Von Camillo Torrone am 10. Oktober 2000 um 00:00

Die Spermien des mitteleuropäischen Mannes werden immer langsamer. Gleichzeitig steigen die wirtschaftspolitischen und touristischen Anforderungen an seine Mobilität, der er mit einer Vergrößerung seines Hubraums nachkommt. Je schneller der Mann sich im Raum bewegt, umso mehr nimmt seine Fortpflanzungsfähigkeit ab. Außerdem ist gerade eine Untersuchung erschienen, die nachweist, dass Raser die schlechteren Liebhaber sind. Was wir also dringend brauchen ist eine "StopUp!"-Initiative. So betrachtet wirkt der männliche Protest gegen die Erhöhung der Spritpreise wie autoaggressiver Autismus.

Auch Franz Morak, Ex-Punk, Burgschauspieler und heute Kulturstaatssekretär der Wiener Rechtsregierung, ist Autismus ein Gräuel - und er hat auch schon einen Plan zur Ausmerzung des künstlerischen Autismus. Denn er sieht ihn in all den Kunstproduktionen wuchern, die sich der marktwirtschaftlichen Wettbewerbslogik entziehen.

Moraks Grundthesen lauten: Der Wettbewerb soll stärker an die Kunstproduktion gekoppelt werden. Er fordert die Symbiose zwischen kreativer Intelligenz und Wirtschaft - denn Kreativität entwickle und organisiere sich heute in direktem Bezug zu industriellen Produkten und deren Produktion.

Morak weist in seinem Kreativwirtschaftsentwurf der zeitgemässen Kunst die Aufgabe zu, den Massenwaren ein individuelles Image zu verleihen. Was gut ist für das Konsumgut, ist gut für das Land - schliesslich globalplayern die konkurrierenden Anbieter auf kulturell aufgeladenem Niveau. Der Kunstproduktion kommt damit endlich eine Verantwortung zu, nämlich eine marktwirtschaftliche. Das wesentliche Kriterium, nach dem die staatliche Kulturförderung also in Zukunft entscheidet, ob ein Projekt subventioniert werden soll, ist, ob das Projekt einen relevanten Wirtschaftsfaktor darstellt oder nicht. Das Ziel dieser Bewirtschaftung des kreativen Humankapitals mündet schließlich in die kulturelle Standortsicherung.

An sich ist das ja nichts Neues. Kneipiers mit humankapitalistischem Knowhow sichern den Standort ihrer Stammkunden mit Hilfe des Lifestylefaktors Kunst-an-die-Wand. Mittlere Wirtschaftsunternehmen forcieren ihre Anbindung an den Standort, indem sie in ihren Foyers Ausstellungen präsentieren. Das ist kostengünstig, bringt Farbe in den Arbeitsalltag, und KünstlerInnen, die ausstellen wollen, gibt es mehr als genug. Sag einfach, du hast einen Raum für Ausstellungen - und schon hast du Ausstellungen: just in time. Grosse Wirtschaftsunternehmen schliesslich engagieren sich Museumsdirektoren und lassen ihre Zentralen mit Arbeiten der Künstler ausstatten, die sich im Museum bereits bewährt haben.

Die österreichische Variante geht jedoch weiter und ist nicht ohne Reiz. Staatsgeld soll nach Wettbewerbskriterien verteilt, kultureller Wettbewerb statt autistischer Selbstverwirklichung gefördert werden? Zuvorderst stünden also die dauersubventionierten Staatstheater auf der Liste, deren Beamtenschauspieler sich auch von steigender Gähnquote das Spielen nicht vermiesen lassen. Langweilige Museen subventionieren? Dichtmachen, wenn sie´s nicht selbst schaffen!

Das freie Geld käme der freien Szene zugute (Mittelstandsförderung!), die unter dem Primat der Selbstausbeutung schon seit langem vorführt, wie das Zusammenspiel zwischen persönlicher Risikobereitschaft, Marktanalyse und wirtschaftlichem Desaster funktioniert. Risikobereitschaft, Morak, das ist ein ganz wesentliches Kriterium freier Marktwirtschaft! Da sich das Produkt selbst tragen soll (immerhin das entscheidende Kriterium für die Durchsetzung am Markt), braucht es möglicherweise noch eine staatliche Anschubfinanzierung, aber keine Dauersubventionierung mehr! StopUp, Morak!

Morak setzt konkret natürlich an einem anderen Punkt an. Seine neoliberalen Ansichten mutieren, gepaart mit nationaler Ideologie, zum Tunnelblick, mit dem er selektiv denjenigen Bereich des Kunstbetriebs focusiert, dem die kulturelle Aufladung nationaler Selbstdarstellung wurscht ist. Daraus folgt: Der Opernball (trägt der sich eigentlich selbst?) mobilisiert weltweit mehr Werbeblöcke als DEPOT und PublicNetbase, schliessen wir die also. Eh wurscht, dass DEPOT und PublicNetbase Plattformen sind, die die Kunst außerhalb des "WhiteCube", sozusagen das Risikokapital des Kunstbetriebs, fördern: interdisziplinäre Aktion, Forschung und Kommunikation mit gesellschaftspolitischem Anspruch.

Franz Morak ist übrigens ein Kunstfreund mit fundierter historischer Weitsicht: "Das Kunstwerk ist natürlich ewig, wie jeder Mensch einen Fetisch braucht, das ist seit der Steinzeit so."

Quellen:
akin - aktuelle informationen, Wien, http://akin.mediaweb.de
MUND - medienunabhängiger nachrichtendienst, Wien,
http://www.no-racism.net/MUND">http://www.no-racism.net/MUND
Offener Brief zur Unterstützung von PublicNetbase
http://free.netbase.org/">http://free.netbase.org/
DEPOT http://www.depot.or.at">http://www.depot.or.at


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