Von Johannes Auer am 08. September 2009 um 12:57

Ganz die Alte. Eindrücke vom Ars Electronica Symposium 2009.

Tag 1: Auf die Katz gekommen.

Vor mir betritt ein Paar den Saal, in dem in wenigen Minuten das
Symposium beginnen wird: Er in flotten Shorts, schwarzem T-Shirt und
keck schrägem Hut. Sie im dunklen Prinzessinnenkleid, ganz Tutu, und mit
prächtigen Turnschuhen wie er. Beide erklimmen etwas mühsam die Treppe
zu ihrem Sitzplatz. In ihren Knochen stecken gut je 70 Jahre.
Die Ars und ihr Publikum sind, trotz der jugendlich-dynamischen
Accessoires, in die Jahre gekommen.
"Human Nature" ist das Thema und Gerfried Stocker gibt, in gut
eingelaufenen Turnschuhen, den Ring frei.
Auch der erste Referent, Friedrich Kittler, ist älter geworden, ja. Aber
die Präsenz ist ganz die alte. In den folgenden 30 Minuten gelingt ihm
ein eindrücklicher Brückenschlag von der Maschine zum den großen Themen
des Allgemein-Menschlichen: Geburt, Liebe und insbesondere Tod. Er
beginnt bei Herr und Knecht. Die antiken Götter symbolisieren das
Herrische, mit Ausnahme des Knechtgottes, des behinderten Hephaistos,
der hinkend die Technik (ge-)braucht und sich bronzene Gehilfinnen
schmiedet, die seine Befehle zu verstehen und auszuführen vermögen. Und,
Kittler setzt ein Ausrufezeichen, es seien weibliche Gehilfinnen! Da
diese erotische Komponente meinst ignoriert würde, müsse er das betonen.
Dann der Golem, der durch das von Rabbi Löw auf die Stirn geschrieben
Wort "Wahrheit" (emeth) lebendig wird und stirbt, als Löw den ersten
Buchstaben löscht und nunmehr "Tod" (meth) geschrieben steht. Auf eine
Erinnerung kommt Kittler zweimal zu sprechen. Ein Referent habe vor
einige Jahren in einem Vortrag auf der Ars Electronica ausgeführt, dass
wir die Computertechnologie immer Top-down konzipieren würden: dabei
käme nur Microsoft heraus. Besser umgekehrt sollten wir die Computer
entwickeln: Bottom-up, als lernendes System. Wie ein Baby, das wir
großziehen und pflegen und dann in die Freiheit entlassen. Und, so
Kittler, der Vortragende habe dazu Ultraschallaufnahmen von einem Baby
im Mutterleib gezeigt. Das habe ihn berührt. Nachdem Kittler im Weiteren
deutlich macht, dass Sprachgebrauch und Sprachverständnis, die
menschlichste Fähigkeit sei, endet er mit Claude E. Shannons Automat,
der, wenn man den mit Start beschrifteten Knopf bedient, eine
mechanische Hand ausfährt und den Stoppknopf drückt. Dieser
Kunstapparat, sagt er lächelnd, habe die Form eines Sargs.

Danach drängt Hiroshi Ishiguro ans Rednerpult, nein er lässt es links
liegen und spricht dynamisch frei zum Publikum. Über seine Roboter,
Androiden, Geminoiden. Ishiguro baut Babys nach, seine Tochter, sich
selbst. Warum? Im Nachbau wolle er erforschen, was den Menschen
ausmache. Und man erfährt von unbewussten menschlichen Bewegungen, die
er seien Geschöpfen einzupflanzen habe, um sie zu vermenschlichen und
dass Kinder nach kurzer Zeit ganz unbefangen und mit mächtig vielen
Augenkontakten auf seine Schöpfungen reagieren würden. Aber so richtig
klar wird trotzdem nicht, was ihn da so enthusiastisch zum Rumgolemen
antreibt (Frage aus dem Publikum: ist ein richtiges Baby nicht
vielleicht doch die nahe liegendere Lösung?). Baut sich dieser
hingerissene Pygmalion womöglich einfach, das haben wir schon gelernt,
seine leidenschaftlich willige bronzene Olimpia? (Oder hat da Kittler
nicht beiläufig etwas von mechanischen Tagundnachtsoldaten erwähnt?
Streng geheimer Code und nicht etwa Open Source ist das alles, wie eine
Publikumsfrage klärt). Nicht vergessen wollen wir, dass diese Robots in
der Altenpflege wohl irgendwann unschätzbare Dienste zu leisten vermögen
und damit vielleicht auch als künftige Premiumhostessen auf der Ars
Electronica.

Dann lässt die Ars die Katze aus dem Sack. Diesjähriger Preisträger der
goldenen Nica ist Eduardo Kac. Das passt. Und schon steht er da, lässig
in Hemd, Anzugshose und in wundervollen Turnschuhen. Kac, bitte, bevor
mir die Methapernblüten in die Binsen gehen, gesprochen wie Katz und
nicht anders.
Kac steht da und schnurrt von seinen Projekten. Schon vor gefühlten
hundert Jahren hat er an dieser Stelle seine transgene "Kunst"
vorgestellt. Ewige Kunst. Bedeutend. Und er lässt nichts aus. Jede
transgene Luminei wird längs und breits getreten. Da leuchten wieder die
bekannten grünen Hasen in der Dunkelheit, die Genesis wird kurzer Hand
um einen Tag verlängert und Blüten zeigen preiswürdig und arterisch ihre
implementierten Kac-Gene. Blutrot! Keine noch so kleine
Bedeutungsmetapher wird übersehen. Kunst aus dem
Bedeutsamkeitsbauskasten mit Ausrufezeichen. Und völlig affirmativ.

Die Luft raus zum Durchatmen lässt der nächste Sprecher, der
Molekularbiologe Josef Penninger. Während das transgene Häschenklein
noch nachluminisziert, erwähnt Penninger beiläufig die 20 000 Chimären,
die sein Institut schon hervorgebracht habe. Und übermächtig steht
plötzlich die alte Frage im Raum, ob Künstler die technischen
Entwicklungen nur noch irgendwie, -- bestenfalls ironisch oder nur mehr
bedeutungsgeschwurbelt -- nachvollziehen können oder ob sie doch noch
substantiell etwas beizutragen haben. Diese Frage stellt sich in diesem
Moment auch für den Ansatz der Ars, Kunst und Wissenschaft ins Gespräch
zu bringen. Wenn die großen transgenen Mäuse auf voller Forschungsfahrt
voraus- und vorbeidampfen und das artig sinkende Schifflein kaum von
Ferne grüßen, wo kann dann die kunstsinnige Katz noch glaubhaft und
magenfüllend mausen?
Gerne hätte man sich an dieser Stelle einen Heath Bunting mit seinem
low-tech genetisch erzeugtem Kampfgras herbei gewünscht, der die
blutigen Kunstblüten mit seinem produktiven Unkraut erstickt und fraglos
elegant detournementiert.

Tag 2: Déjà-vu Wölkchen

Wenn man in Österreich etwas mehr Kaffee möchte, bestellt man sich einen
Verlängerten, einen Kaffee mit mehr Wasser. Und wenn man vom Web 2.0
Hype nicht genug bekommen kann, lässt man den Dampf rein und eine schöne
Wolke entsteht. Déjà-vu.

Der zweite Tag beginnt im Dunkeln. David Sasaki hat das Licht löschen
lassen und raunt, dass die Menschheit 99% ihrer Zeit so gelebt habe.
Erst die Elektrizität hätte die Erleuchtung gebracht. Nach Aufflammen
des Saallichts skizziert Sasaki die elektrische Revolution vom lokalen
Kleinkraftwerk zum umfassenden Stromnetz, das dezentral mit
Großkraftwerken den Energiehunger stillt. Das Gleiche zeichne sich
nunmehr für den kraftstrotzenden Heim-PC und das firmeneigene
Rechenzentrum ab, der/das abgelöst würde durch die Cloud, die die
Rechenleistung irgendwo bereitstelle. Déjà-vu: warum kommt mir das nur
bis ins kleinste bekannt vor? Natürlich! "The Big Switch" von Nicholas
Carr. Wohl nicht nötig von Sasaki ihn zu erwähnen. Es geht ja um
Schwarmintelligenz - sorry - Cloud Intelligence und in die ist Carr wohl
schon kollektiv eingecloudet.

Unterbrechung für die Statistik: 82% der Referenten an diesem Tag tragen
Lederschuhe.

Während dann Stephen Downes eloquent und profund argumentiert, dass
Cloud Intelligence das Individuum voraussetze und nicht auslösche und
einen "neuen Sozialismus" skizziert, basierend auf Autonomie,
Chancengleichheit, Vielfalt und Interdependenz, gibt Ethan Zuckerman den
advocatus diaboli und spricht von einer imaginären Globalisierung, da
die Nutzung von Netzwerken meist lokal und begrenzt, sozusagen
tribalistisch sei. Man möge nur die eigene Browser-History anschauen,
das meiste bezöge sich auf eigene Interessen, Obsessionen und Vorlieben,
natürlich in der eigenen Sprache. Und ich erlaube mir ergänzend
hinzuzufügen, dass genau dazu ein ausgezeichnetes Kapitel in Nicholas
Carrs Buch zu finden ist.
Anders Sandberg spricht über "distributed superintelligence" und führt
an, dass Google auf dem Weg zur Superintelligenz sei, aber außer dem
unverbindlichen Firmenmotto "Don't be evil" als Superhirn keine Werte
habe. Er lässt damit ein Thema anklingen, das an diesem Tag immer wieder
aufkommt - meist durch Publikumsfragen befeuert - ohne wirklich erörtert
zu werden. Cloud Intelligence, so eine der besseren Definitionen an
diesem Tag, ist Web 2.0 + Data Mining ("Google Flu Trends"). Obwohl das
im wortwörtlichen Sinne, "Datenschürfen", auch als Tautologie gesehen
werden kann. Kommerzielle Basis des Web 2.0 ist ja, neben der
personalisierten Werbung, der Verkauf von Nutzerdaten. Und genau das
zeigt die Interessenlage. "Facebook wurde zur Unterhaltung und nicht für
den Netzaktivismus erfunden!", ruft ein Referent. Falsch, auch die
Unterhaltung ist das Deckmäntelchen und das Datensammeln zur
kommerzielle Verwertung des Pudels Kern. Das Unbehagen an der
zentralisierten, privatwirtschaftlichen Datenmacht, ist präsent,
verläppert sich dann aber letztlich in dem schönen Vorschlag eines
Referenten, man möge doch einfach seinen eigenen kleinen Server
betreiben, um von dort ein dezentrales Wölkchen aufsteigen zu lassen.
Eine Vitalinfusion für den herzstarken Heim-PC, der ja eigentlich schon
verwolkte?

Wer sich ergänzend über die problematischen Nebenwirkungen der Cloud
informieren möchte, dem sei - schon erwähnt? - das Buch "The Big Switch"
von Nicholas Carr empfohlen.

Und während die nachmittäglichen Beiträge im eingespielten Ars
Projektstakkato mit engagiertem "Cloudia der Lenz ist da!" nahtlos und
teilweise mit dem selben Personal an das letztjährige Symposium
anschlossen - ob nun Web 2.0, New Cultural Economy oder Cloud...,
Schwarm drüber! - möchte ich diesen Teil beenden mit Evgeny Morozov, der
remote aus Washington erklärte, dass eine Kommaberichtigung in der
Wikipedia vielleicht hilfreich sei, aber wirkungsvoller Cloud Aktivismus
wohl mehr Engagement verlange. Als Slacktivisten bezeichnet er die
Minderengagierten, die nur zu einem angesagten Projekt auf Facebook
beitreten, ohne es aktiv voranzubringen. Ja, so Morozov, wahrscheinlich
könnte ein einzelner ernsthafter Aktivist mehr bewegen als eine ganze
pseudoaktivistische Cloud. Tosender Applaus des Publikums. Cloud
Intelligence?

Und dann war da noch der 3. Tag (wird nachgereicht, wenn Interesse und
Zeit) Nur soviel vorab: da erklärt der Evolutionspsychologe kurzerhand
die ganze menschlich Kunstproduktion zum Balzverhalten. So einfach ist
das. Olimpia lächelt sexy und schließt den Kreis.
Show off - Show aus.

--
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