Von Alexander Schikowski am 14. März 2011 um 18:33

MELDUNG ÜBER DIE PRESSE

Liebe Freunde,

am Jahrestag der ungarischen Revolution von 1848 gegen die
Habsburger, der gleichzeitig der Geburtstag der Pressefreiheit in
Ungarn, meiner Heimat, ist, möchte ich meine Worte an unsere Freunde
in der ganzen Welt richten.

Ich bedanke mich, dass es so viele Freunde Ungarns gibt, und ich sage
Danke, dass sie die geschwächte Demokratie in Ungarn dann doch nicht
ganz sterben lassen.

Für das, worum ich Sie jetzt bitte, werden die Machthaber und
besonders ihre Presse mich in meiner eigenen Heimat Landesverräter
nennen. Aber das ist nicht von Belang.

Ich ersuche die Journalisten der Welt, die Politiker, und jeden
einfachen Menschen, der weiß und versteht, was Demokratie bedeutet
und welche Rolle in ihr die Pressefreiheit spielt, dass sie mit allen
ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die ungarische Regierung und
die verkörperte Macht, Viktor Orbán, bloßstellen, bis die ungarische
Regierung das Pressegesetz zurückzieht und mit allen Betroffenen der
Medienwelt darüber verhandelt. Orbán muss einem nicht Leid tun: Er
macht mit jedem seiner geglaubten oder wirklichen Gegner noch
Schlimmeres. Mit Philosophen, Musikern, Theaterleuten, egal mit wem.
Machen Sie ihm klar, dass die Unterdrückung, die Vernichtung der
Presse nicht nur eine Vernichtung der universellen Bürgerrechte ist,
sondern auch lebensgefährlich: Ohne Presse und andere demokratische
Institutionen können Konflikte nicht friedlich gelöst werden. Die
ungarische Regierung wird sich, wenn sich das Blatt wendet, nicht
einem demokratischen Gegner gegenüber sehen, sondern furchtbarer
Gewalt. Deshalb ist es für uns, ist es von nationalem Interesse, dass
Europa und die politischen Kräfte der Welt nicht vor dieser scheinbar
inneren Angelegenheit Ungarns die Augen verschließen.

Ich ersuche jeden Entscheidungsträger der Welt: Wenn Sie unseren
Kampf unterstützen, achten bitte Sie darauf, dass das ungarische Volk
wirtschaftlich nicht noch mehr in Mitleidenschaft gezogen wird. Die
Pressefreiheit ist nicht so viel wert, dass wir mit Menschleben für
sie bezahlen; denn ein großer Teil der ungarischen Bevölkerung lebt
schon jetzt im Elend, Massen stehen am Rande von Hungerrevolten,
hunderte Menschen sind diesen Winter in ihren Häuser, Wohnungen
gestorben, allein deshalb, weil sie nichts zum Heizen hatten...

Ich bitte alle und jeden darum, nicht nur auf das Pressegesetz zu
achten, denn nicht nur damit kann man die gegnerische Presse
fertigmachen. Heute schon wird eine viel erfolgversprechendere
Methode angewandt: Man hat staatlichen Unternehmen und Ämtern
verboten, was vor der Machtübernahme Viktor Orbáns alltäglich war –,
dass sie auch in linken Zeitungen und Medien Anzeigen schalteten.

In der heutigen Atmosphäre der Angst bleiben sogar die Anzeigen von
privaten Firmen aus, denn sie wagen nicht zu inserieren, da die
Regierung sie leicht erpressen und ihnen Schwierigkeiten machen kann.
Daraus folgt, dass die linken Medien ihre Mitarbeiter nicht bezahlen
können, wenn doch, dann oft Monate später. Daraus folgt wiederum,
dass die Journalisten und andere Medienarbeiter ihre Rechnungen, ihre
Wohnungskredite nicht bezahlen können, und sie praktisch in der
ständigen Gefahr leben, nicht nur ihre Arbeit, sondern ihr gesamtes
Hab und Gut zu verlieren. Einfach nur, weil sie der Diktatur nicht
Diener sein wollen. Ich will nicht um Geld betteln, sondern Sie
bitten, Ihre Regierungen, NGOs, die europäischen Unternehmen und jene
aus Übersee darauf aufmerksam zu machen, dass sie, wenn sie die
Möglichkeit dazu haben, in den linken ungarischen Medien Anzeigen
schalten. Das ist fast so wichtig wie die Rücknahme des
Pressegesetzes. Denn es kann leicht sein, dass im Juli – von diesem
Zeitpunkt an kann die Regierung nämlich dieses hinterhältige Gesetz
mit aller Kraft anwenden –, es niemanden mehr geben wird, gegen den
man es einsetzen könnte.

Ich arbeite bei einer Tageszeitung, die seit 138 Jahren erscheint.
Seit der Gründung unserer Zeitung gab es kaum eine Zeit, in der man
sie nicht ruinieren, verbieten wollte, und in der sich ihre
Mitarbeiter schließlich irgendwie arrangieren mussten, weil es keine
andere Wahl gab.

Unsere Mitarbeiter wurden regelmäßig ihrer Existenz beraubt,
verprügelt, eingesperrt, manchmal einfach ermordet. Nicht nur im
Krieg, sondern auch in den sogenannten Friedenszeiten.

Jetzt ist Frieden. Und es schien, als würde alles in Ordnung sein:
Wir können in der bürgerlichen Freiheit der Europäischen Union arbeiten.

Wir haben uns geirrt. Wir schämen uns und bitten lieber Sie um Hilfe,
damit wir überleben können. Wir wollen nicht bei diktatorischen
Machthabern um unser bloßes Überleben betteln.



Iván Andrassew

Journalist, Publizist, Népszava, Republik Ungarn






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