Von Ilja Knezovic am 23. September 2002 um 00:00

Die media-space Konferenz mit dem diesjährigen Schwerpunkt Theater/Bühne fand vergangenes Wochenende zum zweitenmal im Stuttgarter Filmhaus statt.


http://www.media-space.org

Ilja Knezovic von http://www.visuarte.com berichtet:

----------------------------------------------------------

Bunt gemischt –

war das Programm des 4tägigen media-space. Der zweiten Veranstaltung in einer hoffentlich länger andauernden Reihe. Vom interessanten technischen Vortrag über spannende Zukunftsvisionen (adaptive Textilien) bis hin zur perfekt inszenierten medienkritischen Bloßstellung des Publikums (Bergspitzen) - doch dazu später mehr.

Der noch in Renovierung befindliche Ballroom des Filmhauses bot durch herunterhängende Kabel, improvisierte Absturzsicherungen und blanken Beton einen herrlichen Werkstattcharakter. Die guten alten Design-Sitzgelegenheiten inszenierten sich unter diesem Umständen selbst.

Formlos und unspektakulär ( a) wenig anwesende, b) kurze Auftaktrede von Xenia Leydel und Hans-Joachim Petersen ) startete der erste Tag mit dem ersten von drei Vorträgen aus dem Hause STEIM aus Amsterdam. Ein seit über dreißig Jahren existierendes Studio, dass noch vor dem Digitalen Zeitalter bereits mit der Schnittstelle Mensch – Computer/Elektrik/Elektronik experimentierte und eine entscheidende Rolle in der Entwicklung von neuen Tools (Hardware und Software) zur medialen Komposition (musikalisch und künstlerisch) spielt.

Es war durchaus ein Nachmittag mit schwerer Kost, wer sich bisher nicht mit Software dieser Art beschäftigt hat wurde erschlagen von neuen Eindrücken und technischen Informationen. Aber so war’s auch gedacht. Neugier wecken bzw. bestehendes Wissen erweitern. Dennoch angenehm vorgetragen mit der richtigen Mischung aus Humor und Intelligenz.

Der Freitag beschäftigte sich durchgehend mit den Begriffen des Media-Space02 – Bühnen, Räume, Medien. Schade nur, dass Klaus-Peter Platten beim Vermitteln seines Wissen so trocken rüberkam. 20 Minuten vorlesen aus einem Buch als Grundlagen für die restlichen 40 Minuten in denen 1 von 3 VHS-Kassetten versagt könnte dummer Zufall, vielleicht aber auch von vornherein die falsch Herangehensweise gewesen sein. Nun, der Rest des Tages verlief wesentlich unterhaltsamer.

Der Ausblick von Gerd de Bryun (http://www.typedown.com/index.php?id=332 )in die künftig verwendeten Materialien, sei es für Häuserwände oder für die Textlilien, die uns umgeben, bot den einen oder anderen Lacher bei der Bebilderung mit Motiven ( Zitat: „Teppiche knüpfen schafft Frieden“ – zu sehen war ein Gebetsteppich aus dem nahen Osten mit eingewebten Motiven wie einer Kalaschnikow, Handgranaten und Pistolen )



Das Konzert am Freitag Abend mit Joel Ryan, Netochka Nezanova, Daniel Schorno und vor allem Frances-Marie Uitti (http://www.typedown.com/index.php?id=332 ) einer imposanten Cellistin war sicher nichts für ungeschulte Ohren, oder empfindliche Geister. Die schrägen Töne und Feedbackartigen Geräusche erinnerten sicher weniger an ein typisches Kammerorchester als vielmehr an ein defektes Küchenradio. Ob wir solche Musik jemals zuhause auf der Couch genießen werden ist fraglich, wäre aber sicherlich auch der falsche Weg. Es ist definitiv Musik, die man live erleben muss, denn erst dort wirkt die Stimmung im Raum auf einen selbst und vermengen sich die optischen und akustischen Sinneseindrücke und ergeben ein außerordentliches Gesamtkunstwerk.

Die beiden letzten Tage waren prall gefüllt und es wurden sicherlich Technik Freaks wie Theoretiker gleichermaßen befriedigt. Aufgrund der Masse an Vorträgen kann ich nur auf einzelne eingehen. Da war ein Vortrag über Jitter (von Randell Jones und Jeremy Bernstein http://www.bootsquad.com )einem Softwaretool ähnlich Nato das auf der Programmieroberfläche Max SP aufsetzt und - da objektorientiert -jegliche Art von Digitalem Rohstoff verarbeitet (Video, Sound, Text, 3D, ....) und nur begrenzt durch die Rechenleistung alles in Echtzeit verarbeitet und zusätzlich via Midi mit allen erdenklichen Tools verknüpft werden kann. Zur Inszenierung interaktiver Installationen genauso wie als live vj/dj - mixer einsetzbar.

Oder Christian Ziegler, der sehr unakademisch seine Inszenierung Scanned V vorstellte. Eine gelungene Mischung aus Tanztheater, Videokunst, elektronischer Musik und Computerunterstützer Aufarbeitung. Trotz preisgekrönten Arbeiten bodenständig geblieben, bereicherte er seinen Vortrag mit auf 2 Laptops verteiltem Dokumaterial und einer abschließenden Reproduktion seines Auftritts.

Nachdem die letztjährige „Party“ eher zur Lounge wurde, hatte man dieses Mal vorneweg bereits den richtigen Begriff ausgesucht und das Kind beim Namen genannt. In den gemütlichen Design-Klassikern verweilten die zu -schauer und –hörer und ließen sich von der live erzeugten Musik/ -geräuschkulisse berieseln und konnten die live Bebilderung dazu auf 2 Leinwänden verfolgen. Für meinen Geschmack ( zugegeben als VJ bin ich da nicht wirklich objektiv ) war das ganze doch zu sehr auf Passivität ausgerichtet. Ausgerechnet dort wo es am Spannendsten gewesen wäre all die Theorien und Ansätze von Interaktion mit dem Raum, der Bühne, den Zuschauern, die während der 4 Tage geäußert wurden, wirklich live umzusetzen, versagte in diesem Fall nicht die Technik, sondern der menschliche Wille. Ich denke VJing / DJing ( live Laptop Musik ) kann man nicht im sitzen vollführen, auch Loungemusik kann - wenn sie richtig gemacht ist - zum „bewegen“ einladen. Und genau das lies der Abend vermissen.

Der Sonntag fing bei mir leider erst gegen 1400 Uhr an, da die Nacht zuvor, na ja ihr wisst. Somit war Via Lewandowsky (http://www.typedown.com/index.php?id=332 ) mein erster Referent. Seine etwas mitunter verwirrte und hektische Beschreibung seines Projektes war zwar belustigend, aber nicht wirklich informativ – auch mit Halbwahrheiten sollte man vorsichtig umgehen wenn man eine wissenschaftlich anmutende Ausstellung inszeniert.

Matthias de Ponte (http://www.medienprojektp2.de) führte mit Elan und sichtbarer Begeisterung durch die aktuellen und zukünftigen Möglichkeiten Medien sinnvoll einzusetzen. Leider musste er feststellen, dass wohl in naher Zukunft keine bahnbrechenden Innovationen zu erwarten sind und es immer mehr darum geht, Projekte eher mit guten Ideen als mit einer endlosen Technikliste im Gepäck durchzuführen.

Nebenbei erwähnt, gab es an diesem wie auch den letzten Tagen zuvor einen Workshop, der trotz mit toller Technik (mehrere neue TFT iMacs’s ) und guten Referenten ausgestattet fast unbesucht blieb. Ich hätte eher erwartet, dass die Workshops völlig überlaufen sind, da man ja selten eine so fundierte Einweisung in ein Programm bekommt wie in diesem Fall. Auch die Diskussionen und Fragen, die man bei solch einem Forum erwartet blieben aus. Lag es insgesamt an der etwas geringeren Teilnehmer Zahl?

Erst beim letzten Vortrag den Herr Milla noch recht Wortreich anmoderierte (inzwischen weiß ich warum), mit der Bitte um 18:00 nicht wie wild hinauszustürmen um die neuesten Wahlergebnisse zu begutachten, kam sicherlich auch aufgrund des Themas eine hitzige Diskussion zu Stande. Die war sicher der Aufregendste Vortrag des gesamten Media-Space. Geologische Ausführungen von Thomas Wert http://www.typedown.com/index.php?id=395 unterstrichen durch Video und Bildmaterial das Vorhaben in der Alpinen Gebirgslandschaft Berge mit einer kaum vorhandenen Bergspitze mit einer Betonkonstruktion und somit einer neuen Spitze aufzuwerten. Sicherlich auch aufgrund von Herrn Milla’s Bitte nicht hinauszustürmen blieb tatsächlich der Großteil der Zuhörerschaft sitzen und hoffte, irgendwann aus all dem schlau zu werden, was allerdings nicht geschah. Somit gab es genug Stoff für die erste Hitzige Diskussion, wenn auch, wie sich später herausstellte vergebens, denn das ganze war eine Inszenierung von Hannah Groninger und Kerstin Weinbrecht. Das Publikum hatte sich selbst vorgeführt und dank der brillianten Leistung des Sprechers Thomas Werth nicht bemerkt, dass es bei dem Vortrag nicht um den Inhalt sondern um die Reaktion des Publikums ging. An sich ein guter Ansatz, dies mit dem Medienverwöhnten Publikum auszuprobieren, nur wurde im laufe des Abends mit keiner Silbe erwähnt, dass es sich um eine Performance handelte. Meiner Ansicht nach ein gefährliches Spiel, jemand der insgesamt vom MediaSpace nicht so begeistert war fühlt sich an dieser Stelle reichlich auf den Arm genommen. Ein Publikum dass nicht weiß worüber es nachdenken soll, behält eher den faden Nachgeschmack in Erinnerung.

Ach, nicht zu vergessen der zwar freundliche aber nicht ganz billige Gaumen-Service im Foyer. Ich denke bei 4 Tagen kann man an den Preisen vielleicht doch noch was drehen. übrigens auch auf die Media-Space bezogen. Diejenigen, die sich wirklich für die Themen interessieren, sind dummerweise genau jene, die selten das Geld in diesem Umfang aufbringen können. Aber da kann der Media-Space auch nix für, die Referenten wollen ja verständlicherweise auch bezahlt werden. Vermutlich mangelte es an finanzkräftigen Sponsoren.

Dennoch war der zweite Media Space ein voller Erfolg, wie ich finde. Ausgewogen was die Themen und Referenten angeht. Man kann nur hoffen, dass die Besucherzahlen im nächsten Jahr wieder steigen und gerade solche Specials wie der Workshop besser besucht sind. Ein weiteres Verbesserungsfeld wäre sicher auch die Audiotechnik, die Referenten waren manchmal abwechselnd zu hören oder auch nicht. Eine zwischen Moderation wie am Sonntag ist der Sache auf jeden Fall dienlich und hilft das ganze auch inhaltlich etwas zusammenzuhalten.

Viel Glück und Unterstützung beim nächsten Media-Sapce02 wünsch ich dem Team von Wand5. Bildliche Eindrücke kann man sich auf http://www.visuarte.com/mediaspace02.html verschaffen.

Ilja Knezovic



---------------------------------------------------------


Weitere Bilder des media-space 02
unter: http://www.media-space.org/ (von Tatjana Lorenz, Stuttgart)

Und unter http://reservoir.untitledlab.com/ (von Joachim Baan, Amsterdam)


LF.net Netzwerksysteme GmbH :: Internet Service Provider in Stuttgart

Mailingliste/Blog / Archiv