Von Jens Gebhart am 30. September 2000 um 00:00

Das Interview führte Jens Gebhart ( )im October 2000



?: Seit Mai 2000 ist visuelle.de online. Was sind die Grundideen?

Richard Gutleber: Visuelle.de ist für mich so eine Art digitales
Sketchbook. Es funktioniert eigentlich wie ein analoges Sketchbook, in
dem ich meine Skizzen, Ideen, Konzepte und Texte aufschreibe. Die Idee
war, parallel zu meinem analogen Buch eine Website zu entwickeln, wo Leute
von außerhalb an einem Entstehungsprozess 13 Monate lang teilnehmen
können. visuelle.de ist seit 1998 im netz. die aktuelle form ist seit mai 2000 online.

?: Warum 13 Monate?

RG: Für mich hat ein Jahr auf visuelle.de 13 Monate. Ich fülle die Monate so
nach undnach, je nach Projekt und Zeit. Momentan sind wir im vierten Monat
angelangt. Die Navigation funktioniert in Form eines Kalenders. In der
oberen Reihe, hat man die Tage eines Monats und darunter die 13 Monate.
Der dreizehnte monat wird nur Specials beinhalten.

?: Welche Inhalte präsentierst du auf visuelle.de?

RG: Eigentlich alles, was ich so erlebe. Eine neue Idee für eine neue
Navigation, Bilder, Texte, Videofiles. Alles was ich irgendwie für
interessant halte, kommt auf meine Site. Viel bleibt natürlich auch
auf meinen Rechner liegen und verschwindet irgendwann auf irgendwelchen
CD's. Im Netz entwickelt sich so eine Art persönliche Datenbank. Das sind
für mich in erster Linie "Spielereien", die man vielleicht später weiter
ausbauen kann. Gesamt gesehen bleibt visuelle.de immer unfertig.
Komplett wird es erst in einem Jahr sein, wenn das Projekt abgeschlossen
ist.

?: Verschwindet nach 13 Monaten visuelle.de dann wieder?

RG: In der Form wird es visuelle.de dann nicht mehr geben. Manchmal
überkommt es mich auch, daß ich mir sage, eigentlich könnte ich
visuelle.de komplett umschmeissen, doch dazu kommt es hoffentlich nicht.
Es gibt halt immer wieder Dinge, die mehr Spass machen oder irgendwie
stylischer kommen. Die Navigation in Form eines Kalenders ist optimal, um
den Entstehungsprozess aufzuzeigen, und es ist ganz klar, daß du nach
einem Jahr besser bist als vor einem Jahr, meistens ;)

?: Wie vermittelst du diesen Prozess im Internet? Machst du Werbung für
deine Seite?

RG: Werbung gibt es eigentlich nur in Form von Aufklebern, die ich kurz
mal im Copy-Shop gemacht habe. Wenn ich mal wieder Zeit und Geld habe,
dann kann ich vielleicht ein paar farbige Aufkleber drucken lassen. Die
Aufkleber landen überall. Im Netz mache ich eigentlich nur den normalen
Newsletter. Meistens ist es einfach eine Mund-zu-Mund-Propaganda (email2email),
und ich habe auch nicht vor, das Ganze kommerziell auszubauen.

?: Wie sieht das Feedback aus?

RG: Ziemlich gut, dies spornt wiederrum mehr zu schaffen, wie bis jetzt.
Ein minimaler Prozentsatz schreibt mir, daß sie nichts erkennen; das Problem ist
eigentlich ganz einfach: die Farbwahl geschieht auf kalibrierten Monitoren –
d.h. schlecht eingestellte Monitore "verschlucken" die Farben oder stellen
sie falsch dar.(Tipp: Monitor heller Stellen)

?: Wieviele Hits hast du denn im Monat?

RG: Zu Beginn waren es ungefähr 600-1000, momentan sind es circa 5500 Hits
pro Monat. Ich verfolge die Logfile in unregelmaessigen Zeitabstaenden,
weil es mich interessiert, was sich die Leute anschauen und wie sie sich verhalten.

?: Wieviele Megabite umfasst visuelle.de?

RG: Aktuell sind das vielleicht 20 Unterseiten und vielleicht vier bis fünf MB.
Ich versuche es eigentlich kompakt zu halten. Der Speicherplatz wird sich
jetzt aber mit den Videos, die hinzukommen, sicherlich stärker vergrößern.

?: Wie wichtig ist für dich die Startseite?

RG: Die Startseite ist für mich sehr wichtig, denn sie zeigt immer den
aktuellsten Beitrag. Momentan findet man dort eine Zeichnung, die bei
meinem letzten Urlaub in Biarritz entstanden ist, eine
Bleistiftzeichnung, die ich mit Copic-Stiften nachkoloriert habe, was
meistens im Copic Nirvana endet. [Copic sind japanische Farbstifte mit über
400 Farbvariationen, d.Verf.]



?: Parallel zu visuelle.de gibt es noch eine von dir angebotene
Spielwiese unter visuelle.net, ist das eine Spielwiese für dich, oder
spielen dort noch andere mit?

RG: Die User die auf visuelle.net gehen, können mit Flächen und Linien
herumexperimentieren und diese Gebilde erforschen. Je nachdem wie sie ihre
Maus bewegen, entstehen ihre eigenen Bilder. Die ganze Animation ist
in Flash gemacht, weil ich dort viele interaktiven Möglichkeiten nutzen
kann. Sobald du auf visuelle.net kommst, wird deine Maus mitgetrackt,
das heißt das einzelne Objekt verfolgt deine Maus. Wenn du deine Maus schnell
bewegst, werden die Objekte immer größer. Entsprechend langsame Bewegungen
lassen die Objekte kleiner werden. In der Regel ist auf visuelle.net
auch Sound in den Animationen, weil es die visuelle Wirkung noch
verstärkt. Eigentlich müßten die User selbst erforschen, was passiert,
wenn sie von rechts nach links gehen oder sich plötzlich in eine andere
Richtung mit der Maus bewegen. Ich lasse den Leuten, die sich das
anschauen, ihren Freiraum und will ihnen natürlich auch nichts
vorschreiben. Jeder soll sich im Prinzip selbst ein Bild darüber machen.
[ http://www.visuelle.net/schaaben.html - das obige Werk;
- derzeit ist das Werk 'porn*' auf visuelle.net zu sehen]

?: Für was stehen diese neuen Gebilde. Was passiert wenn ich eine
Stunde auf dieser Seite rumfahre? Ist sie dann voll?

RG: Ich nenne diese neuen Gebilde “Schaben”, weil sie mir so vorkommen.
Sicherlich ist die Seite irgendwann voll, aber die einzelnen Schaben
werden sich immer noch bewegen. Es wird dann wahrscheinlich alles
langsamer werden. Ich fände es toll, wenn es irgendjemand schafft, die
Fläche komplett voll zu machen und mir dann einen Screenshot davon
schickt.

?: Wie lange arbeitest du schon mit Flash?

RG: Eigentlich noch gar nicht so lange, ca. 1,5 Jahre. Ich wollte damals
vor etwa zweiJahren ein Praktikum machen und bin ziemlich viel gesurft i
m Netz undin diesem Zusammenhang dann auf Flash von Macromedia
gestoßen.Da drin gibt es Bewegung und Interaktion, alles in einem, und
dannhabe ich es mir gleich gekauft. und wurde suechtig ;)

?: Wie siehst du die Zukunft von Flash im Internet? Wird sich bald alles
bewegen und flimmern?

RG: Flash wird gerade von den Medien und den Agenturen gepuscht. Ich
finde es ziemlich gut, daß das die Technologie so weiterentwickelt,
weil du zum ersten Mal einen Standart hast, der auf den verschiedenen
Browser-Typen wirklich identisch funktioniert. In HTML früher, sah es in
einem Browser ganz okay aus, und im nächsten paßte gar nichts mehr. Flash
ist einfach plattformunabhängig, und alle können es sich anschauen, so
wie du es gemacht hast. Insgesamt hast du auch einen ziemlich großen
Spielraum von interaktiven Möglichkeiten. Wenn du mit kleinen Dateien
für's Internet arbeiten willst und irgendwelchen stylischen Navigationen,
dann ist Flash optimal. Insgesamt ist Flash sicherlich die Zukunft des
Internets, wobei noch jede Menge Neuerungen im Bereich Video und
Interaktionen hinzukommen werden: Tools, die eine Interaktion zwischen
den Usern ermöglichen, zum Beispiel wenn zwei Leute auf der selben Seite sind,
so daß man dann sogenannte Contests mit den anderen Usern machen kann. Es
wird sicherlich alles bewegter werden.

?: Kann man solche Wettbewerbe schon in Flash realisieren?

RG: Ich bin gerade am rumprobieren. Jetzt ist gerade http://www.macromedia.com">Flash5
herausgekommen, das einige neue Features hat, mit denen man so etwas
hinbekommt.

?: Welche Erfahrungen hast du mit kommerziellen Agenturen gemacht?

RG: Es kommt darauf an, wenn du bei einer kommerziellen Arbeit freie
Verfügungsgewalt über das ganze Projekt hast und entscheiden kannst wie
es aussieht und funktioniert, dann kann es ganz interessant sein. Aber
wenn du nur als Handlanger arbeitest und 10 Creativdirektoren über dir
stehen und sagen, was zu tun ist, dann macht es in der Regel keinen
Spass. Eine andere Geschichte ist, daß sich eine große deutsche Agentur
auf den Schlipps getreten fühlte, weil ich auf der visuelle.de-Seite
mich über die vielen schlechten, langweiligen Internetseiten auslies und
in diesem Zusammenhang von 'geparkten Pixels' sprach. Eine große
deutsche Internet-Agentur hat mir Mails geschrieben und mich gefragt, wie
ich überhaupt auf die Idee komme, von 'geparkten Pixels' zu sprechen.
Die fühlten sich dadurch ziemlich negativ angesprochen. Ich habe den Eindruck,
daßviele einfach nur ihre Pixels auf ihrer Websites parken und doch jede
Menge damit machen könnten. Daß es dann noch eine Agentur gibt, die mit
'geparkten Pixels' arbeitet, dafür kann ich ja nichts.
Ich kann mich bezüglich Jobs zwar nicht beklagen, aber ich suche etwas
anderes, als was in diesen Jobs steckt. Deswegen lasse ich mir sehr
viel Freiheit.



?: Gibt es in Stuttgart Internet-Agenturen, bei denen du sagen würdest, daß sie
wirklich interessante Arbeiten im Netz machen?

RG: Wenn ich so nachdenke fällt mir eigentlich nur eine ein, bei welcher ich
am Relaunch der http://www.s.oliver.de/" target="_blank">s.Oliver - Website mit am Werke war, http://www.21torr.de" target="_blank">21torr.
Ich muss gestehen, daß ich aber auch nicht den großen Durchblick hier in
Stuttgart habe und mich auch nie auf Stuttgart beschränkt habe. Ich
komme zwar aus Stuttgart, aber im Netz orientiere ich mich viel globaler.
International finde ich kioken aus New York sehr gut. Dann gibt es
eine kleine Agentur http://www.chman.com" target="_blank">chman.com in Frankreich, die http://www.banja.com" target="_blank">banja.com, ein
Online-Spiel gemacht haben.

?: Weil man ja immer nach den besten Seiten fragt, müsste man auch mal
nach den schlechtesten Seiten Fragen? Welches sind deine liebsten
schlechten Seiten?

RG: Besonders gut gefallen mir die Familien-Seiten mit Hund und Katze,
die zwar gestalterisch nicht korrekt sind aber, dann doch sehr
'stylisch' daherkommen. ...

?: Vor kurzem hast du den ersten Preis beim
http://www.zkm.de">ZKM / http://www.metropolis.de/projekte/kunstbanner/" target="_blank">Metropolis-Banner-Contest gewonnen. Wie kam es dazu?

RG: Es ging darum, Entwürfe für kreative neue Banner im Netz zu machen,
weil das meiste schon ziemlich daneben ist und nach Schema F - Kauf mich,
Klick mich -funktioniert.
In dem Banner selbst stecken doch eigentlich noch viele Möglichkeiten.
Ich habe zwei Tage gearbeitet und mit meinem interaktiven Banner den
ersten Preis gewonnen. Mit dieser Arbeit wollte ich einfach nur mal
sehen, wie die Leute reagieren. Das Preisgeld kann ich natürlich gut
gebrauchen und werde mir eine neue DigiCam kaufen.

?: An welchen anderen Projekten arbeitest du sonst noch?

RG: Mit zwei anderen Freunden habe ich vor, auf artikulieren.de etwas nur mit
Text zu entwickeln. Wir planen, in zwei Monaten mit dem neuen Projekt online
zu gehen.Inhaltlich soll es auch um Ideen, spontane Gedanken und
Improvisationen gehen - ähnlich wie in visuelle.de - nur auf reiner
Textbasis. Es sollen sich dann auch andere Leute daran beteiligen
können. Mehr möchte ich aber nicht verraten. Alle meine Projekte,
von denen ich hier berichtet habe, sind nicht kommerziell. Mehr dazu in
Kürze.

?: Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche dir einen guten
Studienbeginn in Karlsruhe an der HfG.

RG: Danke.


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