Von Peter Grohmann am 09. Juni 2009 um 22:51

Peter Grohmann:

Nun haben wir den Salat. In der Stuttgarter Rathauskantine nur noch junges
Grün, zwischendrin vielleicht mal ein paar Rote Bete. Das kommt davon, wenn
man Demokratie zulässt! Alle fünf Jahre einmal wird der Stimmbürger zum
reißenden Wolf, zur Hyäne, zum Racheengel. Erst fordert man ihn auf, um
Himmels Willen sein Wahlrecht wahrzunehmen, man bettelt ihn förmlich zur
Urne, und dann ist man sauer, weil er nicht das macht, was er soll: Abnicken.

Natürlich ist es nicht schön, wenn sich der Stimmbürger zu Wort meldet, denn
all die Jahre ging’s doch auch ohne ihn. Zugegeben er konnte Leserinnenbriefe
schreiben, er konnte sich zusammenrotten hinter Infotischen, ja, er konnte
sogar, vor der Wahl, in eines der unsäglichen Wahlplakate beißen vor Wut -
die da oben hat das kalt gelassen. Sie haben’s nie nötig gehabt, auf die da
unten zu hören. Sie hatten ihre Leute immer gut im Griff, da tanzte keiner
aus der Reihe. Sie hatten ihre Wahlkampfstrategie, ihre Beschlüsse, ihre
Gutachter - und plötzlich will da ein hergelaufenes Volk alles besser wissen?
Ja, Mensch, wo leben wir denn!? Die da oben haben das Volk einmal gewarnt,
zweimal, dreimal - es hat nichts, rein gar nichts geholfen, wie wir jetzt
voller Entsetzen feststellen! OK, viele haben sich durch die Politik
erschrecken lassen und sind zu Hause geblieben. Klar, tät’ ich auch, bevor
ich was falsch mache... Aber ich bin ja nicht Volk.

Ich bin ich. Ich mach’s wie viele, sag’ zwischen den Jahre meine Meinung,
auch wenn ich nicht gefragt werde. Und da erst recht! Ich wart’ nicht, bis
irgendwer irgendwas entschieden hat - ich entscheide selbst, wie viele andere
auch. Gewinne und Verluste, das ist nicht so mein Ding. Mag ja sein, dass
das, was im Rathaus passiert, in Stuttgart wie anderswo, enorm wichtig ist,
vom Landtag, vom Bundestag, vom Europarat ganz zu schweigen. Aber wichtiger
ist das, für mich jedenfalls, was Du machst, und Du, und ich auch. Da sind
wir unabhängig von Prozenten oder Sitzen - auch von der Frage, wer jetzt
warum so viel oder so wenig auf die Mütze gekriegt hat. Auf die Mütze kriegt
jeder mal was (und meistens viel zu wenig, viel zu selten), also: das tut der
Mütze und dem Kopf gut.

Ich, der Stimmbürger als solcher, möchte gern so wenig wie möglich denen da
oben anvertrauen - und so viel wie möglich selbst entscheiden. Das ist
Erfahrungssache. Natürlich, wir brauchen auch die da oben. Aber die da oben
brauchen erst recht uns. Ich will, dass die Abstände kleiner werden.Ich will,
dass man öfter mal den Hintern hochkriegt, wenn man fürs Volk im Rathaus oder
sonstewo sitzt. Ich will, dass man die Augen aufsperrt und die Ohren, und
dass man zuhören lernt. Ich will, dass das Volk lauter wird, und die da oben
etwas leiser, etwas bescheidener.

Was der nicht alles will, werden Sie jetzt sagen. Ich will, dass Sie sich
einmischen. Ich würd’ wollen, dass man Demokratie ernst nimmt, sie verteidigt,
die Grundrechte, die Würde des Menschen, die Meinungsfreiheit, die Vielfalt...
. Die da oben, mal ganz unter uns gesagt, sehen das vermutlich etwas anders.
Da muss man ihnen auf die Finger klopfen, oder?

Widersprechen lernen. Eintreten für das, was Sache ist, und wenn’s nur unsere
Sache wäre. Die Stadt wirklich kinderfreundlich zu machen. Die Ärmsten nicht
aus den Augen zu verlieren. Sich der eigenen Geschichte stellen, auch ihren
unangenehmen Seiten. Den Nachbarn nicht aus den Augen verlieren, auch wenn er
anders tickt. Sich mit Anstand von der herrschenden Geltungs- und Großmanns-
sucht zu verabschieden. Zurück auf den Boden der Stadt! Demokratie ist Volks-
herrschaft.

Die AnStifter könnten Brückenbauer sein zwischen diesen und jenen.Sie könnten
ein Forum sein vor den Fraktionssitzungen. Die AnStifter können dabei durch-
aus auf das Viele verweisen, was sie - Du und Sie und ich und wir - bisher auf
den Weg gebracht haben. Schauen Sie sich das mal in aller Ruhe an. Bürger-
projekte für Zivilcourage, gegen Gewalt und Vergessen, Frieden stiften,
Lesungen an Schulen, kontroverse Debatten, Kunst, Kultur, Politk und Soziales
vernetzten: Wir versuchen’s. Das ist jedenfalls meine Meinung.

http://www.die-anstifter.de






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