam mit "FIFS ­ Die Menschen"
entwickelte die AGZ die Performance "Emotionsdiktat oder: Die Entdeckung der Zweisamkeit" für den Filmwinter 2005 und erhielten
hierfür den "Milla und Partner-Preis für Medien im Raum". Die Kurzfilmtage Oberhausen widmeten der AGZ im Mai 2005 eine große
Retrospektive.
Die Arbeiten der AGZ sind subversiv und minimalistisch. Sie versuchen mit einfachen Mitteln, Medien und Gesten die Zuschauer aus der
Reserve zu locken und in die Vorführungen einzubinden. Die AGZ hegen einen ausgesprochenen Anti-Professionalismus und irritieren den
Kino-gewohnten Zuschauer durch ihre direkten, witzig-ironischen Performances und den Einsatz billiger Projektionstechnik bis heute.
Die Anarchistische Gummizelle ist "Expanded Cinema" im besten Sinne.

AGZ ­ eine Chronologie
Die Anarchistische Gummizelle war eine Künstlergruppe, die 1980 von dem Maler Bertram Jesdinsky (= 1992), Thorsten Ebeling und Uli
Sappok im Dunstkreis der Düsseldorfer Kunstakademie gegründet wurde. Später stießen Otto Müller, Heinz Haussmann, Stefan Ettlinger
und andere hinzu. Bald entstanden die ersten Super 8-Filme, für die sie unterschiedliche Preise auf Festivals einheimsten.
Vorführungen der AGZ waren aber von Anfang an eher Happenings und Performances als konventionelles Kino. Und wenn es Kino war ­ dann
aktionistisches. So stürmten sie die 28. Kurzfilmtage Oberhausen und überhängten das Plakat der Veranstalter mit dem Spruch "28.
Rheumatage Oberhausen". Häufig wurden zu den Vorführungen Speisen serviert z.B. Fischstäbchen. In kürzester Zeit liefen ihre kleinen
Super 8-Werke auf Veranstaltungen in Paris, Brüssel, Wien. Zunehmend entwickelte die AGZ eigenständige Performances wie die
"Hägarperformance" für den 3. Osnabrücker Experimental-Workshop. Ihre Mischung aus Humor, Aktionismus und Anachronismus erfreute
sich großer Beliebtheit und Filme wie "Pilgerstrom" oder "Sonntagsspaziergang" gewannen diverse Preise. Die ersten Audioarbeiten
entstanden 1984, u.a. "Aumann, Stadtoberinsp." Erste Musikperformances fanden unter dem Bandnamen "Dasn Wossm" (gemeinsam mit Thomas
Struth und Martin Honert) u.a. im Karlsruher Kunstverein statt und gemeinsam mit der Gruppe "Der Plan" in Frankfurt. Auftritte in
Tokio folgten. Ihr Filmprojekt "One Shown ­ ein fragmentarisches Soziomusical" erhielt eine Filmförderung der Stadt Düsseldorf. Auf
Einladung von Heiner Goebbels entwickelten die AGZ 1985 für das Jazzfestival Moers das Konzept für das Projekt "Compilation". In
diesem Zusammenhang führte Bertram Jesdinsky erstmals seine "Führerscheinentzugsperformance" auf. 1987 produziert die AGZ den
Spielfilm "An Molen solls nicht liegen", der u.a. in Antwerpen, Budapest, Florenz, Paris aufgeführt wurde. Allerdings zeigte die
Produktion, daß sich die AGZ nicht als Filmunternehmen verstanden und das Projekt stieß an die Grenzen der Realisierbarkeit und
überforderte die AGZ-Mitglieder. Ab 1990 schlummerten die Aktivitäten der AGZ allmählich ein, wobei einzelne Personen wie Ulrich
Sappok (Arzt + Filmemacher) weiterhin kleine Filme produzierte (z.B. "Tag ein ­ Tag aus" von 1991). Mitte der 90er Jahre kamen die
AGZ anläßlich der großen Retrospektive des inzwischen verstorbenen Bertram Jesdinsky im Kunstmuseum Düsseldorft noch einmal
zusammen. Ab 2002 nahmen die Aktivitäten wieder zu. 2005 gewannen die AGZ gemeinsam mit FIFS ­ Die Menschen den "Milla und
Partner-Preis für Medien im Raum" beim Stuttgarter Filmwinter, und die Kurzfilmtage Oberhausen widmete der AGZ eine große
Retrospektive.



Filmwinter-Preview

14. November

21 Uhr: Open to the Public

Bei der Filmwinter-Preview, die bislang im Club Hi, in der New York City Dance School, im Rocker 33 und im Ciné Colibri stattfand,
sind ausgewählte Filme und Medienkunstarbeiten zu sehen, die später ­ beim Filmwinter 2006 ­ präsentiert werden. Die Film- und
Medienpräsentation wird ergänzt durch Ratespiele und Hintersinniges. Statistisches und Unterhaltsames befinden sich hier in tiefem
Einklang und die Gäste erhalten einen Vorgeschmack auf den kommenden 19. Stuttgarter Filmwinter, der vom 19.-22. Januar im Filmhaus
und im Württembergischen Kunstverein stattfindet.


Ongoing-Festival

Oktober 2005 ­ Juni 2006

Ab dem 6. Oktober ist vor jeder Vorführung des Theater im Depot ein ausgewählter Kurzfilm zu sehen.

Festivals und Kurzfilme boomen! Aus den Kinosälen ist der Kurzfilm jedoch längst verschwunden ­ verdrängt von der Werbung. Die
Verbreitung von Kurzfilmen beschränkt sich meist auf Festivals, die durch ihren Eventcharakter Zuschauer anlocken. Oft kommen aber
auch die einzelnen Kurzfilme bei Festivals zu kurz. Zum einen heben sich die Kurzfilme mitunter in nicht immer glücklich
zusammengestellten Kurzfilmprogrammen gegenseitig auf, zum anderen gehen sie aufgrund der schieren Quantität der gezeigten Filme
unter. Wand 5, Veranstalter des Stuttgarter Filmwinter, kennt die Pros und Kontras von Festivals genau und schätzt auch weiterhin
gut kuratierte Kurzfilmprogramme. Mit der Initiative Ongoing-Festival möchte Wand 5 jedoch die Aufmerksamkeit auf die einzelnen
Arbeiten legen.

Ab Oktober 2005 sind Kurzfilme in Stuttgart an 365 Tagen im Jahr zu sehen. Basisstation des Ongoing-Festivals ist das Theater im
Depot, das Kurzfilme als Vorprogramm zu Theaterstücken zeigen wird. Die Kurzfilme im Theater im Depot werden thematisch ausgewählt
und beziehen sich auf die Themenblöcke "wert/arbeit", "sicher/freier" und "schneller/weiter".
An dessen spielfreien Tagen sind die Kurzfilme an unterschiedlichen Orten in Stuttgart zu sehen. Dazu gehören Clubs, Kneipen,
Kulturzentren, Galerien, aber auch Kinos. Natürlich ist auch vorstellbar, dass an mehreren Orten gleichzeitig unterschiedliche Filme
zu sehen sind. Im Prinzip wird die von den Nazis missbrauchte Idee der "Fernsehstuben" aufgegriffen, wie sie ja weiterhin bei der
übertragung von Fußballspielen oder anderen "Events", z. B. beim Eurovision-Song-Contest, üblich ist.

Die einzelnen Filme werden über die Website http://www.ongoing-festival.org angekündigt.

Ziel ist es auch, neue Verbreitungswege und Aufführungspraktiken zu erproben sowie ein neues Publikum für Kurzfilm zu finden. Der
Mikrokino- und Wohnzimmer-Gedanke als diskursiven und kommunikativen Ort für Film soll den neuen, schnellen und billigen
Produktionsweisen des digitalen Films entsprechen. Um die Kosten und den Aufwand möglichst niedrig zu halten, werden die Filme auf
VHS-Video bzw. DVD gezeigt. Durch die mittlerweile sehr günstigen Preise für Videobeamer ­ ein 3500 ANSI-Lumen-Beamer kostet heute
nicht mehr als 1.000 Euro ­ ist die Möglichkeit von Projektion überall gegeben. Im Bedarfsfall werden aber auch Zombiemedien wie
Super 8 und 16mm zum Einsatz kommen. Auf Wunsch können für Kinos auch 35mm-Kopien bereitgestellt werden. Dies bedeutet jedoch
zusätzliche Kosten (Transport, gesonderte Filmmiete...)

Das Ongoing-Festival wird über das Anmeldeformular des Stuttgarter Filmwinters sowie durch eine eigene Website an die Filmemacher
und Künstler adressiert. Durch die mehr als 1500 Einreichungen für den Stuttgarter Filmwinter pro Jahr besteht bereits ein
ausreichender Fundus an Beiträgen. Allein im Archiv des Stuttgarter Filmwinters befinden sich ca. 8000 Videos. So kann mitunter
relativ schnell thematisch reagiert werden. Der Großteil der Beiträge, die im Ongoing-Festival gezeigt werden sollen, besteht
allerdings aus aktuellen Einreichungen zum 19. Stuttgarter Filmwinter. Die Beiträge werden nach qualitativen und thematischen
Kriterien ausgewählt werden ­ wobei der Open Screening-Charakter durchaus eine Rolle spielt. Es ist geplant, dass die KünstlerInnen,
FilmemacherInnen und Produktionsfirmen mit einer geringen Film- bzw. Videomiete vergütet werden.


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