Von Camillo Torrone am 14. Februar 2001 um 00:00

Themensuche ist wirklich TIERisch anstrengend." So könnte eine klare, zielorientierte Themensuche aussehen. Das Interessante an "Big Nothing" ist, dass sich die Ausstellung gar nicht mit dem Nichts beschäftigt. Die Ausstellung bietet vielmehr eine ganze Fülle von Themen, Haltungen und Statements, die die Kunst der Moderne von Anbeginn ah!, etwa seit dem Grossen Nichts?) beschäftigt hat.

Es geht um Licht (Georg Herold, Gerhard Merz), Luft (Piero Manzoni), Duft (Katharina Fritsch), Magie und Mystik (Anna und Bernhard Johannes Blume), Modell und Welt (Thomas Demand), Zerstörungskunst (Gustav Metzger), die Widerlegung der Malerei durch die Malerei, die, solange sie sich der Malerei bedient, nicht widerlegt ist (Albert Oehlen), Tod (Paul Delvaux, Andy Warhol), Voyeurismus (Jennifer Bolande), Mehrwertschaffung durch Pedanterie (Hanne Darboven), Liebeskummer (Mathilde ter Heijne), Wissenschaftssimulation (Sabine Groß), um nur einige Positionen der 41 ausgestellten Künstler zu nennen.

Nachdem sich der Besucher nun fragt, ob die Ausstellung zeigen möchte, dass dies alles nichts ist oder dass das Nichts nicht existiert, beziehungsweise eben doch, entsprechend einem der üblichen Schaltkreise des menschlichen Hirns, das, wenn es "Gross" denkt, auch gleich "Klein" mit einbezieht, in das Weite das Nahe, in das Gute das Böse, in das Schlanke das Dicke ... STOPP, nicht so sorglos Ausstellungstitel verschwenden!

Bevor wir uns in Spekulationen übergeben, greifen wir zum Katalogbuch (246 Seiten, 38 DM), denn: "Unter Einfluss des Textes konstruiert die Vorstellung des Rezipienten seine Wahrnehmung dieses ,offenen' Ortes, die bis hinein in die Produktion unterschiedlicher emotionaler Zuständlichkeiten reicht."

Das ist eine gute Gelegenheit, das Copyright für meine neue Geschäftsidee eines übersetzungsservices für den Kunstbetrieb zu publizieren. Denn das Problem kunsthistorischer Texte ist allzu oft, dass die fabelhaften Erkenntnisse, die darin lanciert werden, durch unverständliche Terminologie einem breiten Publikum verlustig gehen. Und das ist schade.

Wir kennen die wohltuende Wirkung einer allgemein verständlichen Sprache ja bereits aus der katholischen Kirche, der die Gläubigen in grosser Zahl davonlaufen, seit sie von dem den meisten unverständlichen Latein auf die jeweilige Landessprache umgestiegen ist. Womit wir auf nicht allzu weiten Umwegen zum Grossen Nichts zurückgekehrt sind. Denn natürlich kommt bei "Big Nothing" die Religion ins Spiel. In der Ausstellung bleibt sie noch so dezent im Hintergrund, dass sie einem Ungläubigen wie mir auf eine äusserst wohltuende Art gar nicht aufgefallen war. Umso deutlicher wird im Katalogbuch die Kunsthistorikerin Gabriele Sorgo in ihrem Beitrag "Imitatio Christi: Askese und Schöpfungskraft". "Die asketischen christlichen Heiligen dienten und dienen Kunstschaffenden nicht nur als Vorbild für ihre Werke. Viele neuzeitliche Künstlerinnen und Künstler projizieren ihr eigenes Ich in die Figuren der verdienstvoll Leidenden. Sie stellen sich in die christliche Tradition der Bezeugung einer Wahrheit, für die sie nun ebenfalls mit ihrem Leben und nicht nur mit ihrem Werk Zeugnis ablegen wollen."

Ein fulminanter Beginn der mich zur weiteren Lektüre ermuntert. Sollte ich tatsächlich eine Enzyklika des Papstes zur modernen Kunst verpasst haben? Nichts davon in den letzten Ausgaben des "Osservatore Romano", die mir als treuem Abonnenten lückenlos vorliegen. "Gott hat die Welt geschaffen, wo vorher nichts war. Der Künstler hilft mit, das Neue zu inkarnieren oder inkarniert es im 20. Jahrhundert selbst. Daher kommen die Metaphern der Schwangerschaft und der Geburtswehen. Daher ist die Frau als Medium für Inspiration und als symbolische Leerstelle in den Künstlermythen ebenso wichtig wie die Triebhaftigkeit des Künstlers, die ihrerseits zum Zeichen seiner Potenz, zur Methapher für seine geniale Produktivität wird." Nein, diese Passagen entstammen keinem päpstlichen Bulletin.

Frau Sorgo, von der leider nichts weiter im Katalogbuch verzeichnet ist, als dass sie Kunsthistorikerin ist und die Publikationen "Gnosis und Wollust", Wien 1994 und "Martyrium und Pornografie", Düsseldorf 1997 herausgebracht hat, hat ihren Text im November 2000 beim Symposium zu "Big Nothing" vorgetragen. Umso ärgerlicher, dass ich damalsnicht vor Ort sein konnte, um das sanfte Zucken ihrer Mundwinkel wahrnehmen zu können, das mir verraten hätte, dass es sich bei ihrem Statement eigentlich um Ironie feinster Provenienz handelt. Im gedruckten Text weist nichts darauf hin. Oder liegt es an der Atmosphäre des Baden-Badener Cafés, in dem ich den Beitrag lese, dass ich der Ironie nicht auf die Spur komme, die irgendwo zwischen den Zeilen versteckt sein muss? Sehen die Menschen hier nicht alle aus, als würden sie aus den Lüftungsschlitzen der Klimaanlage mit farb- und geruchlosen, aber wirkungsvollen Schwaden von "Geriatron" eingenebelt, hat Gabriele Sorgo hier ihren Artikel verfasst und bin auch ich in eine pharmazeutische Versuchsanordnung geraten? "Wie der Priester im Weiheakt die Fleischwerdung Christi wiederholt, nimmt auch der Künstler die Rolle eines Geweihten oder Auserwählten gegenüber den Laien ein. Er steht an der Schwelle zwischen Wort und Fleisch."

Fleisch?

"In säkularen Zeiten übernehmen Kunstwerke die Aufgabe der Eucharistie: Sie sollen die Verknüpfung zwischen Welt und Sinn nicht nur repräsentieren, sondern auch sein. Aber hinter dieser Eucharistie stehen weiterhin Passion und Gottesdienst, steht Kampf um Ausdruck."

In diesem Sinne handelt es sich bei dem Text ganz eindeutig um Kunst. Hier wird ein Kampf zum Ausdruck gebracht, ja mehr noch: Gabriele Sorgo ist die Hohepriesterin einer neuen Sinngebungsmaschinerie. Ihr geistiges Flagellantentum weist den Weg zu einem kunsthistorisch legitimierten Okkultismus, der als Fundamental-Rebirthing unüberhörbare Akzente setzt. Zum Glück leben wir in aufgeklärten Zeiten.
artvictim


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