Von Ulrich Wegenast am 20. April 2004 um 17:08

Die Tödliche Doris

Wand 5 veranstaltet einen Stuttgarter Wanderzirkus mit den 80er
Jahre-Kultfilmen der Performance-, Musik-, Film- und Künstlergruppe Tödliche
Doris ­ vorgestellt von Martin Schmitz (Berlin).

Bereits heute abend (20.04., 19 Uhr) findet ein Dia-Vortrag von Wolfgang
Müller (Die Tödliche Doris, Walther von Goethe Foundation) an der Merz
Akademie statt.
Hier nun das komplette Programm:

Termine:
20.04.04: Ringvorlesung mit Wolfgang Müller "Wo hört die Natur auf und
beginnt die Kunst - Können Stare das Urheberrecht verletzen?", Merz
Akademie, Teckstr. 58, 19 Uhr
26.04.04: Die Tödliche Doris 1, Club Schocken, Hirschstr. 36, 22 Uhr
27.04.04: Die Tödliche Doris 2, Oberwelt, Reinsburgstr. 93, 19 Uhr
27.04.04: Die Tödliche Doris 3, Club Hi, Nadlerstr. 20, 22 Uhr
28.04.04: Die Tödliche Doris 1, Ciné Colibri, Alte Poststr. 3, 20 Uhr
29.04.04: Die Tödliche Doris 2, Filmhaus Stuttgart, Friedrichstr. 23 A, 19
Uhr
29.04.04: Die Tödliche Doris 3, Filmhaus Stuttgart, Friedrichstr. 23 A, 21
Uhr

Zur Ringvorlesung: Diavortrag von Wolfgang Müller

Wo hört die Natur auf und wo beginnt die Kunst?
Können Stare das Urheberrecht verletzen? Nachdem die Deutsche Telekom das
"T" ihres Firmenlogos und die Farbe Magenta unter Copyright gestellt hat,
zahlreiche "Erfinder" simpelster Wortkombinationen Abmahnungen an alle Welt
senden, um auf ihre Urheberrechte aufmerksam zu machen, stellt sich die
Frage, wie kann dieser absurde Vermarktungsprozess gestoppt werden. Was
können Künstler tun, um das die kreativen Energien einschränkende und
lähmende Urheberrecht zu überwinden?
In einem Diavortrag zeigt Wolfgang Müller Beispiele aus seiner
künstlerischen Praxis auf:
Die unsichtbare fünfte LP von "Die Tödliche Doris". Können Stare das
Urheberrecht verletzen? (Kurt Schwitters in Norwegen). Die Privatisierung
des isländischen Goethe-Institutes und seine rechtlichen Folgen.
Wolfgang Müller website: http://www.wolfgangmueller.net und
http://www.die-toedliche-doris.de

Zum Filmprogramm:

Das alles gab es also... Der Tod, die Doris und die 80er Jahre

Die 80er Jahre ­ unendliche Weiten! Immer noch und trotz mehr oder weniger
gelungener Aufarbeitung liegt dieses Jahrzehnt im Dunkeln. Viele Ideen und
Konzepte sind in Vergessenheit geraten oder werden heute ohne Bewußtsein für
die Ursprünge ausgewertet.
Im Zentrum der kulturellen Peripherie in den 80ern standen Die Tödliche
Doris, die mit ihren Super 8-Filmen, Trashkultur, aber auch Medienkunst und
Massenmedien maßgeblich beeinflußt haben. Ohne die Ideen der Doris hätte es
wohl die Aktionen eines Christoph Schlingensief, die Videos einer Pipilotti
Rist, die Trashmusik eines Helge Schneider oder Stereo Total, aber auch
manche eigenartige Fernsehshow nicht gegeben.
Zwischen Neue Deutsche Welle und Wilder Malerei haben Die Tödliche Doris
eine dritte Form etabliert, die Wolfgang Max Faust als "Cross Culture"
bezeichnet hat. Wenn man die Doris überhaupt irgendeiner Kategorie zuordnen
möchte, dann der Bewegung der "Genialen Dilletanten". Wolfgang Müller,
Mitglied der Gruppe, veröffentlichte 1982 den gleichnamigen Band im
Merve-Verlag mit Beiträgen u.a. von Blixa Bargeld.
Die Tödliche Doris waren aber kein theoretisches Manifest, sondern immer
ironischer Aktionismus. In den sieben Jahren ihres Bestehens ­ anscheinend,
so die Legende, wurde die Dauer der Existenz der Doris im Voraus festgelegt
­ trat die Gruppe u.a. in Tokyo, Amsterdam, Paris, Warschau, Budapest und
Villingen-Schwenningen auf. Sie waren Teilnehmer der documenta 8 in Kassel
und das MOMA in New York sowie das Musée d¹Art Moderne in Paris luden die
Gruppe zu Auftritten und Filmvorführungen ein. Das erste Open Air-Konzert
der Tödlichen Doris fand auf der Insel Helgoland statt. Ihre Konzerte waren
bizarr und unterhaltsam. So sangen die Doris-Mitglieder manche Konzerte mit
Kissen vor den Gesichtern, auf die die Textzeilen ihrer Lieder gestickt
waren.
Aber auch das filmische Werk auf Super 8 ist bizarr, radikal und zugleich
ironisch und wurde nun erstmalig in Gänze auf DVD veröffentlicht. Wand 5
zeigt in drei Programmen alle Filme der Gruppe um Müller, dem verstorbenen
Nikolaus Utermöhlen, Käthe Kruse, Chris Dreier und Dagmar Dimitroff.
So vielfältig die Medien waren, die Doris einsetzte, so vielfältig ist auch
das Filmprogramm: es reicht von abgefilmten Tapeten ­ eine subversive
Antwort auf den blutleeren strukturellen Experimentalfilm der 70er Jahre ­
bis hin zu trashigen Punkmovies. Die Doris verfilmte z.B. kurz nach dem
Heroin-Tod von Sid Vicious von den Sex Pistols dessen Leben mit dem
3-jährigen Oskar, Sohn der Schlagzeugerin Dagmar Dimitroff, und der
7-jährigen Angie als Nancy.
Viele Filme handeln von Banalitäten und Alltäglichkeiten. Einige Filme
dauerten nur wenige Sekunden. "Die Gesamtheit allen Lebens und alles
Darüberhinausgehene" ist nur zwei Sekunden lang und besteht aus 44 gemalten
Bildern.
Filmische Professionalität waren der Doris zuwider und sie propagierten das
Prinzip "Do It Yourself". Blickt man auf die heutige Underground-Digital
Video-Bewegung in Europa, aber auch in Ländern wie China, gehören die
Tödliche Doris zu den wichtigsten Vorläufern dieser Bewegung. Mit
zahlreichen Ausstellungen, Büchern und CD-Veröffentlichungen ist die DTD zu
dem geworden, was sie nie sein wollten oder mit dem sie immer kokettiert
haben: Kunst für die Ewigkeit.
Das Programm wird von Martin Schmitz vom Martin-Schmitz-Verlag aus Berlin
vorgestellt, der bereits mehrere Bücher von Der Tödlichen Doris und deren
Umfeld veröffentlicht hat.


Die Veranstaltung findet mit freundlicher Unterstützung von Feuersee
Software GmbH, Oberwelt e.V., Club Schocken, KOKI Stuttgart, Ciné Colibri
und der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg mbH, Abteilung
Filmförderung sowie in Zusammenarbeit mit der Merz Akademie statt.



Kontakt:
Wand 5 e.V., Friedrichstr. 23 A, 70174 Stuttgart, http://www.wand5.de
Ulrich Wegenast, T 0711-99 33 98-18, M 0171-1984 250,


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