Von Karin Hinterleitner am 28. Oktober 2002 um 00:00


Adrienne Brauns > Kritik an der Wiederwahl von Paul Uwe Dreyer< zum Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart in der August-Ausgabe von art http://www.art-magazin.de , Seite 112, kann ich mich nur anschließen. Doch was bedeutet Paul Uwe Dreyers Wiederwahl und sein mittelfristig zu erwartender Rückzug in den Ruhestand für die Studierenden an der Akademie?


Freie Kunst – Studium der Dritten Klasse als blinder Passagier

Wie prekär die Situation für Studierende des Bereichs Freie Kunst bereits seit Jahren an der Akademie ist, wurde bisher von den Medien nicht wahrgenommen. Meiner Ansicht nach – ich habe mit Unterbrechungen von 1989 bis 1997 an besagter Institution im Bereich Freie Kunst studiert - hat dies mit der Politik von Paul Uwe Dreyer zu tun, der die informelle Hausmacht über die Fachgruppe Freie Kunst seit ca. 20 Jahren ausübt und hochschulrelevante Entscheidungen prägt - zumindest mitprägt.

Bis heute wird Studierenden des Bereichs Freie Kunst keinerlei klassenübergreifendes Vorlesungs- oder Kursprogramm angeboten und meines Wissens auch nicht nahegelegt, andernorts Angebote wahrzunehmen. Sie sollen im Atelier praktisch arbeiten. Ein Theorieangebot finden sie bei Bedarf lediglich in der Bibliothek und den Kursen und Vorlesungen anderer Fachbereiche: Lehramt und angewandte Bereiche. Dort sind sie jedoch nur geduldete Gäste, solange es freie Kapazitäten gibt. Sie sind Studierende dritter Klasse. Wettbewerbs- und Stipendienausschreibungen landen im Papierkorb des Rektors und werden nicht an Studierende weitergereicht – oder hat sich wenigstens in diesem Punkt etwas bei Paul Uwe Dreyer seit 1990 geändert?

Für die Studierenden des Bereichs Freie Kunst, also denjenigen, die eigentlich für den Kunstbetrieb debütieren, gibt es von institutioneller Seite weder ein öffentliches noch hochschulöffentliches Abschlussritual, geschweige denn ein Diplom. Die sogenannte Debütantenausstellung ist nur für von Professoren Auserwählte und findet oft Jahre nach deren Studienabschluss statt und sollte in Etablierten-Ausstellung umbenannt werden. Arbeitsproben von StipendiatInnen der hauseigenen Auslandsstipendien und Graduiertenstipendien werden der Hochschulöffentlichkeit vorenthalten. Nur wenige Professoren verschaffen sich Assistenzstellen für AbgängerInnen aus dem Bereich Freie Kunst, um so ihr Lehrangebot mit aktuellem Szene- und Sachwissen zu ergänzen.

Studierende des Bereichs Freie Kunst sind einzig und allein von der Unterschrift des Professors abhängig, der sie in seine Klasse aufgenommen hat. Diese Formalität muß einmal pro Semester geleistet werden – mit sechszehn Unterschriften wird das abgeschlossene Hochschulstudium automatisch perfekt. So privat und ganz persönlich gibt es selten einen Hochschulabschluss zu erwerben. Danach sollten die Studierenden der Freien Künste genauso lautlos wie sie gekommen waren, gefälligst auch wieder verschwinden.

Die Semester-Unterschrift bzw. deren Verweigerung ist die einzige Amtspflicht eines Professors gegenüber seinen Studierenden aus dem Bereich Freie Kunst – Lehrveranstaltungen, Einzelbetreuung, Engagement in der Selbstverwaltung der Hochschule - alles freiwillig und meist unkoordiniert praktiziert. Wen wundert es angesichts dieser Strukturen - die zwar höchst idiosynkratische aber zugleich auch regressive Tendenzen fördern - dass seit Jahren in Sachen Freie Kunst wenig bewegendes aus den Mauern der Akademie an die interessierte öffentlichkeit dringt?



Starker Rektor sucht devoten Lehrköper?

Engagierte neue Professoren und Professorinnen im Fachbereich Freie Kunst werden nicht nur von Herrn Dreyer hinausgeekelt, sobald sie sich an internen Veränderungen versuchen oder gar offen Debatten suchen. Es scheint, als ob die Meßlatte auf dem niedrigsten gemeinsamen Nenner bleiben soll. Den Studentenateliers ist ein stagnierenden Umfeld gesichert, die Orientierungslosigkeit des modernistischen internationalistischen Kunstbetriebs bleibt – von löblichen Einzelinitiativen mal abgesehen - draußen vor der Tür. Und mit der diesjährigen Widerwahl Paul Uwe Dreyers, ist – in A. Brauns Worten – der Stillstand zementiert. Ich denke, dies bekommen mal wieder am schmerzlichsten die Studierenden der Dritten Klasse, also die zukünftigen freien KünstlerInnen zu spüren.

Warum es dem Lehrkörper in der Fachgruppe Freie Kunst nicht so wie anderen Fachgruppen gelingen will, ihren Veränderungswillen gegen den dominanten Rektor durchzusetzen, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen - wurden doch nicht wenige unter Ihnen durch seine Fürsprache berufen. Fakt ist: Nur noch wenige der wenigen, die sich heute für eine Karriere im Kunstbetrieb entscheiden, wählen derzeit die Staatliche Akademie Stuttgart als Ausbildungsstätte. Dies hat wenigstens den Vorteil, dass sich niemand mehr wie noch vor zehn Jahren über chronischen Platzmangel in den Ateliers beklagen muss.



Medienkompetenz ist nur ein Wort

Neben der allgemeinen Stagnation, fördert Paul Uwe Dreyer auch Ressentiments gegen (Neue) Medien an der Akademie – für Medien gebe es ja die Hochschule der Medien in Stuttgart. Diese Ansicht wird von vielen seiner Genossen im Lehrkörper auch ohne politischen Druck von Paul Uwe Dreyer nur zu gerne geteilt. Sie befürchten zurecht durch ihre mangelnde Medienkompetenz einen Autoritätsverlust. Einfacher ist, das Thema Medienkompetenz in der Klasse zu tabuisieren, in die Fachausbildung oder an einzelne Studierende zu delegieren oder noch einfacher das Thema komplett in die angewandten Fachbereiche auszulagern. Denn wer will schon ernsthaft von Künstlern im verbeamteten Professorenstand verlangen, sich am Computer fortzubilden und sich an Themen jenseits des eigenen subjektiven Werkbegriffs abzuarbeiten? Neue Medien seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Photographie), Medienkultur im Internet usw., wer die Auseinandersetzung mit solchen Themen ablehnt, wird dazu auch keinen qualifizierten Diskurs unter seinen Studierenden lostreten wollen.

Diese Schule – nämlich die Schule der institutionalisierten (Medien)Diskurs-Verweigerung - bleibt nicht ohne Konsequenzen. Am deutlichsten bekommen dies die Teile des Lehrkörpers zu spüren, die für die klassenübergreifende theoretische und praktische Ausbildung im Bereich Lehramt zuständig sind: Sie beklagen ein überzeugtes Desinteresse oder schlichte schülerhafte Passivität bei den Studierenden.



Was kommt nach Dreyer?

Doch was kommt nach der ära Dreyer? Ich erinnere mich an die Strukturkommission 1989/90 unter – wenn ich mich recht entsinne - Dreyers zweitem Rektorat – damals wurde die Klassenstruktur überdacht. Die Kommission setzte sich aus verbeamteten Professoren zusammen, also denjenigen, die am meisten von der opaken Klassenstruktur profitierten. Das Ergebnis der europaweitgereisten Strukturkommission war vorgezeichnet: Außer Spesen nix gewesen - Alles blieb beim Alten. Jeder köchelte weiterhin sein eigenes Süppchen und die meisten Professoren beschränkten sich wie gehabt auf persönliche Gespräche mit einzelnen und Kaffeeklatsch-Klassentreffen – ohne strukturiertes Angebot, Diskussionen über den aktuellen Kunstbetrieb oder gar einer systematische Betreuung aller Studierenden.

Inge Mahn war nicht nur die einzige Professorin Anfang der Neunziger an der Akademie, sondern auch die erste, die auf die Idee kam, regelmäßige Gastgespräche als festes und hochschulöffentliches Angebot in ihrer Lehre zu verankern – alle Veranstaltungen wurden sichtbar plakatiert. Ich erinnere mich daran, dass auch Paul Uwe Dreyer damals auf den Diskursnotstand reagierte und für seine Klasse eine Seminarreihe organisierte, zu der er Referatsthemen an seine Studierende vergab. Am aktivsten in Sachen Diskursniveau jedoch waren Studierenden der AstA: wissenschaftlich anspruchsvolle Seminare zur zeitgenössischer Kunst und Theorie u.a. mit ABR, Johannes Meinhardt, Aktionswochen und die Gesamtausstellung wurden von ihm ins Leben gerufen und häufig gegen den Widerstand der Professorenschaft durchgeführt. Ich komme immer wieder zu dem Schluß, wenn es jemand schafft, der an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Freie Kunst studiert hat, dann nicht wegen, sondern trotz der institutionellen Rahmenbedingungen, die er oder sie dort vorgefunden hat.


Das Ende der Epoche Dreyer wird eine historische Zäsur für die Akademie auf dem Killesberg. Ein neuer Anlauf bietet sich an, das selbstverwaltete Haus neu zu ordnen und viele Ideen und Impulse der letzten Jahre in eine zeitgemäße Organisationsstruktur umzusetzen, deren Ziel die Professionalität und Kritikfähigkeit aller AbsolventInnen sein sollte – insbesondere sollte den Defiziten im Dritte-Klasse-Bereich Freie Kunst mit einer Bildungsoffensive in der Lehre begegnet werden: Pflichtvorlesungen für zeitgenössische Kunst und Theorie, gleichberechtigter Zugang zur technischen Infrastruktur und fachpraktischer Ausbildung.

Die erste umzusetzende änderung – und das war auch schon 89/90 in der weiter oben bereits erwähnten Strukturkommission ein Thema: den generellen Beamtenstatus für Professorenposten abschaffen, mehr Zeitverträge abschließen. Gespartes Geld in mehr Assistenzstellen investieren. Personelle Fluktuation ist ein probates Mittel gegen Stillstand und Filz, und in meinen Augen ein notwendiges Mittel, um die Aktualität der Lehre zu gewährleisten – doch wer sägt schon gerne am Ast, auf dem man/frau sitzt.... Vielleicht ist ja der streitbare Coach Paul Uwe weniger Ursache als vielmehr ein willkommener Vorwand für Dienst nach Vorschrift und die unkoordinierte Abwehr im Team der Fachgruppe Freie Kunst, der Mannschaft, die seit Jahren nicht mehr den Aufstieg in die erste Bundesliga schafft. Oder? Schau’n mer mal.







Artikel von Adrienne Braun in art 8/02, Seite 112:

Ein Freund ein guter Freund ...
Akademie Stuttgart. Mit der Wiederwahl des Rektors Dreyer ist der Stillstand zementiert

Anfang des Jahres schrieb die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart die Stelle des Rektors öffentlich aus. Ein üblicher Vorgang. „Der amtierende Rektor steht zur Wiederwahl" ? auch dieser Zusatz hätte nicht weiter verwundert, wäre die Stelle nicht für sechs Jahre ausgeschrieben gewesen. Paul Uwe Dreyer, seit vier Jahren im Amt, geht aber bereits Ende 2004 in den Ruhestand. Abweichend vom sonst üblichen Verfahren wurden dem Senat, der über die Berufung zu befinden hatte, nicht drei Kandidaten vorgeschlagen. Einziger Aspirant für die Wiederbesetzung war der amtierende Rektor. Ohne eine Alternative zu haben, stimmte der Senat zu. Die Vorsitzende des Hochschulrates, Ulrike Gauss, rechtfertigte das eingeschränkte Wahlverfahren mit dem Hinweis, es habe „keine anderen geeigneten Kandidaten gegeben". Doch Sotirios Michou, als Akademie?Professor Kollege von Dreyer, vermutet, der Ausgang sei von Anfang an eine „gebackene Sache" gewesen. A.B.
Die routinierte Wiederwahl Dreyers macht stutzig und lässt den Verdacht aufkommen, es sei in Stuttgart zum Wohle einer Person erst gar nicht nach geeigneten Gegenkandidaten gesucht worden. Genährt wird dieser Zweifel auch durch die Tatsache, dass Ulrike Gauss dem Ausschuss zur Rektorenwahl vorsaß: Die Kunsthistorikerin, im Hauptamt Leiterin der Grafischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, ist Rektor Dreyer freundschaftlich verbunden. Sie sitzt zudem in zahlreichen anderen Jurys und Kommissionen und kann bei den Kunstankäufen des Landes Baden?Württemberg mitreden. Schon lange beklagen Künstler und Galeristen, dass Gauss vornehmlich Künstler fördere, die ihr nahe stehen, und dass sie nun.auch noch ihren Einfluss in der Akademie geltend mache. Gauss und Dreyer haben die Akademie in den Ruch gebracht, hier herrsche Freunderlwirtschaft und könne sich Filz ausbreiten. Damit haben sie das Amt beschädigt und der wenig glanzvollen Hochschule weiteren Stillstand verordnet.

zum Seitenanfang


LF.net Netzwerksysteme GmbH :: Internet Service Provider in Stuttgart

Mailingliste/Blog / Archiv