Von Camillo Torrone am 10. März 2002 um 00:00


Ein Bild ging Anfang März um die Welt: Auf ihm war der russische Präsident Wladimir Putin zu sehen - beim Töpfern! Welch entspannter Gesichtsausdruck! Das Rattenhafte ist gänzlich verschwunden, die „Déformation Professionnelle“ von einem seligen Lächeln vertrieben, entspannt greift der mächtigste Mann Russlands in einen auf der Töpferscheibe rotierenden feuchten Tonklumpen, den er in Windeseile in ein formschönes Schüsselchen verwandelt. Putin im Kreativworkshop - wer hätte laut zu träumen gewagt, dass im ehemaligen Reich des Bösen nun auch die Soft-Factors in den Regierungsalltag Einzug halten? Dem Präsidenten soll laut unbestätigten Informationen ein Kreativraum neben seinem Büro im Kreml eingerichtet worden sein, in dem ein internationaler Stab von Life-Balance-Coaches Tag und Nacht zur Verfügung steht. Es ist wahrhaftig eine Revolution: Vom wissenschaftlichen Kollektivismus zur Inspirations-Internationalen.

Immer mehr Führungspersönlichkeiten bekennen sich zu ihren geheimen kreativen Obsessionen. Vor einigen Tagen eröffnete der Chef des Energiekonzerns EnBW in seiner Firmenzentrale eine Fotokunst-Ausstellung sinngemäss wie folgt: Zum ersten Mal seien im Foyer seines Hauses Fotografien ausgestellt und keine Bilder [gemeint ist Malerei]. Als er dies gehört habe, habe er sich gefragt: Sind Fotos denn Kunst? Er selbst habe früher auch fotografiert, umso mehr, nachdem ihm ein Freund gesagt habe, er müsse nur ganz ganz viele Filme voll machen, dann käme schon was Gescheites dabei raus. Aus seinen Fotos sei nie Kunst geworden, ja auf die Idee, dass Fotografie überhaupt Kunst sein kann, sei er nie gekommen - bis heute. Immerhin, der Mann scheint doch partiell lernfähig zu sein, selbst wenn sein Konzern als einziger Stromerzeuger in Deutschland weiterhin den Ausstieg aus dem Atomausstieg fordert.

Was Kunst im Wirtschaftsleben alles bewirken kann, verdeutlicht eine Anekdote, die im Katalog zur eben in den Hamburger Deichtorhallen eröffneten Ausstellung Art&Economy abgedruckt ist. Einige Vorstandsvorsitzende grosser deutscher Unternehmen plauderten kürzlich auf einer Party angeregt über ihre privaten Kunstsammlungen. Einer der Herren war wenige Wochen zuvor - vom Galeristen persönlich (!) - dem Maler Georg Baselitz vorgestellt worden. Baselitz habe ihn als Erstes gefragt, ob er ein Werk von ihm besitze. Als er verneinte, habe der Künstler zu ihm gesagt: „Dann spreche ich auch nicht mit Ihnen.“ Und was tat der Konzernchef? Er war von dem selbstsicheren Auftreten des Künstlers, das jeder gängigen Verkaufstrainings-Strategie widerspricht, dermassen beeindruckt, dass er noch am selben Abend ein Baselitz-Gemälde kaufte.

Was lernen wir daraus? Künstler können einfach machen was sie wollen! - das ist es, was die Wirtschaftsführer an ihnen verehren: Sie sind die Inkarnation des Sehnsuchtbildes vom herrlichen Patriarchen, der keinen Shareholdern und keiner höheren Ethik verpflichtet ist, sondern nur sich selbst. Das ist es auch, was das Antlitz Putins, des Töpfers, erleuchtet: der Glanz der autonomen göttlichen Schöpfungskraft.
artvictim


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