Documenta11 - das BETACITY-Testteam berichtet
Von Betacity am 11. Juni 2002 um 00:00
Wie benutzerfreundlich ist die Documenta11? BETACITY.DE hat sich in Kassel zum Eröffnungswochenende eingeloggt, das umfangreiche Angebot an Diskurs- und Reflektionsvorlagen gesichtet und stichprobenartig getestet.
Unsere Kriterien waren:
1) Benutzerfreundlichkeit
2) Aufbereitung des Contents
4) thematische Relevanz des Contents
5) Bewältigung von Medienbrüchen
6) Zugänglichkeit von Kontextinformationen (Plattformen1 – 4)
7) Verhältnismäßigkeit von Anspruch und realisiertem Angebot
Nachdem Madame Davids Team letztes Mal den großen Kehraus in Sachen naive Universalismen geleistet hat, dafür eine schlüssige und ansprechende Umsetzung gefunden hat, waren wir gespannt, wie Mr. Enwesors Team uns die komplexen Zusammenhänge und Sichtweisen auf die globale Multitude erschließen würde.
Unser Ergebnis vorweg: die Documenta11 ist beim Start noch in der Beta-Phase. Die ersten Documenta11-BesucherInnen sind offensichtlich auch die ersten Tester und müssen sich mit so manchen Unzulänglichkeiten herumschlagen, die durch die Inkompatibilität von Soft- und Hardware-Elementen verursacht werden. Aber wenn nicht BETACITY.DE, wer sonst sollte Verständnis dafür haben, dass es auch mal die Betaversion tut, dass inhaltliche Linien nicht unbedingt intuitiv spürbar gemacht werden müssen. Hauptsache die zentralen Features funktionieren – und das tun sie. Tröstlich ist der freundliche Support, auskunftfreudige und kompetente Guides und Guards, die schon auf einen hilfesuchenden Blick reagieren.
Zeit. Zeit ist nicht zuletzt wegen der vielen Videoarbeiten, bzw. der zeitlich-räumlichen Dramaturgie vieler Beiträge ein Problem. Zwischen 2 und 320 Minuten dauern die Beiträge. Nach der zehnten stickig dunklen Videobox gleitet der Blick gleich vorab auf den Waschzettel (anders kann die improvisierte Beschriftung der Beiträge nicht genannt werden). Leider wird die Auskunft über die Dauer einer Aufführung oftmals versäumt. Video-Beiträge, die einen angenehmen Zuschauerraum anbieten, haben entsprechend gute Chancen, den Publikumsstrom zum Verweilen zu bringen (Isaac Julien und Craigie Horsfield in der Binding Brauerei).
Widererwarten müssen keine Textwüsten durchquert werden. Trocken wird es lediglich in der Documenta-Halle bei Fareed Armalys Beitrag über das Palästina der Palästinenser: From/To. Immerhin warnen am Eingang bereits Kakteen vor dem sperrigen Inhalt. Mal ehrlich, wer folgt schon der letzten Verästelung einer Doku-Show innerhalb einer Megashow wie der Documenta? Wer soll sich das alles durchlesen, wenn nebenan schon der nächste Mikrokosmos wartet? Eine Ausstellung in der Ausstellung produziert Aufmerksamkeits-Konflikte.
GeschichtenerzählerInnen sind diesesmal sehr präsent. Aber Sie brauchen geneigte ZuhörerInnen. Nicht immer findet sich für ein Anliegen eine „good story“. Den Zuschauer bei der Stange halten ohne zu spektakeln? Einige dokumentarische Beiträge schaffen diesen Spagat. Am eindrucksvollsten das Archiv der Atlas Group, http://www.theatlasgroup.org . Auszüge daraus beleuchten exemplarisch die Bürgerkriegszeit im Libanon. Zum Beispiel veranschaulichen Notizblätter eines libanesischen Historikers den unsichtbaren Druck der Repression, subjektive Methoden der Geschichtsschreibung werden zum SChlüssel für das Verständnis einer offiziell totgeschwiegenen Epoche (Kulturbahnhof). Ebenso konnte die Tonbildschau "one genocide later" über den Genozid in Ruanda von Eyal Sivan (Fridericianum) und „Solid Sea, 2002“ von Multiplicity überzeugen (Kulturbahnhof).
Statt für jedes Video eine dunkle Gruft zu bauen, wäre für viele Videos auch eine andere Präsentationslösung zuträglich gewesen, wie sie auf der Manifesta realisiert wurde: In einer Halle werden mehrere Videos parallel gescreent, alle Screens in einer Richtung, ohne Ton. Dieser wird gezielt per Funk an die kopfhörertragenden BesucherInnen übertragen, so kann entspannt zwischen den Storys hin- und hergezappt werden. Niemand muß sich von zähen Erzählungen gegängelt fühlen, sondern kann sperrigen Inhalt an der langen Leine mitverfolgen.
Widerspruchslose Begeisterung innerhalb des BETACITY.DE-Testteams löste der Beitrag von Thomas Hirschhorn aus. Er realisierte das „Bataille Monument“ in der Kasseler Nordstadt, inmitten einer Wohnsiedlung mit hohen Migrantenanteil. Wer sich darunter eine jener ephemeren bastelligen Hirschhorn-Skulpturen vorstellt, liegt nicht falsch. Aber sein Projekt umfaßt weit mehr, eine komplette Infrastruktur: Bibliothek, Ausstellungsraum, Imbiss, TV-Studio, Haltestellen, Fahrdienst samt Fahrzeuge und Webcams fürs translokale Publikum. Dabei handelt es sich nicht um ein potemkinsches Dorf. Thomas Hirschhorn hat sich freigestellt, um über die gesamte 100tägige Ausstellungsdauer sein Projekt mit vielen HelferInnen aus dem Viertel zu betreuen. Darüber mehr im BETACITY.DE-Interview mit Thomas Hirschorn, das am 15. Juni folgen wird.
Zum Abschluß noch ein paar Bemerkungen zur Zugänglichkeit von Hintergrundinformationen. Das ist nicht gelungen. Nur wenige Beiträge geben den BesucherInnen die Möglichkeit das Thema zu vertiefen. Warum werden sowenig Kopien zum Mitnehmen angeboten? Der Kurzführer bezieht sich nicht durchgehend auf die gezeigte Arbeit.
Darüber hinaus: Warum werden die Ergebnisse der Plattformen1 – 4 in der Ausstellung (= Plattform5) nicht resümiert? Das ist schade. Auch online wird zu den Platformen1-4 wenig Aufbereitetes angeboten, nur Abstracts und Videomitschnitte, und die leider auch nur in einem Format (RealPlayer). Die Publikationen werden als Printversion verkauft, und nicht in digitaler Form bereitgestellt, schon gar nicht online. Sehr schade!
Die Website der Documenta11, http://www.documenta.de ,läßt für versierte AnwenderInnen einiges zu wünschen übrig. Nicht einmal eine Volltextsuche wurde eingerichtet. Im PDF-Ausstellungsplan klickt frau vergebens auf die Künster-Namen, um zur Detail-Information zu gelangen. Dies ist symptomatisch für eine Fehlstelle im Programm der Documenta11: Beiträge zu Netzwerkstrukturen, zur Medienpolitik, zur Softwarekultur und zu medienkulturellen Aspekten der Globalisierung sind die Ausnahme. Links ebenso, nicht einmal interne Links zur archivierten Version der documentaX-Website werden gesetzt. Ein Labor wie der Hybrid Workspace der documentaX sucht frau ebenfalls vergeblich. Dort wäre denn auch der bessere Ort für Projekte wie http://www.distributive-justice.com von Andreja Kuluncic und das Projekt „Webwalker version 1.3, 2001“ von http://www.tsunamii.net . Darin liegt die Chance für inoffizielle Treffpunkte wie das Haus Köberling, nur 7 Minuten zu Fuß vom Kulturbahhof entfert (http://www.haus-koebberling.de)- und Projekte wie "3dos"(http://www.n0name.de/3dos), das "Open Spaces" für workshops und Präsentationen öffnet.
Die Documenta11-Favoriten der BETACITY.DE Redaktion :
1) Thomas Hirschhorn http://www.hirschhorn.documenta.de
2) The Atlas Group Archiv http://www.theatlasgroup.org - super Website!
3) Shirin Neshat
interner Link zur Bildergalerie:
http://www.betacity.de/content/106.read
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