Von Betacity am 17. Juni 2002 um 00:00

über das Bataille-Monument, Documenta11

Es ist Samstag, der 8. Juni, der Documenta11 Eröffnungstag. Der Fahrdienst zum Bataille-Monument vor der Binding-Brauerei, dem größten Documenta-Ausstellungsort, pendelt unregelmäßig. Nach einer viertelstündigen Fahrt in einem alten Mercedes ist in einer Wohnsiedlung Endstation. Viele Kinder, viele Wäscheleinen, keine Blumen dafür Rasenstücke zwischen den vierstöckigen Gebäuden. Wochenende. Familien trinken Kaffee am Campingtisch vor der Haustür und lassen den Documenta-Besucher-Strom an sich vorbei flanieren. Die Kinder sind aufgekratzt. Jungs kicken, genau dort, wo es eigentlich untersagt ist, aber das Verbotsschild an der Hausfassade wird vom neuen Imbiss-Stand verdeckt. Ein Mädchen fragt uns: Bleibt das jetzt so?

Nach Spinoza in Amsterdam, Deleuze in Avignon widmet Thomas Hirschorn in der Kasseler Nordstadt George Bataille ein Monument - mitten in einem Migrantenviertel. Das Bataille-Monument besteht neben dem eigentlichen Denkmal (eine aufgestockter Baumrumpf) aus einer kompletten Infrastruktur: eine Bibliothek, ein Ausstellungsraum zum Leben und Werk Batailles, ein TV-Studio, Webcams, ein Fahrdienst und ein Imbiss-Stand. Eine Informationstafel neben dem Monument informiert über am Projekt beteiligte Organisationen, alle Helfer- und MitarbeiterInnen werden namentlich genannt. Der attraktivste Treffpunkt bildet der Gästegarten vor dem neue Döner-Stand – auch er ist im prekären „Hirschhorn“ Stil erbaut und durch eine Lichterkette mit allen anderen „Facilitys“ des Bataille-Monuments verbunden. Das Gespräch mit Thomas Hirschhorn für BETACITY.DE führte Karin Hinterleitner, , im Gästegarten vor dem Imbiss.

BATAILLE_Monument


BATAILLE_Monument

Wir haben den Eindruck, dass ihr Projekt gute Akzeptanz findet hier im Viertel. Viele Leute arbeiten am Projekt mit – gegen Bezahlung selbstverständlich. Dennoch. Wie haben ist es Ihnen gelungen, die Leute für sich und das ungewöhnliche Monument-Projekt zu gewinnen?

Nun ich weiß nicht ob, es gelungen ist. Tatsächlich ist es so, dass ich bei meinem ersten Projekt, wo ich mit Jugendlichen aus dem Quartier gearbeitet habe in einer Vorstadt von Avignon, sicherlich vieles falsch gemacht habe, auch hier noch falsch mache. Ich rede jetzt gar nicht von der Kunst, von der Arbeit an sich, sondern vom Umgang mit meinen Helfern. Vor allem habe ich in Avignon gelernt, dass es bei der Betreuung der Ausstellung notwendig ist, als Künstler und Hauptverantwortlicher anwesend zu sein. Andernfalls ist es schwierig das aufrecht zu erhalten, was mir am Projekt wichtig ist. Zum Beispiel, dass die Geräte funktionieren und vor allem, dass die Idee transportiert wird. Es geht nicht einfach nur um Kommunikation.

Es geht nicht einfach darum „Kultur zu machen“, sondern Wissen und Information über das Werk von George Bataille zu geben. Das ist nicht einfach zu bewerkstelligen, weil man ja immer wieder gewogen ist, einfach durchzuhängen. Gerade die Leute hier müssen verstehen, dass nicht zählt, wie es aussieht und im Detail funktioniert, sondern die Idee des Monuments ist wichtig: Wissen, Information, Gesellschaftlichkeit, Freundschaft, Verbindungen herstellen, auch für ein nichtexklusives Publikum arbeiten. Diese Idee soll die ganze Ausstellungsdauer über getragen werden. Deshalb kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, dass uns dies bereits gelungen ist. Die Aufbauphase war sehr schwierig, sehr energiefordernd, gleichzeitig hat es sehr schöne Momente gegeben. Ich habe noch nie so eine komplexe und schwierige Arbeit gemacht. Jetzt müssen wir schauen, wie wir den wichtigsten Teil des Projekts, die Ausstellung selbst, durchführen können.

BATAILLE_Bibliothek


Vom Wirt des Imbiss haben wir gestern erfahren, dass Sie für die gesamte Documenta- Zeit hier bleiben werden. Das fanden wir sehr bemerkenswert, da gerade bei partizipatorisch angelegten Kunst-Projekten im öffentlichen Raum, die KünstlerInnen nach dem Aufbau meist weitergehen und sich nicht um die neu geschaffene Infrastruktur und das von Ihnen initiierte soziale Gefüge kümmern.

Ja richtig. Das habe ich auch selber oft an Kunstprojekten kritisiert. Aber dann habe ich es selber so erlebt beim Deleuze-Monument in Avignon. Dort habe ich den Aufbau mit den Jugendlichen abgeschlossen und bin dann gegangen. Ich habe ganz einfach nicht bedacht, dass die Betreuung das wichtigste ist. Das war ein Fehler. Und deshalb musste dieses Projekt nach zwei Monaten, obwohl es für vier Monate geplant war, abgebaut werden. Es war keine Katastrophe, aber ich habe gelernt, dass man noch mehr geben muss, wenn man ein solches Projekt mit Bewohnern in so einem Quartier macht. Da muss man die ganze Zeit über dabeibleiben. Sogar beim Abbau möchte ich hier mitmachen, da er Teil des ganzen Projekts ist. Ich habe mir deshalb die Möglichkeit gegeben – auch finanziell – dass ich über die ganze Zeit hier vor Ort bin. Ich wohne auch hier. Dies ist nicht als künstlerisches Konzept gedacht, wie das zum Beispiel Joseph Beuys gemacht hat, sondern ich sehe mich einfach als Mitverantwortlicher und Ansprechperson für alltägliche Probleme.

Thomas_Hirschhorn


Ich sehe in Ihrer Handlungsweise etwas von dem Prinzip der Verausgabung umgesetzt, dem Potlach, wie er von George Bataille beschrieben wurde. Sie zeigen auch auf einer Wandtafeln die entsprechenden Textauszüge von Bataille.

Es soll keine Umsetzung sein. Und es wäre schlecht, wenn das Projekt als Illustration angesehen würde. Mich interessiert dieser Begriff persönlich. Ich hatte diesen Text zuvor nicht so gelesen. Aber beim Wiederlesen, dachte ich, das ist genau das, was ich empfinde, wenn ich mich mit meiner Arbeit, ja, mit der Welt beschäftige. Deshalb hat mich dieser Text so betroffen gemacht und ich beschloss dafür ein Monument zu realisieren. Aber der Text hat keinen direkten Bezug zu dieser Arbeit.

Andererseits ist so ein Projekt, wenn es auch nicht so aussieht, tatsächlich eine unheimliche Verausgabung. Ständig fallen dringende Bitten und Anfragen jeder Art aus dem Quartier an. Ganz normale menschliche Anliegen. Leute regen sich wegen dem Lärm auf, andere sind auf den Betreiber des Imbiss neidisch, wieder andere, weil sie nicht mitarbeiten dürfen, obwohl, wenn sie dann arbeiten, es nicht richtig tun. Aber das nehme ich in Kauf. Ich muss immer versuchen, die Fahne der Kunst hochzuhalten. Und das ist dann Schlussendlich auch das, was von den Menschen hier respektiert wird. Es wird verstanden, dass dies kein Sommer- oder Gemeindefest ist, dass es sich nicht um eine kommerzielle oder rein kommunikative Veranstaltung handelt.

Wie kam es zu den einzelnen Stationen des Bataille-Monuments?

Die Idee war ein Monument aus verschiedenen Elementen zu machen. Ein Monument ist ja kein Monolith, sondern verschiedene Aspekte spielen eine Rolle: die Person oder die gewürdigte Tat, ein Objekt, ein Ort, die Information. Hier habe ich alle Aspekte in acht Teile aufgesplittet. Und jeder für sich ist gleichzeitig eine Türe bzw. ein Angebot, um in das Monument einzusteigen. Es ist nicht notwendig, alle diese Teile zu sehen oder zu benutzen. Wenn jemand nur ein Bier am Imbiss trinkt - und es gibt solche Leute - hat er dennoch einen hinreichenden Zugang zum Bataille-Monument. Solche Möglichkeiten bietet ja auch ein richtiges, also ein nichttemporäres Monument wie die Siegessäule. Die Leute stehen zusammen und der Transfer geschieht im Gespräch. Aber die wichtigste ist nicht die Kommunikation, sondern die Kunst und George Bataille und darum muss ich kämpfen.

Sie veranstalten im TV-Studio Workshops. Was ist für die Workshops geplant?

Mit dem Offenen Kanal Kassel, dem Bürger-Medium, haben wir eine Vereinbarung, dass wir täglich 10 Minuten senden. Zusammengestellt und produziert werden die Beiträge von den Bewohnern, den Jugendlichen des Viertels. Das ist ein weiterer Versuch, lokal, also von diesem Punkt aus aktiv etwas ausstrahlen zu lassen. Diese Videobeiträge haben mit den Bewohnern der Siedlung zu tun, vielleicht mit George Bataille, mit dem Gedanken des Monuments im weitesten Sinn.

Beim gestrigen Beitrag saßen Jugendliche wie auf einer Podiumsdiskussion und haben Texte vorgelesen.

Ja das waren Textbeiträge von Jean-Charles Masséra, ein französischer Schriftsteller. Er hat zwei Texte zum Vorlesen für uns geschrieben, „Alles Klar, die Debatte1“ und „Alles Klar, die Debatte 2“, und die wurden von den Jugendlichen gelesen, aufgenommen und ausgestrahlt.

Sie kommunizieren sehr viel bei diesem Projekt, insbesondere über George Bataille. Dennoch wehren Sie sich dagegen, Kommunikation bzw. Vermittlung als Ziel des Projekts zu erklären.

Ich habe hier keinen Aufwand betrieben um über George Bataille zu kommunizieren, es geht mir auch nicht darum, ihn zu kommentieren, sondern darum, Wissen und Information über ihn anzubieten. Die Frage “Wird man George Bataille hier lesen?“ Das kann nicht die Frage sein. Es geht nicht darum, ob es funktioniert oder nicht. Es geht darum, dass jemand kommt und für jemanden, den er verehrt, eine Arbeit macht – das meine ich mit Vorwand.

Es bleibt hier vielleicht nur der Namen von George Bataille zurück und, dass er eine Leistung vollbracht hat. Ich will aber nicht, mit oder für die Bewohner die Arbeit der Vermittlung machen. Diese Energie muss wie überall von demjenigen kommen, der sich das Ganze anschaut und sich mit Kunst konfrontieren will. Wenn er das nicht will, dann hat er genauso die Möglichkeit, dies nicht zu tun.

BATAILLE_MONUMENT_AUSSTELLUNGSRAUM



Was zeigen Sie im Ausstellungsraum?

Es gibt vier Elemente: in der Mitte die schematische Topographie von Kassel, darüber ist Plan des Werks von Bataille gezeichnet, den ich mit Christophe Fiat, dem Kenner vom Werk Batailles, ausgearbeitet habe. Die Bücher sind wie Häuser darauf aufgestellt. Ich wollte damit zeigen, dass George Bataille, dass diese Auswahl nicht direkt mit Kassel zu tun hat. Sondern, dass es etwas ist, das nur mich persönlich angeht. Deshalb habe ich diese Ebenen unvermittelt übereinandergelegt. Auf den darum angeordneten Stellwänden sind Textauszüge, wichtige Teile seiner Arbeit dokumentiert. Es soll aussehen, wie auf einer schlecht gemachten Gemeindeausstellung. Dazwischen sind vier Videos, die ich ebenfalls mit Christophe Fiat produziert habe. Touristische Reisen auf den Spuren von George Bataille. Es war schön in Frankreich zu den Orten zu reisen, wo er gelebt und gearbeitet hat. Dann zeige ich noch einen Film über Eingeborene in Neuguinea. Diesen Film finde ich gut. Ich zeige ihn, weil er von einem Ethnologen gemacht wurde, der aufräumt mit blöden Ethnogedanken. Er beschreibt knallhart, ehrlich und selbstkritisch, wie diese Menschen mit Geld und Markt umgehen. Der Film stellt den Bezug der Eingeborenen zum Kapitalismus her.

Nun zu den Webcams. Ich hatte leider noch nicht die Gelegenheit einen Blick darauf zu werfen.

Es läuft auch noch nicht so richtig. Es gibt vier Webcams: eine in der Bibliothek, in der Ausstellung, beim Baum und im TV-Studio. Ich habe noch nie etwas im Internet gemacht und es interessiert mich auch nicht weiter. Webcams sind meiner Meinung nach das Beste im Internet. Sie schaffen eine direkte Verbindung – von überall aus – weltweit - kann man mal reinschauen. Gerade für diese Arbeit, die lokal begrenzt und sich nicht am zentralen Ausstellungsort befindet, stellen die Webcams eine zusätzliche Verbindung dar.




Links:

Offizielle Documenta-Seite über Thomas Hirschhorn mit Webcams:
http://www.hirschhorn.documenta.de">http://www.hirschhorn.documenta.de

Workshops in Kooperation mit dem Offenen Kanal Kassel
http://www.lpr-hessen.de/ok/kassel">http://www.lpr-hessen.de/ok/kassel


Personen

George Bataille
http://www.france.diplomatie.fr/culture/france/biblio/folio/bataille">http://www.france.diplomatie.fr/culture/france/biblio/folio/bataille

Jean-Charles Masséra
http://www.pol-editeur.fr/catalogue/ficheauteur.asp?num=296">http://www.pol-editeur.fr/catalogue/ficheauteur.asp?num=296

Christophe Fiat
http://tija.free.fr/christophefiat">http://tija.free.fr/christophefiat


weitere Artikel zu Thomas Hirschhorn:

The "Deleuze Monument"
Magazine littéraire 406, February 2002 - Dossier: "L'effet Deleuze" [The Deleuze effect]
http://www.langlab.wayne.edu/Romance/FreD_G/EffetDeleuze9-Monument.html">http://www.langlab.wayne.edu/Romance/FreD_G/EffetDeleuze9-Monument.html

"Selbstentfaltung interessiert nicht"
Teilnehmer der documenta 11 in Kassel: Der Schweizer Künstler Thomas Hirschhorn
Von Stefan Tolksdorf
http://www.welt.de/daten/2002/04/30/0430ku329376.htx">http://www.welt.de/daten/2002/04/30/0430ku329376.htx



weitere BETACITY.DE-Artikel zur Documenta11:

Documenta11 - das BETACITY-Testteam berichtet  
BETACITY.DE  // 11. Jun. 2002
http://www.betacity.de/content/107.read">http://www.betacity.de/content/107.read

BETACITY.DE at Documenta11 Bildergalerie
http://www.betacity.de/content/107.read">http://www.betacity.de/content/106.read

 





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