Von Stephan Trinkl am 02. Juni 2004 um 00:00

Albrecht Giehsebehl rumpelte in der 15 der Endhaltestelle entgegen. Es war schon nach 20.00 Uhr, das gab es bei ihm selten, denn normalerweise kam er pünktlich raus. Heute jedoch hatte er überstunden machen müssen, was, neben der großzügigen Zulage, noch den einen Vorteil mit sich brachte, dass es Platz gab in der 15, zu Hauptverkehrszeiten un-denkbar.

Nachdem eine Frau im beigefarbenen Kostüm vor drei Haltestellen ausgestiegen war, hatte er jetzt eine Vierersitzgruppe ganz für sich allein, das war angenehm und Giehsebehl, mit 1,95 nicht gerade klein gewachsen, genoss die ungewohnte Beinfreiheit. Wie immer war er nach ca. 15 Minuten schaukelnder Fahrt in eine Art Dämmerzustand gefallen, der es ihm erlaubte, trotz geöffneter Augen das Denken einzustellen oder wenigstens soweit zu verlangsamen, dass es nicht mehr störend wirkte.

Bis zur Endhaltestelle waren es noch ca. 20 Minuten, genügend Zeit um seinen von den Anstrengungen des Arbeitstages doch arg beanspruchten Energiehaushalt wieder soweit in Ordnung zu bringen, dass hernach geistig und körperlich erfrischt der Rest des Nachhausewegs per Drahtesel in Angriff genommen werden konnte.

Kurz hinter der Haltestelle “Stelle”, die Straßenbahn bog gerade mit kreischenden Rädern in eine ausgedehnte Linkskurve, fühlte Albrecht Giehsebehl jedoch erstaunt eine Botschaft in seinem Gehirn Gestalt annehmen. Eine Botschaft, deren plötzliches und ungebetenes Erscheinen ihm ebenso missfiel, wie die Tatsache, dass ihr Inhalt auf geradezu provozierende Art und Weise sinnentleert schien und zudem von einer Melodie transportiert wurde, die Giehsebehl reichlich doof vorkam.

Die Botschaft lautete: “Wir bauen auf Haagebau.” Na so was, dachte Giehsebehl. Und zack: Da war sie wieder. “Wir bauen auf Haagebau.” Fröhlich vorgetragen, ja gesungen von einem Mann und einer Frau. Erst gleich bleibende Tonlage bei “Wir bauen auf”, dann leicht angehoben und gedehnt bei “Haaaage”, das “bau” dann wieder tiefer.

Giehsebehl wunderte sich. Warum hatte sich der alberne Satz gerade jetzt in sein Bewusstsein gedrängt, und warum, in aller Welt, war er dort überhaupt gespeichert? Er hatte doch gar nicht vor zu bauen. Sollen die doch bauen mit wem sie wollen, dachte er. Geht's mich was an?

Dann fiel ihm auf, dass es ja gar nicht hieß “mit” Haagebau bauen, sondern “auf” Haagebau. Ein Wortspiel also. Denn auf jemand bauen heißt ja soviel wie, sich auf jemand verlassen. Man konnte sich also in punkto Bauen auf Haagebau verlassen. Zumindest dem singenden Ehepaar war es so gegangen und dieses positive Beispiel sollte wohl zur Nachahmung animieren.
Giehsebehl ärgerte sich ein wenig. Mit einem Mal wurde ihm so richtig klar, dass er Opfer von Werbung geworden war. Einige Male im Autoradio gehört, hatte sich der Satz offensichtlich in sein Unterbewusstsein eingebrannt und blockierte dort womöglich wertvolle Synapsen. Wer weiß, welch un-gleich bedeutsamerer Inhalt der Botschaft “Wir bauen auf Haagebau” hatte weichen müssen. Vielleicht sogar “333 - Issos Keilerei”. Nein, Gott sei Dank, Giehsebehl war beruhigt, das klappte also noch.

Und trotzdem. Hätte er jemals vor zu bauen, womöglich würde er blind der Firma Haagebau in die Falle gehen. Er überlegte, wie viele solcher tückischer Phrasen er sozusagen bei sich aufgenommen hatte, arglos, ohne es überhaupt zu bemerken.

“Na ja”, dachte er schließlich ganz pragmatisch, “was soll´s”, und versuchte sich wieder auf das Rot des Straßenbahnsessels vor ihm zu konzentrieren.

Interessiert lauschte er dem Geräusch des anfahrenden öffentlichen Verkehrsmittels und wollte eben wieder ins Pendler-Nirvana entschwinden, als er plötzlich Buchstaben vor seinem geistigen Auge vorbeifliegen sah.

Interessiert sah er ihnen nach. Viele waren es nicht, und sie schienen auch keinen besonderen Sinn ergeben zu wollen. Doch fiel ihm auf, dass viele “T” dabei waren. Dann kamen noch zwei Zahlen nach. Die Buchstaben formten sich zu Gruppen und schließlich las er in großen Lettern: “Litti, Litti, Wutti. 3 : 1!”

Leicht säuerlich gestimmt erinnerte er sich, dass dies die Schlagzeile der BILD-Zeitung gewesen war, als Deutschland gegen Wen-auch-immer gewonnen hatte. Littbarski und Wuttke waren die Torschützen gewesen, grausam verstümmelt zu “Litti, Litti, Wutti”. “Tutti, Frutti” ging ihm durch den Kopf, und zu allem überfluss sah er prompt das RTL- Tutti-Frutti-Ballett vor sich, leicht bekleidete Mädchen, die die Blöße ihrer Brustwarzen notdürftig mit winzigen Fruchtaufklebern bedeckt hatten.

Giehsebehl verstand die Welt nicht mehr. Ihm wurde warm und er öffnete das nächstgelegene Fenster ein wenig. In Zukunft würde er sich genauer überlegen müssen, was er sich merkte. Das mit dem Relaxen war jetzt jedenfalls vorbei.

Schon fiel ihm auf, dass auch die Straßenbahn voller Botschaften war. Genauer gesagt gab es nur eine einzige Mitteilung, die dafür, angebracht auf schmalen rechteckigen Werbeflächen, gleich dutzendfach um seine Aufmerksamkeit buhlte.

“Lust auf Abwechslung? Komm zu Randstad!” stand da. Den Rest konnte er nicht lesen.
Randstad. Wer war doch gleich wieder Randstad? Nicht Randstand. Nicht Handstand. Nicht Rinnstein. Nein, Randstad. Ein hässliches Wort, fand Giehsebehl und wurde unruhig, während er merkte, dass sein Nacken feucht war.

Die Straßenbahn ruckelte, rumpelte und er erkannte an den Konturen der vorbeihuschenden Hecken und Gebüsche, dass sie gleich in die Endhaltestellenschleife Heumaden einfahren würden, wo, befestigt mit einem stabilen Sicherheitsschloss Marke Securitas, sein treues Herren-Fahrrad auf ihn wartete. Dieses bestieg er zwei Minuten später gänzlich unerholt, ja in verwirrtem Zustand, um es sodann zügig auf dem gewohnten Weg nach Hause zu lenken, den Kopf voller Ahnungen.

Nachdem Giehsebehl das Fahrrad, mit der Rahmenaufschrift “De Luxe”, zu seinem vertrauten Platz im Fahrradkeller gebracht hatte, führte ihn sein Weg, wie üblich, zunächst zum Briefkasten, der - wie konnte es anders sein - voll gestopft war mit Reklameflugzetteln und Werbeprospekten, Stadtanzeigern, Anzeigenblättern und so weiter und so fort. Allesamt Zeugs, das er sonst achtlos weggeschmissen hätte, jedoch, sensibilisiert durch sein Straßenbahn-Erlebnis, nahm er sich diesmal vor, die Dinge einer genaueren Prüfung zu unterziehen und auf Botschaften hin zu untersuchen.

“Gleich nach dem Abendessen,” dachte er bei sich. Die Prospekte unter den rechten Arm geklemmt, versuchte er mit der Linken seine Wohnungstür aufzuschließen, was ihm nicht gelang, da er dafür die stärkere rechte Hand benötigte. Beim folgerichtig eingeleiteten Versuch die gesammelten Machwerke unter den linken Arm zu klemmen, entglitt ihm der Stadtanzeiger, so dass er sich bücken musste, wodurch weitere Druckerzeugnisse zu Boden sausten. Eine große überschrift stach ihm ins Auge. “Ihre Zukunft: Call Center!” las er da, gleichermaßen fasziniert wie erschrocken. Hier wurde er ganz persönlich angesprochen.

“Meine Zukunft? Call Center?” Giehsebehl wurde richtig sauer. Jemand versuchte ihn seiner Zukunft zu berauben. Erbost öffnete er die Tür, ließ sie unsanft hinter sich ins Schloss fallen und eilte, ohne seinen Mantel auszuziehen ins Wohnzimmer, wo er den ganzen Mist auf dem runden Tisch ablegte, zuoberst die Stellenanzeigen-Seite, auf der in großen Lettern die unverhohlene Drohung prangte: “Ihre Zukunft: Call Center!”

“Was wisst Ihr von meiner Zukunft?” sprach Giehsebehl halblaut in seinen Kühlschrank hinein, während er zwei bunte Tupper-Schüsseln, eine mit Gelbwurst die andere mit Allgäuer Emmentaler, herausfischte. “Ha, gar nichts wisst Ihr von meiner Zukunft.” Hierauf mixte er sich ein großes Glas seines Lieblingsgetränks Apfelsaftschorle und freute sich über das gelungene Mischungsverhältnis mit einem leichten prozentualen übergewicht zugunsten des Sprudels.

Nach dem Abendessen widmete er sich erneut den Posteingängen, ein behördenähnlicher Briefumschlag in schmutzigem mausgrau erregte hierbei sein besonderes Interesse.

Eine Art Stempel prangte auf der Rückseite des Umschlags, der Text lautete: “Achtung! Nur vom Adressat persönlich zu öffnen!”
“Von wem denn sonst?” dachte Giehsebehl, der zu seinem ärgernis offensichtlich schon wieder auf eine Quelle überflüssiger Botschaften gestoßen war. “Sofortige Antwort erforderlich, gleich öffnen” sagte ein weiterer Stempel!

Nun war er doch gespannt, wie die Sache innen weitergehen würde, deshalb schlitzte er tatsächlich das kleine Kuvert auf, griff hinein und beförderte mindestens zehn bunte und weniger bunter Zettel nach draußen, die mit vielen Siegeln und Stempeln versehen waren.
Dazu gab es Bilder von Sportwagen, Häusern und Palmenstränden. Oft las er seinen Namen, mal in kleineren, mal in größeren Lettern, allerdings immer falsch geschrieben, nämlich ohne “h” nach dem “ie”.

Auch ein höchst persönlicher Brief war dabei, geschrieben von einem Chefredakteur, der ihm die einzigartige Gelegenheit einräumte, eine sensationelle Buch-Neuerscheinung zu testen, ohne jegliches Risiko. Wenn er innerhalb bestimmter Fristen reagierte, würde er sogar die “20.000 DM-Spurt-Prämie” gewinnen und an einer großen Verlosung teilnehmen, wobei seine Gewinnchancen garantiert waren. Diese und andere wichtige Sätze waren zusätzlich mit einem blauen Filzstift unterstrichen worden.

“Lug und Trug,” dachte Giehsebehl zornig, “da fall ich nicht darauf herein” und wollte den Brief mitsamt dem ganzen anderen Papierkram in Stücke reißen, doch dann besann er sich eines Besseren. Nein, so einfach würde er es ihnen diesmal nicht machen. Er, Giehsebehl hatte genug. Diesem Verlag mit seinen unseriösen Machenschaften musste man das Handwerk legen. Woher hatten die überhaupt seine Adresse? Gleich heute Abend oder besser morgen Abend würde er einen gepfefferten Brief schreiben und seiner Verachtung Ausdruck verleihen.

Gleichermaßen erstaunt wie entzückt registrierte er, dass ihn heiß ein unerhörter Gedanke durchzuckte: “Rebellion!” Ein selten gespürtes Gefühl durchströmte seine Glieder, versetzte seinen Pulsschlag in Aufruhr, euphorisierte ihn. Er würde sich zur Wehr setzen! Würde den Kampf aufnehmen, gegen die gefährliche Flut der nichtssagenden oder erlogenen Botschaften, die unsere Umwelt vergifteten, genauso wie die Auspuffabgase und Atome und was weiß ich noch alles. Und gleich morgen würde er damit beginnen.

In dieser Nacht schlief Giehsebehl hervorragend, obwohl er vergessen hatte die Heizung niedriger zu stellen, wie er am nächsten Morgen bemerkte, nachdem ihn der Radiowecker aus einem zugegebenermaßen nicht ganz jugendfreien Traum geholt hatte.

Nach dem Frühstück, das wie immer aus einer Tasse Kaba und einem Nutella-Knäckebrot bestand, putzte er sich ebenfalls wie immer ausgiebig die Zähne. Man konnte dabei hervorragend nachdenken, wahrscheinlich weil die Schwingungen der elektrischen Zahnbürste auch die Gehirntätigkeit stimulierten, wie Giehsebehl vermutete.

“Ihre Zukunft - Call Center? Pah!” Heute würde er seinen Feldzug gegen die überflüssigen, niederträchtigen Botschaften beginnen. Und er fühlte sich prima. Bereits 20 Minuten später radelte er beschwingt mit “De Luxe” zur Straßenbahnhaltestelle, einen schwarzen Eddingstift in der rechten Manteltasche.

Rund sechs Stunden später wunderte sich Straßenbahnfahrer Klaus-Dieter Grabowski bei seinem üblichen Kontrollgang kurz vor Schichtwechsel über eine große schwarze Krakelei auf einem der Sitze im hinteren Wagen.

Er las: “Meine Zukunft heißt nicht Call Center. ätsch! Ge-zeichnet A.G.”

Was das wohl wieder heißen sollte. Kopfschüttelnd setzte Grabowski seinen Weg fort, hob da noch einen Papier-schnipsel auf, dort eine Kakaotüte, stieg aus, zündete eine Marlboro an und warf den Müll in den kleinen Papierkorb, der an der gelben Stange mit dem Fahrplan befestigt war.

“Call Center?” dachte er. “Warum eigentlich nicht?”, sog etwas Rauch ein und genoss den sich prompt einstellenden Geschmack von Freiheit und Abenteuern auf seiner Zunge.





Stephan Trinkl (*1971 in Stuttgart) arbeitet als freiberuflicher Werbetexter und spielt Gitarre bei Cargo City. Lieblingsband: Thomas Mann.

Stuttgart_sucht Der Lautsprecher Band 6 – STUTTGART SUCHT, Herausgegeben von Svenja Eckert und Markus Ebinger. ISBN 3.932902.41.6, 9.90 € ERSCHEINT AM 01.10.2004.
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