Von Judith Siegmund am 16. Juli 2003 um 00:00

Zum Taschenbuch „Kunstcoop©“ - erschienen 2002 in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin

Acht Künstlerinnen, die sich im Jahr 2000 innerhalb der NGBK Berlin zur Gruppe Kunstcoop© zusammenschlossen, vermittelten im Rahmen von Ausstellungen die ausgestellte Kunst: Sie führten „interaktive, partizipatorische Projekte durch, die sich teilweise mit dem Gezeigten konkret, manchmal aber auch mit dem Assoziationsraum um das in der Ausstellung behandelte Thema auseinandersetzten“. (Aus dem Vorwort von Leonie Baumann.)
Da es sich um Künstlerinnen handelt (also nicht um PädagogInnen, wie traditionell üblich), verfolgten sie dabei andere Ziele, setzten andere Methoden ein und bezeichneten ihre Kunstvermittlung nicht zuletzt als künstlerisches Arbeiten.

Obwohl sie anfangs von den verschiedenen Arbeitsgruppen der NGBK, welche die Ausstellungsreihen konzipieren, präsentieren und betreuen, sehr begrüßt wurden, spitzten sich Auseinandersetzungen über Verfahren und Legitimität der Kunstcoop-Gruppe so weit zu, daß einige der Ausstellenden die Zusammenarbeit mit den Vermittlerinnen verweigerten.

Seit September 2002 gibt es nun ein Taschenbuch „Kunstcoop©“, das die Arbeitsweise der Gruppe darstellt und in dem eine Diskussion über deren künstlerische Vermittlungsarbeit, aber auch über Einwände anderer KünstlerInnen und KuratorInnen recht genau nachzulesen sind. Dem kleinen Bändchen muß man zugute halten, daß die Kunstcooperinnen in ihm nicht an Selbstkritik sparen, also – und das kommt ganz klar zum Ausdruck – an einer konstruktiven Weiterführung der Diskussionen in der und um die Vermittlung von Kunst interessiert sind. Am besten läßt es sich als ein „Arbeitsbuch“ beschreiben, anhand dessen man bereits gesammelte Argumente Revue passieren lassen und mit dem man weiterarbeiten kann, indem man die gesammelten Statements gegeneinandersetzt und selbst überlegt.

Carmen Mörsch greift als Initiatorin der Kunstcoop©-Gruppe fast allen möglichen kritischen Argumenten der LeserInnen vor, indem sie die Liste der Einwände gleich selbst präsentiert:

1. Die Künstlerinnen der Gruppe Kunstcoop© verhalten sich zu den von ihnen vermittelten Ausstellungen parasitär. Sie hängen sich per Vermittlung an das Kunstgeschehen an. Es sind sozusagen „B-Künstlerinnen“.
2. Da die einzelnen Mitglieder von Kunstcoop© mit verschiedenen Ansätzen arbeiten, ist die Gruppe unberrechenbar. Die AGs (Arbeitsgemeinschaften der NGBK) können die Vermittlungsarbeit nicht von einer klaren Produktpalette abfragen, wie es sich bei einer Dienstleistung gehörte.
3. Die Kunstvermittlung muß zur Kunst in einem dienenden Verhältnis und nicht gleichberechtigt neben ihr stehen. Bei den Herangehensweisen von Kunstcoop© ist diese klare Trennung nicht mehr gewährleistet.
4. Kunstcoop© konkurriert innerhalb der Projekte mit den AGs. Es wird nach außen nicht immer klar, daß die Ausstellungsprojekte nicht von Kunstcoop© sind.
5. Die Projekte von Kunstcoop© simplifizieren die komplexen Inhalte der zu vermittelnden Projekte. Sie basieren auf einem zu niedrigen theoretischen Niveau.
6. Die kuratorischen Konzepte verfälschen die Kunst schon genug. Die Kunst muß vor einer zusätzlichen Verzerrung durch die Kunstvermittlung geschützt werden.
7. Die Projekte der Kunstcoop© sind in ihrem Vorgehen zu nah an der Kunst, die vermittelt werden soll.
8. Die Arbeit von Kunstcoop© ist zu didaktisch und deshalb nicht künstlerisch genug.
9. Das durch Kunstcoop© in die Ausstellung gebrachte Publikum kommt nicht freiwillig, aus einem eigenen Interesse für die Kunst.
10. Die Projekte von Kunstcoop verfehlen die kuratorischen Anliegen der AGs und bringen von diesen nicht intendierte Themen in den Ausstellungskontext.

Man kann ohne Zweifel über jeden einzelnen Punkt eine Diskussion auf einer generellen Ebene führen. Ohne zu behaupten, daß alle Punkte zuträfen, möchte ich mir die Nummer 7 aus der Reihe herausgreifen:
Wenn Kunstvermittlung zur Kunst erklärt wird, ist sie, strenggenommen, keine Vermittlung mehr. Denn, ob sie es wollen oder nicht, bringen die Vermittlerinnen ihre Autorenschaft mit ins Spiel – das, was in der traditionellen Kunstvermittlung als Option nicht existiert. Maria Linares „macht, wie sie sagt, ohnehin vermittlerische Kunstprojekte“ (33) – auch diese sind dann eben Kunst. Lediglich Nanna Lüth zieht eine „feine Linie zwischen Kunst und Kunstvermittlung“ (33) und spricht von „Rückwirkungen der Kunstvermittlung auf ihre eigene künstlerische Arbeit“.

Das K ü n s t l e r is c h e der Vermittlung zieht den langen Rattenschwanz der Auseinandersetzungen nach sich. Arbeiten Künstler eher mit traditionellen Medien, werden sie solch eine Vermittlung ihrer Arbeiten nicht als Störung, sondern eher als Bereicherung begreifen. Sind die vermittelten Kunstprojekte aber selbst partizipatorisch, prozeßhaft und auf die Veranstaltung spontaner Kommunikation gerichtet, verschwimmen die Grenzen zwischen Kunst und Vermittlung ganz. Ginge es dann auch noch um die Verteilung immer zu knapper finanzieller Ressourcen, könnten sich Rivalitäten schnell bilden – nämlich dann, wenn das Budget für die Kunstvermittlung schon geplant wäre – die (restlichen) Künstlerinnen aber um Präsentations- und Realisierungsmöglichkeiten untereinander konkurrieren müßten. (In der NGBK war dies nicht der Fall, Kunstcoop© bewarb sich genauso wie die anderen AusstellungsmacherInnen mit einem Konzept und wurde erst nach demokratischer Abstimmung finanziert.)
Um Unstimmigkeiten zu vermeiden, wäre deshalb mein Vorschlag: Laßt doch die VermittlerInnen als KünstlerInnen an Ausstellungen und Projekten teilnehmen – womit sie allerdings aus der Vermittlung verschwinden würden... Also ist das dann doch keine Lösung?

Kunstcoop©
eine Publikation zu 2 Jahren Kunstvermittlung der Gruppe Kunstcoop© in der
NGBK Berlin.
Herausg. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, 2002
152 S., 14 x 18 cm, 2 / 2 farbig, Abb., dt. / engl.
Buchhandelspreis:14 Euro, in der NGBK 10 Euro, für Mitglieder 5 Euro
ISBN 3 - 926796-74-x
Vertrieb: Vice Versa, Berlin
Kunstcoop©-Website: http://www.kunstcoop.de
Autorin: Judith Siegmund


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