Von Renata Jagielska am 30. April 2002 um 00:00

„WENN ES FüR UNS KEINEN KONTEXT GIBT, SCHAFFEN WIR UNS UNSEREN EIGENEN KONTEXT.“1 – STUTTGART UND DAS SCHICKSAL SEINER EXPERIMENTELLEN SZENE IN DER REFLEXION EINER FREMDEN

Im Winter 2001/2002 absolvierte ich an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg das Aufbaustudium im Studiengang Kulturmanagement. Im Zeitraum März-August 2001 entstand dort meine Magisterarbeit zum Thema „Konzepte zur Gestaltung von innovativen Arbeitsbedingungen für Künstler in Baden-Württemberg“. Wie ich im Vorwort der o.gen. Magisterarbeit schrieb, lag meiner Themenwahl eine bestimmte Erfahrung zugrunde. Bis 1999 lebte ich in Krakau, Polen und konnte als Mitarbeiterin einer 1994 gegründeten Konzertagentur die neuen, schnellen Entwicklungen auf dem polnischen Kulturmarkt beobachten. Letztendlich enttäuscht von der Erkenntnis, daß sich die zuerst zunehmende Differenzierung des Kulturmarktes schnell in eine übermacht der Großunternehmen aus dem Westen verwandelt hatte (z.B. im Bereich der U-Musik, in dem ich tätig war), interessierte ich mich sehr dafür, wie man mit dieser Problematik in Westeuropa umgeht, wo der Kapitalismus nun seit 50 Jahren die Kulturpolitik prägt. Ich bewarb mich um einen Studienplatz im Institut des Kulturmanagements an der Ludwigsburger PH, bekam ihn und so landete ich im Herz Baden-Württembergs. Ich schaute mich um und ziemlich schnell bemerkte ich erstaunliche ähnlichkeiten zwischen der polnischen und der deutschen oder besser baden-württembergischen Realität. Eine Art latenter Ignoranz oder politischen (Un)Willens, die eine effektive Entwicklung der experimentellen Kunstszene behindert ließ sich in meinen Augen feststellen, nicht zuletzt im Zuge der Untersuchung, die meine Magisterarbeit beinhaltet.

Fünf Einrichtungen standen im Mittelpunkt meines Interesses: Oberwelt e.V., FLEX e.V., BETACITY.DE, büro. für alles, START-UP-ARTS. Die drei ersten als Beispiele einer Nonprofit-, die zwei weiteren als Beispiele einer kommerziellen Tätigkeit im Kunstbereich. In diesem kurzen Aufsatz möchte ich mich nun auf die Schlußfolgerungen konzentrieren, die mit dem Nonprofit-Bereich zusammenhängen, denn hier entfaltet sich am besten die Problematik der Stuttgarter Kulturpolitik in ihrem Bezug auf die experimentelle Szene.

Oberwelt bekannt vor allem als Galerie für überwiegend unetablierte Künstler, FLEX – ein Zusammenschluß freier Kunstvermittler und BETACITY – ein Online Forum für Kunstschaffende und -interessierte stellen durch viele konzeptionelle ähnlichkeiten eine Art Netzwerks dar. In allen drei Fällen beobachtet man, daß der Ausgangspunkt ein experimenteller Umgang mit der eigenen Tätigkeit ist und daß sich aus dem experimentellen Charakter eine ganz klare Anti-Mainstream Positionierung herausentwickelt, die in einer Stadt wie Stuttgart anscheinend besonders schwer zu erreichen und noch schwerer zu bewahren ist. Diesen bedauerlichen Zustand scheint die Tatsache zu bestätigen, daß sich z.B. die FLEX-Aktivisten nach drei Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit und einem missgelungenen Versuch das Minimum an öffentlicher Unterstützung zu bekommen, vorübergehend zum Zurückziehen gezwungen gefühlt haben. Der Grund dafür liegt möglicherweise in einer Kulturpolitik, die auf einem veralteten Kulturbegriff (= etablierte Kunst) baut und dementsprechend seit Jahren unausreichend die freie Szene fördert. Oft ist vielleicht der gute Wille seitens der Politiker vorhanden, es existiert aber nicht eine im Sinne Förderkriterien günstige Infrastruktur, die den Verantwortlichen etwas flexibler handeln läßt.

Eine ähnliche Problematik ist auch bei Oberwelt zu beobachten, wo die bereits 1978 (sprich in besseren Zeiten) gegebene Infrastruktur, der Galerieraum dem Verein weder weggenommen noch bereichert wird durch irgendeiner Art weitere öffentliche Unterstützung. So bleibt alles wie es einmal war und man weiß nicht so recht, ob man sich darüber freuen soll oder aufregen. BETACITY, gegründet im Jahr 2000 verzichtet programmatisch auf eine öffentliche Unterstützung, um einen eigenen Kontext für sich in der Stuttgarter Wüste zu schaffen. Hier geht das Denken der Gründer und Betreuer, Karin Hinterleitner und Jens Gebhard was die Finanzierung anbetrifft Richtung Sponsorships, also komplett über das heilige Steuergeld hinaus. Große Erfolge auf diesem Feld sind allerdings noch nicht zu bemerken. Dies sagt wohl nicht, daß die Wirtschaft in solche Kooperationen prinzipiell nicht einsteigt, eher geht es in dem Falle erstmals um die fehlenden Kapazitäten, die man für eine erfolgreiche Sponsoren-Akquise für BETACITY benötigt. Wenn diese jedoch einmal vorhanden sind, hat man meiner Ansicht nach gute Chancen auf diesem Feld erfolgreich zu sein.

Was sagt uns das alles? Anscheinend muß man in einer Stadt wie Stuttgart doch viel mehr nach den alternativen Möglichkeiten suchen, die Entwicklung der experimentellen Kunstszene zu finanzieren. Einfach stelle ich mir dies nicht vor, dieser Weg kann doch aber nicht frustrierender sein als die bisherigen negativen Erfahrungen mit der Stadt. Im Zuge einer kontinuierlichen Arbeit müßte man hier zuerst unterschiedliche Ideen einer alternativen Finanzierung ausarbeiten und diese dann systematisch überprüfen. Zum Vorteil der untersuchten Einrichtungen sind manche dieser Ideen bereits da, wie z.B. die BETACITY-Sponsoring-Akquise-Strategie, oder ein Selbstfinanzierung-Konzept von FLEX. Um die Effizienz dieser Versuche zu erhöhen, könnte man sich vielleicht um eine Koordinationsstelle bemühen, die aus einem Team fachkompetenter freien Mitarbeiter (Kulturmanager) bestehen sollte, denn jeder Einrichtung scheint in diesen Sachen an den Kapazitäten zu fehlen. Dennoch auch unter der Voraussetzung, daß dieses Experiment gelingen würde, kann es sich beweisen, daß gewisse Dinge ganz ohne öffentliche Förderung gar nicht zustande kommen können. Zuerst sollte man sich nicht vorstellen, daß die experimentelle Szene feierlich und vor allem dauerhaft von der Wirtschaft oder diverser Stiftungen gefördert werden kann, denn diese im besten Fall ihre Unterstützung projektbezogen, sprich befristet (eher kurz- als langfristig) leisten. Zum Zweiten wird man hier ständig dem Problem gegenüberstehen, daß sich das „Experimentelle“, sprich das Neue, noch Unbekannte, vielleicht Gefährliche(?!) schlecht verkauft, um dies so schlicht auszudrücken.

Und hier schließt sich der ganze Gedankenkreis, denn gerade eben wurden die Gründe genannt, die in einem normalen Fall dafür ausreichen, um auf die Idee zu kommen, die experimentelle Szene doch hauptsächlich öffentlich zu fördern. Wie sind denn aber nun die Konditionen der heutigen Kulturpolitik, wie sieht der Trend aus und ist er überhaupt leicht zu erkennen oder geht es hier vielleicht nur noch um die Kunst diplomatischer Täuschungen? Niemand würde doch laut sagen, daß die Kunst gar keine öffentliche Unterstützung benötigt, gleichzeitig aber sieht man (mindestens in Stuttgart), daß ausgerechnet dort, wo sich die Kunst am lebendigsten entwickelt, kein echtes Interesse vorhanden ist, diese Entwicklung zu unterstützen oder wie es schön die Studie Kunststadt Stuttgart ausdrückt „Dinge unbürokratisch möglich werden zu lassen“ . Ich glaube zwar nicht, daß es jeweils eine Kulturpolitik geben wird, die alle Interessierten zufriedenstellt, aber ich wünsche mir, daß dort wo ich wohne und arbeite zumindest eine lebendige kulturpolitische Diskussion stattfindet und der Wille zu erkennen ist, die Sachen zeitgemäß zu verändern.




Renata Jagielska
Stuttgart, den 28.04.2002




Die vollständige Magisterarbeit ist als PDF (303KB) unter folgender URL einsehbar: http://www.betacity.de/pdf/jagielska.pdf


1)Die Aussage von Karin Hinterleitner aus meinem Interview mit ihr (Juni 2001), bezogen sich auf die Entstehung von BETACITY.
Kunststadt Stuttgart. Studie des Instituts für Kunstgeschichte an der Universität Stuttgart im Auftrag der Landeshauptstadt Stuttgart, Frühjahr 2000, S.44-45.


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