Von Peter Haury am 26. März 2006 um 14:07

Liebe Freunde und Interessierte,
für alle, die nach dem ersten Vortrag von Cem Kaya im Künstlerhaus im 
Februar auf den zweiten Vortrag warten oder den ersten verpasst haben:

In der Oberwelt haben wir am Freitag, den 31. März, um 19.00 Uhr, den 
Vortrag und die Filmvorführung

REMAKE, REMIX, RIPOFF
COPYCULTURE IN TURKISH POP CINEMA

von und mit Cem Kaya

Strategien der Differenz und Wiederholung im türkischen Mainstream Kino 
der sechziger und siebziger Jahre

Oberwelt e.V. Reinsburgstr. 93, Stuttgart, http://www.oberwelt.de

Der Vortrag „REMAKE, REMIX, RIPOFF“ wird sich im wesentlichen mit dem 
Phänomen der Kopie im Film, dem Remake, beschäftigen und wird versuchen 
zu ergründen warum gerade das türkische Kino eine Unmenge an Remakes 
produzierte und inwieweit diese neuverfilmten Stoffe, gejagt durch einen 
türkischen Filter, eine Verschiebung im Vergleich zum Original erfahren 
haben.
Das Remake funktioniert als Träger kultureller Dekodierungen, die dazu 
dienen einen ursprünglich fremden Stoff dem eigenen lokalen Publikum 
zugänglich zu machen, indem unter anderem lokale moralische 
Wertvorstellungen und gesellschaftliche Tabus berücksichtigt werden. 
Somit besetzt es eine wichtige übersetzerrolle und gleichzeitig geht es 
neue künstlerische Wege. Die Untersuchung bezieht sich auf Phänomene 
interkultureller Wahrnehmung und Artikulation, auf ein bisher noch wenig 
erforschtes Gebiet der jüngeren Filmgeschichte. Gegenstand der 
Untersuchung ist das türkische Kino, im Detail das türkische Popcorn 
Kino (Yesilçam), das in den Jahren 1960 bis 1980 einen immensen Output 
generiert hat. Man kann von einem Goldrausch unter den Filmproduzenten 
sprechen, die, aufgrund von Steuervergünstigungen auf türkische Filme 
jeglichen Inhalts, hohe Gewinne einfuhren.
Mit der Lockerung der Pressefreiheit und dem Zugewinn anderer ziviler 
Rechte nach dem Militärputsch 1960, blüht das kulturelle Leben der 
Türkei für eine kurze Zeitspanne extrem auf. Diese Entwicklungen machen 
sich im Film und in der Musikbranche besonders stark bemerkbar. Eine 
Handvoll türkischer Filmemacher, von denen die wenigsten jemals eine 
Filmhochschule von innen gesehen haben, begann während dieses Booms 
unter abenteuerlichen Umständen für einen sehr hungrigen lokalen Markt 
Filme zu produzieren. In der Blütezeit der türkischen Filmindustrie 
wurden jährlich über dreihundert Filme fertiggestellt.
Meist handelte es sich um Billigproduktionen ohne besonderen 
cineastischen Wert. Es wurde viel voneinander und aus Filmen aus dem 
Ausland kopiert, gesampelt, adaptiert, vertürkischt, vereinfacht und 
geklaut.
Es ist wichtig zu wissen, dass es zu dieser Zeit paralell ein türkisches 
Autorenkino gab; das soll uns aber nicht stören.
Die immense Nachfrage an Filmen führte dazu, dass den Drehbuchautoren 
schnell die Stoffe ausgingen. Deshalb wurden viele Geschichten mehrfach 
gedreht. Man begann Trivialliteratur zu verfilmen, Comichelden auf die 
Leinwand zu bringen, aus der einheimischen wie westlichen Literatur zu 
adaptieren (Hamlet, Don Quichote, From Mice and Men) und Remakes von 
ausländischen Filmen zu drehen. So entstanden türkische Versionen von 
Superman, Zorro, Tarzan, Drakula, James Bond, Flash Gordon, Mr. Ed, 
Rambo, E.T. und Star Trek aber auch Adaptionen von Filmen wie William 
Friedkins “The Exorcist” und Billy Wilders "Some Like It Hot".
Wegen fehlender Urheberrechtsgesetze war es möglich jeden Stoff, jedes 
fremde Footage, wie ausländische Filmmusik oder Special-Effects-Szenen 
aus fremden Filmen, völlig legal zu benutzen. Somit war es in der Türkei 
selbstverständlich, ganz im Gegensatz zur aktuellen globalen 
Entwicklung, aus dem kulturellen Pool der gesamten Welt zu schöpfen.
Diese Praxis führte von der Eins-zu-eins Kopie zum eklektischen 
Mischmasch von verschiedenen Genres und Inhalten; bisweilen bizarre 
Remixe, die an das moderne Sampling unserer Gegenwartsmusik erinnern.
In dieser Untersuchung um das Wesen türkischer Remakes ist eine 
Betrachtung nötig, die die komplexen Vorgänge transkultureller 
Wahrnehmung und die tatsächlich erlebte gesellschaftliche Wirklichkeit 
der Türkei einbezieht. Eine Autopsie des türkischen Mainstream Kinos der 
Sechziger und Siebziger Jahre mit ihren politischen, sozialen und 
kulturellen Begebenheiten setzt geschichtliche Grundkenntnisse voraus. 
Besonderes Augenmerk werden wir daher auf die Probleme der Identität und 
Identitätsfindung seit der Gründung der Türkischen Republik 1923 und 
ihre Ausdrucksform im nationalen Kino richten.
In der Türkei herrscht eine eigentlich kolonialisierten Ländern zueigene 
hybride kulturelle Wahrnehmung und Artikulierung. Sie bezieht sich auf 
eine Kultur, die verschiedenen innertürkischen, westlich-christlichen 
und orientalisch-muslimischen Einflüssen ausgesetzt und immer wieder 
aufgefordert war diese neu zu interpretieren, zu übernehmen oder abzulehnen.
Mit Blick auf die Verwestlichung des Osmanischen Reiches schon viele 
Jahrzehnte vor der Republikgründung wird der Vortrag anhand 
verschiedener künstlerischer Strategien der Filmemacher die 
Repräsentation des Westens und der dem Westen zugeordneten Attribute 
beleuchten. Der Einzug der Moderne angetrieben durch die Kemalistischen 
Kulturreformen und der voranschreitenden Industrialisierung des Landes 
hinterliess grosse Wunden in weiten Teilen der Bevölkerung. Die 
Artikulation dieser ambivalenten Gefühle übernahm das Kino, da die Filme 
auf die Bedürfnisse der Zuschauer zugeschnitten waren.
Im Anschluss an den Vortrag möchte ich meinen Found-Footage Film »Do Not 
Listen« zeigen, der den Film »The Exorcist« mit seinem 
türkisch/islamischen Klon »Seytan« zusammenführt.


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