Von Jens Gebhart am 11. Juni 2000 um 00:00

?: Kannst du dich kurz vorstellen?

Juliane Wanckel: Ich arbeite seit etwas über drei Jahren im Museum of Modern Art New York in der Filmabteilung, innerhalb dieser Abteilung im Bereich "Film-Exhibition". Davor habe ich in Deutschland und den USA studiert, bin sehr viel hin und her gependelt.

?: Was hast du studiert?

JW: Angefangen habe ich in den USA zu studieren, englische Literatur und amerikanische Geschichte und dann in Deutschland Theater,-Film,-und Fernsehwissenschaften und Nordamerika-Studien, anschließend bin ich wieder in die USA nach Berkley und war dort im Rhetoric Department, das ist eine Mischung aus Philosophie, Kultur, Literatur und Theorie mit dem Schwerpunkt Film und bin dann zurück nach Berlin gegangen und habe dort meine Magisterarbeit geschrieben. Nach dem Magisterabschluss Januar '97 fing ich gleich im Februar '97 mit einem Praktikum hier im MoMA an. Aus dem Praktikum entwickelte sich Projektarbeit, aus der Projektarbeit entwickelte sich diese feste Stelle im MoMA. Es hat mir hier bisher sehr viel Spaß gemacht und ist ein sehr interessanter Job.

?: Wie sieht deine Arbeit konkret aus?

JW: Meine Arbeit umfaßt drei Bereiche. Einerseits bin ich verantwortlich für die Filmseiten in dem monatlichen MoMA-Magazin, das sind immer so 15 Seiten über die ganzen Filmveranstaltungen die wir machen, d.h. ich schreibe Texte, redigiere Texte, researche Texte, suche Credits, suche Stills aus und mache mit einer Graphikerin zusammen das Layout, das ist der eine Schwerpunkt meiner Arbeit, der ander ist, daß ich verantwortlich bin für das Filmprogramm auf der MoMA Website, das ist mehr oder weniger das gleiche Material wie im Magazin das in entsprechender Form dort präsentiert wird. Der dritte Bereich ist daß ich zusammen mit einen Hauptkurator, Filmveranstaltungen organisiere, Filmemacher einlade und unter anderem auch deren Filme vor Publikum vorstelle und bespreche. Natürlich mache ich auch sehr viel Research und fahre zur Berlinale und anderen Filmfestivals.

?: Film umfaßt auch Videoarbeiten?

JW: Ja, wir haben auch sehr viele Experimental- und Avangarde-Filme, die zum Teil auch auf Video sind . Da gibt es zum einen die 8 mm Serie, die jetzt seit drei Jahren läuft immer Donnerstag Abend, wo im Prinzip die Geschichte der amerikanischen 8 mm Filme aufgezeichnet wird. Das ist ein sehr spannendes Programm. Dann gibt es noch die Serie Cineprobe, für die Filmermacher die ins MoMA kommen und wir mit ihnen "question and answer sessions" nach dem Screening von ihren Filmen oder Videos vor Publikum veranstalten.

?: Du arbeitest momentan nicht mehr im MoMA, sondern befindest dich seit mehreren Wochen im Streik, wie kam es dazu?

JW: Den Streik gibt es seit 6 Wochen und 3 Tage (Stand 10.6.2000) also seit dem 28 April. Ich bin noch angestellt aber auf Streik d.h. ich bekomme kein Gehalt und keine Krankenversicherung mehr vom Museum gezahlt, bin aber trotzdem noch angestellt. Ich bekomme von der Gewerkschaft ein Streikgeld von 150 Dollar die Woche, d.h. davon kann ich knapp meine Miete bezahlen und habe noch 4 Dollar übrig. Die Gewerkschaft bezahlt auch unsere Krankenversicherung und ab der nächsten Woche werden wir "unemployment" bekommen. Nach 7 Wochen Streik bekommen die Leute in der New York "unemployment" d.h. 50% des Brutto Gehalts, bis zu einem Maximum von 360 Dollar die Woche, plus die 150 Dollar Streikgeld, dann sieht es auch schon wieder besser aus, aber diese zwei Monate waren schon ganz schön hart. Viele Leute haben sich andere Jobs gesucht.

?: Wieviele Leute streiken vom MoMA Personal?

JW: Das MoMA insgesamt hat etwas über 600 Angestellte, das umfaßt die Security Guards, Housekeeping, die Engineers und den Professional- and Administrative Staff und alle sind in unterschiedlichen Gewerkschaften organisiert. Von anfänglich 250 Stellen der Professional and Administrative Staff sind ca. 70 Leute gar nicht Mitglied in der Gewerkschaft. Von den 180 die in der Gewerkschaft organisiert sind, haben die meisten von Anfang an mitgestreikt. Einige sind ALLERDINGS im Verlauf der letzten sechs Wochen als Steikbrecher wieder zurückgegangen aus unterschiedlichen Gründen, d.h. momentan streiken noch ca.140 Leute. Jedoch bilden die restlichen Steikenden einen ziehmlich harten Kern. In den letzten beiden Wochen ist auch keiner mehr zurück gegangen.

?: Wird das jetzt nich riskant für die verbleibenden Streikenden?

JW: Wir können nicht entlassen werden, aber es koennte natürlich, wenn der Streik vorbei ist zu Benachteiligungen kommen. Ich weiß natürlich nicht wie das Management damit umgehen wird. Es ist eventuell nicht auszuschließen, daß die Leute die gesteikt haben, nicht mehr befördert werden, o.ä.

?: Was war der Auslöser für diesen Streik?

JW: Die Vertragsverhandlungen liefen von November '99 an. Da hat sich nichts getan und irgendwann nach dem x-ten Meeting zwischen dem Mangement und den Gewerkschaften, hat die Gewerkschaft eine Urabstimmung gemacht. Die Streikfrage, wurde mit riesiger Mehrheit bejaht. Der Auslöser war meiner Ansicht die Beschneidung der Leistungen der Krankenversicherung. Wir verdienen im MoMA so wenig und zusätzlich sollen die Krankenversicherungskosten auf uns zurückgewältzt werden. Es gibt 40 Angestellte, die nur 17 000 Dollar im Jahr verdienen (Durchschnittsgehalt unserer Professional und Administrative Staff Positionen ist 28 000 Dollar) und davon dann auch noch Arztkosten zu zahlen, ist einfach unmöglich. Viele können davon einfach nicht leben und haben auch noch Zweitjobs nebenher, oder Eltern unterstützen sie.

?: Geht die schlechte Bezahlung druch alle Beschäftigungsgruppen im MoMA?

JW: Nein natürlich nicht. Die drei Topmanager verdienen fast 300.000 Tausend Dollar im Jahr und die Chief Curators verdienen sicherlich auch 150 000 Tausend Dollar. Aber die ganzen Leute die darunter sind, die Junior Curators, die Researchers, die Editors werden eben sehr schlecht bezahlt, man arbeitet für eine große Institution, für einen großen Namen.

?: Wird nicht in allen großen Kulturinstitutionen ähnlich vorgegangen?

JW: Ja, ich denke mir daß vom Ansatz her im Guggenheim oder Metropolitan Museum die gleiche Situation dort herscht, daß die Leute unter den Chief Curators sehr schlecht bezahlt werden und man den Idealismus und die Ambitionen in der Hinsicht ausnützt.

?: Wie finanziert sich das privatwirtschaftlich verwaltete MoMA?

JW: Zu 30% finanziert sich das MoMA aus Eintrittsgeldern. Desweiteren gibt es die Trustees wie beispielsweise die Rockefeller Familie die auch Gründungsmitglieder sind oder die Lauder Familie und die Gund Familie. Diese drei Großfamilien haben sich hier über Jahrzehnte engagiert.

?: Gibt es äußerungen von dieser Trustees Gruppe, bezüglich des Streiks? JW: Die halten sich insgesamt sehr zurück, was aber beispielsweise sehr interessant ist, daß Agnes Gund, die Präsidentin des MoMA's, die seit fast 30 Jahren für das MoMA engagiert ist, jetzt im nächsten Jahr ausscheiden wird. Sie hat natürlich nicht gesagt, daß sie wegen des Steiks austritt, das kann man so nicht sagen, aber man hat so ein bisschen den Eindruck, daß sie nicht so ganz einverstanden ist mit der Dot.com Geschichte die das MoMA zusammen mit der TATE Gallery in London vor hat.

?: Was ist das genau?

JW: Das ist ein Projekt das kürzlich angekündigt wurde. MoMA und die TATE Gallery wollen ein Internet Angebot aufbauen, wo die Besucher/Kunden über Design und andere Produkte über das Internet beraten werden und kaufen können. Ein online store mit Design Produkten, Möbeln, Haushaltswaren usw, zwar außerhalb des MoMA's als 'for profit organisation' aber trotzdem eine Tochter des MoMA. ?: Mutieren die großen Museen nicht alle nach und nach zu Kaufhäusern, mit Kunst-und Design Stores in den Eingangshallen?

JW: Das ist sicherlich eine Entwicklung die man beobachten kann, wenn man sich den Design-Store des MoMA's anschaut. Die Ausstellungsfläche des Design-Stores wird immer größer und das ist ganz offensichtlich auch eine Finanzquelle. Aber nichts desto trotz ist das sehr problematisch, diese Verflechtung mit wirtschaftlichen Interessen. Ich habe da schon bedenken.

?: Ihr seit hier vor dem MoMA sehr präsent mit Streikposten und verteilt Handzettel, was erwartet ihr von den Besuchern?

JW: Auf dem Zettel sagen wir im Prinzip warum wir streiken und zeigen den Leuten wie sie uns unterstützen können: Indem sie eben nicht hineingehen und unsere Petition unterschreiben oder an den Direktor Glenn Lowry () ein E-mail schicken und auf der Rückseite nennen wir alternativ Museen, Buch - und Designläden.

?: Gab es das schon Probleme beim Verteilen der Handzettel?

JW: Ja, es gab schon sehr unangenehme Situationen, daß Leute gesagt haben: "Go to hell" oder "fuck yourself" oder ein sehr charmanter Juppie sagte zu mir: "Go down the street and sell hot dogs". Es gibt unangenehme und auch sehr nette Leute. Der Grossteil der Leute ist eher indifferent, wenn man sie in ein Gespräch verwickelt werden sie meinstens interessiert, aber eigentlich wollen sie nur ins Museum gehen. Ganz generell sind Frauen grundsätzlich ansprechbarer als Männer und gehen auch mehr auf den Dialog ein. Wenn man sich die Nationalitäten anschaut sind die Holländer die interessiertesten, sprechen ein sehr gutes englisch und sind sehr unterstützend in Bezug auf unsere Forderungen. Leider muss man sagen, daß die Japaner fast überhaupt nicht reagieren. Vielleicht liegt es auch an der Sprache. Bei den Deutschen ist es so, wenn man sie auf englisch anspricht, sind sie meinstens nicht sehr offen, aber wenn man dann auf deutsch mit ihnen redet sind sie im Prinzip auch sehr unterstützend.

?: ... und das MoMA hat noch keinen Riegel vorgeschoben?

JW: Polizei ist immer präsent. Wir haben natürlich das Recht auf freie Meinungsäußerung und das kann uns das MoMA auch nicht verbieten. Bei Großveranstaltungen wie beispielsweise diesen Mittwoch, wo David Rockefeller geehrt wird, müssen wir in diese kleinen Käfige und die Polizei "managed" uns dann. An den normalen Tagen sind wir so zwischen10 und 30 Leute, die dann auch direkt vor dem Museum stehen können.

?: Gab es schon einmal einen solchen Streik?

JW: Bei der Gründung der Gewerkschaft vor 30 Jahren gab es schon einmal einen Streik der ca. 8 Wochen dauerte.

?: Gibt es bald wieder Verhandlungen?

JW: Nächsten Donnerstag wird es ein weiteres Treffen geben zwischen Management und der Union. Das ist die zweite Verhandlung seit Beginn des Streiks überhaupt und wir hoffen natürlich, daß unser Streik bald beendet sein wird. (Anmerkung: Bei dem Treffen wurden keine Verhandlungsfortschritte erziehlt)

?: Gibt es intern Probleme die Arbeitsausfälle zu regeln?

JW: Ich glaube schon, daß es dort Probleme gibt, momentan sind schon einige Bereiche ganz geschlossen für die öffentlichkeit, die Library, die Archives und die STUDY Centers sind geschlossen. Es gibt natürlich ganz klar Probleme. Dann hat das Museum viele Zeitarbeitsleute eingestellt um bestimmte Stellen zu füllen. Der Vorteil den das Museum hat ist, daß gerade am 1.Mai der zweite Teil der großen Ausstellung (Moderne Kunst im 20 Jahrhundert) eröffnet wurde, die dann noch bis September gehen wird. D.h. die Ausstellung die jetzt läuft, ist für die öffentlichkeit zugänglich und in sofern ist der Publikumsverkehr nicht primär beeinträchtigt. Je näher aber der Termin für die Eröffung des dritten Teil der Ausstellung kommt im September 2000 desto mehr gerät das Museum auch unter Druck. Beispielsweise die Publikationsabteilung ist vollStändig in Streik gegangen und da wird es sicherlich große Probleme mit dem Katalog geben.

?: Also wird das Management früher oder später einlenken müssen...

JW: Ja ich hoffe schon, wobei man da auch noch sehen muss, daß das MoMA von 2001 an nach Queens umziehen wird, um das Gebäude hier komplett umzubauen. Der Umbau beginnt allerdings schon partiell im Herbst diesen Jahres, so daß man annehmen könnte, daß das Museum sich zu diesem Zeitpunkt dann nicht noch zuätzlich zum potentiellen Umbau-Chaos mit dem Streik belasten will.

?: Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg.



--- MoMA Website: http://www.moma.org
MoMA Internetprojekt: http://www.moma.org/docs/press/2000/fF_PO02,c8458,.htm
Strike Website: http://local2110.home.igc.org

PLEASE SIGN & CIRCULATE!

Professional and Administrative Staff Association
of The Museum of Modern Art Local 2110 UAW AFL-CIO
113 University Place, 5th Floor, New York, NY 10003 (212) 387-0220
Fax (212) 228-0198 Mailto: - http://local2110.home.igc.org


Dear Friends and Colleagues,

The Professional and Administrative Staff Association of The Museum of Modern Art (PASTA-MoMA) has been on strike since April 28, when its members voted 115-25 to reject the Museum s final contract offer. We, the Museum s curators, librarians, archivists, registrars, educators, editors, conservators, and administrative staff, are asking for a fair contract. The Museum has failed to bargain in good faith since negotiations began in October 1999. The issues in contention are basic ones, including a modest pay increase, the security of our healthcare coverage, and union rights. We are fighting to defend our profession´s integrity. It is critical that MoMA s management stop stalling and come back to the bargaining table so the strike can be resolved. Your support will help make this possible. Please add your name to this list and forward to artists, teachers, professors of art and art history, professionals of other museums and nonprofit institutions, and all who believe that art is a vital part of society. Once compiled, the list will be sent to Glenn Lowry, Director; Agnes Gund, President; and the Trustees of The Museum of Modern Art.

INSTRUCTIONS: Please select the entirety of this letter and copy it into a new outgoing message (or hit Send Again). Address your message to as many contacts as possible. The list is managed, so do not worry about name duplication. Every fiftieth person who signs should forward a copy to


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