Von Judith Siegmund am 22. Januar 2001 um 00:00

zur Tagung "KONTEXT/ KUNST/ VERMITTLUNG
am 20. und 21. Januar 01 in der NGBK Berlin

Es gibt Künstler, die mit ihren Projekten ganz oder teilweise den imaginären Raum der -auf sich selbst bezogenen- Kunstwelt verlassen. Es gibt aber auch Künstler, die neben ihrer künstlerischen Arbeit Führungen in Kunstsammlungen veranstalten und es gibt Künstler, deren Hauptbeschäftigung es ist, an Kunstakademien zu lehren.

Der Bogen, den die Tagung "KONTEXT / KUNST/ VERMITTLUNG" schlug umspannte sie alle.
Verblüffend war, daß diese "Breite und Diversität", die bewußt von den Veranstalterinnen gewählt worden war, die Teilnehmer der Tagung nicht daran hinderte, ersteinmal mit einer gewissen Neugier aufeinander zuzugehen.

Ein weiteres Kriterium bei der Auswahl vieler Künstler, die auf der Tagung ihre Projekte vorstellten, scheint eine gewisse Inhaltsbesessenheit vor allem Profilierungswillen gewesen zu sein. Das wirkte erfrischend, denn die Profilierungssüchtigen verstellen oft genug den Blick. So kam zur Vielfalt auch noch eine gewisse Neuheit im Sinne von: Kannte ich noch gar nicht...., ganz neue Leute......spannende Projekte.

Eine Diskussion darüber, daß Kunstprojekte in sozialen Kontexten heute ähnlich wie traditionellere Arbeitsweisen von Künstlern zur eigenen Profilierung genutzt werden, weil auch diese Arbeitsweise bereits zum Mainstream gehört, entstand allerdings nicht. Mit wem soll man das auch diskutieren? Die Sich-Profilierenden, wie z.B. "Starship, die sich auf der Tagung mit konventionellem Namedropping vorstellten, haben kein Interesse an solch einer Diskussion, und Künstler, deren Aufmerksamkeit sich auf andere Aspekte ihrer Arbeit richtet, werden eventuell nicht das nötige Interesse zur Diskussion mitbringen.
Das Thema Profilierung, von der anderen Seite aus gesehen, d.h. aus der Perspektive der Menschen, mit denen Künstler arbeiten, kam in einem Vortrag von Eva Sturm zur Sprache. Sie beschrieb anhand eines Beispiels das mögliche Scheitern oder besser gesagt Schwierigkeiten, die entstehen können, wenn Künstler anderen Personen durch ihre Arbeit "eine Stimme geben". Das Fazit der Verantwortung der Künstler für die Menschen, mit denen sie arbeiten und die Forderung, nach begleitender Reflexion der eigenen Macht in der Repräsentation der anderen stellt für ein Arbeiten im sozialen Raum eine Art Basis dar, auf die man als Künstler immer wieder zurückkommen muß.

Der erste Tag der Tagung war ein Ritt durch verschiedenste Projekte, die alle von den Künstlern selbst und in rasantem Tempo dargestellt wurden. Die zehn bis fünfzehnminütigen Vorstellungen und das anschließende offene Tischgespräch verhinderten zunächst die sonst auf Tagungen übliche Müdigkeit. Die Vielfalt der Projekte reichte von der Errichtung eines Kommunikationsraumes für ein Containerdorf in Graz von der Künstlergruppe "Kunst://Abseits vom Netz" bis zur Kunst-Arbeit von Nicholas Lowe mit Menschen im Umfeld von AIDS in Nord-Ost-England; -von der Kiez-Box aus der Wrangelstraße Berlin, die mit türkischen Jugendlichen, ("die ihren Schulverpflichtungen nicht nachkommen"), zusammengezimmert wurde bis zum Maler Klarenbeck, der sich entschied, nachdem er festgestellt hatte, daß auf Vernissagen alle Besucher mit dem Rücken zu seinen Arbeiten standen, u.a. in Afrika im öffentlichen Raum zusammen mit den Leuten Bilder zu entwerfen.

Als Resumé eines kleinsten gemeinsamen Nenners, gezogen aus allen Projekten wurde festgestellt, daß sich KünstlerInnen heute viel weniger als vor zehn oder zwanzig Jahren um eine Rechtfertigung des Kunstbegriffes kümmern, mit dem sie arbeiten, den sie oftmals selbst erst durch ihre Arbeit kreieren. Das spricht für geringeren Rechtfertigungsdruck im Kunstbetrieb und hat die positive Folge, daß es sich jeweiligen außerkünstlerischen Inhalten konzentrierter nähern läßt. Mit der Rechtfertigung verschwand aber auch eine Methodendiskussion, auf die man nicht verzichten sollte. Diese Diskussion von Methoden und Kriterien wurde eingeklagt, sie wurde aber (noch) nicht auf der Tagung in der NGBK geführt. Allein der Vortrag von Eva Sturm scheint in diese Richtung zu weisen.

 Am zweiten Tag kamen Theoretiker und Pädagogen zu Wort. Der Streit über einen Werkbegriff für Kunst im Kontext versus der Akzentuierung des Arbeitsprozesses wurde nicht zuletzt zwischen Lehrenden aus Deutschland (Institut für Kunst im Kontext, HdK Berlin) und aus England (Department of Fine Art in Context, UWE Bristol) geführt. Die Selbstverständlichkeit, mit der von den Engländern auf die Nicht-Darstellbarkeit des Prozesses von Kunst, die in Kontexten arbeitet, hingewiesen wurde, verweist vielleicht auch auf die unterschiedlichen Arbeits- und Lehrbedingungen im Verhältnis zu Deutschland. Diese müssen aber erst noch konkreter ausgearbeitet werden. Auch hierin war die Tagung erst ein Anfang.



Zur Tagung wurden ein Archiv mit Dokumantationen von Kunstprojekten, eine Bibliothek und eine Videothek von den Veranstalterinnen zusammengetragen, die für die Besucher der NGBK eine Woche öffentlich ist. Die Sammlung kann vom 22. bis zum 28. Januar 01 in der NGBK benutzt werden. Auch dieses Archiv ist ein guter Anfang.



Tagung KONTEXT/ KUNST/ VERMITTLUNG

eine Kooperation zwischen der AG Kunstcoop in der NGBK, dem Institut für Kunst im Kontext an der HdK Berlin, dem Department of Fine Art in concept der UWE Bristol (GB) und dem Depot, Raum für Kunst und Diskussion Wien (A)

Organisation und Konzept: Heike Föll, Katja Jedermann, Barbara Meyer-Marenbach und Carmen Mörsch



EINE WOCHE ÖFFENTLICHKEIT

in der NGBK vom 22. - 28. Januar 01, täglich 12 bis 18.30 Uhr
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Judith Siegmund
-berlin.de


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