Von Karin Hinterleitner am 01. Juni 2004 um 00:00

IMGFür alle, die sich für die Schnittstelle Kunst, Kultur und Aktivismus interessieren, gibt es ein neues vierteljährlich erscheinendes Printmagazin: rebl:art. Die 160 Seiten starke Erstausgabe umfasst neben Artikeln, Graphic Art und Features auch eine spannend zusammengestellte Material-CD. Die CD beinhaltet Begleitmaterial zu den Artikeln, artgames und Ausgaben andere PDF-Artmags; Fonts nicht zu vergessen. Ein wahrer Fundus!

Herausgeber ist Alain Bieber. RedakteurInnen der ersten Ausgabe: Nicola Grohte, Ron Lux, Robert Praxmarer, Florian Waldvogel, Henning Ziegler, Luka Princic, Wu-Ming Foundation, Peter Lau. Tadeusz Szewczyk, Chloè Colin und Ondro Ovesny.

Design? Von wegen CommandLine-Retro-ästhetik oder unterkühlter Radical Chic oder gar Gesinnungs-Anästhetik. Das Layout ist nicht nur angenehm und die Schrift lesbar, das Heft ist insgesammt spannend gestaltet von Ioannis Karanasios aka supa jay 78.

rebel:art
http://www.rebelart.net
ISBN: 3 – 9 80 94 07 – 0 – 5

Kontakt: Alain Bieber



Als Appetizer der komplette Artikel von Henning Ziegler:

Don’t believe the Hype: Cultural Criticism and Internet Activism
abc. henning ziegler (http://www.henningziegler.de/)

“The thing to do is to take the bull by the tail and try to swing him.”- Allan Kaprow

Wie auch immer man darüber denken mag - ein Großteil des gegenwärtigen kulturellen Widerstands findet in den weltweiten Datennetzen statt. Dieser Widerstand lässt sich in mindestens vier Bereiche aufgliedern: Hacker, die sich Zugang zu Firmen- und Regierungsdaten verschaffen wollen, Verfechter der so genannten Zivilgesellschaft, die einen digitalen öffentlichen Raum herbeisehnen, Autorenkollektive freier Computerprogramme, die durch ihre Tätigkeit Softwareriesen in Erklärungsnöte bringen, und schließlich Gruppen wie Greenpeace oder Amnesty International, die umfangreiche Webseiten unterhalten und so ihre Aktivitäten mit anderen Nichtregierungsorganisationen vernetzen. Manche Kunst- und Kulturwissenschaftler haben solche Aktivismen als Zeichen für das Herannahen einer digitalen Revolution interpretiert. So schreibt beispielsweise der amerikanische Kritiker Mark Poster, dass das Internet ehemalige Institutionen der Kulturproduktion wie das Kino, das Fernsehen, oder die Radiosender radikal auflöse und dezentralisiere [1]. Aber werden traditionelle Mechanismen der Kulturproduktion tatsächlich durch das scheinbar offenere Internet verschoben? Gibt es eine neue, radikale Netzpolitik? Oder sind solche Gedanken Ausdruck eines Technopositivismus, der bisher auch die kleinsten technischen Neuerungen begleitet hat?

Kulturkritiker und Kuratoren haben die Hacker als besonders ‚widerstandsfähige’ soziale Gruppe ausgemacht [2]. In ähnlicher Weise wie frühere Subkulturen scheinen Hacker eine Rebellion gegen soziale Ungerechtigkeit voranzutreiben, oder genauer gesagt, gegen die Kommodifizierung von Wissen oder Information durch Geheimhaltung als wichtigstem Bestandteil des gegenwärtigen, multinationalen Kapitalismus. Eine solche Sichtweise idealisiert die Hackerkultur jedoch zu einem Gewissen Grad: Anstatt die heterogenen und widersprüchlichen Ansichten der verschiedenen Computerfreaks zu betonen, die sich zur Hackerkultur zählen, konstruiert eine solche Sichtweise Hacker als kohärente Jugendkultur mit besonderen Wertvorstellungen und Riten. Schon ein Blick auf den ersten Teil der Matrix-Trilogie als kulturelle Ware des Mainstream zeigt jedoch, dass die Gleichung vom Hacker als digitalem Revolutionär Probleme mit sich bringt: Im Film führt der Hacker Neo (Keanu Reeves) eine regelrechte Avantgarde an, die scheinbar willenlose Menschenmassen ins Paradies nach dem Status Quo führen soll. Diese Ideologie einer Hacker-Avantgarde wiederholt jedoch auf problematische Weise eine frühere Ideologie des traditionellen Marxismus: die kohärente, revolutionäre Klasse. Außerdem steht die Arbeitsethik der Matrix-Hacker der ihrer scheinbar entgegen gesetzten, pervertierten Firmenwelt um nichts nach: Beide betonen „hohe Produktivität, unglaubliche kreative Energie, und eine Obsession mit durchwachten Nächten vor dem Rechner“, wie Andrew Ross schreibt [3]. Solange wir also Hacker als homogene (und zumeist männliche) Helden der Arbeit betrachten, werden wir keinerlei wirkliches Widerstandspotential finden. Sinnvoller ist es vielleicht, den Begriff des Hackens auszudehnen auf jedes Herumwerkeln mit Technik im Alltag, also auf „alle High-Tech-Arbeiter, ganz egal wie amateurhaft, die den sanften Fluss der Unternehmenskommunikation unterbrechen und umleiten können“. Im Bezug auf eine Politik des Netzes wird Hacken dann zu einem pragmatischen, amateurhaften Aktivismus—einer alltäglichen politischen Praxis, die gegen männliche Fantasien der Kontrolle über Maschinen und gegen Heldenmythen gerichtet ist.

Ideologen der Zivilgesellschaft und Datenschützer (im US-amerikanischen Kontext etwa die Electronic Frontier Foundation) konstruieren den Raum für ein solches Alltagshacken als freien öffentlichen Raum, als „eine freie Welt, die jeder ohne Privilegien oder als Opfer von Vorurteilen aufgrund von Rasse, Kaufkraft oder sozialem Status betreten kann“ [4]. Auf eine ganz ähnliche, offenbar binäre Weise reden Programmierer freier Software von offenem und geschlossenen Code. So vergleicht der Computeraktivist Oxblood Ruffin so genannte proprietäre Software wie etwa das Microsoft Windows-Betriebssystem mit dem „Leben in einer autoritären Gesellschaft im Gegensatz zu einer freien Welt“ [5]. Solche monolithischen Vorstellungen von letztendlicher Gemeinschaft und Freiheit im digitalen Raum unterscheiden sich wenig von ‚Zion’, dem Paradies aus dem Film Matrix. Als Hintergrund für ein Alltagshacken eignet sich jedoch vielmehr ein flüssiger, offener Freiheitsbegriff, der ständig neu definiert wird. Eine solches Verständnis von öffentlichem Raum würde Formen elektronischen Ungehorsams einschließen wie etwa eine Sekretärin, die ihre privaten E-Mails am Arbeitsplatz abruft, oder ein Mitglied von Greenpeace, dass durch einen Link auf der http://www.greenpeace.org-Website auf eine andere Organisation aufmerksam wird. Vielleicht wäre es daher sinnvoll, der Sarai Initiative aus Delhi zu folgen, die für ihr Medialab die folgende Definition des Begriffs ‚sarai’ verwendet: „ein sarai ist ein abgegrenzter Raum, in dem Reisende und Karawanen Schutz finden, um im Kreise Gleichgesinnter wieder zu Kräften zu kommen“ [6]. Ein Sarai ist demnach ein öffentlicher Raum, der sich stets im Werden befindet, und der so als Hintergrund für unsere ‚taktische Medien’ (Geert Lovink) herhalten kann - kleine, schmutzige Aktivismen, die amateurhafte Praxis, technisches Wissen und akademischen Diskurs vereinen [7].

Wie wir also sehen, sollte sich Netzaktivismus jenseits von etablierten Kategorien wie Klasse, Widerstand, oder Subkultur bewegen, um wieder zu einem brauchbaren Begriff zu werden. Es wäre allerdings falsch, sich eine Netzwerkutopie 2.0 auszudenken, wie Lovink schreibt - wir sollten nicht den Fehler mancher Kulturkritiker begehen und Mikro-Bewegungen (wie etwa Internetradios) zur eigentlichen Netzpraxis ausrufen, nachdem Hacker oder Datenschützer unserem politischen Anspruch nicht gerecht geworden sind. Andererseits sollten wir solche Mikroaktivismen auch nicht aus Verlegenheit dem Kunstbegriff unterordnen, wie es einige Kuratoren getan haben [8]. Beide Reflexe können nämlich letztlich als Ergebnis einer tiefer liegenden Problematik unserer Zeit interpretiert werden, die Guy Debord das Spektakel genannt hat. Obwohl dieses Konzept (zumeist von eben jenen Kuratoren und Kulturkritikern) heute oft nur noch ironisch verwendet wird, kann man es vielleicht für Netzdiskurse fruchtbar machen: Wenn das Spektakel die Ware als sich-selbst-fortsetzendes System bezeichnet, oder die Summe unseren sozialen Beziehungen als Bild, die nur als solches erfahrbar sind, findet das Spektakel seinen idealen Ort offenbar in der digitalen Welt. Denn das Spektakel zielt letztendlich auf eine Vorwegnahme von Wahlmöglichkeiten ab: die Dominanz des Mircosoft-Betriebssystems und von AOL Time Warner, das AOL-Netzzugänge und viele scheinbar unabhängige, populäre Programme kontrolliert, sind hier gute Beispiele [9].

Reduktionistische Ideologien der Freiheit und des Widerstands sind so gesehen also schlicht ein Fraktal des Spektakels in einer anderen Umgebung. In der Folge von Debord können wir im Bezug auf das Internet vielleicht von einem ‚situationistischen Aktivismus’ reden, der radikal kontextabhängig und pragmatisch ist. Eine Politik des Netzes wäre dann ein schlüpfriger, offener Begriff, der sich eher an Bricolage, Amateurismen, oder Basteleien anlehnt als dass er monolithische Vorstellungen von ‚Widerstand’ wiederholt. Durch eine solche Sicht der Dinge werden wir einerseits misstrauischer gegenüber dem ständigen Impuls der Kulturkritik, kritische Bewegungen in Schubladen zu packen, und andererseits ersetzen wir die so genannte postmoderne Ironie, die mit der Aufgabe eines politischen Projekts einhergeht, durch einem optimistischeren Ausblick der politischen Möglichkeiten. Unsere Schlussfolgerung mag weit hergeholt klingen: Wenn das Netz die Hauptschlagader des globalen Kapitalismus ist und damit der Ort, an dem Wahlmöglichkeiten in einer enormen Schnelligkeit verbaut werden, sollte aktivistische Praxis das Netz vielleicht ganz außen vorlassen. Anstatt immer neue Netzaktivismen zu entwickeln, sollten wir vielleicht die ständige Weiterverbreitung des Netzes aufhalten, damit wir endlich ein paar Sekunden für das Nachdenken über die eigentlichen Probleme gewinnen können.


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