Von Karin Hinterleitner am 18. Januar 2001 um 00:00

Eric Kluitenberg ist Medientheoretiker und Programmmacher für neue Medien am http://www.balie.nl">Balie, dem Amsterdamer Zentrum für Kultur und Politik. Seit Jahren arbeitet er mit der digitalen Avantgarde - Künstlergruppen wie RTMark, etoy, usw.. Neben dem Mitbegründer De Digitale Stad Geert Lovink und anderen Netzaktivisten verhalf er Amsterdam zu einem legendären Ruf in Sachen Netzkultur. Am http://www.filmwinter.de">14. Stuttgarter Filmwinter referierte Eric Kluitenberg über die Mystifikation der New Economy und des Internets. BETACITY.DE sprach mit ihm über seine Arbeit am Balie und die Probleme der digitalen Avantgarde. Das Gespräch führte Karin Hinterleitner im Januar 2001 beim Stuttgarter Filmwinter.

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?Eric, du arbeitest als Kurator im DeBalie in Amsterdam. Verstehst du dich als cultural broker?

Eric Kluitenberg:
Als cultural broker möchte ich mich keinesfalls bezeichnen. Das ist ein Begriff, der zur ökonomisierung von Kunst und Kultur hinführt. Zudem arbeite ja auch nicht für irgendeinen Kunstmarkt, sondern mir geht es zum einen um eine kritische Praxis.

?Wie sieht deine Arbeit im Balie aus?

Ich bewege mich in zwei Arbeitsfeldern, die sich auf eine geradezu natürliche Weise ergänzen. Einerseits kritisiere ich bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen auf einer diskursiven Ebene und versuche andererseits auf eine positive Weise gesellschaftlich zu handeln, d.h. Kontexte zu schaffen, in denen andere ihre Ideen verfolgen können.

Das Balie bietet eine einzigartige Arbeitsumgebung. Ich kann das sagen, da ich in den letzten Jahren in unterschiedlichsten Institutionen gearbeitet habe. In Holland gibt es kein zweites Zentrum für Kultur und Politik und auch im Ausland kenne ich kaum Vorbilder, die einen vergleichbaren Ansatz verfolgen: Es gibt eine Redaktion für kulturelle Themen - Theater, Kino und neue Medien - und eine für politische Themen - Wirtschaftpolitik, Flüchtlingsfragen, Migration, internationale Politik. Alle Veranstaltungen finden im gleichen Gebäude statt, indem auch Veranstaltungsprogramme wie z.B. über holländische Gegenwartsliteratur angeboten werden.

Zudem hat das International Documentary Filmfestival sein Büro im Balie, das auch gleichzeitig der Hauptveranstaltungsort des Festivals ist. Auch die Organisation Press Now, die unabhängige Medien im Balkan unterstützt, hat hier lange Jahre gearbeitet. In dieser Mischung mit externen Veranstaltern, die unser eigenes Programm thematisch ergänzen, ist das Balie eine spannende Plattform für Mainstream- und Underground-Kultur, für Mainstream-Politik und die jeweiligen Gegenbewegungen, ebenso für Leute die überhaupt nicht politisch organisiert sind. Das Balie ist also ein Treffpunkt für die traditionell holländische Kultur ebenso wie für die zunehmend wichtiger werdende internationale Kultur in der Stadt Amsterdam. Dieser Umstand gewinnt vor dem Hintergrund an Bedeutung, dass in der Stadt 50 Prozent der Bevölkerung nicht mehr holländisch ist.

?Das Balie ist bekannt für seine Veranstaltungen zur Entwicklung der neuen Medien und den Konferenzen zur Kritik an der New Economy, wie http://net.congestion.org/">net.congestion und http://www.balie.nl/tulipomania/">tulipomania. Welches sind die Kernpunkte Eurer Kritik?

Nun wir setzten uns den derzeit dominanten Privatisierungs- und Liberalisierung-Tendenzen in bestimmten Bereichen des gesellschaftlichen und politischen Diskurs entgegen - nämlich dort, wo sie nach unserer Meinung keinen Platz haben - insbesondere in der Kultur. In diesem Sinne ist die Organisation deutlich links, wenn auch nicht marxistisch orientiert. Wir suchen dabei das Gespräch mit politischen Bewegungen, die andere Positionen vertreten und die im übrigen unsere Einladungen auch annehmen.

?Das Balie pflegt offensichtlich als eine der wenigen mir bekannten Kultur-Institutionen einen Austausch mit Initiativen vom Balkan. Wie sieht euer Engagement im einzelnen aus, z. B. bei der Kampagne zur Unterstützung des Radiosenders B92, die während des Bosnienkriegs die Weltöffentlichkeit erreicht?

Die Internet-Kampagne http://helpb92.xs4all.nl/">Help B92 wurde von einer Gruppe von Organisationen unterstützt. Die wichtigsten waren der Provider http://www.xs4all.nl/">XS4ALL, das Community-Netz http://home.dds.nl/">De Digitale Stad und das Balie.

Nachdem die Studios in Belgrad von den jugoslawischen Behörden geschlossen, die Sendeeinrichtungen beschlagnahmt und Radio B92 die terrestrische Sendelizenz entzogen worden war, wurde im Balie die Kampagnen-Zentrale eingerichtet. Bereits lange vor diesem Zeitpunkt hatte Radio B92 seine Infrastruktur, die mit dem Internet verbunden war, auf einem Server nach Amsterdam auslagert. Seit Jahren bestand eine gesicherte Leitung von Belgrad direkt nach Amsterdam, von Amsterdam weiter nach London und über BBC Satelliten wieder zurück nach Jugoslawien. Auf diesem Weg sicherte Radio B92 seine lokale Sendemöglichkeit in Belgrad, unabhängig von terrestrischen Frequenzen über die das Milosevic-Regime verfügte. Das war nicht geheim und auch in Serbien legalisiert. Selbstverständlich hat Radio B92 diese Genehmigung von den Milosevic-Behörden nur bekommen können, weil dort nicht verstanden wurde, wie damit die eigenen Kontrollmöglichkeiten ausgeschaltet waren: Nach der gewaltsamen Schließung des Senders in Belgrad wurde eine zweite Redaktion für Amsterdam berufen. Im Balie wurden die Meldungen der im Untergrund arbeitenden Belgrader Redaktion veröffentlicht.

Solche Kampagnen können eine ungeheure Dynamik entwickeln. Ich finde vergleichbare Interventionen spannend, bei denen sich ästhetische Strategien mit politischen Intentionen überschneiden, sowie bei http://www.rtmark.com">RTMark oder beim http://www.gatt.org">WTO-Hack . Gleichzeitig ist diese Verknüpfung auch problematisch, gerade wegen ihrer Auswirkung auf sozio-politische Ereignisse. Damit unterliegen die Akteure genau jener ethischen Verantwortlichkeit, von der die Moderne die ästhetisch künstlerische Domäne weitgehend freigesprochen hat.

Ja, bei der Kampagne gab es durchaus auch kritische Aspekte. Zum Beispiel konnten wir damals die Nachrichten von der Belgrader Redaktion nicht überprüfen. Niemand konnte garantieren, dass diese Beiträge nicht ebenso propagandistisch eingefärbt waren, wie die Berichterstattung der Milosevic-Regierung. Keiner hatte damals am Kriegsschauplatz den überblick, es gab ein Informations-Vakuum. Radio B92 war in den kriegsentscheidenden Phasen das einzige unabhängige Medium in Jugoslawien. Damit hatte die Kampagne Help B92 mittelbar einen Einfluss auf den Kriegsverlauf. Es zeigte sich nach Kriegsende, dass zuviel Tote bei Massakern gemeldet wurden. Aber gerade solche Meldungen von Radio B92 legitimierten das Nato-Bombardement, dem wir und große Teile der Opposition nicht zustimmen konnten. Insgesamt kann ich die Kampagne dennoch positiv bewerten, weil Radio B92 auch nach dem Krieg eine wichtige Rolle in der Opposition einnahm.

Nun wirkt eine Kampagne wie Help B92durch ihren unmittelbaren politischen und gesellschaftlichen Effekt auf einer greifbaren Ebene, aber es gibt eine zweite mittelbare und nicht weniger ambivalente Ebene der ästhetisierung des politischen Diskurses. Zum einen gibt es die Inszenierung von Politik als Kunst, wie sie in Deutschland historisch sehr deutlich besetzt ist, und die ich hier nicht näher ausführen muss. Zum anderen können mit ästhetischen Verfremdungsstrategien wichtige gesellschaftspolitische Fragen neu aufgeworfen und definiert werden. Dadurch wird die Diskussion auf die dahinterstehenden Wertverhältnisse geöffnet. Ich halte die zweite Ebene, also die ästhetisierung des politischen Diskurs für die größere Aufgabe, wenngleich ich diesen Bereich thematisch auch noch nicht zu Ende gedacht habe.

?Erfolgreiches kulturpolitisches Engagement zeichnet sich gerade darin aus, Trends zu setzten und Entwicklungen mitzubestimmen. Das Balie bzw. die Amsterdamer Szene besetzt Netzkultur-Themen und ist damit auf dem Markt der Meinungen sehr präsent. Mit meiner Eingangsfrage spielte ich auch auf deine Rolle in diesem "Diskurs-Markt" an?

Ja, es gab z.B. bei net.congestion, dem Festival zum Thema Streaming Media, das wir auf taktische Medienstrategien und unabhängige Gruppen ausrichteten, Kritik aus dieser Richtung. Armin Medosch machte in Telepolis damals eine http://www.heise.de/tp/deutsch/html/result.xhtml?url=/tp/deutsch/inhalt/konf/357">Vorbesprechung. Er kritisiert darin, dass die Veranstaltung das Thema Streaming Media zu sehr mit sozialer und politischer Problematik nach Art des "Amsterdamer Diskurs" besetzten würde. Wir wollten eben nicht nur ein Spaß-Festival, bei dem wichtige Fragen nach dem Einfluß auf die freie Meinungsäußerung und die Unabhängigkeit der Medien ausgeschlossen würden. Ich halte die damalige Kritik in Telepolis für berechtigt, da die Gefahr einer "Diskurs-Hegemonie" existiert und es wichtig ist, Gegenakzente zu setzten. Jedoch wäre es noch besser gewesen, wenn Armin Medosch aktiv die Diskussion auf unserer für das Festival eingerichteten Mailingliste gesucht hätte, denn auch solche Fragen wurden während des Festivals ständig diskutiert.

Eric Kluitenberg,
E-Mail:

Links

http://www.balie.nl">Balie
http://helpb92.xs4all.nl/">Help B92
http://net.congestion.org/">net.congestion
http://helpb92.xs4all.nl/">
http://www.balie.nl/tulipomania/">tulipomania-website


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