Von Jens Gebhart am 21. August 2003 um 00:00

Abseits zeitgeistiger Modetrends oder dem Willen zur Selbstinszenierung haben die Architekten Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal das Bauen als intelligenten Umgang mit einfachstem Materialaufwand zur Philosophie gemacht. Bei Einfamilien-und Reihenhäusern wie bei Großbauten folgt das Team aus Bordeaux dem Weg pragmatischer, kostensparender und doch poetischer Lösungen. Das Haus Latapie (Floirac, 1993), das buchstäblich in den Bäumen schwebende Ferienhaus in Lège (Cap-Ferret, 1998), das Café des Wiener Architekturzentrums (2001) oder das Palais de Tokyo (Paris, 2001) sind überzeugende Beispiele bedarfsorientierter Architektur.


Projekt 1:
Dieses Haus befindet sich in einem Vorort von Bordeau. Wir haben hier für ein Arbeiterpaar gebaut, die bei der SNCF arbeiten und vorher in typischen HLM - Gebäude wohnten. Sie hatten diesen Baugrund gefunden und gekauft und hatten mehrere Architekten um Vorschläge gebeten, waren aber mit diesen standartisierten Lösungen, die man ihnen vorschlug, nicht zufrieden. Durch das Architekturzentrum in Bordeau sind wir mit ihnen in Kontakt gekommen. Es ist sehr deutlich, dass sich in Frankreich aber auch anderen europäischen Ländern 1-Familien-Häuser um die Städte immer mehr ausbreiten und das 98 Prozent dieser Häuser extrem standartisiert sind. Sie sehen eigentlich alle mehr oder weniger gleich aus, mit einigen kleinen Abweichungen.
Unsere Zielsetzung war unter diesen Bedingungen mit diesem Budget etwas anderes zu machen, etwas besseres zu machen. Wir haben uns zuerst überlegt, was macht ein Haus schön, was macht es aus, dass man sich darin wohl fühlt und sehr schnell sind wir darauf gekommen, dass die Grösse sehr wichtig ist. Wir wollten auf jeden Fall ein grösseres Haus, als diese standartisierten 1-Familien-Häuser.
Dann haben wir über die Erwartungen gesprochen, was die Auftraggeber sich von diesem Haus erwarten - sie wollten nicht vom Aussenraum, von der Landschaft abgetrennt sein, dem Himmel nahe sein , d.h. es musste ein Haus sein das sehr hell und offen ist.

Wir haben uns dann überlegt, wie man mit diesem Budget und der Grösse etwas machen kann und haben schnell festgestellt, dass wir uns vom traditionellen Wohnungsbau entfernen mussten und sind auf die Suche gegangen im Bereich Industriebauten und landwirtschaftlichen Bauten um zu sehen welches dort die Baustrukturen sind, die man eventuell verwenden könnte. Das Haus ist in der Zwischenzeit 10 Jahre alt. Wir haben mit einer Metallstruktur gearbeitet, das Haus ist zum Garten hin völlig offen über die ganze Höhe. Die Gartenseite wurde mit einer Haut überzogen um es Wasserdicht zu machen, die man öffenen kann.
Für uns war das Projekt deswegen so interessant, weil wir uns aufgrund dieser wirtschaftlichen Zwänge überlegt haben, wie weit man geht bei der Infragestellung von ästhetischen Vorstellungen.

Das Konzept ist eigentlich ganz einfach: wir haben unten eine Wohnfläche von 120 qm, 60 Innen, eine Art Holzbox, die geschlossen und im Winter beheizt werden kann, und 60 qm Außen. Im Obergeschoss noch einmal 60 qm, insgesamt also 180 qm. Im Sommer kann man die Falttüren aufklappen und hat einen sehr großen, offene Raum. Ein anderer Aspekt war für uns wichtig: Bis wohin geht die Arbeit des Architekten, wann ist seine Arbeit zu Ende, d.h. wieviel Raum räumt man den Bewohnern ein, den Raum anzueignen und diesen zu verändern.

Wir schaunen uns also von Zeit zu Zeit an, wie dieses Haus verändert wird, was die Bewohner damit machen und wir stellten fest, dass das Haus immer in Bewegung ist, es verändert sich ständig und es gibt viel Freude. Das hat uns motiviert darüber nachzudenken was Luxus eigentlich ist und vielleicht ist Luxus gar nicht das Synonym von Reichtum.


Projekt 2
Dieses Gebäude gehört zur geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität von Grenoble in den französichen Alpen. Grenoble ist eine Stadt im Gebirge umgeben von hohen Bergen, wo oft die Wolken hängenbleiben und man manchmal tagelang keine Sonne sieht. Es war geplant rund 1500 Studenten in diesem Gebäude unterzubringen, kleinere und größere Hörsäle für die geisteswisschenschaftliche Fakultät.
Auch hier haben wir uns auf die Erfahrungen gestützt die wir mit dem vorangegangenen Einfamilienhaus gemacht haben, vor allem was die wirtschaftlichen Zwänge betrifft. Wir haben nach Konstruktionen gesucht, die es ermöglichen große Flächen zu überdachen z.B. mit Metallstrukturen mit einer großen Tragweite (10 x 10 m ), wie man sie von Parkhäusern kennt. Ein weiter wichtiger Aspekt ist das WIE. Wir kommen aus Bordeau, dort ist alles flach, es gibt das Meer, den Stand - in Grenoble sind überall Berge. Das faszinierte uns einerseits, andererseits machte es uns auch ein bisschen Angst. Wir hatten das Gefühl, dass die Berge diese Landschaft erdrücken und erschlagen. Deswegen wollten wir exotische Elemente mit hineinbringen. Wir haben die beiden Außenmauern aus einer Glashauskonstruktion gemacht. Auf der einen Seite in dem Glasshauszwischenraum wachsen Orchideen, auf der anderen Seite Bambus. Wir haben ein Gebäude in eine Landschaft hineingestellt und andererseits eine Landschaft ins Gebäude. Wir bauen etwas wo der Raum von Innen heraus gelesen wird. Den Glashauszwischenraum haben wir mit Gärtnern und Glashausspezialisten besprochen, die Systeme für Belüftung und Heizung und Wässerung entwickeln. Die Universität wollte eine maximale Automatisierung, damit hier keine Personalkosten für die Versorgung der Pflanzen entstehen. Dadurch mußten wir uns sehr stark mit der Glashaus - und Gartentechnologie auseinandersetzen.


Projekt 3
Der Leiter des Wiener Architekturzentrums hat uns gebeten ein Caféhaus in den ehemaligen kaiserlichen Stallungen im Museumsquartier in Wien zu gestalten. Wir waren zu Beginn sehr verwirrt, dass man uns fragte, die aus Frankreich kommen ein Caféhaus in Wien zu machen, gerade weil die Caféhaustradition in Wien sehr stark verwurzelt ist. Nach einiger Zeit der Verwirrtheit, entschieden wir uns mit dem gleichen Ansatz heranzugehen mit dem wir normalerweise arbeiten. Wir wollten ein exotisches Element hineinbringen, z.B. mit Bildern arbeiten und eine Reaktion auf das ganze Museumsquartier, wo ehrer schwere Gebäude sind, gestalten. Wir haben uns gedacht, den Raum den wir zur Verfügung haben, sind nur 150 qm und die Idee war einen Himmel in dieses Gewölbe hineinzubringen, ein blaues orientalisches Mosaik. Wir haben aus Büchern heraus ein marokanisches Mosaik vorgeschlagen und wollten dieses in Istanbul von Keramikern fertigen lassen. Es hat sich aber herausgestellt, dass es nicht möglich ist, weil die Technik ganz anders ist. Eine junge türkische Künstlerin hat uns dann dieses orientalische Mosaik entworfen.


Projekt 4
Wir wurden eingeladen zu einer Neugestaltung eines Platzes in Bordeau. Nach einigen Monaten Recherchearbeit, haben wir den Vorschlag gemacht, dass man dem Platz gar nichts hinzufügen muss. Wir haben auch erklärt, warum wir an diesem Platz nichts ändern wollen: Es war nicht aus einer Verweigerung heraus, sondern dass man nicht immer etwas hinzufügen muss, sondern dass Architektur auch darin besteht Existierendes zu erhalten. Weiterhin haben wir ein Paket von 10 Maßnahmen vorgeschlagen, die die Qualität des Platzes nicht verändert sollten, wie z.B eine regelmäßigere Straßenreinigung, ein wenig Verkehrsberuhigung, alles Maßnahmen, die nichts mit der Funktion des Platzes zu tun haben, sondern mit seiner Qualität. Die Präsentation hat natürlich einige Diskussionen ausgelöst.


Projekt 5
Hier ein Haus in der Umgebung von Bordeaux. Die Auftraggeber hatten ähnlich wie im ersten Projekt auch nur ein kleines Budget für ihr Haus. Die Gegend ist vollkommen flach, der Himmel nimmt sehr viel Platz ein und wir haben beschlossen Glashäuser aus der Landwirtschaft wiederzuverwenden, denn wir studieren ja schon sehr lange diese Glashäusersysteme und auch in ihrer Anwendung zum Wohnbau. Die eine Hälfte ist isoliert und kann beheizt werden und die andere ist das Glashaus. Wir finden die Glashäuser sehr interessant weil die Konstruktionen technologisch schon sehr ausgereift sind und vor allem klimatechnisch schon sehr gut funktionieren. Sie schaffen z.B. die Temperatur auf ein halbes Grad genau anzupassen und dadurch ein wirklich angenehmes Wohnklima zu schaffen. Die Lösungen der klassischen Architektur sind lange nicht so gut um die thermischen Probleme zu lösen. Die Klimatechnik haben wir so gelöst, dass die kalte Luft durch seitliche öffungen hineinefließen kann und die warme Luft weicht über die Dachfläche. Beim Bau von Glashäusern in der Landwirtschaft wird versucht immer leichtere und luftige Konstruktionen zu machen, weil jeder Schatten ein unregelmäßiges Wachstum der Pflanzen bedeutet. Einige Tage nachdem die Leute in das Haus übersiedelt sind, die sich von 50 auf 300 qm ausdehnen konnten, erzählte mir die Frau, dass ihr größter Luxus ein Bügeltisch von 4 qm ist, den man nicht ständig verräumen muss. Diese 300 qm Wohnfläche haben wir mit einem Budget von 75 bis 80 000 Euro geschafft. Die Bewohner haben sehr gut verstanden, wie man je nach Jahreszeit die Fassade öffnet um eine angenehme Raumtemperatur zu haben.


Projekt 6
Nach den Erfahrungen die wir mit dem Bau von Einfamilienhäusern gemacht haben, arbeiten wir momentan an einem Projekt größeren Maßstabs in Mulhausen im Elsass - sozialer Wohnbau. Es geht um eine Reihenhausanlage mit 12 Einheiten. Die Häuser befinden sich im Stadtzentrum.
Wir haben das Erdgeschoss traditionell gebaut und setzen darauf im ersten Geschoss ein Glashaus. Bei den 12 Parzellen haben wir variable Einheiten gemacht, so dass im Wechsel ein Haus ein grosses Erdgeschoss und ein kleines Obergeschoss hat oder ein kleines Erdgeschoss und ein grosses Obergeschoss. Es war uns ein Anliegen große Räume zu haben, die Fläche unserer Wohungen ist doppelt so groß, wie sie im sozialen Wohnbau vorgeschrieben ist: Hier z.B. eine 4-Zimmer Wohnung, die normalerweise 80-90 qm hat und bei uns sind es 200 qm. Es handelt sich um ein Projekt mit 60 Häusern, der Auftraggeber hat fünf Architekten beauftragt je 12 Häuser zu planen u. a. auch Jean Nouvel und andere bekannte Architekten. Der Auftrag war: etwas anders zu machen, was traditionell bei ein Familienhäusern üblich ist - Häuser für das 21 Jahrhuntert zu entwickeln, mit der einzigsten Bedingung, dass das Budget das für den sozialen Wohnbau vorgesehen ist, eingehalten wird. Es ist die Weiterführung einer Arbeitersiedlung wie sie vor 150 Jahren gebaut wurde.


Projekt 7
Das letzte Projekt das ich Ihnen zeigen möchte ist in Lège am Cap-Ferret in Frankreich. Es gibt dort eine ganz besondere Landschaft mit Sandstrand, Dünen und dem Blick aufs Meer. Normalerweise schlägt man ein paar Bäume um, bekommt dadurch eine Lichtung und setzt ein Haus darauf, was dazu führt, dass immer mehr Löcher in diesen Wäldern entstehen. Die Kunden die wir hier hatten, waren schon lange Eigentümer von dem Grundstück und erinnerten sich daran, wie sie als Kinder Baumhütten hier gebaut hatten und wollten, dass man das Grundstück nur sehr wenig verändert wird in Punkto Topographie und Vegetation. Wir haben uns entschieden keine Bäume zu fällen und auch keine Arbeiten zu machen die das Gelände verändern würde. Wir beschlossen das Haus auf Stelzen zu stellen damit die Bäume über das Haus hinaus wachsen können. Die Konstruktion ist eine Metallkonstruktion, das im Baukastenprinzip aus einzelnen Elementen zusammengesetzt wurde. Die Höhenunterschiede auf der Düne sind zwischen zwei und vier Metern. Die Unterseite und Seitenteile des Hauses sind mit Sonnenreflektoren verkleidet womit das Sonnenlicht aufgefangen wird. Die Hauptfassade öffnet sich zum Meer hinaus und auf den Seiten gibt es ein System mit Faltwänden und so kann man Ausblick auf den Wald haben. Die Pinien wachsen an mehreren Stellen durch das Haus hindurch. Hierfür haben wir ein System entwickelt, das die Bewegung der Bäume mitmacht. Es sind Gummimanschetten die dem Baum Spiel zur Bewegung lassen. Der Innenbereich ist sehr schlicht und mit einfache Materialen gestaltet, es handelt sich um ein Ferienhaus mit einem großen Wohnzimmer mit Küche und vier Schlafzimmern. In dieser Gegend ist der Grundstückpreis sehr teuer, das führte dazu dass die Bausumme ein Viertel des Grundstückpreises betrug. Wir haben bei diesem Projekt sehr eng mit Biologen zusammengearbeitet, die uns u.a. gesagt haben, dass das Außen und Innen kein Problem für die Bäume darstellen wird. Es ging uns darum achtsam mit der Landschaft umzugehen, ohne sie zu verletzen, eine Art ökonomie des Raumes.

Links:
Homepage Lacaton & Vassal
http://www.arcenreve.com/Pages/LacatonVassal.html
Ausstellung 2003: Lacaton & Vassal: Jenseits der Form, Architekturzentrum Wien
http://www.azw.at/event.php?event_id=316


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