Von Ulrich Wegenast am 03. November 2005 um 19:07

Hallo Beta-Citizens,

dieses Mal eine ausführliche Info.


Wand 5 zu Gast im Depot

Theater im Depot, Landhausstr. 188/1, Stuttgart-Ost

11. November, 22 Uhr: Berlin Super 80
12. November, 16-20 Uhr: AGZ-C64-Performance, 20 Uhr: Super 8-Filme der
Anarchistischen Gummizelle
14. November, Filmwinter-Preview (Open to the public: 21 Uhr)

Zombie-Medien-Wochenende

In einer erstmaligen Zusammenarbeit präsentiert Wand 5, Veranstalter des
Stuttgarter Filmwinter und des media-space, am 11. und 12. November ein
Zombie-Medien-Wochenende im Theater im Depot. Am 14. November findet dort
außerdem der Filmwinter-Previewabend statt.
Das Zombie-Medien-Wochenende beschäftigt sich mit totgeglaubten Medien, z.B.
Super 8 oder dem Commodore-Computer C64, die Teil des kulturellen
Bewußtseins ganzer Generationen wurden.
Zu sehen ist die Film-Kompilation BerlinSuper 80 mit den Vertretern der
deutschen Underground-Avantgarde der frühen 80er Jahren (Einstürzende
Neubauten, Notorische Reflexe, Malaria...). Zu Gast am 11. November sind
u.a. Frieder Butzmann mit einem speziellen Musikprogramm "Wir hören Musik,
Alle machen und/oder hören Musik..." und Wolfgang Müller (Die tödliche
Doris) mit einer Liveperformance. Das Filmprogramm umfasst Arbeiten von
Hormel & Bühler, Wolfgang Müller, Jörg Buttgereit u.a. Im Anschluss an
Performance, Musikeinlage und Filmprogramm legen DJ Thomas Pargmann sowie
lokale DJs auf.
Am 12. November gastiert die Künstler-Performance-Filmemacher-Gruppe "Die
Anarchistische Gummizelle", die in Düsseldorf in den 80er Jahren ihr Unwesen
trieb und mit ihren Aktionen nicht nur deutschlandweit für Aufsehen sorgte.
Der wilde Mix aus Super 8-Filmen, Musik- und Kunstaktionen war eine
Keimzelle für Entwicklungen in Sachen Trash, den Künstler wie Christoph
Schlingensief und Helge Schneider auf anderer Ebene wieder aufgriffen. Immer
noch legendär: Uli Sappoks (AGZ) Zeemanns Clubmagazin. Im Rahmen einer
Performance wird sich die AGZ dem mittlerweile zum Kultobjekt avancierten
Computer C64 widmen. Im Anschluss an die Performance präsentiert und
kommentiert die AGZ ihre Super 8-Filme.

Ausführliche Info:

Zombie-Medien-Wochenende (11.-12. November)
Was sind Zombie-Medien? Zombie-Medien sind Medien, die tot gesagt sind und
aus den Rastern der Verwertungsmechanismen der Medienindustrie gefallen
sind.
Dazu gehören Super 8-Film, frühe Video- und Computerspiele sowie alte
Videoformate wie Betamax oder Video 2000. Wieso aber sich mit Dead Media
auseinandersetzen? Zombie-Medien sind Träger kultureller Informationen, die
vom Verschwinden bedroht sind, da sie sich nicht auf den gängigen
(digitalen) Geräten abspielen lassen. Zombie-Medien sind weit mehr als
Medien. Sie beschwören vergangene Zeiten herauf, sind ein Ort des
Widerstands und lösen nostalgische Gefühle aus. Kein Wunder, daß sich viele
Künstler und Filmemacher z.B. Andy Warhol, Craig Baldwin, immer wieder mit
scheinbar verlorenen Medien und Informationen auseinandergesetzt und sie
wieder zum Leben erweckt haben. Nach wie vor gibt es eine sehr große Super
8-Gemeinde und die sog. Emulatoren für alte Computerspiele wie Frogger oder
Pong sind heißbegehrt.
Das Zombie-Medien-Wochende thematisiert die Sehnsucht nach diesen
verschollenen Medien, die uns oft in unserer Kindheit und Jugend umgeben
haben.
Zombie-Medien sind Teil der Low Tech- und Trash-Bewegung, der Melancholie
und Technologie verbindet.

Berlin Super 80 ­ Music & Film Underground West Berlin 1978-1984
11. November

22 Uhr Filmprogramm
Zu Gast: Frieder Butzmann und Wolfgang Müller (Die tödliche Doris)

Im Anschluß (ca. 24 Uhr): Party mit DJ Thomas Pargmann/Mauerstadtmusik und
lokalen Plattenauflegern (Herr Paukner, Jürgen Jankowitsch)

Ein Multimedia-Rückblick auf West-Berlins revolutionäre Subkultur zwischen
1978 und 1984. Erstmalig werden die Werke der Super 8-Film-Avantgarde dieser
Zeit dokumentiert und um die Musik und Kunst der Anarchisten, Aktivisten,
Punks und "Genialen Dilletanten" der Mauerstadt ergänzt. Zwischen
Kippenbergers SO 36 und dem Centre Pompidou. Authentisch, intensiv, radikal.
Zu sehen u.a. Super 8-Filme von Christoph Doering, Wolkenstein & Markgraf,
Notorische Reflexe, Jörg Buttgereit, Die tödliche Doris, Butzmann & Kiesel,
Manfred Jelinski, Klaus Beyer.

Im Anschluß an das Filmprogramm legt DJ Thomas Pargmann Musik aus dieser
untergegangenen Zeit zu Old School-Visuals (u.a. "Tapete" von Die tödliche
Doris) auf. Zu hören sind Perlen des Undergrounds, des Punks und der
Avantgarde der 80er Jahre mit Songs von Malaria, Christiane F., Sprung aus
den Wolken, Einstürzende Neubauten, Valie Export & Monsti Wiener, Frieder
Butzmann, DIN A Testbild.

Anarchistische Gummizelle (AGZ)
12. November

16-20 Uhr C 64. Performance mit der Anarchistischen Gummizelle
20 Uhr Super8-Filme von der Anarchistischen Gummizelle
offenes Ende mit der AGZ

"Der C64 ist ein alter Computer, den fast keiner mehr haben will (im
Gegensatz zur AGZ, die fast alle haben wollen). Früher, da war dieses
elektronische Präzisionswerkzeug zwar ganz jung, aber wir (die
AGZ-Mitglieder) waren trotzdem schon viel älter. Eigenartigerweise sieht der
C64 heute aber viel älter aus, als wir es je sein werden, obwohl wir doch
synchron gereift sein sollten. Sind wir (die AGZ-Mitglieder) nicht die
wahren Zombies? Und so haben wir Menschen uns an Gebrechen herangewagt, die
fast keiner haben will, und die die Verfallserscheinungen digitaler Systeme
in einem vergleichsweise milden
Licht erscheinen lassen: Hirnschäden, Dauerkurzschlüsse vonNervenbahnen,
Viren, Würmer usw. In einem umgebauten Straßenbahndepot werden wir nun vor
internationalem Publikum den Versuch wagen, sowohl unsere Beschwerden als
auch die des C64 wenigstens zu lindern, wenn nicht sogar mehr. Fachpfleger
und Wellnesskapazitäten werden sich dem C64 zuwenden und versuchen, seine
CPU wachzuküssen, und sie werden sich der zusammen weit über 200 Jahre alten
AGZ-Mitglieder annehmen und alle segensreichen Wirkungen jahrtausendealter
Heilkunst auf ihre alte Knochen lenken. Der aufmerksame Beobachter wird
erkennen, dass ein
übertragungsprozess stattfindet: blockierende Energien hier werden zu
pulsierenden Nullen und Einsen dort und umgekehrt. Dabei wird das von uns
gewünschte und vom Staatstheater realisierte, im Foyer aufgebaute antike
Amphitheater mit einem auf dessen Bühne aufgestellten Operationstisch für
den C64 und auf den Rängen befindlichen Anwendungen wie z.B. Dampfbad,
Rotlichtbezirk, einsatzbereiten Masseuren mit feuchtwarmen Handtüchern und
marmornen Tischen mit Bergen von
Weintraubendolden dafür Sorge tragen, dass das um diese symbolhafte Stätte
versammelte Publikum in die Lage versetzt wird, zu verstehen. Bei früheren,
ähnlichen Auftritten der AGZ kam es gelegentlich zu Spontanheilungen und
versetzten Bergen." (AGZ)

AGZ ­ eine Einschätzung
Die Anarchistische Gummizelle gehörten zu den interessantesten Film- und
Künstlergruppen der 80er Jahre. Nachdem sie Mitte der 90er Jahre ihre Arbeit
unterbrochen haben, sind sie in den letzten Jahren wieder aktiv geworden.
Gemeinsam mit "FIFS ­ Die Menschen" entwickelte die AGZ die Performance
"Emotionsdiktat oder: Die Entdeckung der Zweisamkeit" für den Filmwinter
2005 und erhielten hierfür den "Milla und Partner-Preis für Medien im Raum".
Die Kurzfilmtage Oberhausen widmeten der AGZ im Mai 2005 eine große
Retrospektive.
Die Arbeiten der AGZ sind subversiv und minimalistisch. Sie versuchen mit
einfachen Mitteln, Medien und Gesten die Zuschauer aus der Reserve zu locken
und in die Vorführungen einzubinden. Die AGZ hegen einen ausgesprochenen
Anti-Professionalismus und irritieren den Kino-gewohnten Zuschauer durch
ihre direkten, witzig-ironischen Performances und den Einsatz billiger
Projektionstechnik bis heute. Die Anarchistische Gummizelle ist "Expanded
Cinema" im besten Sinne.

AGZ ­ eine Chronologie
Die Anarchistische Gummizelle war eine Künstlergruppe, die 1980 von dem
Maler Bertram Jesdinsky (= 1992), Thorsten Ebeling und Uli Sappok im
Dunstkreis der Düsseldorfer Kunstakademie gegründet wurde. Später stießen
Otto Müller, Heinz Haussmann, Stefan Ettlinger und andere hinzu. Bald
entstanden die ersten Super 8-Filme, für die sie unterschiedliche Preise auf
Festivals einheimsten. Vorführungen der AGZ waren aber von Anfang an eher
Happenings und Performances als konventionelles Kino. Und wenn es Kino war ­
dann aktionistisches. So stürmten sie die 28. Kurzfilmtage Oberhausen und
überhängten das Plakat der Veranstalter mit dem Spruch "28. Rheumatage
Oberhausen". Häufig wurden zu den Vorführungen Speisen serviert z.B.
Fischstäbchen. In kürzester Zeit liefen ihre kleinen Super 8-Werke auf
Veranstaltungen in Paris, Brüssel, Wien. Zunehmend entwickelte die AGZ
eigenständige Performances wie die "Hägarperformance" für den 3. Osnabrücker
Experimental-Workshop. Ihre Mischung aus Humor, Aktionismus und
Anachronismus erfreute sich großer Beliebtheit und Filme wie "Pilgerstrom"
oder "Sonntagsspaziergang" gewannen diverse Preise. Die ersten Audioarbeiten
entstanden 1984, u.a. "Aumann, Stadtoberinsp." Erste Musikperformances
fanden unter dem Bandnamen "Dasn Wossm" (gemeinsam mit Thomas Struth und
Martin Honert) u.a. im Karlsruher Kunstverein statt und gemeinsam mit der
Gruppe "Der Plan" in Frankfurt. Auftritte in Tokio folgten. Ihr Filmprojekt
"One Shown ­ ein fragmentarisches Soziomusical" erhielt eine Filmförderung
der Stadt Düsseldorf. Auf Einladung von Heiner Goebbels entwickelten die AGZ
1985 für das Jazzfestival Moers das Konzept für das Projekt "Compilation".
In diesem Zusammenhang führte Bertram Jesdinsky erstmals seine
"Führerscheinentzugsperformance" auf. 1987 produziert die AGZ den Spielfilm
"An Molen solls nicht liegen", der u.a. in Antwerpen, Budapest, Florenz,
Paris aufgeführt wurde. Allerdings zeigte die Produktion, daß sich die AGZ
nicht als Filmunternehmen verstanden und das Projekt stieß an die Grenzen
der Realisierbarkeit und überforderte die AGZ-Mitglieder. Ab 1990
schlummerten die Aktivitäten der AGZ allmählich ein, wobei einzelne Personen
wie Ulrich Sappok (Arzt + Filmemacher) weiterhin kleine Filme produzierte
(z.B. "Tag ein ­ Tag aus" von 1991). Mitte der 90er Jahre kamen die AGZ
anläßlich der großen Retrospektive des inzwischen verstorbenen Bertram
Jesdinsky im Kunstmuseum Düsseldorft noch einmal zusammen. Ab 2002 nahmen
die Aktivitäten wieder zu. 2005 gewannen die AGZ gemeinsam mit FIFS ­ Die
Menschen den "Milla und Partner-Preis für Medien im Raum" beim Stuttgarter
Filmwinter, und die Kurzfilmtage Oberhausen widmete der AGZ eine große
Retrospektive.

Filmwinter-Preview
14. November

21 Uhr: Open to the Public

Bei der Filmwinter-Preview, die bislang im Club Hi, in der New York City
Dance School, im Rocker 33 und im Ciné Colibri stattfand, sind ausgewählte
Filme und Medienkunstarbeiten zu sehen, die später ­ beim Filmwinter 2006 ­
präsentiert werden. Die Film- und Medienpräsentation wird ergänzt durch
Ratespiele und Hintersinniges. Statistisches und Unterhaltsames befinden
sich hier in tiefem Einklang und die Gäste erhalten einen Vorgeschmack auf
den kommenden 19. Stuttgarter Filmwinter, der vom 19.-22. Januar im Filmhaus
und im Württembergischen Kunstverein stattfindet.

Ongoing-Festival
Oktober 2005 ­ Juni 2006

Ab dem 6. Oktober ist vor jeder Vorführung des Theater im Depot ein
ausgewählter Kurzfilm zu sehen.

Festivals und Kurzfilme boomen! Aus den Kinosälen ist der Kurzfilm jedoch
längst verschwunden ­ verdrängt von der Werbung. Die Verbreitung von
Kurzfilmen beschränkt sich meist auf Festivals, die durch ihren
Eventcharakter Zuschauer anlocken. Oft kommen aber auch die einzelnen
Kurzfilme bei Festivals zu kurz. Zum einen heben sich die Kurzfilme mitunter
in nicht immer glücklich zusammengestellten Kurzfilmprogrammen gegenseitig
auf, zum anderen gehen sie aufgrund der schieren Quantität der gezeigten
Filme unter. Wand 5, Veranstalter des Stuttgarter Filmwinter, kennt die Pros
und Kontras von Festivals genau und schätzt auch weiterhin gut kuratierte
Kurzfilmprogramme. Mit der Initiative Ongoing-Festival möchte Wand 5 jedoch
die Aufmerksamkeit auf die einzelnen Arbeiten legen.

Ab Oktober 2005 sind Kurzfilme in Stuttgart an 365 Tagen im Jahr zu sehen.
Basisstation des Ongoing-Festivals ist das Theater im Depot, das Kurzfilme
als Vorprogramm zu Theaterstücken zeigen wird. Die Kurzfilme im Theater im
Depot werden thematisch ausgewählt und beziehen sich auf die Themenblöcke
"wert/arbeit", "sicher/freier" und "schneller/weiter".
An dessen spielfreien Tagen sind die Kurzfilme an unterschiedlichen Orten in
Stuttgart zu sehen. Dazu gehören Clubs, Kneipen, Kulturzentren, Galerien,
aber auch Kinos. Natürlich ist auch vorstellbar, dass an mehreren Orten
gleichzeitig unterschiedliche Filme zu sehen sind. Im Prinzip wird die von
den Nazis missbrauchte Idee der "Fernsehstuben" aufgegriffen, wie sie ja
weiterhin bei der übertragung von Fußballspielen oder anderen "Events", z.
B. beim Eurovision-Song-Contest, üblich ist.

Die einzelnen Filme werden über die Website http://www.ongoing-festival.org
angekündigt.

Ziel ist es auch, neue Verbreitungswege und Aufführungspraktiken zu erproben
sowie ein neues Publikum für Kurzfilm zu finden. Der Mikrokino- und
Wohnzimmer-Gedanke als diskursiven und kommunikativen Ort für Film soll den
neuen, schnellen und billigen Produktionsweisen des digitalen Films
entsprechen. Um die Kosten und den Aufwand möglichst niedrig zu halten,
werden die Filme auf VHS-Video bzw. DVD gezeigt. Durch die mittlerweile sehr
günstigen Preise für Videobeamer ­ ein 3500 ANSI-Lumen-Beamer kostet heute
nicht mehr als 1.000 Euro ­ ist die Möglichkeit von Projektion überall
gegeben. Im Bedarfsfall werden aber auch Zombiemedien wie Super 8 und 16mm
zum Einsatz kommen. Auf Wunsch können für Kinos auch 35mm-Kopien
bereitgestellt werden. Dies bedeutet jedoch zusätzliche Kosten (Transport,
gesonderte Filmmiete...)

Das Ongoing-Festival wird über das Anmeldeformular des Stuttgarter
Filmwinters sowie durch eine eigene Website an die Filmemacher und Künstler
adressiert. Durch die mehr als 1500 Einreichungen für den Stuttgarter
Filmwinter pro Jahr besteht bereits ein ausreichender Fundus an Beiträgen.
Allein im Archiv des Stuttgarter Filmwinters befinden sich ca. 8000 Videos.
So kann mitunter relativ schnell thematisch reagiert werden. Der Großteil
der Beiträge, die im Ongoing-Festival gezeigt werden sollen, besteht
allerdings aus aktuellen Einreichungen zum 19. Stuttgarter Filmwinter. Die
Beiträge werden nach qualitativen und thematischen Kriterien ausgewählt ­
wobei der Open Screening-Charakter durchaus eine Rolle spielt.


Kontakt:
Wand 5 e.V. im Filmhaus
Friedrichstr. 23 A
70174 Stuttgart

T 0711-99 33 98-0
F 0711-99 33 98-10


http://www.wand5.de
http://www.ongoing-festival.org
http://www.filmwinter.de
http://www.media-space.org


LF.net Netzwerksysteme GmbH :: Internet Service Provider in Stuttgart

Mailingliste/Blog / Archiv