Von Kunstverein Nürtingen am 08. April 2011 um 09:25

Sehr geehrter Damen und Herren

Unser Pavillon steht nun seit mehr als 2 Wochen im Mittleren
Schlossgarten in Stuttgart. Er ist jeden Tag geöffnet und es gibt ein
Programm, welches über Flyer zu Wochenanfang öffentlich gemacht wird.
Das Begleitbüro. SOUP (Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene),
wesentlicher Initiator des Pavillons wird am Fr. 08.04. um 18.00 Uhr
sich und die künstlerische Grundidee von Unser Pavillon vorstellen.
Dazu möchte wir sie gerne einladen.


Herzliche Grüße

Michael Gompf

Kunstkonzept Unser Pavillon
Ein öffentlich begehbares Bild im Mittleren Schlossgarten Stuttgart
Bei dem Projekt „Unser Pavillon“ handelt es sich um eine skulpturale
Erweiterung der sich direkt
davor befindlichen Skulptur „Schichtung 107 (Stuttgarter Tor)“ des
Künstlers Thomas Lenk aus dem
Jahre 1977. Wie unschwer zu erkennen ist, nimmt das von uns
geschaffene Raumgebilde bestimmte
formale Komponenten der Lenkskulptur auf und hat mit dieser auch
inhaltlich einige Gemeinsamkeiten.
Wir nennen diesen neugeschaffenen Ort „Unser Pavillon“, um damit zum
Ausdruck zu bringen, dass
er allen gehört, die sich mit ihm identifizieren.
Vor einiger Zeit haben sich eine Gruppe Stuttgarter Künstler, die
sich um das „Begleitbüro SOUP
(Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene)“ zusammengefunden hat,
sowie zahlreiche andere
Kulturaktivisten dazu entschlossen, etwas für diese Stadt zu
schaffen, in dem sich der im Verlauf der
Debatte um Stuttgart 21 erreichte Bewusstseinsstand positiv
manifestieren kann. So etwas wie ein
begehbares Bild, oder ein Tunnel, aus dem man geläutert wieder
hervortreten kann, wenn man sich
einige Zeit darin aufgehalten hat.
Wir sind der Überzeugung, dass die seit letzten Sommer im Stuttgarter
Kessel waltende Thermik nicht
so schnell wieder abreißen wird. Es besteht die einmalige Chance,
diesen Aufwind für weiteren
gesellschaftlichen Höhengewinn einzusetzen. Alles andere wäre mentale
Ressourcenverschwendung.
Die Spaltung der Stuttgarter Bürgerschaft wäre nicht erfolgt, wenn
die Politik rechtzeitig erkannt hätte,
welch produktive Dynamik in der vermeintlichen Protestbewegung liegt.
Die Frage nach dem
gesellschaftlichen Wandel, so unsere Überzeugung, kann durch einen
von oben dekretierten neuen
Bahnhof am wenigsten beantwortet werden. Es geht um eine
grundsätzliche Neubestimmung dessen,
was wir fortan unter Fortschritt verstehen wollen. Diese Debatte hat
noch gar nicht richtig begonnen.
Sie wurde durch die Faktenschlichtung geradezu verdeckt.
„Unser Pavillon“ erlaubt sich, in diese nicht nur Stuttgart
betreffende Debatte mit den uns zur
Verfügung stehenden und vergleichsweise bescheidenen Mitteln konkret
einzugreifen.
In seiner Initiationsphase fungiert der Pavillon immer wieder als
Camera obscura und reproduziert
damit eine Erfahrung, die man die „Umkehrung der Verhältnisse“ nennen
könnte. Ein für viele
Stuttgarter nicht weiter erklärungsbedürftiges Phänomen.
Eine Camera obscura ist ein dunkler Raum, in den durch ein kleines
Loch das Licht der Außenwelt
eindringt und auf die gegenüberliegenden Seite ein auf dem Kopf
stehendes Abbild erzeugt. Der von
der Lenk-Skulptur eingerahmte Bahnhofsturm könnte in einer extremen
Langzeitbelichtung für immer
ins öffentliche Gedächtnis eingeschrieben werden. Wenn dabei der auf
dem Turm kreisende mächtige
Mercedesstern plötzlich ins untere Bildfeld gerät und wie ein
Rührwerk das Untere nach oben bringt,
so verdankt sich dies allein optischen Gesetzen.
Parallel zu dieser Nutzung als Camera obscura wurden innen und außen
Informationen und Gesten
platziert, die zu einer Präzisierung der beiden Leitfragen des
Pavillons beitragen: „Was heißt Fortschritt?“
und „Wem gehört die Stadt?“. Wenn diese Präzisierungen eine
politische Ausdrucksweise annehmen, so
bedeutet dies zuallererst, dass die Politik etwas von diesen
Vorgängen zu lernen hätte.
Die Art und Weise, wie der Pavillon aufgestellt wurde, mag an eine
Nacht- und Nebelaktion erinnern.
Doch, was eine Nacht- und Nebelaktion ist, haben wir von denen
gelernt, die unserer Ansicht nach in
unerlaubter Weise und in unmittelbarer Nachbarschaft des Pavillons
Bäume gefällt haben. Doch
während diese Bäume unwiederbringlich dahin sind, kann „Unser
Pavillon“ jederzeit ohne Schaden an
einen anderen Ort bewegt werden. Er steht auf insgesamt 24 Rädern.
Jedes davon weist, so lange er
steht, in eine andere Richtung.
„Unser Pavillon“ stellt an seinem konkreten ersten Aufstellungsort
deshalb durch seine bloße
Existenz die Frage, von wem auf diesem ganz speziellen Gelände die
Frage der Legalität überhaupt
aufgeworfen wurde.
Der Bereich des Mittleren Schlossgartens repräsentiert in der
Stadtlandschaft Stuttgarts einen
seltenen Ausnahmefall. Als ein der Zerstörung verschriebener Ort
zieht er Menschen an, die sich mit
ihrer Machtlosigkeit nicht abfinden wollen und zur Selbsthilfe
gegriffen haben. Die Akte des Zivilen
Ungehorsams reichen von symbolischen Baumbespielungen über
provokative Protestnoten bis zur
tatsächlichen Besiedlung des öffentlichen Grund und Bodens.
Entstanden ist ein seltsamer
Duldungsraum, der gerade seiner anarchischen Qualitäten wegen von
ganzen Schulklassen und
zahlreichen Touristen tagtäglich besucht wird. Und natürlich auch von
denen, die diese ganze Szene
am liebsten – wie es in zahlreichen Kommentaren nachzulesen ist –
„abfackeln“ würden.
Der Ort des mittlerweile zu einem lokalen Mythos gewordenen 30.09.
ist jedenfalls ein fester
Bestandteil des öffentlichen Bewusstseins geworden. Der Bauzaun, die
bespielten Bäume, die
verschiedenen Zeltlager bilden auch für die Gegner dieses Szenarios
feste Bezugsgrößen. Sie
gehören, ob gewollt oder nicht, zur Identität dieser Stadt.
Möglicherweise liegt in dieser
verwaltungstechnisch oder juristisch schwer zu fassenden
Gesamtsituation die Keimzelle einer
gesellschaftlichen Neuorientierung.
„Unser Pavillon“ soll genau diese Möglichkeit ergründen. Er verhält
sich zu der ihn umgebenden
Szenerie wie ein Spiegel. Dieser würde nicht funktionieren, wenn der
Akt seiner Inbetriebnahme nicht
auch die formalen Grenzen des rechtlich Möglichen berühren würde.
Unter künstlerischer Freiheit
verstehen wir die Option, gesellschaftliche Regeln für den Fall
brechen zu dürfen, dass damit einem
öffentlichen Interesse gedient wird.
Der durch Spenden und unentgeltlichen Arbeitseinsatz zahlreicher
Menschen realisierte Pavillon
verdankt sich zu einem guten Teil dessen, was er thematisiert: einer
direkten Form der
Bürgerbeteiligung. Das Mandat unserer Aktion stammt sozusagen von der
Straße.
Seitdem der Pavillon steht, beobachten wir, dass er sehr schnell
positiv angenommen wurde. Er steht
am richtigen Ort. Passanten sind neugierig darauf, was da innen vor
sich geht. Gespräche entwickeln
sich. Manche Fronten werden durchbrochen. Einige vorbeikommende S-21-
Gegner dachten zuerst, wir
seien von der Gegenseite (den „Prolern“), weil sie sich an die
teilweise esoterische Bildsprache im
Schlossgarten gewöhnt hatten und den Pavillon als „Design“
einstuften. Die in Festreden so gerne
beschworene Irritationskraft der Kunst kommt hier im Nahfeld zum
Tragen. Das verstehen wir als
Beitrag zur Deeskalation.
„Unser Pavillon“ steht also nicht zufällig in der Nähe einer
Skulptur. Das „Stuttgarter Tor“ sollte in
symbolischer Weise in den Park hineinführen: sozusagen durch die
Kunst hindurch. Die Skulptur
steht jedoch nicht irgendwo selbstgenügsam auf dem Rasen, sondern -
wenn auch seitlich versetzt -
direkt auf dem asphaltierten Weg. Diskret und gleichzeitig monumental
stellt sie sich uns in den Weg,
soll uns erheben, aber auch dazu auffordern, darüber nachzudenken,
wie man in eine Stadt
hineinkommt und wie man sie verlässt.
So betrachtet wäre das „Stuttgarter Tor“ von ungeheurer Aktualität.
Dass diese Skulptur mittlerweile
jedoch vergessen ist und von Aufklebern und Aufschriften aller Art
besiedelt ist, zeigt uns, dass
dieses der Stadt Stuttgart gehörende Kunstwerk aus dem Bewusstsein
der Bürger entschwunden ist.
Dem wollen wir entgegenwirken und damit auch zu dessen Werterhaltung
beitragen.
Inspiriert von der Idee der Abkratzprämie wurde die Skulptur
mittlerweile durch die Künstlerin Maria
Grazia Sacchitelli behutsam von den letzten Resten teilweise schon
längst vergessener Applikationen
befreit. Die darin verborgenen Botschaften sind nun in komprimierter
Form im Inneren des
Pavillons ausgestellt.
Verantwortlich: Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium Urbaner
Phänomene)
http://www. begleitbuero.de
http://www.unser-pavillon.de
http://www.schlossgartenfreiheit.de
(Text: Harry Walter)


Begleitbüro. SOUP
(Stuttgarter Observatorium Urbaner Phänomene)
c/o Michael Gompf
PF 1475
72604 Nürtingen
Tel.: 0049 - (0)7022 - 41247
mobil: 0049 - (0)178 - 6869426













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