Von Camillo Torrone am 05. November 2001 um 00:00


In Neumünster plazierte ein Künstler dreissig weisse Pakete an verschiedenen Stellen der Stadt. Mit dieser Aktion wollte er an seinem dreissigsten Geburtstag auf sich und seine Arbeit aufmerksam machen - und löste Anthrax-Grossalarm aus. Josef Bierbichler schreibt in seinem Buch „Verfluchtes Fleisch“ über das „Kindbleibenwollen“ als Produktionselement vieler Künstler: „Es gibt nichts Kinderfeindlicheres als diese alten Kinder, diese puren Kindheitsattributler, diese selbstfrohen Wackelpuddinge ohne Witz, die so penetrant unsere Aufmerksamkeit erzwingen wollen, rücksichtslos, bösartig, bewusstlos.“

Die „35. Internationale Messe für Moderne Kunst“ in Köln, die sich in diesem Jahr mit dem Titel „The ARTPOLE of the World“ schmückte und diesen Anspruch mit einem senkrecht nach oben weisenden, den Nachhimmel auslotenden Lichtkegel vor dem Haupteingang zum Ausdruck brachte, wartete mit einer Innovation auf: Die Besucher konnten in der Messehalle an kleinen Kiosken Speiseeis kaufen, mit Stil. Dieser Service bestimmte die Art Cologne nachhaltig. Ein Galerist auf die Frage, wie die Stimmung in diesem Jahr sei: Nun habe er zwanzig Jahre Kunstvermittlung auf dem Buckel, aber noch nie ein derart unsensibles Publikum erlebt. Mit Speiseeis würden die Kojen betreten und die Werke mit von den Schultern baumelnden Rucksäcken touchiert. Da frage er sich schon, wofür er all die Jahre gearbeitet habe.

Wenn man nun schon seit zwanzig Jahren die Art Cologne besucht, dann war es in diesem Jahr besonders anrührend zu sehen, wie die in all den Jahren dort vertretenen Galeristinnen und Galeristen gealtert sind. Ihr Gesichtsausdruck ist von borniert in verhärmt umgeschlagen. Viele sind vom exzessiven Lebensstil gezeichnet, die einen grau, die anderen fett, die dritten haben dank auszehrender Krankheiten ihr Gewicht halten können. Der Nachwuchs, meist junge Frauen, manchmal die Töchter, steht bereits mit dem ererbten blasierten Gesichtsausdruck zwischen den behängten Stellwänden. Jahr um Jahr, Generation um Generation.

Die junge Künstlergeneration macht lustige Sachen, und sie vermittelt zumindest den Eindruck, als sei sie dabei ganz unbeschwert. In einer Koje hat ein aufstrebendes Talent drei Reihen Diskothekenleuchten vertikal an die Wand montiert. Sie gehen irgendwie nach irgendeinem Rhythmus an und aus. Daneben hängt haptisches Bildmaterial, auf Holz in Gips perspektivisch geritzte und zart kolorierte Schriftzüge, z.B. „WHEN I´M SAD I CRY“ oder „LEAVE ME OR HEAL ME“ - irgendwie sieht es aus wie das, was wir früher in unsere Schulbänke schnitzten; darunter ist ein Paar Turnschuhe auf dem Boden plaziert, wie einfach so abgestreift und irgendwie liegen gelassen. Die Galerie hat einen Text dazu verfasst, der in diese an sich einfache Anordnung artistisch Abgründigkeit konstruiert: „...formuliert in seinen Arbeiten die vermeintliche Geschlossenheit der realen Welt. Die konzise Infragestellung einer Ganzheit des Systems deutet sich in einer inneren Gegensätzlichkeit der einzelnen Werke an. Durch Eingriffe versucht der Künstler, die Leidenschaft des Menschen für das Unnahbare, Unerreichte zu wecken. Er dekonstruiert einen Zufluchtsort. In dieser Transformation scheint sich eine Poetisierung der Sprachformen der Gegenwart abzuzeichnen. Das räumliche Kontinuum wird auf diese Weise arbiträr um weitere Dimensionen erweitert. Es entstehen Zwischenräume, die sich im realen Raum, jedoch für den Betrachter unsichtbar, fortzusetzen scheinen...“ So geht das über eine ganze, eng beschriebene Seite, ein Text wie ein Rezipient, laut Lexikon eine Glasglocke, die zu Versuchszwecken luftleer gepumpt werden kann. Ja, schauen Sie nach, da hat mich auch der Bierbichler draufgebracht.

Eine der schönsten performativen Arbeiten war nicht auf der Art Cologne, sondern auf dem Platz über der Kölner Philharmonie vor dem Museum Ludwig am Sonntag Nachmittag zu sehen und zu erleben. Um den Platz waren im Abstand von wenigen Metern Schilder aufgestellt mit einem Foto des menschenleeren Innenraums der Philharmonie, in dessen Mitte ein Flügel steht. Der Text forderte die Fussgänger auf, den Platz nicht zu überqueren, da Tritt- und Rollgeräusche im Saal den Konzertgenuss störten. Sechs städtische Angestellte, eingekleidet in einheitlich dunkelgrüne Wetterjacken, standen entlang der Beschilderung verteilt und wiesen die Passanten an, sich auf einem schmalen, durch die Schilder begrenzten Pfad am Rande des Platzes und an diesem vorbei zu den Treppen zu begeben, die zum Rheinufer führen. In der Konzertpause verschwanden die Angestellten, um sich aufzuwärmen, die Menschen flanierten über den Platz, vorbei an den Schildern, die durch ihre lapidare Präsenz an ästhetischer Kompetenz gewannen. Als der zweite Teil des Konzertes begann, postierten sich die Platzverweiser wieder und kanalisierten den Menschenstrom erneut. Die Passanten starrten im Vorübergehen auf den leeren Platz und sein polförmiges Zentrum.

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