Von N0name  am 21. Dezember 2006 um 15:12

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Kritiker einschalten!

n0name newsletter #99 Mo., 18.12.2006 20:18 CET

*Inhalt/Contents*

1. Nick. _Roman_ (Fortsetzungsroman) Teil 61
2. "How to organize?" ?
ein 2. mal gelesen/geschrieben, um nicht Kraehe zu spielen
3. Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 5

31 KB, ca. 10 DIN A4-Seiten

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1.

Nick. _Roman_ (Fortsetzungsroman) Teil 63

Roman hebte langsam langsam vom Boden ab.
Vorne war nicht mehr vorn und oben nicht mehr oben. Es drehte sich
aber auch nicht alles. Es war ein Zustand, der nichteinmal mit
Schwerlosigkeit vergleichbar war.

Teil 64 im n0name newsletter #100

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2.

"How to organize?" ?

ein 2. mal gelesen/geschrieben, um nicht Kraehe zu spielen

Im n0name newsletter #92 (http://www.n0name.de/news/news92.txt)
fragte ich "Warum und was also organisieren? Das bessere
basisdemokratischere Symposion oder den unausbeuterischeren Kultur
e.V.?" und verwies auf einen der Robin Hoods dieser Stadt Berlin, die
selbstlos fuer die Erstreitung einer subventionierten Kleinkultur
texten und anschaffen.

Genaugenommen haben Pit Schultz und Thorsten Schiling 1998 gegen
Subventions-Kolosse angeschrieben. Und um jetzt nicht Kraehe zu
spielen, hacke ich mal Augen aus. Thorsten Schiling, laut der
Autorenuebersicht im Buch[1] damals noch "Projektentwickler und
PR-Berater" und mit Pit Schultz Hybrid Workspace-Veteran der
documenta X. Die gleichen (nicht dieselben, da man sich ja veraendern
darf) Persoenlichkeiten also, die heute die Masse (den Kuchen)
monetaer und ideologisch mit anderen unter sich aufteilen, opponierten
damals scheinbar gegen das boese Establishment der grossen Haeuser.
Dabei legten beide ihre programmatische Blaupause fuer die nun zu
subventionierende Szene damals offen: Geld fuer die flexiblen 'freien'
kleinen halbprivilegierten Selbstausbeuter der digitalen Klasse.
Umverteilung, neue Seilschaften, Community Building, radikaler
Lovinkscher Pragmatismus, zwischen Staat und Firma, Transitraum als
setteled Status Quo, reduktionistische Monopolisierungsperpektive,
neo-kleinkapitalistische Scheisse.

n0name zitiert den ganzen Text in kuenstlerisch vEraRBeiteTer fOrm um
dem Recht der Urheber zu entgehen im naechsten n0name newsletter!

...

NEUER TAKTIK: der Text kommt sofort als Zitat in die Fusznote[2].

Und wer sagte nochmal: "Wie muss der Musikmarkt gestaltet werden, wenn
er eine Zukunft haben soll? Bezahlmodelle wollen wir ja nicht
verhindern."

Wie man den Kredit fuers Eigenheim, das bisschen Bankkonto, sein Herz
und die verstreichende Lebenszeit auf Arbeit wie auf einer Laufkugel
der computerisierten Arbeit artistisch balanciert, ist simpler Alltag.
Denn *jede* Lohnarbeit ist prekaer! Alles andere ist keine
kapitalistisch relevante Mehrwert schaffende Arbeit sondern dafuer
noetige Reproduktion.

Warst du bei "How to organize?" in der Oranienstraße? Hast du die
"Organisierung der Unorganisierbaren" mitbetrieben? Oder waren da
gar keine Unorganisierten, waren die nicht alle laengst in Vereinen,
kurz mal vom Antragstisch auferstanden. Hatten sie "dafuer Zeit"
gefunden? Oder wurde per Boykott die NGBK, einer der groeszten
linken Arbeitgeber (laut Leonie Baumann 10 Ausstellungen im Jahr mit
hochmotivierten jungen Kraeften) der Kunststadt, sabotiert? Oder warst
Du bei den sich als prekaer entdeckenden Symbolverarbeiterinnen, die
den pluralistischen Kampf gegen Lohndrueckerei machen? Warst du eine
wilde polemische Katze?
_____
[1] Thomas Krueger (Hg.). _Die bewegte Stadt: Berlin am Ende der
Neunziger_. Berlin: FAB Verlag, 1998.
[2] "„Die Stadt hat in der ersten Zeit noch hundert Grenz-
barrieren. Doch eines Tages sind das Tor, die Kirche, die
Grenze einer Gegend waren, unversehens Mitte. Nun wird
die Stadt dem Neuling Labyrinth. Straßen, die er weit
voneinander angesiedelt hat, regt eine Ecke ihm zusam-
men, wie die Faust eines Kutschers ein Zwiegespann. Wie
vielen topographische Attrappen er verfällt, ließe in seinem
ganzen passionierenden Verlauf sich einzig und allein im
Film entrollen: die Großstadt setzt sich gegen ihn zur Wehr,
maskiert sich, flüchtet, intrigiert, verlockt, bis zur Erschöpf-
ung ihre Kreise zu durchirren. [...] Am Ende aber siegen
Karten und Pläne: abends im Bett jongliert die Phantasie
mit wirklichen Gebäuden, Parks und Straßen.”
Walter Benjamin

STADT, LAND, DATENFLUSS
BERLIN IM NETZ - EIN STREIFZUG
VON THORSTEN SCHILLING UND PIT SCHULTZ

Bildschirmfensterreflektionen

Berlin im Netz — parallele Stadt? Die Stadt hat eine weitere
Dimension bekommen: Nach Wasser, Gas, Strom, Telefon und
Verkehrsnetz legt sich derzeit ein Gitter über den urbanen Raum,
dessen Verdichtungen und Verteilungen für die meisten der Bewohner
unsichtbar bleiben. Aus digita-ler Perspektive kippt die Stadt
über in ein Feld der Ambivalenzen: zwischen lokal und global,
privater und öffentlicher Hand, Arbeitsplatz und Freizeit-
beschäftigung, Infrastruktur und Kulturraum, zwischen
fehlgeschlagener Investition und profitablem Experiment werden
gemeinhin bindende Bezugsmodelle der Verortung gesucht. Was liegt
näher, als die Stadt zur imaginären Blaupause des Netzes zu
machen, gerade in dem Moment, indem sie durch
Telekommunikationstechnologien in vielen ihrer Funktionen
Gefährdungen und Umstrukturierungen erfährt?
Getrieben von eiligen Kräfteverschiebungen, gelockt von
gerüchtehafter Erregung sucht man nach Bindegliedern und
Metaphern, die den digitalen Raum ällgemeinverständlicher
machen. Gesucht wird eine Erzählung, ein Modell mit dem die
Öffnung, Kultivierung und Urbarmachung des Cyberspace in
geordneten Bahnen verlaufen kann, dabei aber maximalen
Entfaltungsmöglichkeiten Raum gibt, um im internationalen
Wettbewerb' der Standorte Schritt zu halten. Man hört von
ungeheuren virtuellen Wachstumsmöglichkeiten, von einer digitalen
Gründerzeit, von Leistungs-und Innovationsbereitschaft und dem
Eintritt in eine neue Ära der ,Global

95

Cities'. Wo aber liegt dieses digitale Metropolis, das Schlarrafia
für Neuein-steiger, der Clondyke multimedialer Glücksritter,
Eldorado der Daten-dandys und Cyberflaneure, wo liegt diese
,Medienhauptstadt Berlin`? Was bei der Architektur aus Stein noch
in Grenzen verhandelbar war, wird jetzt eine Sache der
Telekommunikations-Experten und ihrer Firmen-welten. Innerhalb
der Berliner Stadtplanungsdebatte der letzten Jahre kam das
Gespräch nur selten auf die digitale Neuordnung Berlins. Zwar wird
davon gesprochen, daß die Gebäude für weitflächige Büroräume und
Neue Dienstleistungen geeignet sein sollen, man bemüht sich um
eine großflä-chige Bereitstellung von Infrastruktur ISDN, ADSL,
Glasfaser) – und doch bleibt unklar, unter welchen
Rahmenbedingungen sich die begehrten Cyber-Unternehmen schließlich
im urbanen Raum ansiedeln sollen. So verläuft die Digitalisierung
Berlins weitgehend unter Ausschluß der Öffent-lichkeit, vor allem
wohl aus einem ähnlichen Grunde, aus dem eine
,Datenverkehrsplanung` und die Frage der Verteilung der Ressourcen
für Urbanisten wie auch für die Presse bisher kein Thema waren. Und
auch die Initiative des Senats mit dem wundervollen Titel
„Projekt Zukunft – Der Berliner Weg in die
Informationsgesellschaft" muß erst noch zeigen, ob sie mehr ist
als die übliche top-down Parallelaktion zwischen Subventions-
gebern und -empfängern, die ah den Wirklichkeiten vorbei vor allem
mit sich selbst beschäftigt bleiben.

Cyberspace Opera

im sommer des Jahres 1995 wurden unter berlin überreste
einer raumstation gefunden. ein team spezialisierter
wissenschaftler hat den c-base e. V. gegründet und sich der
erforschung gewidmet."
http://www.c-base.org

Das Cyberspace-Zeitalter wird sich nicht ganz von der Erde
ablösen können, und bei aller Globalität Telearbeit, Stadtflucht,
Kosmopolitik und popkulturellen Hipness kommen die Menschen bis
auf weiteres nicht ohne eine Verwurzelung in Körper und Ort aus.
Gerade entlang dieser Konflikt-linien zwischen real und virtuell
ist die Wahrscheinlichkeit für andere Übersetzungsformen und
pragmatische Lösungen am größten.
Das sich immer wieder ordnende Chaos der Stadt, das in seiner
Vielfalt auf Verortung und Verdichtung innerhalb gegebener und
geplanter Grenzen beruht, mit seiner körperlichen Anwesenheit und
Nachbarschaft, den zufälligen Begegnungen, den Überschneidungen
von Milieus und Szenen, der Zentrierung von Arbeitskraft und
Kapital, der Spannung zwischen Arm und Reich, der Durchmischung
von Kulturen und der Überkreuzung von Kommunikationswegen mit
Verkehrs- und Geldströmen sowie den unvermeidlichen, massenhaften
Zusammenballungen wäre gegen die

96

Entgrenzung ins Ortlos-Digitale eines sauberen und sicheren
virtuellen Speckgürtels auszuspielen. Die Unmöglichkeit von
Flächennutzungsplänen im Datenraum stellt die Frage nach den
veränderten Rahmenbedingungen des Urbanen, den gemeinsamen
Referenzpunkten und den ganz eigenen Unplanbarkeiten einer
städtischen Informationsgesellschaft.
Die von den Cyber-Pionieren als ein Zeichen von Freiheit
empfundenen fehlenden Markierungen und Maßstäbe, die Abwesenheit
eines zentralen Netzbauplans angesichts der Rigorosität der
zugrundeliegenden techni-schen Standards, führen viel eher zu einem
wild wachsendem Brachland denn zu einem virtuellen urbanen Raum.
Wachsend – das Archiv wird digi-tal erweitert und akkumuliert
jegliche Inhalte, indem es bestehende Formate einschließt und
nachahmt. Brachland – veraltete, überholte Metaphern, Imaginationen
werden umgesetzt, temporäre Konstruktionen stehen gleichwertig
neben langlebigeren Infrastrukturen.
Welche Rollen haben sich bisher ausgebildet? Wer sind die
,Major players'? Welche Konstellationen, welche Hauptthemen suchen
das Netz heim und treiben es an? Das Internet ist auch ein Theater
der Modernisierung, es inszeniert sich als Geschichtswechsel,
nicht alles kann wörtlich genommen werden und für viele Beteiligte
wie auch Zuschauer liegt die Faszination darin, daß noch nicht
klar ist, ob sie es mit einer Komödie, einer Tragödie oder einer
Operette zu tun haben.
Am wahrscheinlichsten aber ist, daß sich die meisten der Fragen
auf einer lokalen und regionalen Ebene am ehesten konkretisieren,
während sie sich erst später auf internationaler Ebene global
durchsetzen: Netzgesetze, Umverteilungen zwischen Öffentlichem und
Privatem, veränderte Formen von Produktion, Distribution,
Konsumtion, andere Kulturen des Erinnerns und Verknüpfens usw. Am
ehesten kann vielleicht die Pop Musik und darin die elektronische
Musik Auskunft geben über die internationale Ausdifferenzierung
und gegenseitige Beeinflussung lokaler Stile in globalen Kontexten.
Auch auf diesem Gebiet ist Berlin nicht ganz ohne kollektive
Erfahrungen.

Am Tor zum Netz

Für die Pendler des virtuellen Speckgürtels gibt es also noch keine
Grenz-ziehungen, keinen Grundbesitz, ja nicht einmal einen
verbindlichen Ort, an dem sich das Netz festmachen ließe. Sie
kämpfen um billigere Bandbreite, Zugriff für Alle, mehr Spaß,
gegen Zensur und für die größtmögliche Unabhängigkeit von
staatlicher Regulierung auch im Sinne eines Zusammenschlusses
innerhalb des neo-liberalen Weltmarktes. So kommt es allzu leicht
zu einem Schulterschluß von Hacker und Multimillionär, wenn es
darum geht, den Nationalstaat in die Schranken zu weisen. Ob dies
jedoch die Chance des Stadt-Staates bedeutet, der seine Vorteile
aus einem internationalem Netz von Verdichtungen im virtuellen wie
im realen Raum

97

zieht, bleibt einstweilen offen. Ein Austausch mit den
Medienkulturen anderer Großstädte kann jedenfalls nicht schaden.
Wer es sich leisten kann, besetzt ein Stück Cyberspace und baut
daran in seiner Freizeit, andere sehen eine digitale Revolution
heraufkommen und investieren oft voreilig in vermeintlich
profitable Infrastrukturen - in der Angst, den Anschluß zu
verpassen. Dies ist das Europa der multimedialen Subventionsruinen.
Wie zuletzt im digitalen interaktiven Fernsehen oder der kurzen
Blüte der ,Virtual reality' kommt es immer wieder zu grandio-
sen Fehlplanungen, zu toten Armen der Technikevolution. Das Netz
als modernistische Wohnmaschine bleibt aller Voraussicht nach
unbewohnbar, manche der im voraus groß angelegten ,Virtual
community`- Projekte scheiterten daran, daß sich auf Dauer keine
Bewohner ansiedeln wollten, da sie anscheinend mit ihren
Homepage-Hütten und Daten-Vorgärten bis auf weiteres zufrieden
bleiben. Das Problem liegt darin, daß sich das Netz nicht nach
Haussmannscher Art am Reißbrett planen läßt, und daß es nicht der
absolutistischen Zentralperspektive und dem geometrischen
Raster folgt, nach der die meisten der großen westeuropäischen
Stadt-zentren aufgebaut sind. Wenn man schon die Analogie der
Stadt heran-zieht, ähnelt das Internet viel eher den wuchernden
Außenquartieren der Metropolen der Schwellenländer und den
ausufernden Suburbias amerika-nischer Ballungsgebiete.
Noch gibt es wenige Verknüpfungen, aus denen heraus sich
Territorien bilden. Die eigentlichen Möglichkeiten, die latent in
den Strukturen des Internet angelegt sind, werden nur selten
verstanden und umgesetzt. Es ist immer noch und immer wieder die
Zeit der Experimente. Für manche, die zurückkamen und sich
verausgabt hatten, ist die virtuelle Stadt jetzt schon eine
Investitionsruine, eine Ansammlung von Luftschlössern, eine
Bunkeranlage verlorener Utopien von grenzenloser Demokratisierung
und Freiheit in digitaler Wildnis, eine Krücke der Imagination,
wie sie schon einmal, zur Zeit der Industrialisierung, die
Großstadt mit ihren Flaneuren und Dandies, ungeheuren Strömen an
Geld, Menschen und Material zum Bild und zur Wanderkarte für
einen weitgehend unerforschten Kulturraum machte. Das Netz ist
ein offenes Buch, ein Archiv, aber auch ein Ort der Vernetzung
und der Simulation; wer sich darin bewegt, wird beides finden,
wird finden, was er sucht und herausfinden können was fehlt, wenn
sie oder er mehr gesucht hat.

Was ist Medienkultur?

Benötigt wird statt eines globalen Ausschweifens ins phantastische
Digitalien eine konkrete urbane Medienkultur, die ein Umfeld
schafft, aus dem heraus sich erst jenes dichte und reiche lokale
Netz von menschlichen und technischen Akteuren bilden kann, das
bis auf weiteres im Cyberspace allein unmöglich bleibt.
Medienkultur ist dabei ein unbestimmtes Feld

98

verkoppelter Interessen, die über ein gemeinsames Objekt, eben die
nicht mehr so neuen digitalen Medien, emphatisch, kritisch,
nüchtern und vor allem offen Austausch betreibt.
Was heißt: Berlin im Netz? Zuallererst handelt es sich um die
Summe der Rechner und Server, die in Berlin stehen und ans
Internet angeschlossen sind. Dann um alle Server, die irgendwo
auf der Welt stehen und deren Inhalte Berlin in irgendeiner Weise
zum Thema haben. Schließlich um eine unbestimmte Zahl an Projekten,
Rechnern und Servern, die durch eine Beteiligung aus dieser Stadt
entstanden sind und am Laufen gehalten werden. Erst eine
Verzahnung von Lokalität und Entfernung, die Vernetzung lokaler
Initiativen an globale Diskurse, schafft jene translokale Ebene,
auf der Medienkultur einen Sinn Machen kann.
Diese neue Dimension des urbanen Lebens braucht zweifellos
zusätzliche Informations- und Orientierungsquellen, soziale
Netzwerke, eine Zusi-cherung von Grundversorgung an Archiven,
Bibliotheken, Zugängen, Verbindungen. Das vielzitierte Silicon
Valley entstand aus einer ebenso vielzitierten subkulturellen
Mischung unter verschiedenen günstigen Be-dingungen. Das Silicon
Alley New Yorks, oder die Kulturindustrie Londons wären undenkbar
ohne das kreative Umfeld einer nicht-offiziellen und nicht immer
bequemen Gegenkultur. Benötigt werden kaum mehr Trendscouts und
Tricks, diesen Bodensatz effizient auszubeuten, sondern Formen,
seine Produktivität am Leben zu erhalten und in irgendeiner Form
vermittelbar zu machen, ohne sie gleichzeitig zu vereinnahmen und
zu zerstören. Das Internet ist vor allem anderen ein
Bildungsangebot, das einer ständigen Veränderung unterliegt. In
großen Teilen hat es sich bisher selbst zum Thema, in anderen ist
es dabei zu einem konkurrenzlosen und informellen Medium der
Do-it-yourself Aus- und Weiterbildung zu werden.
Ebenso wie eine Stadt je nach Standpunkt und Perspektive ihr
Gesicht verändert, geschieht dies auch mit dem Netz. Die Angst
vor Kommerz-ialisierung klammert sich an die ohnmächtige
Vorstellung der Welt als Kaufhaus. Viel eher bietet das Web aber
all jenen neue Möglichkeiten, die sich bisher nicht weltweit zu
Wort melden konnten, sich zu vernetzen und eigene hybride
Medienkulturen zu entwickeln.
Uberraschung? Zwischen den ,realen` und den ,virtuellen`
Territorien findet eine Übersetzung statt, die man einerseits
als nutzloses soziales Rauschen bezeichnen kann, andererseits
als Ausdruck von Kultur. Das Netz ist hier noch am Anfang,
entwächst gerade erst der kryptischen Folklore eingeschworener
Gruppen und hat seinen Anfang bereits hinter sich. Die Phantasien
der ,anderen Welt' hinter der realen reihen sich ein in eine
Galerie der verpatzten Utopien: eine davon ist die Stadtmetapher.
Ein neuer „radikaler Pragmatismus" (Geert Lovink) zieht ein, viele
versuchen aufs neue, ihr Metier zur Meisterschaft zu bringen,
andere finden Themen und Ideen, die noch unbeachtet blieben, und
manche veränderte Konturen werden erkennbar.

99

Kultur ist hierbei nur ein Platzhalter für eine Zone des Tauschs
und eines Mehrwerts, der sich schwerlich in Geld fassen läßt. Es
geht um soziales Arbeiten, individuell sinnvolle Information, die
Erkundung des Sektors zwischen staatlichen Institutionen und
Firmenwelt. Kultur karin alles bedeuten, wenn sich daran eine
gewisse Passion anschließt, die sich einer ausschließlichen
merkantilen Nutzbarmachung entzieht.
Die derzeitige Situation ist gekennzeichnet von einem Aufholen der
Nachzügler. Das digitale Deutschland kämpft noch immer mit
überhöhten Telekommunikationsgebühren, doch der Otto-Normal-User
gewinnt die Oberhand. Zwischen dem Solipsismus der Konsumenten und
strukturel-lem Konservatismus der Verkäufer gedeihen kleine lokale
Wissens- und Medienkulturen, die jenen Geistern und Handwerkern
den Bodensatz liefern, die weder als Medienmacher noch als
Cybersklaven ihre ganze Erfüllung finden. Ruhelos, unzufrieden,
konzentriert, individualistisch und verunsichert, experimentieren
sie hier mit neuen Formaten, versuchen, soziale Phantasien und
Bewegungen mit ganzheitlichen Entfaltungs-möglichkeiten der
Artikulation zu versehen, kollektive Äußerungsgefüge für
Subjektivität zu finden, die in der Fernsehgesellschaft verloren
gehen. Schlagworte sind auszuprobieren und auf ihren praktischen
Sinn zu prüfen: Wissensgesellschaft, Interaktion, Interface,
Simulation, Spiele, Überwachung, Cyberfeminismus, New Labour,
Öffentlicher Datenraum ...

Zur Situation in Berlin

Berlin ist auch digital im Transitraum. Aufbruch ist überall, aber
es fehlt die Infrastruktur oder sie wird gerade erst geschaffen:
Reichlich spät kommt etwa die Hochschule der Künste auf den
Neuen-Medien-Trichter und selbst das ist bestenfalls zaghaft zu
nennen, vergleicht man es etwa mit der Situation in Köln
(Kunsthochschule für Neue Medien), ganz zu schwei-gen von
Amsterdam (Rietfeld Akademie), London (Hyper Media Research
Center) und anderswo, wo Bildungsmaschinen die digitalen
Handwerker-künstler jedes Jahr dutzendweise in die schöne neue
Datenwelt einspeisen. Aber in den nächsten Jahren wird Berlin
hier nachholen, und der ,Brain drain' zieht auch manche kreativen
Köpfe von anderswo hinein in die Stadt. Es entstanden die ersten
HTML-sweat-shops, manche wie Pixelpark verkaufen sich inzwischen
großartig. Künstler, Netzwerke und Digiterati sind hier in
wachsender Zahl zu finden. Es gibt den von Boris Gröendahl
organisierten „Cyberstammtisch", das Hackertreffen „Discordia"
des Chaos Computer Clubs, die „mikro.lounges" im WMF. Von Berlin
aus moderiert der Amerikaner David Hudson die Mailinglist und das
e-zine Rewired, die zu den besten Quellen für digitale Reflexion
zählen. De:Bug ist eine ganze Zeitschrift für elektronische
Lebensaspekte, die in Clubs, Bars und anderen ‚locations' noch
umsonst ausliegt. Thing.de, Neid, convex tv., Radio
Internationale Stadt, Sero.org, C-base sind Netz-

100

Adressen, die einen Besuch lohnen. Und mit billund5000 gibt es die
erste regelmäßige Zeitung für digitalen Info-Klatsch,
sinnigerweise unter japani-schem Pseudonym der Autoren und als
Newsletter per e-mail zu empfangen. Um ein aktives Gegengewicht
gegen die kömmerzielle Vereinnahmung des Netzes zu schaffen, haben
öffentliche Institutionen wie Universitäten, Bibliotheken, Museen
und auch Behörden eine enorme Verantwortung. Sie haben äber auch
ein enormes Potential: ihren content. Niemand hat in den Archiven
und in ihren Netzwerken soviel content in der Hand wie sie. Aber
bisher ist das im Netz nur rudimentär zu erkennen und noch ist
nicht abzu-sehen, ob überhaupt ein ausreichendes Bewußtsein dafür
besteht, daß dieser Reichtum (noch) in ihren Händen ist. Oder
bekommen wir eine neue „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals"
(Karl Marx), diesmal durch die Kapitalisierung des Wissens und
die Privatisierung der Archive und Bildungsinstitutionen? Sind
das Bildarchiv von Bill Gates oder Regio Online von debis erste
Schritte in diese Richtung? Entsteht auf der anderen Seite nach
dem „doppelt freien Lohnarbeiter" – frei von Eigentum und frei
von feudalen Bindungen und Absicherungen – auf dem Neuen Medien-
markt der „doppelt freie Mitarbeiter", der seine intellektuelle
und/oder künstlerische Arbeitskraft als Unternehmer seiner selbst
auf dem freien Markt verkaufen muß? Wer fordert und erkämpft das
Bürgerrecht auf Information? Was tun mit der ungeklärten Recht-
und Verhältnismäßigkeit von Urheberrechten? Wie die
Monopolisierung der Wissensmärkte verhin-dern? Wie wird die Frage
der Bereitstellung von Basisinformationen für eine chancengleiche
offene Bildung angegangen? So viele Fragen, würde Brecht sagen.

Fazit

Die konkrete Situation der nebeneinander existierenden
Medienkulturen und Kleinszenen, die oft ihre Hauptaktivität in
das Schützen ihrer Nischen setzen und sich gleichzeitig in
mikropolitischen und ideologisch geprägten Szene-Kriegen
untereinander verstricken, ist ebenso typisch für Berlin, wie
es eine Fortentwicklung auf internationaler Ebene behindert. Die
Versäumnisse der verantwortlichen Institutionen im Bereich
Medienkultur, Medientheorie, Medienkunst, vor allem was den
Anschluß an einen inter-nationalen Diskurs betrifft, lassen sich
nur wettmachen, wenn hier umge-dacht wird. Benötigt werden eben
keine Unterabteilungen bestehender Spielorte, keine Reformation
existierender Subventions-Kolosse, sondern die Investition in
temporäre, punktuelle und kosteneffektive Veranstal-tungen und
Initiativen, die gerade auf die teure und repräsentative Ebene
verzichten können, dafür aber in Qualität, Originalität und
internationaler Vernetzung weit voraus sind. Die Schaffung eines
Fonds zur Förderung von Medierikulturen, die Gründung kleinerer
stadtteilorientierter Medien-und Netzlabors auf Basis von Vereinen
würde der Herausbildung von

101

Teilöffentlichkeiten und kreativen Zirkeln dienen, aus denen sich
‚Bottom-up' erst die viel zitierte Innovationskraft entwickeln
kann. Hierbei kann freilich nicht auf die Mitfinanzierung aus
privater Hand und freiwillige ehrenamtliche Mitarbeit verzichtet
werden.

Szenarien zur Förderung von Medienkulturen in Berlin könnten zum
Beispiel sein:

<> Palast der Republik des Wissens und Zusammenlegung mit der
<> AGB nach dem Modell Centre Pompidou
<> Öffnung und Erweiterung der technischen Studiengänge der
Universitäten
<> Anschluß an ein Europäisches Netz von Cybersalons Surfschulen /
Sommerakademien
<> Internationale Kongresse für ,Small media' auf Breitenbasis ...

Statt einer Nachbemerkung:

Wer in eine Stadt kommt, läßt sich von seiner Imagination und von
vorläu-figen Informationen leiten. Nach und nach, sei es bei
wiederholtem Besuch, sei es mit der wachsenden Eifahrung des
alltäglichen Lebens in ihr, bekommt er ein konsistentes Bild,
erhält die Stadt eine Gestalt, wird erkennbar, bekannt, vertraut.
Diese Vertrautheit ist entweder der Aus-gangspunkt für weitere
Entdeckungen und Eroberungen oder der Lande-platz für die sich im
alltäglichen Rhythmus wiederholenden Lebens-vollzüge. Er/Sie hat
einen Platz in ihrem Gewebe, an dem er/sie mitwirkt. In dieser ´
Physiognomie des Urbanen ist einiges thematisiert, was auch für
Bewegungen im Netz gilt. Wer Berlin im Netz entdecken und nutzen
will, wird seinen eigenen Weg finden, wir haben hier lediglich
Vorschläge unter-breitet. Manche der im Anhang (S. 178-181)
aufgelisteten Websites werden sich bei Erscheinen dieses Bandes
verändert haben, verschwunden sein oder an anderer Stelle wieder
auftauchen; das heißt: es bleibt alles, wie immer, ohne Gewähr.

GEHEIMTIPS:
Thorsten Schilling: Cafeteria in
der Slaatsbibliothek – die unter-
schwellige Erotik des Geistes auch
in den Lesesälen.
Pit Schultz: „Palakpanier" beim
Inder in der Johannisstraße neben
dem WMF.

102"

in: Thomas Krueger (Hg.). _Die bewegte Stadt_. Berlin: FAB Verlag,
1998. S. 95-102. Hier mit deutschen Umlauten, ohne kursive Woerter.

Yelena Simc

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3.

Rezension von Sabine Nuss. _Copyright & Copyriot_ 5


"(...) dass zum Beispiel in der Softwareproduktion die Leute ihre
Produktionswerkzeuge jetzt in der Hand halten", wie behauptet[1]
ist unhaltbar und schoener Traum. Serverfarmen, Strom und Telefon-
Netzwerke, die groszen Distributionskanaele gehoeren nach wie vor
dem Kapital (personifiziert z.B. in Form von Steve Jobs usw.[2]), die
Banken mit Festplatten und Software sind nicht gesprengt, die meisten
Kodiererinnen sind Scheinselbststaendige, also relativ billige und
ohnehin Lohnarbeitskraefte der Softwareindustrie.

Den Medien Hack zum Prinzip zu erheben, wie fuer das Projekt
"Amazon Noir" geaeussert[3] haengt so etwas nach. Dem hier-und-besser,
-dort-aber-boese. Dem anti-essenziatlistischen inszenierten
Kauf/Verkauf eigener Ware an jeweilige Haeuser fuer 10.000,- oder so.

Spekatulaeres Faelschen und "Eindringen in massenmediale Kanaele" ist
selbst nicht bedingungslos emanzipativ. Bewegung in die Verhaeltnisse
kommt mit dem man-weisz-nicht-war-es-fingiert erst Klau von Daten,
dann Verkauf von der Instrumente an den Gehackten nur auf der Ebene
der Dikussion. Aber welche Bewegung?

Manchmal muss man Namen nennen, die dann die eine oder andere
Fluchtlinie erklaerbar machen:

"Ganz abgesehen davon aber gibt es auch Formen der Kooperation, die
über die reine zur Verfügungsstellung von Wissen weit hinausgehen.
Ganz besonders möchte ich in diesem Sinne Michael Heinrich danken, der
mir in inhaltlichen Fragen zur Seite stand und mir engels-geduldig
immer wieder einen Weg aus dem Chaos und den Zweifeln wies. Markus
Euskirchen und Stephan Kaufmann haben mir neben wertvoller Redigier-
und Formatierarbeit immer wieder verdeutlicht, dass nichts so heiß
gegessen wird, wie es gekocht ist. Ingo Stützle und Henrik Lebuhn
zwangen mich mit ihren kriti-schen Nachfragen häufig zur Überprüfung
bereits getroffener Annahmen. Für die intensive Lektüre und
interessierte Diskussion einzelner Passagen und Kapitel danke ich
außerdem Klaus Arnold, Mario Candeias, Lydia Heller, Martin
Krzywdzinski, Rainer Rilling, Christian Schmidt, Yunus Soner und Anne
Steckner, für eine zu-verlässige Rechtschreibprüfung Sonja Euskirchen.
Natürlich danke ich auch all den anderen hier nicht genannten
Personen, die Teil des Diskussionsprozesses waren, der sich in dieser
Arbeit niederschlug. Mein Dank gilt auch meinen Gut-achtern Raul
Rojas und Elmar Altvater, der als Erstgutachter die Betreuung auch
über seine Emeritierung hinaus fortsetzte und mir wertvolle Anregungen
gab. Selbstverständlich danke ich der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Das von
ihr gewährte Promotionsstipendium gab mir drei Jahre lang die
materielle Freiheit, diese Ar-beit zu verfassen."

so

"Sabine Nuss"

am

"25. April 2006," in "Berlin"

in ihrem (?) Buch _Copyright & Copyriot: Aneignungskonflikte um
geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus_. Muenster:
Westfaelisches Dampboot, 2006. 269 S. - EURO 19,90. Erschienen:
Oktober 2006
_____
[1] "Wuetend das Kino verlassen". Interview mit Ken Loach
http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=302
[2] Oder wie man es auch sagen koennte: "Bill Gates schrieb sich 1973
in Harvard ein und brach wenig spaeter dieses Studium wieder ab.
Er gruendete Microsoft und ist heute der reichste Mann der Welt!"
[3] "Medienhack als Prinzip", E-Mail From: betacity-request(at)
betacity-lists.de, Subject: betacity Nachrichtensammlung, Band 91,
Eintrag 1, Date: Fri, 15 Dec 2006 11:06:59 +0100

Matze Schmidt


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