Von N0name  am 31. August 2007 um 14:23

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n0name newsletter #118 Fr., 31.08.2007 11:57 CET

ACHTUNG! Umlaute

*Inhalt/Contents*

1. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 22
2. Nick. _Roman_ (Fortsetzungsroman) Teil 78

27 KB, ca. 8 DIN A4-Seiten

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1.

Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 22


Die Prosumer-Fantasie eines Alvin Toffler oder Mattias Horx, also die
angebliche Instandsetzung des Konsumenten das Produkt mit-bestimmen zu
koennen setzt, allerdings auf demokratischen Konsum, der gerade eben
erst fuer uns realisiert wurde. Die funktionale sich sinnvoll
ergaenzende dynamische Einheit (Bedarf wird gedeckt durch Produkte),
wie sie im verwirklichten real-existierenden Prosumenten seine
Figuration findet, hat immer noch den Profit und den sich verwertenden
Wert zum Masz.

"Nutzer und Entwickler von Software ver-schmelzen in Personalunion und
erhöhen damit die Feedback-Frequenzen" schreibt Sabine Nuss und damit
beschreibt sie beinahe einen geschlossenen Kreislauf, Merkmal fuer
perfekte Harmonie.

"Im Rahmen der Open Source-Bewegung sollten all diese Vorteile auch
für kom-merzielle Unternehmen nutzbar gemacht werden. Einige der
„Urväter" der Freien Software, darunter Linus Torvalds, diskutierten
die Möglichkeiten und Potenziale einer Zusammenarbeit von freien
Entwicklern und kommerziellen Software-Herstellern sowie die
Entwicklung geeigneter Geschäftsmodelle. Wäh-rend Freie Software/Open
Source Software aufgrund ihrer gerade beschriebenen Vorzüge inzwischen
auch bei großen, kommerziellen Anwendern gern als kosten-günstige
Ressource zur Optimierung der Geschäftsabläufe oder Erweiterung der
eigenen Produktpalette eingesetzt und genutzt wird,63 ist es
andererseits weniger einfach, die Software selbst in ein
verkaufbares Produkt zu verwandeln. Wegen der breiten (und
kostenlosen) Verfügbarkeit und der nahezu unbeschränkten
Vervielfältigungsmöglichkeiten fehlt Freie Software/Open Source
Software eine entscheidende Bedingung für den Verkauf: Sie ist nicht
knapp und ein nicht knappes Gut, also ein Gut, welches ubiquitär
kostenlos zur Verfügung steht, kann, wenn überhaupt, nur gegen einen
sehr geringen Preis verkauft werden."

Knappheit und kuenstliche Verknappung des Guts sind Basisargumente in
diesen Diskussionen um die Sinnfaelligkeit und den Durchsatz von
Offener Weichware. Sieht man sich die Laeden mit ihren CD-ROM- und
DVD-Metern an, ist aber die Ueberproduktion von Programmen zu
bemerken. Von Knappheit keine Rede, das Ueberprodukt muss an den
Kauefer gebracht werden, der gleichzeitig frei _im_, und gebunden _an_
den Akt des Bezahlens das Gut erwirbt. Es wird ihm nicht
vorenthalten, es wird ihm hinterhergeschmissen fuer Kredit bei der
Bank und eine Menge "Zahlungsmittel", die er und nur er als
Arbeitender bereits selbst Meta-Betriebswirtschaftlich erwirtschaftet
hat.

"Weil der Einsatz von Software beim Nutzer zumeist eine Menge
zusätzlicher Tätigkeiten nach sich zieht - Implementierung und
Anpassung an die jeweilige Einsatzumgebung, Wartung, Erweiterungen,
Support etc. - haben sich in den letzten Jahren eine Reihe
Verwertungsmöglichkeiten für Freie Software/Open Source Software
entwickelt, die vor allem auf diesen zugehörigen Dienstleistungen -
auf dem „Drum-herum" - basieren: So wuchs und wächst mit dem
zunehmenden Einsatz von Freie Software/Open Source Software in
kleineren und mittleren Unternehmen oder in Behörden und öffentlichen
Einrichtungen, in denen nur wenig Computerfachleute bzw. Spezialisten
für Freie Software/Open Source ar-beiten, vor allem der Bedarf an
professionellem Support. Liebäugelt eine solche Organisation noch mit
dem Einsatz oder dem Umstieg auf Freie Software/Open
_______________
63 Die „Kosteneinsparpotenziale", von denen z.B. in der Studie der
DB-Research gespro-chen wird (s.o.), gehen in vielen Fällen zurück
auf den Einsatz von Open Source Soft-ware als IT-Infrastruktur von
Unternehmen (z.B. freie Web-, E-Mail- und Intranet-Ser-ver). Vor
allem Internet Service Provider und Hersteller von
Netzwerkkomponenten (z.B. Cisco) gründeten so in der Vergangenheit
ihre Geschäfte erfolgreich auf offene Standards (z.B. der freien
Internet-Protokolle TCP/IP). Zudem wird OSS auch gern als Basis für
ein eigenes Produkt verwendet. IBM bspw. nutzt den (freien) Apache
Web-Server innerhalb seiner Web-Sphere-Produktreihe, Sendmail Inc.
erweitert das eigene sendmail, das auch weiterhin frei bleibt, zu
einer kompletten E-Mail-Server-Suite mit grafischer
Administrationsoberfläche und anderen Tools. Vollständig und
zusammen mit den eigenen Entwicklungen in ein proprietäres Produkt
integrierbar ist eine ge-nutzte freie Softwarekomponente jedoch
immer nur dann, wenn die Lizenz des Open Source Programms dieses
zulässt (Bußkamp 2003).

80"

Warum liegen Einsparpotenziale vor, wie kommen sie zustande?

"Source Software, so kann sie auch zunehmend auf Firmen zurückgreifen,
die angepasste Einsatzkonzepte für OSS in der jeweils spezifischen
Produktions-umgebung entwickeln (z.B. GNU/Linux AG).
Ein zweites bekanntes und erfolgreiches Geschäftsmodell ist die
Distribution. Distributoren (z.B. Red Hat, S.u.S.E) erstellen aus dem
riesigen Pool freier Soft-ware, aus den Mengen an freien
Systemkomponenten, Tools und Anwendungen konsistente Pakete, die auch
für technisch weniger versierte Anwender einfach zu installieren und
zu konfigurieren sind. Darüber hinaus reichen die Experimente
für die Verwertung von Freie Software/Open Source Software von ihrem
Einsatz als strategisches Mittel zur Markterschließung64 über die
Entwicklung von OSS gegen Lohn65 und dem Angebot von Schulungen und
Trainings für Interessierte bis hin zur Herausgabe von Handbüchern
(v.a. O'Reilly Verlag) und Zeitschriften (z.B. GNU/Linux-Magazin),
dem Betrieb von Online-Diensten (z.B. slashdot.org; sourceforge.net)
und Merchandising (z.B. GNU/Linux-Stoff-Pinguine, T-Shirts usw.).
Trotz vieler, mehr oder weniger erfolgreicher Freie Software/Open
Source Geschäftsmodelle - die Suche nach geeigneten Methoden,
florierende Geschäfte auf Freie Software/Open Source Software zu
gründen, dauert an. Die Möglichkei-ten, zahlende Kunden für ein
„freies Gut" zu finden, Märkte dafür zu erschließen, es in eine
bestehende Produktpalette zu integrieren - also schlicht damit Geld
zu verdienen, werden nach wie vor diskutiert. Einig sind sich
Protagonisten und Unterstützer des Freie Software/Open Source
Modells, dass darin ein „immenses Marktpotenzial" (Bußkamp 2003)
steckt, wie man es am besten erschließt und ausschöpft, ist weniger
klar. Wenn Freie Software/Open Source Geschäftsmodelle darauf
basieren, dass ausschließlich Dienstleistungen verkauft werden, wie
Sup-port, Handbücher erstellen usw. ist es letztlich nicht nötig,
dass die Software geschlossen ist. Wenn die Software selbst
allerdings Ware sein soll, dann darf sie
_______________
64 Freie Software/Open Source wird verteilt, um Kunden damit
„anzufüttern", sie an bestimmte Anwendungen, Tools etc. zu gewöhnen
und so an die proprietäre Produkt-palette heranzuführen.
Erweiterungen, Updates etc. müssen dann gekauft werden. Ähnlich
können Hardwarehersteller ihre hardwarenahe Software (Treiber,
System-programme) freigeben, um möglichst viele neue
Softwareentwickler dafür zu gewin-nen, für ihre Plattform
Programme zu entwickeln und so eine gute Unterstützung der
verkauften Hardware zu gewährleisten (Bsp.: VA Linux Systems,
Server-Systeme von IBM, Compaq oder Dell).
65 Einige Unternehmen bezahlen „ihre" Hacker inzwischen für die
Entwicklung von Frei-er bzw. Open Source Software - zu
Marketingzwecken, aus technischem Interesse etc.. Red Hat
errichtete sogar ein eigenes Labor, die Red Hat Developer
Laboratories. Auch IBM, Netscape, SGI und Sun bezahlen ihre
Mitarbeiter für die Entwicklung Freier Software/Open Source.

81"

Vermutlich betrifft die notwendige Ausweitung des Produkt-Horizonts
aufgrund von Umsatz-Einbuszen oder aus strategischen Erwaegungen und
die Rueckeroberung des Marktes die Offenlegung von Microsoft's XML.
Ueberprueft werden muesste, ob das einfache Lemma, dass nicht frei
verfuegbares Gut durch den unfreien Konsens des geschaeftlichen
Vertrags zur Ware wird, zutrifft. Einfache Warenzirkulation? Die
Software wnen offen, wird dann eventuell nicht mehr Ware sein, wenn
sie frei, im Sinn von frei zugaenglich (so wie ein "oeffentlicher
Platz" frei zugaenglich ist), verfuegbar ist. Ihre Nutzung holt den
Warencharakter aber wieder ein, wenn der Support die Software erst
- im Sinn des Wortes - bzw. den Nutzer erst der Software zugaenglich
macht, was dann Wiedereinschlieszungen des Angebots
(Re-Proprietarisierung) je nach Bedarf der Sicherung der Margen zur
Konsuquenz haben kann, ganz so wie es im Mobiltekefonsektor zu
beobachten ist, wo Geraete fuer 0-Betraege angeboten werden, wenn
diese Verkaufstrategie zu mehr Absatz von Vertraegen verhilft.

"nicht für jedermann frei verfügbar im Netz zur Verfügung stehen. Im
Folgenden sollen zwei Geschäftsmodelle vorgestellt werden, die beide
Aspekte in sich verei-nen: Software als offener Produktionsprozess,
bei dem nur die begleitende Dienst-leistung die Ware ist und Software
als Ware selbst. Anhand der Schilderung dieser Geschäftsmodelle soll
gezeigt werden, wie der Widerspruch zwischen offenem Code und
ausschließlichem Eigentumsverhältnis gelöst wird.

Unternehmen I: VA Software

Das Unternehmen VA Software wurde 1993 gegründet, hat seinen Sitz in
Fremont, Kalifornien, und beschäftigte im Jahre 2002 etwa 180
Menschen. Es entwickelte die populäre Entwicklungs-Plattform
SourceForge.Net. Von überall her quer über den Globus können
Entwickler dort ein Freie Software/Open-Source-Projekt anmelden, den
entsprechenden Software-Code gemeinsam mit anderen entwickeln und ihr
Vorgehen und ihre Arbeitsfortschritte über verschiedene Werkzeuge, wie
beispielsweise Mailinglisten, Fehler-Verwaltungsprogramme,
Versionskontroll-In-strumente usw. administrieren. SourceForge.Net
ist damit eine Art Infrastruktur für eine kooperative und global über
das Internet stattfindende Software-Entwick-lung. Natürlich könnten
die Programmierer eine solche Plattform auch selbst organisieren.
Denn „jeder kann das", wie Marc Merlin, Systemadministrator bei
VA Software bestätigt.66 Aber Merlin weiter:

„Es ist eine Qual. Programmierer wollen Code schreiben, sie wollen
kein CVS (Concurrent Versions System) ins Leben rufen, das macht
keinen Spaß. Die Idee dahinter war also, dass wir den Leuten, die
einfach ihre Projekte machen wollen, ein solches System zur
Verfügung stellen. (...) es wurde sehr erfolgreich."

Im Jahr 2002 wurde SourceForge.Net von rund 460.000 Entwicklern
weltweit genutzt. Insgesamt waren zum 31. Juli 2002 44.528
Open-Source-Projekte regist-riert. VA Software hatte nie intendiert,
mit dieser Plattform Geld zu verdienen. Das Unternehmen entwickelte
die Software in den 90er Jahren, zu einer Zeit, als das eigentliche
Geschäft aus dem Verkauf von GNU/Linux-Computern bestand.
Merlin: „VA wollte der Community etwas zurückgeben, weil wir GNU/Linux
verkauft haben und das haben wir ja nicht geschrieben." Darüber
hinaus wollte VA auch die weitere Entwicklung von Freie Software/Open
Source fördern. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass das
Hardware-Geschäft keine Gewinne einbrach-te, besonders nach dem so
genannten Dotcom-Crash 2000/2001. Konsequenter-weise stieß VA das
Hardware-Geschäft ab. Etwa zeitgleich kamen Anfragen von Firmen und
anderen Interessenten nach der Software, mit welcher die Plattform
_______________
66 Die Aussage entstammt einem Interview mit Marc Merlin, das ich im
Juni 2002 in Fremont/Californien führte.

82

SourceForge.Net selbst läuft. VA Software erkannte, dass die Internet
Plattform - ursprünglich der Freie Software/Open Source Community
gratis zur Verfügung gestellt - das Softwareprodukt sein könnte, mit
dem sich Geld verdienen ließe. Offensichtlich gab es speziell in
großen Konzernen, deren Büros quer über die Welt verteilt sind,
Bedarf für eine Software, die globale und über das Internet
koordinierte, dezentrale Software-Entwicklung ermöglicht. VA Software
entschloss sich, das Geschäft vom Verkauf der Hardware auf Software
und Dienstleistungen umzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der
Code von SourceForge offen, im Zuge der Kommerzialisierung der
Plattform wurde er geschlossen. Ein Ausschnitt des Interviews
verdeutlicht die Beweggründe:

„Merlin: Ursprünglich gingen wir dazu über, Support, Kundenanpassungen
und Installa-tionen zu verkaufen und hatten auch ein paar Kunden.
SourceForge.Net hatten wir noch vollständig quelloffen. Seit Ende
2000 kam es dann häufiger vor, dass Firmen es schwer rechtfertigen
konnten, hunderte oder tausende von Dollars für ein Produkt zu
bezahlen, das offen ist. Sie brauchten zwar immer noch die
Installation, die Kundenanpassung, sie brauchten wirklich das, was wir
ihnen anboten. Aber sie konnten ihre Bosse nicht über-zeugen, für
etwas, das frei sein soll, einen Scheck zu unterzeichnen.

Frage: Das klingt, als wäre es eine rein mentale Angelegenheit?

Merlin: Fast ausschließlich. Sie brauchen das Gefühl, für ihr Geld
etwas von Wert zu bekommen. Das ist etwas, was vielen kommerziellen
Open-Source-Projekten passiert.

Frage: War das der Hauptgrund für euch, aus SourceForge geschlossene
Software zu ma-chen?

Merlin: So würde ich es sehen. Ich denke, die Hauptsache war, dass
sogar unsere eigenen Direktoren gesagt haben, man könne mit einer
Sache kein Geld machen, die Freie Soft-ware genannt wird. Das ist
natürlich diskussionswürdig. Red Hat hat Erfolg damit."

Während des Transformationsprozesses von offener zu geschlossener
Software nahm VA Software Kontakt zu all jenen Programmierern auf
(„das waren nicht so viele", Merlin), die an der Entwicklung von
SourceForge mitgearbeitet hatten und bat sie um Erlaubnis für die
Schließung des Projekts. Aus der Software SourceForge wurde eine
kommerzielle Version entwickelt, die SourceForge Enterprise Edition.
Dieses Software-Paket mit geschlossenem Code ist mittlerweile VA
Softwares Vorzeige- und Haupt-Produkt. Zu den Kunden, die
SourceForge nutzen, gehören Unternehmen wie Pfizer, Hewlett Packard,
Agilent Technologies und Organisati-onen wie die National Science
Digital Library und die Open SystemC Initiative. Ursprünglich
angetreten, um auf der Basis von Freie Software/Open Source Soft-
ware Geld zu verdienen, ging VA nach einer Phase des trial and errors
dazu über, das Potenzial der Open-Source-Produktionsweise in
Unternehmen hinein zu tra-gen, also das Produktionsmodell selbst zu
„verkaufen". SourceForge gibt Unter-nehmen die Möglichkeit, den
„Wissensfluss" innerhalb von global und dezentral agierenden
Unternehmen zu zentralisieren, konzentrieren und kontrollieren:

83"

Angesichts solcher Prozesse, waere zu fragen inwieweit die
Begrifflichkeiten proprietaerer und offener, respektive geschlossener
Software ueberhaupt tragfaehig sind, stellen doch Privateigentum
und Profit grundlegendere Kategorien dar. Zum 25jaehrigen Bestehen
gibt es beim Baecker Kuchen fuer alle, am Montag drauf kostet ein
Broetchen dann 30 Cent.

"„Entwickler sind produktiver. CSD (Collaborative Software
Development) reißt interne Barrieren nieder, so dass Entwickler
weniger Zeit damit verbringen müssen, ihre Arbeit zu dokumentieren
und mehr Zeit haben, Code zu programmieren. (...) Manager können die
Aktivitäten verfolgen. Mit der Möglichkeit, die Arbeit der
Programmierer zu zentralisie-ren, können Manager leicht neue
Möglichkeiten identifizieren, sie können Multi-Projekt-berichte
erstellen und Probleme verhindern, bevor sie eintreten. Eine
effektive CSD Platt-form macht besser einsichtig, welche Erfahrungen
Entwickler haben und das sorgt dafür, dass Manager einen besseren
Zugang zu Experten rund um den Globus haben” (VA Soft-ware 2002,
Werbeflyer).

Als weitere Vorzüge werden genannt: „kürzere Entwicklungszyklen,
weniger Kos-ten und eine bessere Qualität von Software." SourceFourge
integriert demnach die Vorteile von Freie Software/Open Source in ein
kommerzielles und proprietäres Produkt. VA Software bietet seinen
Kunden aber nicht nur das technische Hilfsmittel für eine kooperative,
raum-zeitlich fragmentierte Produktionsweise innerhalb des
Unternehmens an, sondern unterstützt Firmen auch bei der Anwerbung
freier Entwickler aus der weltweit verstreut lebenden Community für
die Entwicklung spezifischer Open-Source-Software, auf deren Basis
sie Geld verdienen wollen.

Unternehmen II: CollabNet

CollabNet steht in direkter Konkurrenz zu VA Software. Das
Unternehmen er-zielt seinen Profit ebenfalls mit einer proprietären
Entwicklungsplattform-Soft-ware namens SourceCast. Brian Behlendorf,
Mitgründer der Apache67 Software Foundation, gründete CollabNet im
Sommer 1999. Die Firma hat ihren Sitz in Brisbane, Kalifornien, und
beschäftigte im Juni 2002 rund 85 Menschen. Neben ihrem Kerngeschäft,
dem Vertrieb und der Vermarktung von SourceCast betreibt CollabNet
ebenfalls eine öffentliche Internet-Entwicklungsplattform, mittels
de-rer Programmierer weltweit Open-Source-Projekte entwickeln können.
Diese Internet-Seite unter dem Namen Tigris.org stellt das Pendant
zu VA Softwares SourceForge.Net dar. Interessant hierbei ist, dass
zwei fest angestellte Program-mierer von CollabNet fuer je zwei
Open-Source-Projekte bei Tigris.org verantwort-lich zeichnen. Sie
haben die Software-Projekte gegründet und betreuen sie weiter.
Eines der beiden Projekte, Subversion, möchte eine neue
Versionskontroll-Soft-ware entwickeln, da man mit der bestehenden
CVS68 allgemein unzufrieden sei.
_______________
67 Die als Open Source-Projekt entstandene Software Apache ist seit
April 1996 die meist-genutzte Software für Webserver. Der Netcrafi
Web Server Survey vom Mai 2002 zu-folge laufen 56 Prozent aller
Webseiten auf Apache (http://www.apache.org).
68 Ein Programm, das es Entwicklern ermöglicht, Änderungen im
Quellcode zu adminis-trieren und Informationen über die Art und die
Gründe dieser Änderungen zu spei-chern und anderen bereitzustellen.
Auf diese Weise entstehen verschiedene Versionen von Programmen,
die anhand ihrer Versionsnummer identifiziert werden können.

84

Im Juni 2002 hatte dieses Projekt69 ein halbes Dutzend reguläre
Entwickler und ungefähr ein Dutzend Programmierer mit commit
privileges.70 Diese Entwickler sind Teil der Open-Source-Community
und nicht bei CollabNet angestellt. Ab-gesehen von diesen gibt es
noch die vereinzelten und nicht regelmäßigen Beiträge in Form von
Fehlermeldungen und kleinen Korrekturen, die von der weltweit
verstreuten Freie Software/Open Source Community via Mailingliste
geschickt werden. Diese ständigen Verbesserungen des Programms werden
in das kommer-zielle Produkt integriert, wobei hier die kommerzielle,
geschlossene Software von CollabNet mit der offenen, von der
Community entwickelten Software kombi-niert wird, abgesichert mit
einer entsprechenden Lizenz. Ebenso verfährt CollabNet mit dem
Open-Source-Projekt Scarab. Es bezweckt die Entwicklung einer Fehler-
verwaltungssoftware und hat eine kleinere Beteiligung als Subversion,
aber die Art und Weise, wie Wissen von der Community in das
kommerzielle Produkt eingeht, ist die gleiche. Es erscheint erst
einmal unverständlich, warum ein Unter-nehmen für ein Programm wie
Scarab, verpackt im Gesamtpaket SourceCast, überhaupt bezahlen soll,
wenn es doch mit offenem Code frei verfügbar im Netz steht. Im
Interview71 erklärte Greg Stein, einer der Programmierer von CollabNet,
dazu: „Die Leute in der Open-Source-Community haben eine gut
funktionieren-de Version von Scarab. Aber Scarab als Teil von
SourceCast funktioniert besser." CollabNet betrachtet den Vorgang,
Scarab so in ihr kommerzielles Produkt zu integrieren, dass es als
Teil eines „Gesamtkunstwerks" funktioniert, als value adding.
CollabNet verkauft demnach nicht einzelne Programme, die in der
Open-Source-Community entwickelt werden und dort verfügbar sind.
Vielmehr stellen sie die-se Programme nach spezifischen
Kundenwünschen zu einem anwendungsfreund-lichen und sinnvollen Ganzen
zusammen und verkaufen sie als Paket, wobei ge-
_______________
69 Die Angaben beruhen wie bereits bei der erst genannten Firma auf
Daten aus dem Jahre 2002. Für die hier vorliegende Frage, wie das
Spannungsverhältnis von offenem Code und geistigem Eigentum gelöst
wird, kommt es aber nicht so sehr auf die Aktu-alität der Daten an,
sondern auf das Geschäftsmodell als solches. Sowohl VA Software
als auch Collabnet sind nach wie vor aktiv mit den hier
beschriebenen Modellen.
70 Sogenannte „commit privileges" erhalten Mitarbeiter, die
regelmäßige und brauchbare Beiträge zu einem Projekt liefern. Ein
„Commiter" hat als quasi „verpflichteter Freiwil-liger"
Schreibrechte für den Quellcode und Stimmrechte bei Entscheidungen
über die Zukunft eines Projektes.
71 Interview vom 6. Juni 2002, Brisbane/Kalifornien. Neben Stein
nahmen außerdem der Geschäftsführer und Chefentwickler von
CollabNet Brian Behlendorf; Jon Stevens, ein weiterer
CollabNet-Programmierer und Jason Robbins, Wissenschaftler an der
Universität von Kalifornien, Institut für Informations- und
Computerwissenschaft, teil.

85"

Im Zuge der Aktualisierung der Produktionsprozesse werden die
horizontaleren Arbeits- und Organisationsweisen entwickelt, die
aber sofort fetischisiert werden zur "Gemeinschaft", zum "Mehrwert"
kombiniert mit einer nicht neuen Form der hierarchischen Ordnung, die
einer saekularen Priesterschaft aehnelt, also einer weichen
leistungsbezogenen Form der militaerischen Befehlskette.

"schlossener und offener Code in einem Programm-Paket nebeneinander
existie-ren können.

„Wir haben all diese verschiedenen Werkzeuge und alle sind als
individuelle Werkzeuge irgendwie nützlich, d.h., die Leute können
diese Programme auf ihren Computern selbst installieren und laufen
lassen. Aber was schon immer schwierig war, ist diese Werkzeuge
zu einem Gesamten zu integrieren, damit sie eine `Suite'
darstellen. Diese Integration braucht Zeit und Erfahrung. (...) Fast
jede Firma draußen im Open-Source-Raum hat heutzutage dieses value
add, aus dem sie dann einige Bits Software selbst behält." (Brian
Behlendorf)

Es wäre zu simpel zu behaupten, dass Firmen wie CollabNet oder VA
Software die Community für ihre Profitinteressen ausbeuten würden.
Vielmehr besteht eine wechselseitige Beziehung, bei welcher der
kommerzielle und der nicht-kommerzi-elle Bereich voneinander
profitieren. Die beiden Open-Source-Projekte Subversi-on und Scarab
sind für CollabNet so etwas wie das Rohmaterial für ihre kommer-
ziellen Produkte, wobei diese Open-Source-Software umso wertvoller
ist, je mehr Programmierer und Nutzer sie gebrauchen, weil sie dann
entsprechend viel Mit-arbeit anzieht. Behlendorf dazu:

„Wir möchten, dass jeder in der Welt Subversion benutzt ohne uns
einen Pfennig dafür zu bezahlen, weil das den Markt für uns schafft,
auf dem wir die anderen Bits on the top verkaufen können. Es ist ein
Spiel, ein Risiko, es könnte sein, dass wir dieses Ding aufbau-
en und niemand nutzt es, weil es nicht gut genug ist."

CollabNet kann mittels seines Open-Source-Engagements Wissen von
überall aufder Welt anziehen, ohne die Menschen auf der Basis von
festen oder flexiblen Verträgen einstellen zu müssen:

„Wir haben drei Vollzeit-Entwickler an diesem Subversion-Projekt
sitzen, die seit 18 Mo-naten an dem Instrument arbeiten. Aber es ist
ein Projekt, für das wir, um den gleichen Grad an Qualität und
Verlässlichkeit zu erreichen, um die gleiche Arbeit zu leisten, die
in der Open-Source-Welt erbracht wurde, wahrscheinlich um die zehn
Leute hätten anstel-len müssen, wenn wir es innerhalb unseres Hauses
hätten aufbauen wollen. Für Subversi-on haben wir also drei Leute
angestellt, aber tatsächlich sind es zehn Entwickler"
(Behlendorf).

Nutzer und Entwickler der Community ziehen ihren Vorteil aus dem
Open-Source-Engagement von CollabNet und VA Software, weil sie eine
Plattform mitsamt der technischen Infrastruktur (Bandbreite,
Speicherplatz) kostenlos zur Verfügung ge-stellt bekommen und weil
der Code offen zum download bereitsteht, so dass ihn jeder für seine
individuellen Bedürfnisse zuschneiden kann. CollabNet unterstützt
gegenwärtig die Open-Source-Entwicklung mit ungefähr 50 Prozent ihres
Zeitbudgets:

„In der Hälfte der Zeit, in der sich unsere Leute hinsetzen und Code
schreiben, schreiben sie Kram, der - sobald er gecheckt ist - in ein
Open-Source-Projekt geht. Die anderen 50 Prozent behalten wir selbst"
(Behlendorf).

86"

Die Arbeitsteilung erreicht hier demnach einen hohen Grad an
Effizienz oder: Verarschen kann ich mich selber nicht.

Matze Schmidt

Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot: Aneignungskonflikte um geistiges
Eigentum im informationellen Kapitalismus_. Muenster: Westfaelisches
Dampboot, 2006. 269 S. - EURO 19,90. Erschienen: Oktober 2006

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20 MB)
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lit_linksklein.pdf

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2.

Nick. _Roman_ (Fortsetzungsroman) Teil 78

Der hatte aber einen Wackler und gab kraechzende Geraeusche von sich.

Teil 79 im n0name newsletter #119

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