Von Enno Schmidt am 20. April 2004 um 18:35

Lieber Konstantin

Hast Du vielleicht schon gelesen. Fand ich gerade unter meinen Mails.
Nicht sehr interessant, aber trotzdem.

herzlich
Enno

Karin Hinterleitner schrieb:

>Im Griff des Kunstmarkts
>
>Von Künstlern und Intellektuellen möchte der heutige Sammler und Trustee
>nicht mehr behelligt werden. Der Kunstmarkt
>hat sich von seiner Produktionssphäre abgespalten, wie man etwa auf der New
>Yorker Armory Show beobachten konnte
>VON ISABELLE GRAW
>
>Die ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche schreitet unaufhörlich voran -
>das weiß man. Für das Segment Kunst hatten bereits Adorno und Horkheimer in
>der "Dialektik der Aufklärung" festgestellt, Autonomie und Markt der Kunst
>bildeten eine Einheit - eine Diagnose, die heute geradezu prophetisch
>anmutet. Am Beispiel der Pop Art ließe sich zum Beispiel zeigen, dass der
>Markt auf der Ebene der Motive (Werbung, Gebrauchswaren) in sie eintritt.
>Noch allgemeiner formuliert können sich die Zwänge des Marktes schon in der
>Wahl eines Bildformats widerspiegeln. Von jener "Einheit", die Adorno und
>Horkheimer vorschwebte, ist dies allerdings weit entfernt, denn schließlich
>hat die Kunst hier die Möglichkeit, den ökonomischen Zusammenhang, dem sie
>ausgeliefert ist, künstlerisch zu gestalten. Eine Gestaltung, die sie vom
>Markt abhebt und unterscheidet. Augenblicklich sieht es gleichwohl so aus,
>als würde auch dieser letzte Rest künstlerischen Freiraums von der Logik des
>Marktes aufgesogen. Was Künstler mit ihrer Arbeit tun oder lassen, ist
>nämlich - zumindest auf dem Kunstmarkt - vollständig irrelevant geworden.
>Woher ich das weiß? Eine Reise nach New York, dem Zentrum des
>zeitgenössischen Kunstmarkts, hat mir die Augen geöffnet. Als teilnehmende
>Beobachterin konnte ich auf der eigentlich nur Sammlern und Trustees
>vorbehaltenen Eröffnung der New Yorker Messe für Gegenwartskunst, der Armory
>Show, erleben, dass Kunst inzwischen wie andere Luxusgüter auch gehandelt
>und konsumiert wird. Ich erspare Ihnen die Geschichte der widrigen, aber
>schließlich überwundenen Umstände, denen zum Trotz meine illegale
>Anwesenheit auf diesem Ereignis möglich wurde. Was ich beobachtete, war ein
>neuer Typus des Sammlers, der sich vom Typus des "Connaisseurs" radikal
>unterscheidet, weil er keine Kennerschaft mehr anstrebt. Stattdessen legt er
>ein Kaufverhalten an den Tag, das nach demselben Muster erfolgt wie der
>Erwerb eines Markenartikels, dessen Marke für sich spricht und von dem man
>nichts weiter wissen will.
>Allenthalben vernahm ich spitze Schreie, es wurde "wonderful!" oder "Oh my
>God, its amazing!" gerufen - ein Verhalten, das mich an die aufgepeitschte
>Atmosphäre hipper Boutiquen erinnerte. So, wie man sich in Boutiquen auf
>schiere Begeisterung verlegt, schien auch hier - im Angesicht von
>Gegenwartskunst - kein Anlass zu weiteren Nachfragen zu bestehen. Eine
>Galeriemitarbeiterin erzählte mir im Vertrauen, sie dürfe auf keinen Fall
>etwas Inhaltliches über die in der Koje angebotenen Arbeiten sagen - das
>verderbe das Geschäft. Allein der Hinweis darauf, dass der Künstler "jung"
>sei, sei dem Verkauf förderlich - er müsse genügen. Wer also immer noch
>glaubt, Kunst müsse zu denken geben oder gar Probleme machen, der wurde hier
>eines Besseren belehrt. Man hätte sich ebenso gut auf einer Boots-,
>Champagner- oder Schmuckmesse befinden können. Die traditionelle Vorstellung
>von Kunst als einer relativ autonomen Sondersphäre lässt sich jedenfalls
>unter diesen Umständen nicht länger aufrechterhalten.
>Seit dem Einbruch des Neuen Marktes gilt Kunst als ebenso sichere wie
>prestigeträchtige Anlage. Der Kunstmarkt boomt und zieht eine Klientel an,
>die sich Kunst zulegt wie sonst eben ein Louis-Vuitton-Köfferchen. Darin ist
>nichts Verwerfliches zu sehen. Ich denke nur, dass sich sowohl Produktion
>als auch Kritik mit diesem Sachverhalt, von dem ihre Arbeit schließlich
>affiziert wird, auseinander zu setzen haben. Nun ist die Zirkulation von
>Kunstwerken als reine, von jeglichem Sinn bereinigte Tauschwerte kein neues
>Phänomen, zumal diese Entwicklung bereits in den derzeit viel beschworenen
>Achtzigerjahren einsetzte. Neu ist jedoch, dass es ein Segment von Sammlern
>und Trustees gibt, die sich für das, was die Kunst zuvor noch auszumachen
>schien, gar nicht mehr interessieren. Die Ebene der Produktion wird
>vollständig ausgeblendet, was die auffällige Abwesenheit von Künstler/innen
>auf der Armory-Show-Eröffnung illustrierte.
>Nicht nur Kritiker/innen waren ausgeschlossen, was in Anbetracht der
>allgemeinen Missachtung der Kritik nicht weiter verwundern dürfte. Es
>mussten aber auch die Künstler/innen, die in den Kojen ausstellten, mühsam
>durch ihre Galeristen eingeschleust werden. Alle anderen hatten fünfhundert
>Dollar zu zahlen. Mit anderen Worten: Den Sammlern (und davor natürlich den
>Messeveranstaltern) ist an der Begegnung mit real existierenden
>Künstler/innen gar nicht mehr gelegen. Man bleibt lieber unter sich -
>schließlich konkurrieren Sammler in erster Linie untereinander. Der
>Zusammenprall mit gegebenenfalls sperrigen, komplizierten oder auch perfekt
>sich selbst promotenden Künstlerpersönlichkeiten würde der reibungslosen
>Transaktion womöglich im Wege stehen.
>Das war nicht immer so, und ich selbst erinnere mich gut an frühere
>Situationen auf Kunstmessen, in denen die Sammler den persönlichen Kontakt
>zum Künstler geradezu einforderten. Der Wunsch nach großer Nähe zum Künstler
>gehörte zu den wesentlichen Sammelmotiven. Heute indes wird der ganze
>Produktionshintergrund abgespalten, ganz so wie es Marx für die Ware und die
>hinter ihr verschwindenden Produktionsbedingungen beschrieben hat.
>Diese Situation ist allerdings nicht nur bedauerlich - sie bringt sogar
>Vorteile mit sich. Verglichen mit dem Networking-Imperativ der
>Neunzigerjahre, der sich darin äußerte, dass sich Künstler/innen dazu
>genötigt sahen, Kontakte zu pflegen, lässt sich die Tendenz zur funktionalen
>Trennung auch als Segen interpretieren. Denn in Zukunft könnte soziale
>Kompetenz nicht mehr das sein, was den erfolgreichen Künstler in erster
>Linie auszeichnet. Stattdessen erscheint auch ein Szenario des Künstlers
>wieder vorstellbar, der sich zurückzieht und auf seine Arbeit konzentriert.
>Nachteil dieses Szenarios ist jedoch, dass es die Illusion eines vom
>Kunstmarkt unabhängigen Arbeitens nährt; dass man sich den ökonomischen
>Bedingungen, in die das Arbeiten schließlich eingelassen ist, nicht mehr
>stellt.
>Auch das in den letzten Jahren selbstverständlich gewordene Profil des über
>seine Arbeit bereitwillig Auskunft gebenden Künstlers könnte also in seine
>Endphase getreten sein. Noch kann man es, etwa bei der Eröffnung der
>Berlin-Biennale, erleben, dass Kuratoren die Ausstellungsteilnehmer dazu
>anhalten, bei der Eröffnung zur Verfügung und, unmittelbar neben ihrem Werk
>postiert, Rede und Antwort zu stehen. Genau diese vermeintlichen "Absichten"
>oder "Intentionen" des Künstlers interessierten auf der
>Armory-Show-Eröffnung niemanden mehr.
>Man vermied zwar auf diese Weise eine problematische Verkürzung in der
>Interpretation von Kunst, büßte aber auch die spätestens seit der
>Konzeptkunst durchgesetzte Definition von Kunst als programmatischer
>Artikulation ein. Mit dem Bild des Künstlers, der schreibt und Erklärungen
>zur eigenen Arbeit abgibt, ist schließlich eine historische Errungenschaft
>verbunden, die nicht voreilig über Bord geworfen werden sollte. Der Rückzug
>des Künstlers auf seine vermeintlichen "Kernkompetenzen" steht für die
>Wiederbelebung eines konservativen respektive neokonservativen
>Kunstbegriffs.
>Adorno/Horkheimer hatten vom Künstler verlangt, dass er die aus seiner
>Verwicklung in den Markt resultierenden Widersprüche nicht übergehen,
>sondern in seine Arbeit aufnehmen müsse. Wer sollte diese Widersprüche
>jedoch ausfindig machen, wenn nicht die Kritik? Doch die Kritik hat auf die
>Wertbildungen des Kunstmarkts derzeit keinen unmittelbaren Einfluss, sie
>kommt schlicht nicht vor, wenn es um diese Wertbildungen geht. Es sei denn,
>sie verlegt sich auf Promotion.
>Im Zuge der Eröffnung der Armory Show beschlich mich jedenfalls der
>Eindruck, dass kein Mensch mehr an Kritik - wenn auch nur im Sinne einer
>kritischen Bemerkung oder eines schüchtern vorgetragenen Einwandes -
>interessiert ist. Symptomatisch dafür war die Begegnung mit einem der
>Direktoren der Gagosian Gallery, dem ich meine überlegungen zur Lage auf dem
>Kunstmarkt mitteilte. Ich bemerkte, wie sich plötzlich sein Gesicht verzog.
>Seine Augen waren schreckgeweitet, und er fragte mich in abwehrendem
>Tonfall, ob ich etwa "an intellectual" sei? Als ich bejahte, war sogleich
>Distanz hergestellt und er schien mich nur noch mit Misstrauen zu beäugen.
>Bezeichnend war, dass er mit der Designation "Intellektuelle" nichts
>Positives zu verbinden schien. Eher etwas Lästiges. Vielleicht bleibt der
>Kritik unter diesen Bedingungen nur der investigative Journalismus etwa
>eines Günter Wallraff, mit dem Unterschied jedoch, dass man heute einräumen
>müsste, dass man zu den Verhältnissen, in die man sich einschleicht und die
>man beschreibt, auch maßgeblich selbst beigetragen hat.
>taz Nr. 7333 vom 14.4.2004, Seite 15, 296 Zeilen (Kommentar), ISABELLE GRAW
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