Von Galerie Zukunftslabor am 11. November 2005 um 00:00

,,CHIMANSOMANSO’’ – Medienkunst gegen Aids

Ein Gespräch mit dem Medienkünstler Wolf Helzle und der Galeristin Juliane Spitta

Anfang Oktober reiste der Stuttgarter Medienkünstler auf Einladung des Zambia National Visual Arts Council (VAC) nach Sambia, um in der Hauptstadt Lusaka das deutsch-sambische Medienkunstprojekt ,,CHIMANSOMANSO’’ in den Dienst der Aidsbekämpfung zu stellen. Vom 16. bis 27. November stellt die Galerie Zukunftslabor die Arbeit ,,CHIMANSOMANSO’’ vor. Die Galeristin Juliane Spitta zeigt - erstmals in Deutschland - Filme, Projektionen und fotografische Arbeiten in denen Wolf Helzle seine Erlebnisse in Sambia verarbeitet und dokumentiert.

Der Begriff Chimansomanso bezeichnet Menschen, die beiläufig flirten und mit häufig wechselnden Partnern Sex haben, also Menschen, die sich ihre Verantwortung nicht bewusst machen. Ein Verhalten, das in einem Land mit einer HIV-Infizierungsrate von über 20 Prozent, lebensgefährlich ist und zur weiteren Ausbreitung der Immunschwäche führt. Herkömmliche Anti-Aidskampagnen sind - wie auch in Deutschland - meist erfolglos beim Durchbrechen des Teufelskreises aus Leichtsinn, Angst vor Stigmatisierung und Nicht-Wissen-Wollen.

Juliane Spitta: ,,Besonders bemerkenswert an diesem Projekt finde ich, dass Menschen in Sambia - das National Visual Arts Council - einen deutschen Medienkünstler zu einer Art Aidskampagne einladen. Weil man glaubt (hofft, wünscht…) dass Wolf Helzles Bilder dazu beitragen könnten, die Bilder in den ,,Köpfen’’ der Menschen zu verändern. Da jedes Verhalten sich auf innere Bilder gründet, wird sich ein Verhalten dauerhaft nur durch andere innere Bilder ändern. In Zambia scheint man das verstanden zu haben – und setzte mit „Chimansomanso“ auf eine Bildsprache, die weder sexuelles Verhalten thematisiert, noch die ohnehin wohlbekannten religiösen oder hygienischen Inhalte bewegt. Eine Bildsprache also, die mit der bislang in der Aidsaufklärung genutzten Bildsprache nichts zu tun hat und vielleicht eben aus diesem Grund wirkungsvoll sein kann…’’

Wie kam es zu dem Projekt?

Wolf Helzle: ,,Seit Jahren beschäftige ich mich in meiner Arbeit ,,… und ich bin ein Teil’’ mit der Frage, welche Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft besteht. Anfang 2004 habe ich meine Arbeit in Japan auf der Ogaki Biennale ausgestellt. Dort lernte ich den sambischen Künstler Chanda Mwenya kennen. Von Chanda stammt die Idee, mein Medienkunstprojekt ,,… und ich bin ein Teil’’ mit der Aids-Thematik zu verbinden. Daraus entstand dann das Chimansomanso-Projekt. Das HIV/Aids-Thema hat eben auch etwas zu tun mit dem Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft.’’

Spitta: ,,Wolf hat einmal geschrieben, das Projekt suche sich seine Leute - ich gehöre mit meiner Galerie dazu. „Chimansomanso“ passt sehr gut in mein Galerie-Konzept. Es ist zeitgenössische Kunst, die in einen „kunstfremden“ Kontext (in diesem Fall eine Aidskampagne) gestellt wird und dort zu etwas dient. Mit dieser Ausstellung hole ich sie wieder in den Kunstkontext - und sehe meine Galerie als Nahtstelle zwischen verschiedenen Kontexten von Kunst und Gesellschaft.’’

Nicht jedes Kunstprojekt eignet sich für eine wirkungsvolle Anti-Aids-Kampagne. Warum also die Medienkunst von Wolf Helzle?

Spitta: ,,Wolf Helzle fotografiert Menschen. Diese Portraits projiziert er auf große Flächen und lässt sie mit einem speziellen Echtzeit-Morphing fließend ineinander übergehen. Im Zusammenspiel mit dem Begriff Chimansomanso erhalten diese gemorphten Gesichter noch einmal eine ganz andere Aussagekraft.’’

Helzle: ,, Aids ist ein großes Problem in Sambia. Allein in einem einzigen Krankenhaus in Lusaka sterben täglich 50 Menschen. Man sieht kaum alte Menschen auf der Straße, da die durchschnittliche Lebenserwartung nur 47 Jahre beträgt.’’

Spitta: ,,Ich hätte in Sambia noch 4 Jahre, Wolf würde wohl bereits nicht mehr leben.’’

Helzle: ,, Ja, und obwohl das Thema ist überall präsent ist, breitet sich die Krankheit immer weiter aus.
Die Angst vor gesellschaftlicher Ausgrenzung verhindert, dass die Menschen sich testen lassen. Davor hat auch jeder Angst - aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Es ist daher nicht nur ein Problem des einzelnen, sondern auch des Ganzen. Jeder - egal ob positiv oder negativ - ist Teil des Problems.’’
Ist diese Botschaft angekommen?

Helzle: ,,Ja. Was mich in Afrika fasziniert hat, war, dass die Leute genau wissen wollten, was wir machen. Sie wollten, dass wir ihnen auf den Punkt genau erklärten, worum es ging: Erst dann haben Sie sich fotografieren lassen. So haben Chanda und ich zahllose Gespräche auf der Straße geführt und in Rundfunk und Fernsehen über das Projekt erzählt.’’

Spitta: ,,Das macht auch die Qualität der Bilder aus. Sie haben eine schöne Intensität, eine Intimität, weil die Menschen ihr Gesicht für dieses Projekt gegeben haben und dafür wirklich etwas von sich zeigen.’’

Woran scheitern herkömmliche Kampagnen zur Aidsbekämpfung?

Helzle: ,,Das kann ich wirklich nicht beantworten, ich bin da kein Spezialist. Ich glaube aber, dass mit dem ersten Foto unseres Planeten aus dem All 1963 ein Raum geschaffen wurde jenseits der vorhandenen Grenzen. Und dass in diesem Raum Lösungsmöglichkeiten vorhanden sind, welche es innerhalb der bekannten Grenzen nicht gibt. Wir sind eben als Teile der Weltbevölkerung verbunden auch mit den Leuten aus Sambia und nicht nur weil sie unsere finanzielle Hilfe benötigen. Wenn wir uns als Teil der Erdbevölkerung begreifen wollen, dann gehören eben alle anderen ebenso dazu; wir können uns eigentlich schon lange nicht mehr extrahieren.’’

Spitta: ,,Safer-Sex ist sicher noch die einzige Möglichkeit sich vor Ansteckung zu schützen. Die Frage ist jedoch: Warum befolgen die Menschen dies nicht? Kirchliche Moralpredigten sind hier offensichtlich ebenso wirkungsschwach wie medizinische Aufklärung oder das Verteilen von Kondomen. Die Arbeit von Wolf Helzle berührt mit ihrer Bildsprache eine Ebene jenseits von kirchlicher Moral oder hygienischer Vernunft – und vielleicht liegt darin eine Chance. Wenn ich mich als ein sechsmilliardstel der Menschheit fühlen kann – was diese Arbeit kommunizieren will – ich mich also als ein Glied der Menschenfamilie sehe UND empfinde - dann entsteht eine ganz andere Moralität. Dann bin ich verantwortlich.’’

Zehn Tage arbeiteten Sie in Afrika. Was hat sie auf Ihrer Reise nach Sambia am meisten beeindruckt?

Helzle: ,,Afrika ist nicht arm und wir sind reich. In wirtschaftlicher Hinsicht vielleicht, aber wir können so viel von den Leuten dort lernen. Sharing beispielsweise, die Fähigkeit zu Teilen, das ist ein Reichtum, den wir nicht in diesem Maße haben. Es ist für Chanda selbstverständlich zu teilen, wenn er etwas hat. Spaßeshalber habe ich zu ihm gesagt, dass ich ihn und die Sambier ab jetzt nur noch als ,,die Shareholder der Welt’’ bezeichnen werde. Sie müssten ihre Fähigkeit zu Teilen zu einem Exportartikel machen.’’

Weitere Informationen unter http://www.galerie-zukunftslabor.de


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