Von Jens Gebhart am 31. Juli 1999 um 00:00

Interview mit der Künstlergruppe Wochenklausur/Wien auf der Biennale von Venedig 1999 http://wochenklausur.t0.or.at ). Das Gespräch führte Jens Gebhart (e-mail: ) mit Stefanie Pitscheider von Wochenklausur/Wien (e-mail: )

Ziel  der Biennale-Aktion von Wochenklausur/Wien war es, einen Beitrag zur Finanzierung weiterer Schulen in Mazedonien - in Pirok und Kolari - zu leisten. Dafür richtete Wochenklausur eine Lotterie ein: Wenn die Biennale-Besucher 40.000 Lire für die Ausbildung kosovarischer Flüchtlinge spendeten, erhielten sie eine Überraschungstasche. Jede Tasche enthielt ein Geschenk, darunter Reisen nach Österreich, Kunstbücher, Wein und Sekt, Olivenöl. Rund 1.500 Preise wurden dafür von italienischen und österreichischen Firmen zur Verfügung gestellt. Auf diese Weise sollten 60 Millionen Lire zusammenkommen, um damit zwei Schulräume einrichten und den Unterricht für ein ganzes Jahr finanzieren zu können.

JG: 'Österreich präsentiert sich auf der diesjährigen Biennale in Venedig wieder mit einem transnationalen kollektiven Projekt, das spezifisch für den österreichischen Pavillion entworfen ist', schreibt Peter Weibel in seinem Pressetext über den Österreichischen Pavillon. Wie sieht euer Beitrag für die Biennale aus?

W: Nachdem Wochenklausur als Gruppe an dem Thema "offene Handlungsfelder" bereits seit 1993 arbeitet, war es eigentlich naheliegend Wochenklausur einzuladen. Wir sind mit dem Ziel hier hergekommen, ein Netzwerk zwischen bestehenden Institutionen, zwischen den Ressourcen vor Ort und den Künstler/innen von Wochenklausur zu schaffen.

JG: Was unterscheidet Wochenklausur von anderen Künstlergruppen?

W: Neu ist der Wunsch nach Konkretisierung. Was wir von Anfang an anstreben, ist eine konkrete Intervention mit einem konkreten Ergebnis. Das heißt, wir wenden uns einem Thema zu und setzen uns ein Ziel, um über das Projekt eine konkrete Massnahme zu erzielen, die messbar beziehungsweise dauerhaft ist. Dafür muss die Finanzierung abgesichert werden und es müssen Zielsetzungen abgesteckt werden.

JG: Kann man Wochenklausur mit betriebswirtschaftlichen Strukturen in Verbindung bringen?

W: Es erschien uns notwendig Wochenklausur als Verein zu organisieren, um Projekte erfolgreich abzuwickeln zu können. Ein Know-How in bezug auf wirtschaftliche Dinge ist notwendig, um beispielsweise Kalkulationen erstellen zu können. Unter diesem Aspekt läßt sich Wochenklausur mit einer Firma vergleichen, oder wenn man so will, mit einer Unternehmensberatung. Es ist ja bekannt, dass ein Blick von aussen, und das hat die Wirtschaft schon lange entdeckt, manchmal zu neuen Ergebnissen führt, auf die man nicht so leicht kommt, wenn man innerhalb einer Struktur arbeitet und Gefahr läuft, betriebsblind zu werden.

JG: Wie läuft bei euch ein Projekt ab?

W: Wir gehen ein Thema an, auch wenn wir auf dem Gebiet zunächst Laien sind, indem wir intensiv recherchieren. Nach unserer Erfahrung kann man innerhalb eines überschaubaren Bereichs sehr schnell zum Spezialisten werden. Gerade weil der Blick unvoreingenommen ist und sich über festgefahrene Strukturen erhebt, ist es möglich, eine bestimmte Sache zu entdecken und über sie einzusteigen und einzugreifen. Bei Wochenklausur gibt es einen Kern von 6 bis 7 Personen. Bei jedem Projekt kommen dann noch 3 bis 4 Leute mit spezifischen Kenntnissen hinzu, oder Leute, die die Lage vor Ort sehr genau kennen. Das war bisher nicht nur immer möglich, es war auch immer notwendig. Von Anfang an gingen wir von einer bedingt offenen Gruppe aus, das heißt, es haben insgesamt bisher rund 40 Leute an Projekten mitgearbeitet, obwohl der als Verein organisierte Kern wesentlich kleiner ist.

JG: Ist Wochenklausur ein soziales oder ein künstlerisches Projekt?

W: Der Unterschied zu anderen NGO's (non-governmental organizations)ist, dass wir aus dem Kunstkontext heraus operieren und damit arbeiten, das heißt, es gibt die Institutionen die wir nutzen, die Örtlichkeiten usw. Der Öffentlichkeitscharakter, der einem Projekt aus dem Kunstbereich zukommt, ist ein ganz anderer. Man hat eine andere Presse, man hat eine andere mediale Aufmerksamkeit. Man kommt von aussen und bezieht eine Glaubwürdigkeit über die Institutionen. Diese war uns oft behilflich, unsere Ziele sehr schnell zu erreichen. Der Unterschied zu einer NGO liegt auch darin, dass wir innerhalb eines sehr begrenzten Zeitraums arbeiten, daher auch der Name Wochenklausur: er bezieht sich sowohl auf die temporäre Eingrenzung als auch auf die Arbeitsweise. In der Regel arbeiten wir 8-12 Wochen an einem Projekt. Der Zeitraum ist vordefiniert und vor allem auch vorfinanziert. JG: Kann man bei Wochenklausur noch von einer künsterischen Produktion sprechen oder ist alles zur Dienstleistung und Information geworden?

W: Ich denke, dass Kunst letztendlich immer auf Vereinbarung beruht. Eine Vereinbarung zwischen der Institution, die die Räume zur Verfügung stellt, den Künstler/innnen, die etwas ausführen, und dem Publikum. Diese Faktoren haben dieselbe Bedeutung wie bei der Schaffung einer Installation oder einer Skulptur. Es handelt sich um denselben Prozess, der zur Entstehung einer Skulptur führt oder zur Entwicklung eines unserer Projekte.

JG: Könnte man so weit gehen, die eure Intervention als eine Art Performance anzusehen und die Dokumentation als deren künstlerisches Produkt?

W: Nein dagegen wehre ich mich, es geht uns nicht darum, dass etwas übrigbleibt, was dann das Kunstwerk ist. Wir arbeiten jenseits des Kunstmarkts, weil wir wirklich das Marktdenken ablehnen. Wir bewegen uns parallel zum Kunstmarkt, was natürlich nur möglich ist, weil es Gelder gibt, die uns das ermöglichen. Wir produzieren also nichts Direktes. JG: Stoßt ihr mit dieser Haltung auf Kritik bei Galerien und Institutionen?

W: Bei Galerien nicht wirklich, und hinsichtlich der Institutionen verhält es sich so, dass wir beispielsweise für diesen Sommer schon Projekte absagen mussten. Die Institutionen fördern heutzutage durchaus andere Formen.

JG: Wie wird euer Projekt auf der Biennale von Venedig aufgenommen und wie funktioniert eure Lotterie?

W: Über die Lotterie ist zu sagen, wir wollten einen Teil des Geldes, das wir für die Realisierung des Kosovo-Projekts benötigen, während der Biennale aufbringen und natürlich auch die Öffentlichkeit der Biennale dafür nützen. Wir haben über viele kleine Sponsoren 2.000 Preise gesammelt und diese in Pakete verpackt, die man kaufen kann. Mittlerweile haben wir schon gut zwei Drittel der benötigten Gelder zusammenbekommen und es bleibt ja noch einige Zeit. Es war erstaunlich, wie positiv die Leute dieses Projekt aufgenommen haben. Es gab auch Treffen mit Politikern und Leuten aus der Wirtschaft am Rande der Biennale, dabei ging es dann um konkrete Förderungen. Die Resonanz der internationalen Presse fiel ebenfalls sehr positiv aus.

JG: Macht ihr es euch nicht zu einfach, wenn ihr Euch für ein paar Wochen medienwirksam engagiert und dann wieder alle Verantwortung abgebt?

W: Man kann die Welt nicht alleine verändern, man kann nur Modelle und Lösungsansätze bieten. Bei den meisten Projekten ist es auch so, dass ein Trägerverein vor Ort gesucht wird. Wir suchen immer die Kooperation vor Ort, damit das Ganze später weitergeführt werden kann. Manche Projekte haben sich auch so weiterentwickelt, dass sie eine Eigendynamik entwickelten und nicht mehr wegzudenken waren. JG: Gibt es Kooperationen mit anderen Künstlergruppen?

W: Ja, es gibt Gruppen, die ähnlich wie wir arbeiten. Mit denen stehen wir natürlich in Kontakt und es kommt auch zum Austausch über die einzelnen Projekte. JG: Inwieweit nutzt ihr die neuen Medien?

W: Wir haben Internetseiten mit einer Dokumentation über unsere Projekte eingerichtet, außerdem sind wir per Email erreichbar.

Interview


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