Web-Art made in Stuttgart

Bunte Bits, poppige Bytes
Artikel von Marko Schacher


Von der typischen Vernissagengängern weitgehend unbemerkt hat ein neues, riesiges Museum seine Tore geöffnet: das Internet. Neben Webpages von Institutionen und Künstlern, die den Computer lediglich als digitalen Videoprojektor benutzen, finden sich vermehrt Seiten, die nicht nur von Kunst handeln, sondern Kunst sind - Kunst, die es nur im Netz, für das Netz und allein durch das Netz gibt. Noch besteht keine Einigkeit, wie man diese Kunstform benennen soll ("net.art"? "web art"? "cyber-art"? "Netzkunst"?). Sicher ist: Wer auf solche Seiten survt, nimmt aktiv an der Erschaffung von Kunst und Bedeutung teil. Auch Stuttgarter Künstler mischen bei der Netz-Kunst an vorderster Front mit. Allen voran: Frieder Rusmann, dem jüngst "Der Spiegel" unter der überschrift "Karaoke fürs Auge" einen gro§en Artikel widmete. Unter der Adresse www.fabrik-ver-kauf.de kann der User adrette Damen und Herren begutachten, die Rusmanns "art-wear" vorführen: T-Shirts, die mit pop-artigen Mädels und hintergründigen (Un)sinnsprüchen wie üüAvantgarde is wurscht'' und üüunst: K'' bedruckt sind und für 130 bis 170 Mark käuflich zu erworben sind. Die Käufer werden automatisch Bestandteil der "Walking Exhibition" und können ihre Ausstellungsdaten, sprich die Zeitpunkte ihrer öffentlichen T-Shirt-Präsentation vermelden und Fotos ins Netz stellen. Ganz im Sinne von Andy Warhol sind die T-Shirt-Träger zwar keine fünfzehn Minuten, aber zumindest die Zeitspanne zwischen zwei Mausklicks berühmt. Au§erdem kann man auf Rusmanns Seiten ein Stuttgarter Rössle veräppeln, ein Gedicht löchern ("Kill the Poem") oder das Ohr von Nora Fuchs abschneiden ("Noras Ohr") und sich dazu erklären lassen "Warum Van Gogh sein Ohr verlor".

Alexander Györfi, der vor einiger Zeit den Ludwigsburger Kunstverein ins Netz brachte, ruft unter www.pimui.de die Internetsurver auf, ihm Texte, Bilder oder Soundschnipsel zum Thema "Country" zu mailen. Aus den Einsendungen soll eine Art Internetmagazin entstehen. Auf seinen im Farbstil der 80er gehaltenen Seiten (Wer kennt noch "Senso?") kann man sich selbstgestaltete MC-Cover oder eine Kostprobe seines Videos "Beatball und Fluxus" anschauen oder sich hippe MP3-Files herunterladen. Ein Link geht zur Webpage des Wolfsburger Kunstvereins (www.kunstverein-wolfsburg.de), deren Benutzeroberfläche Györfi mit ebenso minimalistischen, wie genialen, schwarz-wei§en Piktogrammen gestaltet hat.

Jens Gebhart hat zusammen mit einer Freundin, diverse Pariser Nobel-Hotel unter die Lupe genommen und die Testergebnisse unter http://www.sweetsuite.de veröffentlicht. Neben dem optischen Erscheinungsbild der Bars und dem Lampendesign wird auch der Text der Hotelbroschüren linguistisch bewertet. Per Maus kann man sich der durch diverse Zimmer klicken. Ein weiteres Projekt des Stuttgarter Künstlers http://www.shiftculture.de versammelt unter dem Titel "Shift Culture" arabische Erste-Hilfe-Tips, ägyptische Postkarten und animierte Sicherheitshinweise der British Airways. Im "Elfenbeinturm" von Tomas Kurth, im Netz unter www.e-turm zu besichtigen, ist alles etwas anders. Statt dem Lebenslauf präsentiert der Stuttgarter Künstler ein Zeitungsfoto von 1976 und eine Kohlezeichnung seiner "ehemaligen Stammkneipe". Im "Künstlerkochbuch" finden sich Rezepte für Most und gegrillten Pfau. Die "kühlen Links" führen zu einer Helge-Schneider-Fanpage. Im "Hischkino" kann man röhrende Hirsche und herumhirschende Röhren bestaunen. Der Button "Wunder" führt zu einer Auswahl von Bleistiftzeichnungen, die so nette Titel wie "Beethovens neuntes Ohr" und "Pödophiler bei der Arbeit" tragen.

Bernd Mattiebe lst den Besucher seiner Webpage www.mattiebe.de von einem blubbernden Farbtropfen "Willkommen" hei§en und bietet ihm eine Besichtigung seiner mit abstrakten Bildern bestückten, dreidimensionalen Galerie an. Wer mit der komplizierten Steuerung nicht klar kommt, kann sich Mattiebes Multimediaprojekte (buntes Geflimmer), seine Poesie über die Stadt New York ("gelbe, rote Betonadern im Betonmeer") oder Privatphotos zu Gemüte führen. Ein Link führt zu seinem aktuellen Videoprojekt www.visual-culture.de. Michael Eyssele, alias M.E.W.E.S., bietet auf seiner von Teflon Fonfara gestalteten Webpage www.mewes.net Auschnitte aus seinem malerischen Oeuvre. Sein Ziel: "Die Websites sollen dir positive Gefühle vermitteln und Spa§ bereiten. Liebe ist unendlich". Auch Susi Bauer nutzt das Internet lediglich als Online-Museum. Unter www.susibauer.de können ihre bunten Windmühlen und Stadtansichten betrachtet werden. Wer auf Interaktivität keinen Wert legt, sollte die Seiten des Online-Kulturmagazins "SWO" besuchen. Auf der von Karlsruhe aus betreuten Seite "www.swo.de" sind in monatlichem Wechsel "virtuelle Galerien" von hiesigen Künstlern zu sehen. Weitere Links zu "Web-Art made im Ländle" sind auf den "Kunst und Kultur"-Seiten der Webbes-Suchmaschine unter www.webbes.de/KK.de/SS.de/index.html zu finden. Auch auf der Webpage www.art.abk-stuttgart.de der Kunstakademie sind diverse Netzprojekte von dort Studierenden zu finden, welche die angeführte Spannbreite zwischen digitalem Diaprojektor und Netz-Kunst, zwischen blo§er Eigenreklame und ambitionierten Webprojekt abdecken.

| Marko Schacher Dieser Text erschien (in leicht veränderter Form) im Stuttgarter Stadtmagazin LIFT, Heft 2/00, S.61 Kontakt: makaufzack@firemail.de


>home