Von Pius Albrecht WETZEL am 26. Mai 2015 um 10:08

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Am 12. Mai 2015 auf Salt Spring Island, West-Kanada
Tod des Fluxus Künstlers Robin Bluebeard Page


Wie wir von seiner Tochter Rachel Page erfahren, ist der Kunstlehrer, Fluxus- und Performance-Künstler Robin Bluebeard Page in seiner kanadischen Heimat im Alter von 82 Jahren nach kurzer Krankheit friedlich verstorben.

Page, einer der wichtigsten und vehementesten Vertreter der Fluxus und Happening Szene in den 60er und 70er Jahren, hatte sich 1987 mit dem von seinem Meisterschüler Mike Spike Froidl blau eingefärbten Vollbart in sein eigenes Markenzeichen “Bluebeard” verwandelt. Als Gastdozent und Professor sowohl in England als auch in der Bundesrepublik, unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste in München, verdanken ihm Generationen von Kunststudenten ihr intellektuelles und ästhethisches Rüstzeug. Unter seinen Schülern war auch der spätere Who-Gitarist Pete Townsend. In dem Happening “Guitar Piece” am Institut für Zeitgenössische Kunst ICA in London hatte Page 1962 vorgeführt, wie man eine Gitarre kunstgerecht zerlegt, indem er sie mit Fusstritten traktierte und so lange um den Block kickte, bis nichts mehr von ihr übrig war. Das Zertrümmern seines Instruments wurde in der Folge zu einem von Townsends Bühnenritualen und von etlichen Rockmusikern nachgeahmt.

Robin Page hat früh seine eigene künstlerische Ausdrucksform entwickelt und war einer der ersten Künstler, der bewusst seinen grimmigen Humor einsetzte, wobei er sich verschiedenster Stilmittel bediente: Malerei und Objektkunst, Happenings, Events und Performance-Auftritte, immer mit dem Ziel, die Grundlagen des sogenannten guten Geschmacks, aber auch das kultische Gehabe des Kunstbetriebes zu torpedieren.

Auf die Welt kam Robin am 2. November 1932 in London, wuchs aber, nachdem sein Vater als Zeichner für die Disney-Studios in Hollywood engagiert worden war, in Kanada auf. Von 1952 bis 1954 besuchte er die Vancouver School of Art und installierte sich danach als freier Künstler.

Anfang 1960 zog es ihn zurück nach Europa. Für die nächsten zehn Jahre lebte Page in England und Paris. Er schlug sich als Strassen-musiker durch, war mit den Künstlern im legendären Beat-Hotel in der Rue Gît-le-Coeur liiert und machte für seine zukünftige künstler-ische Entwicklung entscheidende Begegnungen mit Avantgardisten wie Robert Filliou, George Brecht, Al Hansen, Daniel Spoerri, Dieter Roth, Dorothy Iononne, Ben Vautier et al, mit denen zusammen er an der Fluxus-Gründung beteiligt sein sollte. Von 1963 bis 1970 hielt Page verschiedene Gast-Dozenturen in England, wo er auch seine zweite Frau Carol Hodgkins traf. Mit seiner energiegeladenen Persön-lichkeit und profundem Kunstverstand gab er der Lehrweise an Kunstschulen neue Impulse und trug wesentlich zum Entstehen der später als Brit-Art bekannten Künstlergeneration bei.
Begabung und Ambition von Robin Page lagen in seiner Kombination von subversivem Humor, provokantem Auftreten und künstlerischem Inhalt in Verbindung mit sozial- und kulturkritischer Erfassung seiner Zeit. Von den frühen 60er Jahren kam diese von den Dadaisten ererbte Anti-Kunst Haltung in seinen zahlreichen Happenings in England und Frankreich zum Ausdruck. Für die gegen elitäre Hochkunst angetretenen Fluxus Aktivisten sollte die Trennung zwischen Kunst und Leben in einem fliessenden Übergang aufgelöst werden: “Es geht um in das Leben einwirkende Produktionsprozesse und nicht um die Abschottung der Kunst vor dem Leben” lautete eines der wesentlichen Postulate.

1970 zog Page mit seiner Frau nach Deutschland, wo Robin an den Kunstschulen Düsseldorf, Köln, Essen und West Berlin lehrte. In den 80er und 90er Jahren war er Professor für Malen und Zeichnen an der Akademie der Bildenden Künste in München, auch hier von seinen Studenten geliebt und verehrt.

Seine Arbeiten ab den 70er Jahren verstärkten die Position von Robin Page als einer solitären Künstlerpersönlichkeit mit ureigener Sprache und sehr persönlichen Bezugsmotiven, denen er bis zu seinem Tod treu blieb. In diese Zeit fällt die Kreation eines “Whildon” benannten Alter Egos, mit dem Page in einer Serie von malerisch traditionnellen Gemälden sich einen Dialog über die Rolle von Kunst im Allgemeinen und den Humor darin lieferte. So stellt der Künstler an einer Stelle die Frage, warum Ernsthaftigkeit als die respektabelste kulturelle Seinsweise niemals von Humor ersetzt worden sei. Whildons Antwort: “Weil Humor sich nicht türken lässt!”

Den endgültigen Wendepunkt in der Laufbahn des Künstlers Robin Page brachte eine Vision im Jahr 1987, in deren Verlauf er sich von seinem Meisterschüler Mike Spike Froidl seinen üppigen, schneeweissen Vollbart blau einfärben liess und so zum irdischen Träger des Bluebeard Geistes mutierte. Die derart eingeleitete Transformation setzte sich fort in einer Reihe von Gemälden aus dem “Bluebeard AMuseum”. Konzipiert mit Anleihen aus der Poster- und Propaganda-Kunst, stellte sich der Radikalist in das Zentrum seiner höchst persönlichen Kunstsammlung und bezog damit knallhart Stellung an der vordersten Front zeitgenössischer Kunst: nicht Kunstmarkt und Institutionen hätten darüber zu entscheiden, was künstlerisch relevant ist, sondern der autonome, durch seine Arbeit legitimierte Künstler selber.

Diese rebellische Haltung kulminierte 1990 in einem unvergessenen, einwöchigen Auftritt auf der Fluxus-Schau der Biennale Venedig, wo er den Begriff der Einrichtung an sich von ihrem Innersten her verspottete. Begleitet von einer Gefolgschaft aufgepunkter, extravagant auftretender junger Künstler und Aktivisten, machte Bluebeard alles, was von nah oder fern mit dem Kunstmarkt zu tun hatte, gnadenlos und in unflätigster Weise fertig.

Der Kunstbetrieb zahlte es ihm heim, indem man sein Werk mit dem als destruktiv-chaotisch empfundenen Auftreten gleichsetzte. Auch als wir ihn im Mai 2000 zu der BEAT-HOTEL Ausstellung des Fotografen Harold Chapman im Kunst-Lokal Au Pressoir in Südfrankreich empfingen, war von Seiten etablierter Kunstvertreter etwas von dieser bewussten Abwendung zu spüren. Dabei war Robin, im Gegensatz zu seinem oft rabiaten Auftritt als Künstler, im privaten Umgang das reinste Lamm, oder, in den Worten von Tochter Rachel, “ein liebenswerter und liebevoller Bär” - was ihn nie davon abhielt, die Usurpation der Macht durch private und institutionnelle Akteure kategorisch in Frage zu stellen. Als ein Beispiel für diese Kampfansage an den herrschenden Kunstbetrieb gilt sein Gemälde “Freedom is a Burning Brush”: der Künstler, als Verkörperung des uramerikanischen Motivs der Freiheitsstatue, hält anstelle der Flamme eine Malbürste hoch.

Als Page ab 1996 eine Augenkrankheit zu schaffen machte, zog das Paar sich nach Nova Scotia an der kanadischen Atlantikküste zurück. Nach dem Tod seiner geliebten Frau Carol, mit der er 45 Jahre zusammen war, siedelte Bluebeard an das pazifische Ufer des Kontinents. Auf Salt Spring Island in der Nähe von Vancouver verbrachte er die letzten 9 Jahre seines Lebens bei der Tochter aus erster Ehe, Blues-Musikerin und Künstlerin Rachel Page. Robin war weiterhin produktiv, bis schliesslich der einige Monate zuvor diagnostizierte Lungenkrebs das letzte Wort hatte.

Der grosse Mensch und Künstler Robin Bluebeard Page ging in Frieden mit sich und der Welt. Er hinterlässt ein reiches Erbe, geprägt von radikalem Humor, tiefschürfender Beobachtung des Zeitgeschehens, Erneuerung künstlerischer Ausdrucksweisen, konzeptueller Klarheit und unbedingter Integrität.
Sein Werk war und ist zu sehen in renommierten Galerien und Kunsteinrichtungen wie ICA und Tate in London, Documenta 5 Kassel 1972, ART’80 Basel, Biennale Venedig 1990, DAAD, sowie in den Sammlungen Folkwang Museum and Staatsgalerie Stuttgart, The Art Bank, Canada and the Australian National Collection.
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Rachel Page hat auf der Bluebeard Webseite http://www.bluebeardvenue.com/blue-blog/2015/5/20/rip-robin-bluebeard-page einen Memorial blog eingerichtet für alle, die sich an der Erinnerung an Robins Werk und Leben beteiligen möchten.

Ende Mai 2015 findet, ebenfalls im Web, der erste GLOBAL BLUE BEARD EVENT statt. Informationen hierüber gibt es bei: http://www.bluebeardvenue.com/blue-blog/2015/5/20/blue-beard-event
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>>> Für Ihre Information: Weitere, hoch auflösende Bilder sind auf Anfrage erhältlich von: Rachel Page, 6-135 Kangro Road, Salt Spring Island, B.C. Canada, V8K 1S9
email: tel: 00 1 250 538 0982
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Text und Foto
Pius Albrecht Wetzel
20. Mai 2015

Das Foto zeigt eine Bluebeard
Skulptur aus Anlass der BEAT-HOTEL
Ausstellung in der Auberge du Pressoir
Saint Saturnin, Mai 2000







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