Von Camillo Torrone am 06. April 2001 um 00:00


Der Medienpreis 2001 wurde am 3. April im ZKM Karlsruhe verliehen. Es war ein Abend, der sich durch seine wohltemperierte Balance zwischen ausgesuchter Promotion und tiefgründiger Themenvielfalt auszeichnet.

Dr. Thomas Hirschle, Präsident der Landesanstalt für Kommunikation, Baden-Württemberg und Auslober der diversen Preise-im-Preis für Private und nicht-kommerzielle Radio- und TV-Programme, begrüsste das Publikum und die zahlreich erschienenen Ehrengäste mit der eindringlichen Mahnung: Nur wer in den E-Medien präsent ist, ist präsent. Hirschle betonte besonders, dass es in diesem Jahr keine Gefälligkeitsprämierungen gab und der Medienpreis auf dem erreichten Niveau nicht stehen bleiben will.

Olaf Koch, Vice President DaimlerChrysler Corporate E-Bussiness, der eine nicht zu leugnende physiognomische ähnlichkeit mit Carsten Jancker hat, was zahlreiche Bayern-Fans im Publikum nachhaltig irritierte, führte in seinem fulminanten E-Dia-Vortrag in die mobilen Medien, beziehungsweise die Medienmobilität ein. Seine Ausführungen waren von einer solchen Selbstbegeisterung für die eigene Produktlinie getragen, dass ich die Essentials hier in einem szenischen Report wiedergeben möchte, um den LeserInnen etwas von der ungeheuren Aufbruchstimmung zu vermitteln, die bei DaimlerChrysler herrscht:

Slide! Das Horrorszenario des Börsencrashs fordert die Implementierung von New- und Old-Economie zur True-Economie. Daher müssen wir die Kunden für uns bemühen, roundabout. Slide! DCXNET vernetzt DaimlerChrysler über die Wertschöpfungskette. Be to be. Slide! Vehicle Bussiness hippt den Customer, roundabout. Slide! Das vernetzte Fahrzeug ist jetzt!: Börse, Sport, Nachrichten, Finanzen. Der in die Sonnenblende integrierte Screen interfaced den Beifahrer. Slide! Wenn Sie nach Japan schauen : 20 Millionen Kunden nach 20 Monaten... [Japan, ist das nicht das Land, in dem es inzwischen alltäglich ist, dass E-Bussiness-Verlierer ihre Familie ins Auto packen und sich in einen Fluss stürzen zwecks Ertrinkens? Meine Empfehlung für alle StartUp-Geschädigten: http://www.fuckedcompany.com] ...Das System führt Sie hin, es weiss, wo Sie sind. Slide! Mobile Endgeräte wandern ins Fahrzeug - und immer noch ist das Raumangebot atemberaubend. Slide! Dies sind alles Trends, die nicht aufzuhalten sind. Der Internetzugang im PKW ist natürlich nicht dem Fahrer zugänglich. Wir wollen ihn ja nicht vom Fahren abhalten.Unser Haus hat einen Premiumanspruch. Slide! Mobilitätsdienste sind Premiumdienste. Slide! Wir sind aus der Kundenperspektive getrieben. Magnum! Slide! Seit über 3000 Jahren verstehen wir die Wünsche unserer Kunden. Slide! Das Portal DaimlerChrysler - damit auch ihre Wünsche in Erfüllung gehen. Für spontane Entscheidungen. Slide! Roundabout!

Damit war der WinWin-Abend eröffnet. Susanne Stichler, die im ZDF die fantastische Erfolgssendung „Volle Kanne, Susanne“ moderiert, führte durch den Abend. Angel und Charlie gewannen den Preis in der Kategorie Moderation. Sie haben mit „Drive und Witz ihre Zielgruppe in Schwung gebracht“. Die sass offensichtlich in organgefarbenen T-Shirts im Publikum und jubelte ihren Lieblingen zu. „Lieber Shit reden als Shit rauchen!“, lautet das Motto von Angel und Charlie. „Wie seid ihr auf das Thema gekommen?“ „Es hat sich so ergeben.“ „Ich hab´es inzwischen Gott sei Dank nicht mehr nötig, zu schleimen!“ „Ich bin schon froh, wenn mir überhaupt was in den Kopf reinschiesst.“ „Wie hält man das durch?“ „Keine Ahnung, es ist einfach endgeil.“

Danach begann der besinnliche Teil des Abends mit einem Preis für den Bericht über den ersten Internet-Friedhof mit HTML-Blumenschmuck. 100.000 Web-Friedhofsurfer. „Trotz Stress mit den Toten denkt man über die Zukunft nach.“ Der Preisträger bedankt sich: „Es macht einfach Spass, wenn man gefördert wird.“ Der nächste Preis ging an die Spenden-Aktion „Kinder unterm Regenbogen“. Nun gut, man kann darüber streiten, ob es eine so irrsinnig einfallsreiche und damit preiswürdige Idee ist, vor Weihnachten mit einem klassischen Tränendrüsen-Konzept Zuhörer gewinnen zu wollen. „Aber es geht ja nicht um uns, es geht um die Kinder.“ Die mit Spendengeldern zum Beispiel nach Florida fahren können, um dort von Delfinen therapiert zu werden: „Man weiss, wie die Tiere auf die Kinder wirken - und man fühlt sich danach einfach besser.“

Weitere Preise erhielten die Kampagne „Aktion 12. Mann“, die den KSC nicht vor dem Abstieg in die Regionalliga retten konnte, und Berichte über Stromsparen und Rammelkammern - „Als ich Rammelkammer hörte, fühlte ich mich gleich inspiriert!“ - für Borkenkäfer. Zum „Millenniumsprojekt“, eine Auszeichnung, die, wie der Name schon sagt, nur alle 1000 Jahre vergeben wird, wurde ein Bericht über AIDS im Rhein-Neckar-Kreis gekürt. TV-Trailer des Jahres wurde der Slogan „Bei uns sind sie immer drin“. Die beiden letzten Preise gingen an einen TV-Bericht über das 100-jährige Jubiläum der Tälesbahn zwischen Nürtingen und Neuffen und über Zwangsarbeiter in Mannheim.

Medienmobilität und Zwangarbeiter, so sah der gelungene WinWin-Spagat des Abends aus, der mit einem Büffet ausgesuchter Köstlichkeiten aus der italienischen Küche und spanischem Rotwein abgerundet wurde. Tatsächlich lag das Niveau der ausgezeichneten Beiträge höher als im vergangenen Jahr. Ob uns allerdings von der diesjährigen Preisverleihung ein ähnlich humoristisches Feuerwerk wie aus dem Jahr 2000 in Erinnerung bleiben wird, darf bezweifelt werden. Damals wurde ein Beitrag über einen Amokläufer in einem Heilbronner Krankenhaus ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung entspann sich folgender Dialog zwischen Moderator und Autor:
M: „Wie kam der Mann dazu, sowas zu machen?“
A: „Seine Frau war in der Klinik operiert worden, leider ohne Erfolg.“
M: „Das kann man ja dann verstehen.“
A: „Eigentlich wollte er den Chefarzt töten, der seine Frau operiert
hatte. Den hat er aber nicht gefunden. Also erschoss er die Oberärztin.“
M: „Was´n Glück!“
artvictim


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