Von Karin Hinterleitner am 13. Juli 2003 um 00:00

Premierenaufführung im Club Colibri, Donnerstag, den 10.07.2003
Ein Film von Chi-Hun Whang, Cem Kaya und Guido Negenborn

KaltePlatte



Manche Männschen stolpern in diesen Monaten über ihren Schwanz und andere über ihr loses Mundwerk. Dankbar sind in Reformstagnationssommermonaten dafür die Medien. Auch Stuttgart hat nun einen verbalen Ausrutscher als Klatsch-Vorlage. Die Stuttgarter Zeitung berichtet über den Wirbel um die vermeidliche off-the-record-äusserung von Galeriechef Schmidt im am Donnerstag gezeigten Dokumentarfilm zur Geschichte des Kleinen Schlossplatz (*1).

Die drei Macher (Studenten der Merz Akademie *2) schnippelten die aufgezeichnete Bemerkung von Schmidt nicht heraus (O-Ton Schmidt: "Mit einer infamen Technik zusammengeschnitten" ). Warum eigentlich?

Klar, die Regie hat einiges zu kritisieren am Galerie-Neubau und der Politik rund um den Kleinen Schlossplatz. Sie gibt gar nicht erst vor, so etwas wie einer Dokumentationsfilm-Objetivität zu folgen. Aber warum entfernten sie den entzündeten Verbal-Appendix nicht prophylaktisch? Wir wissen doch, was solche äußerungen in veröffentlichter Form für Schaden anrichten können - besonders in meinungsscheuen Stuttgart! Die armen Männschen, die sich in Stuttgart täglich ihre Meinung bilden müssen, könnten ja dadurch manipuliert werden, wenn JournalistInnen nicht mehr zwischen öffentlicher Rede und Privatsprache unterscheiden!!!! Wo kämen wir dahin, wenn alle Autoren von Off-The-Records-Highly-Confidential-äußerungen auch noch aus dem Zusammenhang gerissen zitiert als Kanonenfutter verheizt werden? Wahrscheinlich dahin, wohin sich Hascher und Jehle bereits begeben haben: in den begründete Rückzug ins Private: Im Film wurde informiert, dass das Interview mit den beiden Architekten auf ihren Wunsch zurückgezogen wurde, da sie befürchten, missverstanden zu werden. Jedenfalls rochen die beiden bereits den Braten, was durchaus für ihre interkulturelle Kompetenz spricht.

Nun zum Film: Selten habe ich so einen liebevoll, spannend und engagiert gemachten Nonfiction-Film mit toller Archiv-Arbeit (aus dem SWR-Archiv, den lokalen Tageszeitungen, Fotos usw.) gesehen. Städtebauliche Zusammenhänge werden in klasse 3D-Animationen visualisiert. Viele unterschiedlichste Meinungen und Zeitzeugen wurden befragt. Die drei schaffen es, vielschichtige Zusammenhänge der Meinungsbildung rund um städtebauliche Fragen Stuttgarts zwischen Mitte sechziger und heute aufzuzeigen. Eine besonders spannende Aufbereitung der Rezeptionsgeschichte des Kleinen Schlossplatz, dem Leberfleck der ehemals fußgängerfeindlichen Stadtplanung in Stuttgart. Und deshalb noch mal wegen der Ethik: Wirklich vorgeführt wird keiner der Interviewten. Sie können eher stolz sein, Protagonisten einer gelungenen Doku-Show zu sein! Kritik werden die Herren doch vertragen. Wer würde sich mehr darüber freuen, wenn die im Film geäußerten Befürchtungen nicht einträfen, als die ehemaligen Szenegänger des Kleinen Schlossplatz.

Ich habe keine Information, wann und wo dieser empfehlenswerte Film noch mal gezeigt wird. Auskunft darüber können sicher die drei Macher geben:

Chi-Hun Whang, Cem Kaya und Guido Negenborn
mailto:

Links:

Ankündigung:
http://www.betacity.de/content/260.read

1* Review Zeitungsartikel Stuttgarter Zeitung
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/459549

2* Film-Site:
http://www.diekalteplatte.de
Mein Lieblingstrailer:
http://www.diekalteplatte.de/DieKaltePlatte02.mov


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