Von Karin Hinterleitner am 26. Januar 2004 um 00:00

Nicht nur eine schöne Website, Stargast Antonio Negri als Keynote-Sprecher der Konferenz, sondern auch eine neue Spartenaufteilung im Programm zur aktuellen Medienkunst fällt bei der diesjährigen transmediale auf. Gezeigte Arbeiten werden nun folgendermaßen aufgeteilt: Installationen, Videoprogramm (Screening), bildschirmbasierte Arbeiten und Performances. Aus ehedem interaktiv, CD-Rom, Internet usw. wird einfach die Rezeptionssituation als Unterscheidungsmerkmal genommen. Einleuchtend.

Das Festival- Programm geht bis Mittwoch, den 4. Februar.

Allgemeine Infos (Orte):
http://www.transmediale.de/page/generalinfo/generalinfo.1.admission.1.html

Zeitplan der Ausstellung:
http://www.transmediale.de/page/listings/listing.1.exhibition.timetable.1.html

Zeitplan der Konferenz:
http://www.transmediale.de/page/listings/listing.1.conference.timetable.1.html

Zeitplan des Workspace:
http://www.transmediale.de/page/listings/listing.1.conference.timetable.1.html

Zum Programm des Club transmediale:
http://www.clubtransmediale.de



Hier nun Ausschnitte aus der Themenbeschreibung in der Pressemitteilung.
THERE IS HOPE – Soziale Utopien

Es gibt positive Utopien, Ideen und Konzepte einer besseren Welt, in der Arbeit, Reichtum und Glück gleichmäßig verteilt sind. Solche Utopien beziehen sich meist auf einen Ort des Glücks jenseits der Realität, konstatiert Antonio Negri (it), Philosoph der Globalisierungsbewegung und Eröffnungsvortragender der Konferenz. Seiner Meinung nach braucht es eine Theorie der Gemeinschaft und des Widerstands, die sich auf das Hier und Jetzt der Welt bezieht. Für Negri ging in diesem Sommer ein 24 Jahre andauerndes Kapitel repressiver, italienischer Politik durch Haft, Exil und Hausarrest zu Ende. Angela Melitopoulos (de) hat mit ihrer DVD Die Zelle die Formen des Widerstandes, mit der Negri „die Freiheit seines Geistes“ in dieser Zeit bewahren konnte, anhand von drei Video-Interviews dokumentiert (Ausstellung).

Utopia ist eine soziale Fiktion, mal realistisch, mal nur imaginär. Die Konferenz Social Fictions verknüpft fiktive Untersuchungen mit praktizierten utopischen Konzepten, die nationale und biopolitische Grenzen überschreiten. Oliver Resslers (at) Interviewreihe Alternative Economics, Alternative Societies stellt unterschiedliche Konzepte, Modelle und Utopien für alternative ökonomien und Gesellschaften vor, deren Gemeinsamkeit die Zurückweisung des kapitalistischen Systems ist (Ausstellung). Der Fly Utopia! Workspace stellt partizipatorische Projekte vor, die während des Festivals mit dem Publikum gemeinsam Aktionen entwicklen werden: Candida TV aus Rom macht lokales Live-Fernsehen, und [mi2] aus Zagreb stellt ihre Burn-On-Demand-Station für Open-Source-Materialien zur Verfügung. nomadic III setzt im Workspace ihre Forschungsreihe zu möglichen digitalen nomadischen Lebensweisen fort und erprobt den Einsatz von digitalen Medien in nomadischen Prozessen.

Mobile Kommunikationstechnologien sind heute einer der wichtigster Auslöser utopischer Hoffnung und Versprechen. Die Konferenz MobiloTopia untersucht diese 'Objekte der Begierde' einer Medienintelligenzija, die an der Idee festhält, damit das demokratische Potential einer globalen Welt zu vergrößern. Die Sehnsucht nach Utopien ist in vielen Fällen verbunden mit der Flucht aus einer Realität, die als unerträglich empfunden wird, in den individuellen Rückzug auf eine „Insel Utopia“ oder dem Abtauchen in virtuelle Welten der Computerspiele. Die Konferenz Exodus stellt hierfür beispielhaft das Burning Man Festival am „nicht-Ort“ in der Wüste in Nevada vor. Der Soziologe Ghassan Hage (rl/au) schließlich behandelt in seinem Vortrag Migrating Hope den Faktor Hoffnung, der die globalen Migrationsströme unserer Zeit antreibt (Konferenz).


THERE IS NO HOPE – Kritische Utopien

Dem ungebrochenen Optimismus stehen immer wieder auch kritische Ansätze entgegen, die auf die negativen Seiten technischer und sozialer Utopien hinweisen. Die Installation Auge/Maschine II setzt sich mit den negativen Folgen sozialer und technologischer Utopien auseinander. Eine unablässig sich perfektionierende Technologie verschleift menschliche und maschinische Funktionen. „Der Verlust des ‚wahren Bildes‘ bedeutet, dass das Auge nicht länger die Rolle des Geschichtszeugen spielt,“ sagt Harun Farocki (de) über seine Arbeit (Ausstellung). Der Film Das Netz von Lutz Dammbeck (de) handelt vom sogenannten „Unabomber“, dem ehemals angesehenen Mathematikprofessor Ted Kaczynski, der von 1978 bis 1995 in einem Rachefeldzug gegen die amerikanische Industriegesellschaft 16 Paketbomben an Universitäten, Forschungsinstitute, Regierungsstellen und Airlines verschickte (Screening).

Der menschliche Körper ist zum wichtigsten machtpolitischen Kampfplatz und Gegenstand vieler utopischer Versprechen geworden. Die Konferenz Open Bodies, Mobile Bodies untersucht den alten Traum der Moderne vom „neuen Menschen“: Körperlich an die Bedürfnisse industrieller Produktion angepasst, pflanzt sich die Utopie vom „verbesserten“ Körper in den gegenwärtigen Szenarios von biotechnologischer Erweiterung fort. Die indische Künstlerin Shilpa Gupta zeichnet mit ihrer Installation Your Kidney Supermarket das bitter-süße Bild des globalen Organhandels, in dem moralische Bedenken keinen Platz haben. In dieser Bonbon-bunten Welt ist das Organ zur Ware geworden (Ausstellung, Awards). Ebenfalls in der Ausstellung ist ein Projekt von Fiona Raby, Anthony Dunne (uk) und Studenten der Fakultät für Architektur am Royal College of Art in London zu sehen: BioLand – ein biotechnologisches Kaufhaus, Laboratorium und Krankenhaus der Zukunft – befriedigt alle Bedürfnisse hinsichtlich Geburt, Tod und Ehe, die in einer genetisch veränderten Welt vorstellbar sind (Ausstellung, Lecture).


THE FUTURE AS IT WAS – Utopien des 20. Jahrhunderts

Was aus den utopischen Idealen des 20. Jahrhunderts geworden ist, zeigt Counter Communties von Oliver Croy (at) und Oliver Elser (de). Alternativen Architektur- und Siedlungsprojekte aus den USA der 1960er und 70er Jahre entstanden als Rückzug aus modernen Stadtlandschaften, ohne den als zwanghaft rational empfunden rechten Winkel und verbunden mit der Hoffnung, Räume für die Zukunft zu entwerfen (Screening). Einen kritischen Blick auf die utopischen Versprechen und überzeugungen in amerikanischen Industrie- und Werbefilmen aus den Jahren von 1936 bis 1965 wirft das von Rick Prelinger (us) kuratierte Videoprogramm The Future As It Was: eine leuchtende und reiche Zukunft mit Hilfe von Kybernetik, Haushaltstechnologie und neuen Transport- und Kommunikationsmitteln (Screening). Das spanische Archivos Babilonia, ein Medienarchäologie-Projekt, sammelt audiovisuelles Lehrmaterial vom amerikanischen Traum: The Observatory Archives ist ein verstörender Katalog von Werbevideos aus Militär, Pharma- und Genindustrie (Ausstellung, Screening).

Ist die Utopie einer kommunistischen Gesellschaft im modernen China noch lebendig oder wird sie nur künstlich am Leben gehalten? Zhou Hongxiang (cn) präsentiert in seinem Film The Red Flag Flies mit Tiefsinn und Humor ein zeitgenössisches China zwischen kommunistischen Phrasen und kapitalistischer Marktwirtschaft (Ausstellung, Awards). Peter Bexte (de) stellt eine Utopie aus der kurzen Herrschaft der Sozialisten in Chile (1971–73) vor: Um

die gesamte nationale ökonomie nach kybernetischen Prinzipien zu steuern, entwarf Gui Bonsiepe eine Zentrale, den sogenannten „Opsroom“ – eine beeindruckende Mischung aus dem „War-Room-Design“ des Zweiten Weltkriegs und der Utopie eines papierlosen Sozialismus (Inside The Opsroom: Designing Future Decisions – Lecture). Die Videoarbeit Flyover von Ed Osborn (us) benutzt das Material einer Fotoserie, mit der Mitte der 1960er Jahre die Antarktis kartografiert wurde. Eine Stimme liest dazu die Namen der bis dato unbenannten Orte. Bild und Text dokumentieren so den Moment, in dem das menschliche Bedürfnis, allem und jedem einen Namen zu geben, über tausende Meilen unberührten Eises glitt (Ausstellung).

Das Sealand Identity Project des niederländischen Designers Daniel van der Velden wirft Fragen über (nationale) Identität, das Netz, Geschichte, Politik und Fiktion auf. Sealand ist ein Mini-Staat, der 1967 auf einer ölplattform in der Nordsee gegründet wurde und ungewöhnlich freizügige Internet-Dienstleistungen anbietet (Lecture). Der Medienwissenschaftler Ravi Sundaram (in) vergleicht in seinem Vortrag die Utopie „Informationsgesellschaft“ mit ihrer Realisierung im Indien von heute (Konferenz).


DON’T PANIC – Es lebe der Fortschritt!

Für diese Zeiten des Terrors, in der Amerika die Zahl der Abschiebungen und Verhaftungen illegaler Einwanderer erhöhen muss, hat sich Remote Labor Systems von Alex Rivera (us) die Aufgabe gestellt, die amerikanische Wirtschaft mithilfe von Breitbandtechnologie und preiswerter Robotertechnik unabhängig von illegalen Einwanderern zu machen (Ausstellung). Die Software Plug’n’Pray von UsineDeBoutons (Lionello Borean und Chiara Grandesso aus Italien) basiert auf der Erkenntnis, dass Religion sich zu einem flüchtigen Konsumgut gewandelt hat und Spannungen zwischen ethnischen Gruppen im Zeitalter der Migration wachsen. Die nutzerfreundlichen und an letzte Trends oder persönliche religiöse Vorlieben angepasste Plug’n’Pray-Kits nutzen neue Technologien und Marketing-Methoden für die Distribution von Religion (Ausstellung). Der Film Safe Distance von kuda.org (yu) dokumentiert die Aufnahmen aus der Blackbox eines US-Kampfflugzeuges, das während des Kosovo-Krieges bei einem Einsatz abstürzt. Die letzten 25 Minuten bevor der Pilot mit dem Schleudersitz aussteigt geben einen überraschenden Einblick in die abstrakte, verzerrte Wahrnehmungswelt der Menschen in ihren Kampfmaschinen (Ausstellung).


THE FUTURE IS BRIGHT

Anstatt sich Utopia als einen jenseitigen Ort vorzustellen, haben Ingenieure, Architekten und Designer immer versucht, die Grenzen der Realität zu verschieben, um Platz für Neues und Utopisches zu schaffen, sei es als Filmarchitektur oder simulierte Welt eines Computerspiels. Um die Hoffnung auf Verbesserung der Welt als ungebrochene Triebfeder kreativer Geister geht es in der Konferenz Alien Things in Familiar Places – Designing Utopia. Die Künstlerin Kristin Lucas (us) hat drei britische Girl-Bands aufgefordert, ihre Hoffnungen, Wünsche und Vorstellungen von der Zukunft zu formulieren. Ihre Installation Celebrations For Breaking Routine thematisiert Bereiche des täglichen Lebens, von der Auseinandersetzung mit Umweltproblemen und globaler Politik bis zu persönlichen Sehnsüchten (Ausstellung). re-code.com begann als kostenlose Service-Seite im Internet: Besucher der Seite konnten sich über Produkte informieren und dazugehörige – von Supermarktkassen lesbare – Barcodes verändern und als Aufkleber ausdrucken lassen. Doch für eine bessere Zukunft durch den taktischen Einkauf mit Barcodes aus eigener Preisgestaltung ist die Zeit noch nicht reif: Die Software-Gestalter von Conglomco.org and The Carbon Defense League (us) erhielten eine Unterlassungsverfügung vom Wal-Mart Konzern, die Site ist bis auf Weiteres offline (Ausstellung, Awards).

AKTUELLE MEDIENKUNST

Jenseits des Festivalthemas wird die transmediale.04 auch aktuelle Medienkunst vorstellen, die sich nicht den oben genannten Themen unterordnen lässt, dafür aber in künstlerischer Hinsicht von besonderem Interesse sind.

Haptic Opposition von Simon Schießl (de/us), eine interaktive Installation, die je nach Besucherverhalten philosophische Textauszüge oder autistischen Programmcode zeigt, hinterfragt die Wirkung von Interaktion. Greift der Benutzer ein, wird die Maschine aggressiv und versucht, sich der Kraft der menschlichen Hand entgegenzusetzen (Ausstellung, Awards). Yunchul Kims (kr/de) (void)traffic erlaubt eine spektakuläre Erfahrung von Datenverkehr, eine direkte Visualisierung von Programmcode, der in Echtzeit auf dem transmediale-Server ausgeführt wird (Ausstellung, Lecture, Awards). La Plaza II gehört zu einer Reihe von generativen Videoarbeiten, die Tania Ruiz Gutierrez (co/cl) als geschlossene Systeme oder „Universen“ programmiert hat. Sie thematisiert die zyklische Zeit bzw. die Verschmelzung gleichzeitiger Zeit in einem Raum. Ihre Figuren scheinen auf einem unendlich fließenden Untergrund zu wandeln, die Minimalisierung ihrer Bewegung lässt die Figuren als Archetypen erscheinen (Ausstellung, Lectures).


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