Von Camillo Torrone am 04. Januar 2002 um 00:00


Durch´s Netz geisterte dieser Tage eine Anklage der „South African Women against Abuse in Arts“ gegen den Leiter der documenta11, Okwui Enwenzor. Er soll eine namentlich nicht genannte südafrikanische Künstlerin 1998 vergewaltigt haben. Der New Yorker Kunstkritiker Franklin Sirmans („Flash Art“) wird als Kronzeuge angeführt, dessen Freundin die Künstlerin damals war. Enwenzor soll den sexuellen Verkehr zugegeben haben, allerdings habe er mit dem Einverständnis der Künstlerin stattgefunden. Dem Portal für zeitgenössische Kunst in Südafrika, Artthrob, ist eine Gruppe südafrikanische Frauen gegen „Abuse in Arts“ nicht bekannt (http://www.artthrob.co.za/). Eine wahre Geschichte? Ein gezielt plazierter Fake? Wird hier Politik gemacht? Kunstpolitik? Kunst?

Wie Kunst auch gemacht wird zeigt eine harmlosere, aber bezeichnende Geschichte, die mir mein Kollege R.J. dankenswerterweise berichteteund die im folgenden als szenische Reportage in zwei Akten dokumentiert ist.

1. Akt. Ort: Die Kunstakademie einer mittelgrossen Stadt in Süddeutschland.

Die Jahresausstellung der Studenten wird eröffnet. In einen Raum, in dem die Diashow des Studenten W.G. gezeigt wird (eine Fotoserie mit toten Insekten als Protagonisten), weist ein signalroter Pfeil aus Sperrholz, etwa 50 Zentimeter lang, an zwei Latten montiert, die wiederum an einer Bodenplatte befestigt sind. Eigentlich ist dieser Pfeil nur ein Wegweiser. Er ist auch nicht besonders virtuos konstruiert, eher zusammen gezimmert. Aber seine, vor allem auf Grund der Farbgebung auffällige, quasi penetrante ikonografische Präsenz ist im Kontext einer Kunstausstellung schon bemerkenswert. Hier ist er nicht irgendwie Pfeil, in der Kunstakademie könnte er bereits Kunstobjekt sein. In seiner absichtsvoll ausgestellten Präsenz wirft er die Frage auf: Trägt er eine Bedeutung über das rein Richtungsweisende hinaus? Verweist er in seiner Objekthaftigkeit über die sinngebende Konvention auf etwas Höheres, Tieferes, darüber hinaus Seiendes? Hat der Künstler, der ihn gefertigt hat, der zwar noch Student, doch damit auch bereits Künstler ist, mehr intendiert, als er ihm eine dergestalt ins Auge springende Präsenz verlieh?

Diese und andere Fragen gingen R.J. durch den Kopf. Er hinterliess an der Information der Akademie eine Nachricht an W.G. mit der Bitte um Rückruf, da er Interesse an seiner Arbeit habe. R.J. wollte herauszufinden, inwieweit sich W.G. bei der Verfertigung des Pfeiles auch Gedanken die Kunst betreffend gemacht hatte. Die Versuchsanordnung lautete: W.G. hat diesen Pfeil als reinen Hinweispfeil gebaut. Ist es möglich, den Künstler dazu zu bewegen, ihn in den Kunstkontext zu überführen? W.G. rief zwei Tage später zurück. Das Gespräch verlief laut dem Gedächtnisprotokoll von R.J. wie folgt:

W.G.: Guten Tag Herr J., hier ist W.G., Sie interessieren sich für meine Arbeit?!
R.J.: Guten Tag Herr G., ja, ich habe mir die Jahresausstellung in der Akademie angesehen. Nun, der installative Charakter ihrer Arbeit ist sehr interessant, die Anbringung der Vorhänge, die den Raum verdunkelten, der Pfeil vor der Tür. Gehört das alles zu ihrer Arbeit dazu?
W.G.: Es freut mich, dass ihnen meine Arbeit gefällt. Aber die eigentliche Arbeit ist die Dia-Serie, die Vorhänge und der Pfeil gehören eher nicht dazu. Sind Sie an der Dia-Serie interessiert? Ich habe dafür einen Preis bekommen!
R.J.: Mich interessiert eigentlich ganz besonders der Pfeil. Haben Sie den selbst gemacht?
W.G.: Ja.
R.J.: Der ist dann also keine künstlerische Arbeit? [W.G. ist nur kurz verunsichert. Ihm wird schnell klar, dass sein Gesprächspartner einen einfachen Hinweispfeil als Kunst interpretiert.]
W.G.: Als ich ihn gebaut habe eigentlich nicht, das heisst, während des Bauens wurde er eigentlich schon [kurzes Zögern] zu etwas mehr - ausserdem werde ich daran weiterarbeiten.
R.J.: Was heisst, Sie werden daran weiterarbeiten?
W.G.: Der Pfeil ist mir inzwischen einfach wichtig geworden und ich werde mich weiter mit dem Thema beschäftigen.
R.J.: Welche Bedeutung hat der Pfeil inzwischen für Sie?
W.G.: Der Pfeil hat so eine Funktion [Pause] er [Pause] funktioniert quasi [Pause] verweist auf etwas [Pause] das heisst [Pause] was er eigentlich als Pfeil tut und was Pfeile tun. Eigentlich ist er eine Form und andererseits hat er eine Signalwirkung, er kann eine Funktion haben und dabei ganz funktionslos sein, das interessiert mich... [kurzes Zögern] - möchten Sie ihn kaufen?
R.J.: Ist er denn zu verkaufen?
W.G.: Ja schon, was wollen Sie denn dafür bezahlen?
R.J.: Ja, wenn das ein Kunstwerk ist, dann müssten Sie doch eine Preisvorstellung haben.
W.G.: Ja, wissen Sie, da der Pfeil ja noch ein Prototyp ist, kann er ja nicht so viel kosten [Pause], sagen wir 300 Mark?
[Anm: das Gespräch wurde Ende vergangen Jahres vor der Euro-Einführung geführt] R.J.: Sind Sie eigentlich noch Student?
W.G.: Ja, im fünften Semester. Ich kann ihnen auch weitere Arbeiten von mir zeigen, denn ich habe eine, im Vergleich zu anderen Studenten, aussergewöhnlich gute Dokumentation, ich habe eine Mappe. [Zögern] Da können sie dann auch sehen, wie ich auf den Pfeil gekommen bin.
R.J.: Ich finde ihre Vorgehensweise sehr interessant und werde ihre Tätigkeit weiter beobachten. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, wir können gerne in Kontakt bleiben. Auf Wiederhören.

2. Akt. Ort: Der Kunstverein der gleichen Stadt, einen Monat später.

Die unjurierte Mitgliederausstellung ist eröffnet. In ihr hängt ein etwa zwei Meter langer, signalgrüner Pfeil von der Decke, dessen Spitze auf zwei an die Wand geklebte tote Fliegen zeigt. W.G. hat ganz offensichtlich seine künstlerische Strategie verändert. Der Pfeil ist nun zum zentralen Genre seiner Arbeit geworden, während die Insekten, die in der Akademie noch im Mittelpunkt standen, nur noch eine marginale Rolle spielen. W.G. hat die Bedeutung von Angebot und Nachfrage begriffen, er sieht die Marktchance und nutzt sie. Dafür hat er sich in seiner Studienzeit schon ein ansehnliches Repertoire an Reaktions-, Deutungs- und Kontextualisierungsmustern erarbeitet, mit deren Hilfe man Nicht-Kunst in Ist-Kunst überführen kann. Wir dürfen gespannt sein, wie W.G. das Pfeil-Motiv vom einfachen Wegweiser zum kunstkompatiblen Bedeutungsträger weiter entwickelt und ob er sich damit in der Rezeptionsmaschine Kunstbetrieb durchsetzen wird - entsprechend dem Kapielski-Prinzip: „Gute Kunst setzt sich durch, weil man gut nennt, was sich durchsetzt“.
artvictim


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