Von Wand 5 Zu Gast Im Depot am 04. November 2005 um 00:00

Frieder Butzmann und Wolfgang Müller (Die tödliche Doris)

Ort: Theater im Depot, Landhausstr. 188/1, Stuttgart-Ost

11. November, 22 Uhr: Berlin Super 80
12. November, 14-20 Uhr: AGZ-C64-Performance, 20 Uhr: Super 8-Filme der Anarchistischen Gummizelle

Was sind Zombie-Medien? Zombie-Medien sind Medien, die tot gesagt sind und aus den Rastern der Verwertungsmechanismen der Medienindustrie gefallen sind.
Dazu gehören Super 8-Film, frühe Video- und Computerspiele sowie alte Videoformate wie Betamax oder Video 2000. Wieso aber sich mit Dead Media auseinandersetzen? Zombie-Medien sind Träger kultureller Informationen, die vom Verschwinden bedroht sind, da sie sich nicht auf den gängigen (digitalen) Geräten abspielen lassen. Zombie-Medien sind weit mehr als Medien. Sie beschwören vergangene Zeiten herauf, sind ein Ort des Widerstands und lösen nostalgische Gefühle aus. Kein Wunder, daß sich viele Künstler und Filmemacher z.B. Andy Warhol, Craig Baldwin, immer wieder mit scheinbar verlorenen Medien und Informationen auseinandergesetzt und sie wieder zum Leben erweckt haben. Nach wie vor gibt es eine sehr große Super 8-Gemeinde und die sog. Emulatoren für alte Computerspiele wie Frogger oder Pong sind heißbegehrt.
Das Zombie-Medien-Wochende thematisiert die Sehnsucht nach diesen verschollenen Medien, die uns oft in unserer Kindheit und Jugend umgeben haben.
Zombie-Medien sind Teil der Low Tech- und Trash-Bewegung, der Melancholie und Technologie verbindet.




Berlin Super 80 – Music & Film Underground West Berlin 1978-1984
11. November

22 Uhr Filmprogramm
Zu Gast: Frieder Butzmann und Wolfgang Müller (Die tödliche Doris)

Im Anschluß (ca. 24 Uhr): Party mit DJ Thomas Pargmann/Mauerstadtmusik und lokalen Plattenauflegern (Herr Paukner, Jürgen Jankowitsch)

Ein Multimedia-Rückblick auf West-Berlins revolutionäre Subkultur zwischen 1978 und 1984. Erstmalig werden die Werke der Super 8-Film-Avantgarde dieser Zeit dokumentiert und um die Musik und Kunst der Anarchisten, Aktivisten, Punks und „Genialen Dilletanten“ der Mauerstadt ergänzt. Zwischen Kippenbergers SO 36 und dem Centre Pompidou. Authentisch, intensiv, radikal.
Zu sehen u.a. Super 8-Filme von Christoph Doering, Wolkenstein & Markgraf, Notorische Reflexe, Jörg Buttgereit, Die tödliche Doris, Butzmann & Kiesel, Manfred Jelinski, Klaus Beyer.

Im Anschluß an das Filmprogramm legt DJ Thomas Pargmann Musik aus dieser untergegangenen Zeit zu Old School-Visuals (u.a. „Tapete“ von Die tödliche Doris) auf. Zu hören sind Perlen des Undergrounds, des Punks und der Avantgarde der 80er Jahre mit Songs von Malaria, Christiane F., Sprung aus den Wolken, Einstürzende Neubauten, Valie Export & Monsti Wiener, Frieder Butzmann, DIN A Testbild.




Anarchistische Gummizelle (AGZ)
12. November

16-20 Uhr C 64. Performance mit der Anarchistischen Gummizelle
20 Uhr Super8-Filme von der Anarchistischen Gummizelle
offenes Ende mit der AGZ

„Der C64 ist ein alter Computer, den fast keiner mehr haben will (im Gegensatz zur AGZ, die fast alle haben wollen). Früher, da war dieses elektronische Präzisionswerkzeug zwar ganz jung, aber wir (die AGZ-Mitglieder) waren trotzdem schon viel älter. Eigenartigerweise sieht der C64 heute aber viel älter aus, als wir es je sein werden, obwohl wir doch synchron gereift sein sollten. Sind wir (die AGZ-Mitglieder) nicht die wahren Zombies? Und so haben wir Menschen uns an Gebrechen herangewagt, die fast keiner haben will, und die die Verfallserscheinungen digitaler Systeme in einem vergleichsweise milden Licht erscheinen lassen: Hirnschäden, Dauerkurzschlüsse vonNervenbahnen, Viren, Würmer usw. In einem umgebauten Straßenbahndepot werden wir nun vor internationalem Publikum den Versuch wagen, sowohl unsere Beschwerden als auch die des C64 wenigstens zu lindern, wenn nicht sogar mehr. Fachpfleger und Wellnesskapazitäten werden sich dem C64 zuwenden und versuchen, seine CPU wachzuküssen, und sie werden sich der zusammen weit über 200 Jahre alten AGZ-Mitglieder annehmen und alle segensreichen Wirkungen jahrtausendealter Heilkunst auf ihre alte Knochen lenken. Der aufmerksame Beobachter wird erkennen, dass ein übertragungsprozess stattfindet: blockierende Energien hier werden zu pulsierenden Nullen und Einsen dort und umgekehrt. Dabei wird das von uns gewünschte und vom Staatstheater realisierte, im Foyer aufgebaute antike Amphitheater mit einem auf dessen Bühne aufgestellten Operationstisch für den C64 und auf den Rängen befindlichen Anwendungen wie z.B. Dampfbad, Rotlichtbezirk, einsatzbereiten Masseuren mit feuchtwarmen Handtüchern und marmornen Tischen mit Bergen von Weintraubendolden dafür Sorge tragen, dass das um diese symbolhafte Stätte versammelte Publikum in die Lage versetzt wird, zu verstehen. Bei früheren, ähnlichen Auftritten der AGZ kam es gelegentlich zu Spontanheilungen und versetzten Bergen.“ (AGZ)

AGZ – eine Einschätzung
Die Anarchistische Gummizelle gehörten zu den interessantesten Film- und Künstlergruppen der 80er Jahre. Nachdem sie Mitte der 90er Jahre ihre Arbeit unterbrochen haben, sind sie in den letzten Jahren wieder aktiv geworden. Gemeinsam mit „FIFS – Die Menschen“ entwickelte die AGZ die Performance „Emotionsdiktat oder: Die Entdeckung der Zweisamkeit“ für den Filmwinter 2005 und erhielten hierfür den „Milla und Partner-Preis für Medien im Raum“. Die Kurzfilmtage Oberhausen widmeten der AGZ im Mai 2005 eine große Retrospektive.
Die Arbeiten der AGZ sind subversiv und minimalistisch. Sie versuchen mit einfachen Mitteln, Medien und Gesten die Zuschauer aus der Reserve zu locken und in die Vorführungen einzubinden. Die AGZ hegen einen ausgesprochenen Anti-Professionalismus und irritieren den Kino-gewohnten Zuschauer durch ihre direkten, witzig-ironischen Performances und den Einsatz billiger Projektionstechnik bis heute. Die Anarchistische Gummizelle ist „Expanded Cinema“ im besten Sinne.

AGZ – eine Chronologie
Die Anarchistische Gummizelle war eine Künstlergruppe, die 1980 von dem Maler Bertram Jesdinsky († 1992), Thorsten Ebeling und Uli Sappok im Dunstkreis der Düsseldorfer Kunstakademie gegründet wurde. Später stießen Otto Müller, Heinz Haussmann, Stefan Ettlinger und andere hinzu. Bald entstanden die ersten Super 8-Filme, für die sie unterschiedliche Preise auf Festivals einheimsten. Vorführungen der AGZ waren aber von Anfang an eher Happenings und Performances als konventionelles Kino. Und wenn es Kino war – dann aktionistisches. So stürmten sie die 28. Kurzfilmtage Oberhausen und überhängten das Plakat der Veranstalter mit dem Spruch „28. Rheumatage Oberhausen“. Häufig wurden zu den Vorführungen Speisen serviert z.B. Fischstäbchen. In kürzester Zeit liefen ihre kleinen Super 8-Werke auf Veranstaltungen in Paris, Brüssel, Wien. Zunehmend entwickelte die AGZ eigenständige Performances wie die „Hägarperformance“ für den 3. Osnabrücker Experimental-Workshop. Ihre Mischung aus Humor, Aktionismus und Anachronismus erfreute sich großer Beliebtheit und Filme wie „Pilgerstrom“ oder „Sonntagsspaziergang“ gewannen diverse Preise. Die ersten Audioarbeiten entstanden 1984, u.a. „Aumann, Stadtoberinsp.“ Erste Musikperformances fanden unter dem Bandnamen „Dasn Wossm“ (gemeinsam mit Thomas Struth und Martin Honert) u.a. im Karlsruher Kunstverein statt und gemeinsam mit der Gruppe „Der Plan“ in Frankfurt. Auftritte in Tokio folgten. Ihr Filmprojekt „One Shown – ein fragmentarisches Soziomusical“ erhielt eine Filmförderung der Stadt Düsseldorf. Auf Einladung von Heiner Goebbels entwickelten die AGZ 1985 für das Jazzfestival Moers das Konzept für das Projekt „Compilation“. In diesem Zusammenhang führte Bertram Jesdinsky erstmals seine „Führerscheinentzugsperformance“ auf. 1987 produziert die AGZ den Spielfilm „An Molen solls nicht liegen“, der u.a. in Antwerpen, Budapest, Florenz, Paris aufgeführt wurde. Allerdings zeigte die Produktion, daß sich die AGZ nicht als Filmunternehmen verstanden und das Projekt stieß an die Grenzen der Realisierbarkeit und überforderte die AGZ-Mitglieder. Ab 1990 schlummerten die Aktivitäten der AGZ allmählich ein, wobei einzelne Personen wie Ulrich Sappok (Arzt + Filmemacher) weiterhin kleine Filme produzierte (z.B. „Tag ein – Tag aus“ von 1991). Mitte der 90er Jahre kamen die AGZ anläßlich der großen Retrospektive des inzwischen verstorbenen Bertram Jesdinsky im Kunstmuseum Düsseldorft noch einmal zusammen. Ab 2002 nahmen die Aktivitäten wieder zu. 2005 gewannen die AGZ gemeinsam mit FIFS – Die Menschen den „Milla und Partner-Preis für Medien im Raum“ beim Stuttgarter Filmwinter, und die Kurzfilmtage Oberhausen widmete der AGZ eine große Retrospektive.


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