Von Karin Hinterleitner am 10. Juli 2001 um 00:00

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Freier Kongress des LinuxTag 2001, 05.-08. Juli, Messe Stuttgart
kommentiert von Karin Hinterleitner, Stuttgart, 10. Juli 2001

Der Eintritt zur Messe und dem Freien Kongressprogramm war kostenlos. Es ging nicht nur um Free Software, sondern auch darum, warum Freie Software nicht mit Freibier gleichzusetzen ist. „Free“ bedeutet, dass der Source Code als Wissen frei verfügbar sein soll im Sinne von öffentlichem Eigentum, das nicht in privates Eigentum überführt werden kann. Es wurden an diesem LinuxTag sowohl urheberechtliche Aspekte diskutiert - Grundsatzfragen zum geistigen Eigentum wurden neu aufgeworden - und neue nachhaltige ökonomische Modelle jenseits des „Turbokapitalismus“ verhandelt.

Lizenzen - die Public Licence oder GPL (General Public Licence) besagt, dass sobald ein Passus aus einer Software, die der GPL unterliegt, in eine neue Software eingebaut wird, automatisch ebenfalls der GPL unterliegt und der SourceCode damit öffentlich zugänglich gemacht werden muss. Die GPL wird auch als juristischer Computervirus bezeichnet. Die übliche Praxis bei kommerziellen Programmentwicklern, auf den reichen Schatz an offener Software zuzugreifen, kann zur Falle werden: sobald ein Passus aus einer GPL lizenzierten Software eingebaut wird, gilt automatisch auch für die neue Software die GPL und überträgt somit das Verbot, die Software als geistiges Eigentum zu vermarkten; sie kann dann "nur noch" kostenfrei unter der GPL distribuiert werden kann. Vertreter von Microsoft haben deshalb die GPL auch schon als Krebsgeschwür bezeichnet. Neben der GPL gibt es andere Linzenz-Formen, die auch erlauben, Freie Software zu „repropriatisieren“, wie beim neuen Macintosh-Betreibssytem MacOs10 geschah. Dazu bitte den empfehlenswerten Text von Horst Speichert lesen: Rechtliche Fraggen zu OSS http://www.medienkultur-stuttgart.de/thema02/2archiv/news6/mks6OSS.htm" target="_blank">http://www.medienkultur-stuttgart.de/thema02/2archiv/news6/mks6OSS.htm .

Die Vorteile der OSS (Open Source Software) - Hardwarehersteller wie Siemens, hp, Compaque und IBM haben erkannt: Die OSS hat eine bessere Qualität durch kürzere Reaktionszeiten der Software-Entwickler. Bugs werden umgehend behoben und verbesserte Versionen werden schnell veröffentlicht. Updates und neue Features werden nicht aus marketingstrategischen Gründen zurückgehalten. Zudem sind selbstverständlich die mit knappen Gewinnmargen arbeitenden Hardware-Hersteller und ihre Endkunden an der wirtschaftlichen Kalkulierbarkeit durch kostenfreie Software-Lizenzen interessiert.

Standarts – Kompatibilitätsprobleme - wer kennt es nicht: Frau kauft einen neuen Rechner mit dem allgemein verbreiteten Betriebssystem bereits aufgespielt und bekommt bei den leidigen Treiberproblemen, die immergleiche Support-Antwort: „Dies ist nicht unser Problem, bitte wenden Sie sich and den zuständigen Gerätehersteller.“ Verkehrte Computer-Welt: Niemand, außer dem Verbraucher selbst ist für die Funktionalität und Zuverlässigkeit des gesamten Produkts verantwortlich.

Es mangelt an globalen Standards. Wie im frühindustriellen England jeder Eisenbahnhersteller eine eigene Spurenbreite vertrieb, um den zukünftigen Ersatzteilabsatz bzw. den Marktanteil zu sichern, so sind die proprietären Formate im digital-elektronischen Bereich noch zuwenig standardisiert und eine Unmenge an Geld , Zeit und Nerven wird auf die Lösung von Kompatibilitätsproblemen verschwendet. ( verlg. : „Planen. Machen. Prüfen. Handeln.“ , brandeins Juli 2001: http://www.brandeins.de/magazin/schwerpunkt/artikel1.html" target="_blank">http://www.brandeins.de/magazin/schwerpunkt/artikel1.html)

Bazaar - Wieder Erwarten vieler ExperteInnen ist die dezentrale Open-Source Bewegung aus ihrer Müsli-Ecke heraus und macht kommerziellen Software-Teams, die in Klausur arbeiten „Konkurrenz“. Der hohe Grad an sozialer und technischer Organisation der Entwickler-Netzwerke wird dabei als historisch wegweisend betrachtet. (vergl. „The Cathedral and the Bazaar“ von Eric S. Raymond unter http://www.firstmonday.dk/issues/issue3_3/raymond" target="_blank">http://www.firstmonday.dk/issues/issue3_3/raymond). Konnte sich Linux bzw. Apache auf dem Servermarkt bereits durchsetzten, so ist es überraschend auf der Messe zu erfahren, dass Linux nun auch auf dem Desktop-Markt Einzug erhalten soll. So plant derzeit Compaque ein Notebook mit Linux. Dies wird u.a. auch attraktiv, weil das Problem der Drucker-Anbindung gelöst ist mit CUPS, dem bisher wenig beachten Common UNIX Printing System.

Mit der Etablierung der Open Source Software und der Kooperation mit der kommerziellen Computerwirtschaft tauchen auch Fragen und Wiedersprüche innerhalb der Open-Source Bewegung auf. Auf dem Freien Kongress kamen unterschiedlichste Postionen zu Wort:

Wurde einerseits pragmatisch argumentiert und sogar versucht aufzuzeigen wie die Unternehmenskultur von Freier Software profitieren kann: Offene Vernetzung der Wirtschaft garantiert den fortschrittbringenden Wissenstransfer; Bernhard Reiter von http://www.intevation.de" target="_blank">http://www.intevation.de. So gingen andere viel weiter und zeichneten am Beispiel von Linux und Open-Source die Überwindung der Arbeitsgesellschaft auf: Modelle für eine Freie nichtkapitalistische Gesellschaft ohne Tauschmarkt wurden vorgestellt; Stefan Merten von http://oekonux.de" target="_blank">http://oekonux.de .

Open Content - selbstverständlich wurde auch über Open Content geredet und in den Vortragspausen wurde Musik von der zum LinuxTag 2001 publizierten CD mit dem Titel "Open Music" gespielt. Zu urheberrechtlichen Themenfeld gabs Vorträge wie: Sidestepping the Gatekeepers, or Why Content Middlemen Hate the Internet – von Illiadhttp://www.userfriendly.org" target="_blank"> http://www.userfriendly.org.

Im international dominierenden US-Recht wird nicht zwischen Urheber – Nutzungs- und Verwertungsrecht unterschieden. Der ganze Komplex wird auf das rigide Copyright heruntergebrochen – so ist es bis zum heutigen Tag unklar, ob z.Bsp. Napster überhaupt nach deutschem Recht illegal ist. Ich sehe zum Beispiel große Probleme bei der Diskussion um das neue deutsche Urheberrecht, da zuwenig im internationalen Zusammenhängen und im Sinne des Open Content gedacht wird. So ist es nicht erstaunlich, dass zwar Unternehmen auf dem LinuxTag vertreten sind, aber kein Stand von ver.di und Verwertungsgesellchaften. Weitergedacht wird in diese Richtung Anfang Oktober bei der „Wizards of OS“ in Berlin , http://www.wizards-of-os.org" target="_blank">http://www.wizards-of-os.org.


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