Von Künstlerhaus Stuttgart am 14. Mai 2009 um 10:56


COME IN, FRIENDS, THE HOUSE IS YOURS! FILMREIHE

Ausgehend vom Wiederaufbau Westdeutschlands nach 1945 reflektiert die
Filmreihe zu "Come in, friends, the house is yours!" die Möglichkeiten und
Grenzen demokratischen Lernens, Denkens und Handelns unter
marktwirtschaftlichen Bedingungen. Das Künstlerhaus Stuttgart zeigt zwei
modifizierte Programme der Reihe, die Florian Wüst für die Kinemathek
Karlsruhe kuratiert hat. Moderner Städtebau, bürgerschaftliche Selbsthilfe
sowie Schul- und Erwachsenenbildung stellen die inhaltlichen Schwerpunkte
der Auswahl an überwiegend historischen Re-education-, Dokumentar- und
Animationsfilmen dar.

Donnerstag, 14. Mai 2009, 19 Uhr
KURZFILMPROGRAMM: SELBST IST DER MENSCH
Mit einer Einführung von Florian Wüst

New Town
John Halas & Joy Batchelor, UK 1948, 8'

Nach 1945 wurden in England dutzende neue Siedlungen gebaut, um die
Überbevölkerung der Innenstädte zu vermindern und Ersatz für die im Krieg
beschädigten oder zerstörten Häuser und Wohnungen zu schaffen. Der von John
Halas & Joy Batchelor produzierte Animationsfilm New Town folgt dem
Durchschnittsbürger Charley. Dieser führt das ungesunde Leben und Arbeiten
in den alten Industriemetropolen vor, dementgegen die funktionale Stadt eine
glücklichere Zukunft bietet: offene Grünflächen, durchmischte Wohnsiedlungen
und Stadtteilzentren bilden die planerischen Grundlagen moderner
Lebensbedingungen.
Leihgeber: British Film Institute, London

Jedermann ein Fußgänger
Willi Prager, Produktion: Zeit im Film, BRD 1950, 13'

Das steigende Verkehrsaufkommen in den westdeutschen Städten wurde bereits
Anfang der 1950er Jahre zu einem Problem, die Unfallkurve ging steil nach
oben. Der Re-education-Film Jedermann ein Fußgänger zeigt, dass es nicht nur
an der Polizei ist, sondern ebenso der Mitarbeit und des
Verantwortungsbewusstseins der einzelnen Bürger bedarf, um der Lage Herr zu
werden. Als Beispiel wird das Stuttgarter Verkehrsparlament angeführt, in
dem Autofahrer und Fußgänger, Anwohner, Gewerbetreibende und Vertreter der
Stadt zusammenkommen, "um gemeinsam die Probleme zu diskutieren, alle
Meinungen zu hören und dann die beste Lösung zu finden." So wird im Film die
Anregung zu konkreten Massnahmen - Begradigung der Straßenführung,
Anbringung von Spiegeln an unübersichtlichen Kurven, etc. - mit der
Darstellung demokratischer Entscheidungsfindung in öffentlichen Belangen
verbunden.
Leihgeber: Kinemathek Hamburg

Und was meinen Sie dazu?
Eva Kroll, Produktion: Zeit im Film, BRD 1950, 18'

Ein Lautsprecherwagen ruft in den Straßen Marburgs zu einer
Diskussionsveranstaltung über die Gleichberechtigung der Frau auf. Es geht
um Diskussion als neue Geisteshaltung - nicht vergleichbar etwa mit einem
Marktstreit über die Qualität der angebotenen Fische. Denn auch für die
Diskussion gibt es eine Anzahl von Spielregeln, deren Befolgung verhindert,
dass das Gespräch ins Stocken gerät. Ziel einer Diskussion muss es sein,
alle Seiten eines Problems zu beleuchten, so dass sich jeder einzelne eine
Meinung bilden kann. Um die Technik des Diskutierens näher vorzustellen,
begleitet Eva Krolls Film einen Lehrgang für Diskussionsleiter im Haus
Schwalbach im Taunus. Im Gegensatz zum Führerprinzip der Nazi-Diktatur soll
die Erinnerung an das Marburger Religionsgespräch 1529 das Diskutieren als
Bestandteil auch der deutschen Geschichte belegen.
Leihgeber: Kinemathek Hamburg

Das Haus am Dornröschenweg
Hans F. Hermann, Produktion: Zeit im Film, BRD 1958, 21'

Das Haus am Dornröschenweg verknüpft die Themen Demokratieerziehung und
Eigenheim. Paul Möller, die Hauptfigur des Films, streitet vor Gericht um
die Baugenehmigung für sein mühevoll erworbenes Grundstück am Stadtrand
Hamburgs, die ihm von der zuständigen Behörde ursprünglich verweigert wurde.
Schließlich erhält er sein Recht und kann bauen. Durch ein in die
Spielhandlung eingeflochtenes Gespräch mit einem Mann, der sich als
Übersiedler aus der DDR zu erkennen gibt und an den Erfolg des
Gerichtsverfahrens nicht glauben mag, wird der Intention des Films Nachdruck
verliehen: Vertrauen in den Grundsatz zu schaffen, dass alle vor dem Gesetz
gleich sind, dass jeder Bürger, der sich ungerecht behandelt fühlt, gegen
den Staat klagen kann.
Leihgeber: Bundesarchiv - Filmarchiv, Berlin

Mit beiden Füßen auf der Erde
Loriot, Auftraggeber: DIE WAAGE, BRD 1959, 3'

Der von 1952 bis 1965 bestehende Verein DIE WAAGE. Gemeinschaft zur
Förderung des sozialen Ausgleichs e.V. stellte einen informellen Kreis von
Unternehmern dar, die sich mit Hilfe verschiedener Kampagnen für die
Sicherung der Sozialen Markwirtschaft und die Aufrechterhaltung der
bürgerlichen Mehrheit bei den Wahlen zum Deutschen Bundestag einsetzten. Der
letzte Werbefilm der WAAGE, Mit beiden Füßen auf der Erde von 1959, stammt
aus der Hand Loriots, Eugen Roth schrieb den von seinen Ein-Mensch-Gedichten
abgeleiteten Kommentartext: "So ist der Mensch, wie man hier sieht, stets
selber seines Glückes Schmied. Anstatt mit leerer Hand zu trollen, schöpft
er nun plötzlich aus dem Vollen. Schafft, was er will, aus eigener Kraft in
der Sozialen Marktwirtschaft."
Leihgeber: Stiftung Rheinisch-Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln

Porträt einer Bewährung
Alexander Kluge, BRD 1964, 13'

Porträt einer Bewährung erzählt die Lebensgeschichte des im Jahre 1900
geborenen, ehemaligen Polizeihauptwachtmeisters Karl Müller-Segeberg, der
sich nach eigener Aussage unter sechs Regierungen bewährt und mit seinem
Einsatzwillen nie gespart hatte, bis sich bei einer Amtshandlung ein Schuss
löste. Dass er daraufhin pensioniert wurde, kann Müller-Segeberg nicht
verstehen. Alexander Kluges dokumentarisches Porträt ist eine nüchterne und
gleichzeitig beklemmend authentische Darstellung einer zutiefst
autoritätshörigen Persönlichkeit. Der Film wurde mit dem Hauptpreis der
Westdeutschen Kurzfilmtage Oberhausen 1965 ausgezeichnet.
Leihgeber: Deutsche Kinemathek, Berlin


28. Mai 2009, 19 Uhr:
KURZFILMPROGRAMM JUGEND VON MORGEN
Mit einer Einführung von Florian Wüst

Aus der Spielkiste
Gerhard Grindel, BRD 1955, 9'

Aus der Spielkiste zeigt die Eröffnung einer Spielkiste durch das Rote Kreuz
Berlin. Das in öffentlichen Sammlungen zusammengetragene Spielzeug wird
repariert und an Kinder entliehen, deren Eltern sich keine neuen Spielsachen
leisten können. Die Verwaltung der sozialen Einrichtung übernehmen die
Kinder selbst: neben der Förderung der Persönlichkeitsentfaltung - streng
nach Geschlechterrollen getrennt spielen Mädchen mit Puppen und Jungen mit
Autos - sollen sie lernen, Verantwortung zu tragen und mit
Gemeinschaftseigentum pfleglich umzugehen.
Leihgeber: Bundesarchiv - Filmarchiv, Berlin

Aufsätze
Peter Nestler, BRD 1963, 10'

Über die dokumenarischen Bilder vom Schulalltag in den Schweizer Bergen legt
Peter Nestler die Stimmen von Kindern, die von ihnen selbst verfasste
Aufsätze rezitieren: sie erzählen von Schulweg und Unterricht oder
beschreiben das Aussehen ihrer Lehrerin. Jeder Vortrag ist anders, jedes
Kind müht sich auf seine Weise, die Balance zwischen schweizerdeutschem
Dialekt und hochsprachlichen Wendungen zu halten. Unweigerlich trägt die
Schule den Ernst des Lebens in die kindliche Welt hinein. "Sicher ist
Nestlers Blick bestimmt von einer Idee des Reinen, Unschuldigen,
Naturverbundenen - und seine ungeteilte Aufmerksamkeit steht dafür ein. Das
Kind, das von der Pause und dem Milchverteilen vorliest, strengt sich
besonders an, atmet besonders heftig, und dann reicht doch für das letzte
Wort im Satz die Luft nicht mehr." (Rainer Gansera)
Leihgeber: Deutsche Kinemathek, Berlin

Ferien vom Alltag
Johannes Lüdke, Produktion: Zeit im Film, BRD 1951, 15'

Auf die Frage eines introvertierten Bäckers "Was fange ich an?" (mit dem
Nachmittag, dem Urlaub, dem Leben) antwortet Ferien vom Alltag in Form eines
Volkhochschulheimaufenthaltes im bayerischen Voralpenland, der seinen
Teilnehmern demokratische Gesinnung, internationale Verständigung und Sinn
für Ästhetik vermitteln will. Das Lernziel der Protagonisten des Films
gleicht dem der Zuschauer: die Herstellung einer sozialen
Handlungsfähigkeit, die jedes Individuum unabhängig seiner persönlichen
Vergangenheit erlernen und anwenden kann.
Leihgeber: Bundesarchiv - Filmarchiv, Berlin

Lehrerstützpunkt
Klemens Becker, Werner Nitzschke, Andreas Mücke, Lienhard Wawrzyn, BRD 1975,
26'

In den 1970er Jahren nehmen in West-Berlin nach und nach 15 Gesamtschulen
ihren Betrieb auf, riesige Betongebäude, alle nach demselben Strickmuster
gebaut. Darin sind die Klassenstufen 7-10 in so genannten
Mittelstufenzentren zusammengefasst, je 1500 Schüler werden von je ca. 120
Lehrern unterrichtet. Die Ausfallquote der Lehrer durch Krankheit liegt an
diesen Schulen mit 20 Prozent besonders hoch. Der an der Deutschen Film- und
Fernsehakademie Berlin (dffb) produzierte Film Lehrerstützpunkt zeigt einen
Ausschnitt eines beliebigen Arbeitstages des Lehrers Canehl, der in einem
solchen Mittelstufenzentrum unterrichtet: den Zeitraum vom Aufwachen bis zum
Weg in die Schule. Während des Frühstücks ist Canehl von alptraumhaften
Visionen geplagt und überlegt, ob er überhaupt in die Schule fahren soll,
oder seinen Stützpunkt, die Wohnung, gar nicht erst verläßt.
Leihgeber: Deutsche Kinemathek, Berlin

Het Leesplankje (The Reading Lesson)
Johan van der Keuken, NL 1973, 10'

In holländischen Grundschulen lernen die Erstklässler das Lesen mit Hilfe
der Kombination von Wörtern und Bildern. Die auf Kärtchen gedruckten
Illustrationen werden in Johan van der Keukens Kurzfilm Het Leesplankje
sukzessive durch Aufnahmen zeitgenössischer Ereignisse ersetzt. In
verdichteter Weise präsentiert sich hier die politische Weltsicht des
Filmemachers: "Within a very small space I attempted as far as possible to
separate the sequential nature of the images and their meanings. By using
short takes I was able to get as far as Salvador Allende's speech and scenes
of Pinochet assuming power in Chile. Then we return again to the beginning,
but the whole memorising process is now destroyed." (Johan van der Keuken)
Leihgeber: Idéale Audience International, Paris

Proper Education
Eric Prydz, SE 2006, 4'

Ende 2006 erschien Eric Prydzs Single Proper Education mit einem Sample von
Pink Floyds Another Brick in the Wall (1979). Zum ersten Mal überhaupt
hatten Pink Floyd einen offiziellen Remix ihres größten Hits genehmigt. Der
schwedische House-DJ verwandelte den Klassiker in einen Hit neuen Gewands,
ihm war es wichtig, mehr zu machen als nur einen Remix. So zeigt der zum
Song produzierte Videoclip, dass allen voran Schüler und Jugendliche dazu
beitragen können, den vom Klimawandel bedrohten Planeten und somit das
weitere Überleben der Menschheit zu retten.
Copyright: Ministry of Sound

Mit freundlicher Unterstützung der Stiftung Rheinisch-Westfälisches
Wirtschaftsarchiv zu Köln und USIA - Embassy of the United States of
America.

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Im Rahmen der Ausstellung
COME IN, FRIENDS, THE HOUSE IS YOURS

bis 21. Juni 2009

"Come in, friends, the house is yours!" thematisiert Prozesse der
Gemeinschaftsbildung und demokratischen Mitbestimmung. Im Zentrum der
Ausstellungen stehen verschiedene Methoden, über die sich gesellschaftliche
Identifikation und Teilhabe vermitteln. Dazu zählen sowohl partizipative
Verfahren, politische Abstimmungsprozesse und pädagogische
Herangehensweisen, als auch bildhafte und sprachliche Formen, über die sich
gemeinschaftliches Handeln artikuliert. Der Projekttitel bezieht sich auf
ein Zitat des brasilianischen Theaterautoren und Pädagogen Augusto Boal. Die
von ihm entwickelten experimentellen Theaterformen waren explizit als Foren
politischer Verhandlung angelegt. Mit Beiträgen von Edgar Arceneaux, Jos De
Gruyter/Harald Thys, Ruth Ewan, Dani Gal, Ines Schaber/Stefan Pente und
Jeronimo Voss zu sehen.

"Come in, friends, the house is yours!" ist eine Kooperation des
Künstlerhaus Stuttgart mit dem Badischen Kunstverein sowie der Kinemathek
Karlsruhe.

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Vorschau:

Dienstag, 19. Mai 2009, 19 Uhr
DIE MASCHINEN DENKEN ÜBER DICH NACH. DIE KYBERNETISCHEN TRÄUME DES GORDON
PASK
Vortrag von Margit Rosen

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KÜNSTLERHAUS STUTTGART
Reuchlinstrasse 4b, D - 70178 Stuttgart
Tel.: (0711) 617652, Fax: (0711) 613165


Öffnungszeiten: Mi.-So. 15-19 Uhr
Eintritt: 3,00 EUR (reduziert: 1,50 EUR, Mitglieder frei)










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